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Die wichtigste Voraussetzung, um Abenteuer zu erleben, ist ein „Da-will-ich-hin“. Ob das dann die Serengeti ist oder Wuppertal, das ist dafür eher unerheblich. Nun steht in Wuppertal nicht nur Loriots Herrenboutique, sondern auch der ein oder andere Hügel. Trails, Bäume, Aussicht. Das ganze Programm. Das lockt immer wieder Läufer an, vor allem, wenn Oliver Witzke ruft. Er erfreut Wupperwillige nämlich mit Touren ohne Wettkampf, dafür mit Gummibärchen, Schokolade und ordentlich Höhenmetern. P1060947kl

Auch dieses Jahr hatte Oliver wieder eine tolle Marathonrunde durch die tollen Hügel ausgesucht, wer eine kürzere Runde bevorzugte, durfte Bus fahren und dann noch 25 km unter die Fußsohlen nehmen. Und 800 Höhenmeter. Das reicht doch für einen Samstag dachte ich mir, zumal Oliver auch noch Schwimmbad und Sauna für uns organisiert hatte. Eine Mitfahrgelegenheit von Bochum aus fand sich schnell, so weit so gut. Wie sich herausstellte, war die Mitfahrt allerdings nur für den Hinweg, den Rückweg hätte ich mit der Bahn antreten müssen. Geht ja auch, wozu wohnen wir hier in so einer verkehrstechnisch vernetzten Region. Aber dann machte es irgendwie Klick in meinem Kopf und ich dachte mir, Auto und Bahn, das ist alles so kompliziert und Wuppertal ist doch nicht weit, das kann ich auch radeln.

Wupper-Witzig ist doch ein tolles Ziel.

40 Kilometer sagte mein Navigationsgerät. Und 600 Höhenmeter, also 15 Höhenmeter pro Kilometer. Das klingt irgendwie überschaubar. Aber es war Februar, Petrus verwechselte die Brocken Challenge wahrscheinlich mit Wupper-Witzig und kippte von jetzt auf gleich ein paar Zentimeter Neuschnee auf die ersten Frühlingsstängel. Winterwunderland. SchneetrasseDa wollte ich definitiv nicht warten bis das mittags wieder alles geschmolzen war, sondern sofort los. Also sattelte ich mein Bike mit Brötchen, Pullovern, Navigationsgerät und was mir sonst so einfiel und trat kräftig in die Pedale.

Straße statt Radweg zunächst, denn letztere waren unter dem Weiß komplett verschwunden. Da mein Navigationsgerät nicht die Wetterverhältnisse gespeichert hat, lockte es mich allerdings vehement auf die zwischen Bochum und der Wupper verlaufenden Radtrassen. Erst versuchte ich das zu ignorieren, aber dann dachte ich mir, wieso nicht, Schnee ist doch bestimmt besser als Sand und zog also eine erste Spur in die noch unberührte weiße Decke.

Es radelte sich gut, jedenfalls solange ich nicht bremste. Meine Mitfahrgelegenheit rief extra nochmal an, ob ich nun wirklich mit dem Rad unterwegs sei und frohgemut gab ich an, dass es nicht mehr weit sei. Da waren es ungefähr noch elf Kilometer und ich hatte noch eine Stunde Zeit bis zum Start des Laufs. Das wäre überall auf der Welt wahrscheinlich leicht zu schaffen, elf Kilometer radeln in einer Stunde. Aber ich war in Wuppertal. Im Schnee. Wer sich das vorstellt wie in den Alpen, hat weit gefehlt. Es gibt keine Serpentinen, sondern nur Direttissimas nach oben oder unten. Da drehten schon bei manchem Auto die Reifen durch, wenn es am Berg anfahren sollte.Gut, dass ich mit dem Rad da war, da konnte ich wenigstens schieben :-) P1060941kl

Mein Navi führte mich aus der Stadt heraus durch eine Schrebergartensiedlung, die ich mit ihrem weißen Dekor wahrscheinlich niedlich gefunden hätte, wenn ich nicht einen Termin gehabt hätte. „Ich bin gleich da“, sowas soll man in Wuppertal einfach nie sagen und schon gar nicht im Winter. Verzweifelt betrachtete ich meine Uhr auf der die Minuten dahin schmolzen während sich die Schneemassen immer weiter auftürmten. Sowohl bergab als auch bergauf musste ich schieben, weil ich ja keinen Schlitten, sondern ein Fahrrad hatte.

„Lasst Euch von dem bisschen Schnee nicht entmutigen“, hatte uns Oliver noch mit auf dem Weg gegeben und wie immer war dabei spürbar, wie sehr sich Oli auf jeden einzelnen Teilnehmer freute. Da wollte ich einfach nicht aufgeben, obwohl meine Hoffnung, dass ich es noch pünktlich zum Wupperlauf schaffen konnte immer weiter in der weißen Masse versank.

Plötzlich hatte ich aber wieder eine befahrbare Straße erreicht, konnte etwas Gas geben und sieh an, gerade noch rechtzeitig bog ich in die Zielgerade ein und war halb betäubt vor Freude. Das ist dann aber anders als bei der Tour de France, wo die applaudierenden Mengen an der Straße stehen. Stattdessen jubelte ich dem ersten bunt bekleideten Läufer zu, den ich entdeckte: „Hey, da bin ich!“ Irritiert sah er mich an, weil er keinen Zusammenhang zwischen der Laufveranstaltung und mir erkennen konnte, die ich mit Schnee-verkrustetem Rad im Winteranorak angerollert kam.

P1060944klIn Windeseile tauschte ich Rad- gegen Laufsachen und schon durfte ich Oliver umarmen und saß kurz darauf mit zahlreichen anderen Wupper-Winterwilligen im Bus zum 25km Start. Dort gab es zum Glück bereits Verpflegung, die Oliver stets reichlich organisiert. Insofern konnte ich mein Flüssigkeitsdefizit noch vor dem Lauf auffüllen. Dann kamen auch schon die Marathonis, die wir nun bis zum Ziel begleiten sollten. Wir liefen als Gruppe, wobei sich diese in den Wupperbergen gerne auflösen. Deshalb hatte Oliver uns allen einen Track zur Verfügung gestellt, der uns den Weg durch die Wildnis zeigen sollte. Ich war auch ganz sicher, dass ich einem Navigationsbesitzer hinterherlief, bis ich feststellte, dass er nur auf sein Smartphone sah, um Nachrichten zu verschicken. Wir haben uns aber trotzdem nicht verlaufen, auch wegen der rosa Pfeile, die Oliver extra auf die letzten elf Kilometer gesprüht hatte. Zwei Mal, das erste Mal unter den Schnee und das zweite Mal darüber. P1060966kl„Die letzten Elf“, das klingt so ein bisschen nach Schlussspurt. Aber elf Kilometer sind für 25-km-Läufer immerhin nur etwas weniger als die Hälfte. Und die letzten elf in Wuppertal, das hatte ich ja schon einmal an diesem Winterwundertag. Es ging steil bergauf, bergab, über Felder und Bäche, auf Matschwegen, die zum Schlittschuh laufen taugten und zu Aussichtspunkten. Während man in den Alpen von den Gipfeln auf weitere Gipfel sieht, bestaunen die Wuppis Häuserdächer und die Müngstener Brücke, obwohl die eigentlich von unten viel beeindruckender aussieht. MuengstenerBruecke„Mehr haben wir hier nicht“, meinte einer der Wupperläufer trocken. Aber spätestens nach dem 100ten Selfie auf der Plattform, war mir klar, dass wir alle viel mehr sehen, als die Landschaft: Wir blicken an solchen Tagen vor allem nach innen, auf dieses erhebende Gefühl, uns ein neues Stück des Universums erschlossen zu haben.

Jedenfalls zogen sich die letzten elf Kilometer doch ganz schön dahin, alle Beine wurden etwas müder, dafür die Gespräche intensiver und die Häufigkeit der Fotos nahm zu. Ein rosa Pfeil hier, ein wilder Baum dort, mit dem Wanderrhythmus kam auch die Wehmut, niemals wieder würden wir so einen Tag erleben, der den Winter aus dem Frühling heraus gestanzt hatte wie eine antike Oblate. P1060963kl

Schließlich erreichten wir das Schwimmbad, Anfangs- und Endpunkt der Tour. Hier würde sich Oliver nun vom Tourenguide zum Saunameister verwandeln und ich war ein bisschen traurig, dass ich diesen Part der Tour nun auslassen musste, wenn ich noch Chancen haben wollte am selben Tag bis Bochum zu radeln. Ich gönnte mir eine kurze Kaffeepause mit dem Typen, der offensichtlich Heizspiralen in den Beinen hatte, denn er war die ganze Strecke in kurzen Hosen gelaufen, klemmte freudig meine Wupperlaufurkunde in die Satteltaschen und auf ging es.

Die letzten elf vom Hinweg waren nun die ersten elf und eine arge mentale Probe. Ich vermisste die bunte Läuferschar um mich her und sah mich stattdessen von Einbahnstraßen, Höhenmetern und viel befahrenen Kreuzungen umzingelt. Erst als es schon dämmrig wurde, erreichte ich endlich die gewünschte Trasse. Da ich mich an dieser Stelle den Anweisungen meines Navigationsgeräts widersetze, fragte ich ein paar Spaziergänger, ob es denn dort Richtung Sprockhövel ginge.

„Ja,“ meinten sie erstaunt. „Aber das ist noch weit, bestimmt elf Kilometer oder so.“

„Wunderbar“, frohlockte ich und sah sofort rosa Pfeile vor mir, die mich nun nach Sprockhövel brachten. Auf dunklen Trassen, die nur aus Schneematsch und Bäumen bestanden, selbst Hundespaziergänger gab es weit und breit keine mehr, da es nun auch noch angefangen hatte zu regnen.

So ist das mit den Abenteuern, irgendwann ist immer der Punkt, wo man wenig über die Landschaft, aber viel über sich selbst lernt. Morgens hätte ich noch jeden Laster, der mich samt Rad zum Ziel gefahren hätte, vehement als Spielverderber bezeichnet, auf der nass-dunklen, einsamen Trasse und mit müden Beinen, stieg dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass ich so einen LKW als Lebensretter angesehen hätte. Aber es kam natürlich keiner, wo sollte er auch herkommen, abends im Dunkeln auf einer Radtrasse im Regen? Dieser selige Moment, als ich endlich vertrautes Terrain an der Ruhr erreichte, ist unbeschreiblich. P1060942kl

Manchmal muss es erst ganz dunkel sein damit es wieder richtig hell wird. Sogar der Vollmond lugte durch die Wolken und der letzte Berg erschütterte mich wenig, nur noch elf Kilometer bis Bochum.
89 Radkilometer zeigte der Tacho, als ich in meine Heimatstraße einbog und verblüfft feststellte, dass der Supermarkt noch geöffnet hatte. Die Zivilisation hatte mich wieder, der Schnee war in der Stadt geschmolzen, ein ganz normaler Samstag neigte sich dem Ende zu.
Nur ich bin an diesem elften Februar auf rosaroten Pfeilen zum Mond getanzt.
VIGLi, 11.02.2017

Weitere Texte von VIGLi, siehe:

http://www.vigli.de/index.php/textarbeit/buecher2

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