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Dieses Jahr konnte ich meine Vorfreude auf den Karfreitags-Wandertag nicht bändigen und habe mich eine Woche vorher schon mit Superdieter (warum er so heißt wissen alle Karfreitags-Insider) und seinen Fans in Herdecke warm gewandert. Wer zu einer Party geht, plant das sogenannte Vorglühen schließlich auch mit ein. Genauso nutzte ich den Weg zu Turm und See des berühmten Herrn Harkort, um meine Socken zum Glühen zu bringen.P1070782kl Übrigens bin ich die 25 km zum Treffpunkt radelnd angereist, vielleicht finden sich für so eine Idee ja demnächst auch noch Mitstreiter? Ich kann sagen, dass ein Radel-Wander-Duathlon eine feine Angelegenheit ist und ganz besondere Herausforderungen bereit hält. Während sich dem Radler Fotomotive, unerwartete Berge und platte Reifen einer pünktlichen Ankunft entgegen stellen, sind die motorisierten Wanderer stets vor der vereinbarten Zeit startklar. Aber falls ich zu spät gekommen wäre, hätte ich immerhin noch eine hübsche Radtour gehabt.

Das war dann Karfreitag 2017 anders, da erreichten mein Freund und ich per Auto in letzter Minute den Bus, weshalb wir diesmal mit den Sitzplätzen vor der Toilette vorliebnehmen mussten. Das ist nicht wegen des stillen Örtchens, das sowieso geschlossen war, sondern des verminderten Platzes problematisch, jedenfalls für meinen langbeinigen Partner, der seine Knie dann über die Schultern hängen musste. Er sagt, das sei egal, schließlich handelt es sich um eine Konditionswanderung, da gehören ein paar Extrembedingungen schließlich zur Tagesordnung. Hinsichtlich des Wetters wurde uns zunächst auch das Schlimmste versprochen, aber Petrus zeigte sich dann doch gnädig. Wahrscheinlich hat er gesehen, dass diesmal so viele neue Gesichter zur Konditionswanderung auftauchten, dass er sie nicht abschrecken wollte, weil er darüber wahrscheinlich genauso erfreut war wie wir Konditionswander-Dinosaurier.P1070883kl

Apropos, ich bin unterdessen schon elf Mal dabei gewesen und stelle fest: Seitdem ich den Karfreitag mit dem Alpenverein verbringe ist er unvergesslich. Da gibt es zahllose Udo-Eisdielen, die sich mir eingeprägt haben, Steilwände, Wasserdurchquerungen, blühende Wiesen, Blasen an den Füßen und sehr viele gute Gespräche. Dieses Jahr habe ich unter anderem etwas über das Imkerhandwerk gelernt und hoffe, dass es dann spätestens bei der übernächsten Konditionswanderung Honigproviant für alle gibt. Was ich karfreitags gemacht habe, bevor wir Honig-Bauchläden geplant und Kilometer gesammelt haben, ist mir eigentlich schleierhaft, es hat sich offensichtlich nie gelohnt, einen Bericht darüber zu schreiben. Möglicherweise habe ich damals allerdings karfreitags noch ausgeschlafen, das ist mir nun seit elf Jahren nicht mehr gelungen. Aber es ist auch nicht wichtig, denn vom Transport bis zur Planung übernimmt alles der Wanderwart samt Bus und ich muss nur einen Fuß vor den anderen setzen, solange ich nicht im Bus bin. Es empfiehlt sich allerdings, dabei die Augen offen zu halten, da es eine Menge zu sehen gibt, so auch dieses Mal. P1070911klAuf dem Neandersteig zwischen Erkrath und Monheim am Rhein entdeckten wir hüpfende Lämmer, blühende Bäume, goldene Rapsfelder, Flüsse und sogar Schiffe.

Nur den Neandertaler haben wir nicht getroffen, obwohl sich Klaus relativ sicher war, dass uns Wanderwart Walter fast dem gleichen Schicksal des Aussterbens anheim gab. Immerhin mussten wir einige der sogenannten Todesschleifen erwandern, die ihren Namen daher haben, dass jeder GPS-Track-Besitzer sie als Umweg entlarven kann. Aber was ist ein Umweg, wenn man 42 km wandern will? Mit einer kleinen Gruppe Unentwegter sind wir zuletzt sogar am Restaurant vorbei gewandert, damit die Uhr tatsächlich die legendären 42,195 km anzeigte und nicht etwa bei schnöden 41 km gestoppt werden musste. Insofern ist es Walter tatsächlich gelungen, uns entlang der Schilder im Zickzack durch den Wald zu lotsen, obwohl die Hälfte der Teilnehmer mit elektronischen Navigationsgeräten ausgestattet war, die noch dazu an diversen Stellen mit dominanter Stimme behaupteten: „Bitte umkehren, sie haben die Route verlassen.“P1070884kl

Nur ein Teilnehmer hat sein Smartphone lediglich als stimmlosen Kompass verwendet. „Mein Smartphone sagt, es geht hier lang“; behauptete er an einer unübersichtlichen Ecke und alle folgten ihm, weil Smartphones doch immer alles wissen und wir alle nicht wussten, dass der Wanderer nur die Himmelsrichtung geprüft hatte.

Die elektronische Analyse der Strecke mittels GPS und Outdoor-Programm Komoot hatte uns übrigens bereits im Vorfeld sehr genau über das zu erwartende Streckenprofil informiert: 3,98 km naturbelassen; 17,5 km loser Untergrund; 3,59 km Kies; 5,98 km befestigter Weg; 2,79 km Asphalt; 5,58 km unbekannt. Am meistens gespannt war ich natürlich auf die unbekannte Wegstrecke, schließlich suchen wir karfreitags nicht den Osterhasen, sondern das Abenteuer. In der modernen Welt bestehen die aber im Regelfall nicht mehr darin, den Säbelzahntiger zu fangen, sondern eher in mentalen Prüfungen. Zum Beispiel folgten wir einem schmalen Pfad an der Abbruchkante eines Flussbetts über Wurzeln und Schlammlöcher. An sich etwas, was der gemeine Konditionswanderer liebt. Das Flussbett war allerdings ausgetrocknet und auf der gut einsehbaren gegenüberliegenden Seite verlief ein flacher Wanderweg auf welchem Eltern ihre Kinder entspannt spazieren führten und unseren bunten Alpenvereinsclan erstaunt beobachteten wie die Tiere im Zoo. Wahrscheinlich hielten sie uns für eine organisierte Neandersteig-Attraktion, was im Grunde nicht so ganz falsch gedacht ist. Wenn wir das weiter vermarkten, können wir zukünftig Eintritt verlangen und auf diese Weise die Busfahrt refinanzieren.

Die zweite mentale Prüfung beschwor Walter kurz vor Kilometer 30 herauf, als er der ganzen Gruppe in Aussicht stellte, mit Blick auf den Rhein Kaffee trinken zu gehen. So etwas hat es früher nie gegeben, schließlich müssen wir unser Abendrestaurant im vorgegebenen Zeitplan erreichen und während sich ein Teil der Gruppe mit 20 oder 30 Kilometern begnügt, haben wir einen ganzen Marathon in einem Tag unterzubringen.

Aber früher hatten wir eben keine Navigationsgeräte, die uns heute nicht nur den Weg weisen, sondern auch die Ankunftszeit berechnen können.

Wir erreichten das Café, es hatte tatsächlich geöffnet und Walter erlaubte 30 Minuten Pause. Wir lächelten folglich glückselig die Kellner an, die mit Torte und Heißgetränken bewehrt an uns vorüber tänzelten. Leider kannten sie unseren Zeitplan nicht und hatten noch andere Gäste zu bewirten, so dass sie weiterhin an uns vorüber flogen während der Uhrzeiger gnadenlos weiterwanderte, als müsste er seine Kondition ebenfalls unter Beweis stellen. Nach 15 Minuten Wartezeit gab Klaus auf, Walter hatte sowieso schon mit ein paar Mitstreitern vor dem Lokal Quartier bezogen und damit deutlich gemacht, dass so eine Luxuspause schon eine Ausnahmesituation für Konditionswandere darstellte.

Nur ein Handvoll Kaffee-Träumer harrte in der Gaststätte aus, wobei jeder seine Bestellung jeweils einem Mitwanderer zuflüsterte während er das stille Örtchen aufsuchte, um dann bei seiner Rückkehr festzustellen, dass noch niemand die Chance hatte, die Leckereien zu ordern. Aber nachdem uns 20 Minuten lang Waffel- und Kaffeeduft umweht hatten und wir kurz davor waren, dies als weitere Härteprüfung abzuhaken, kam doch noch ein Kellner vorbei und belohnte unsere Geduld.
Dermaßen gestärkt waren die letzten 10000 Meter am Rhein entlang ein lockerer Abschlussspaziergang, wobei uns Neandertaler mit seinem Steig noch zu einer weiteren Todesschleife zwang.Neandertal Dafür mussten wir den überschaubaren Deichweg mit Blick auf die Schiffe aufgeben und in die Niederungen hinter ein paar Pferdeställen steigen, um einen Zusatzkilometer einzusammeln und natürlich noch einmal eine neue Aussicht zu gewinnen. Klaus war daraufhin sicher, dass Neandertaler zu Recht ausgestorben ist. Leider hat Klaus zu Neandertalers Zeiten noch nicht gelebt, mit seinem ausgeprägten Widerspruchsgeist, hätte er ihn sicher zu ganz neuen Entwicklungen angeregt. Da ist er ganz anders als meine Laber-Liesl, die Stoff-Kuh, die mich seit einem sehr touristischen Besuch in Oberammergau begleitet. Sie kann zwar wunderbar sprechen, ist aber unfähig, sich unabhängig von ihren Einflüsterern zu artikulieren.

Klaus widerspricht dem Wanderführer grundsätzlich gerne und zieht dabei diverse elektronische Geräte zu Rate, die sich doch auch nicht immer einig sind und damit die Diskussionsmöglichkeiten erhöhen. Mein Partner hatte zum Beispiel festgestellt, dass die Strecke bereits beim Kopieren von Gpsies nach Komoot zwei Kilometer kürzer wurde, so dass er die Hoffnung hegte, dass sich das Ganze auf 20 km herunter handeln ließ, wenn er nur oft genug kopierte. P1070810klMit dem Plan ist er allerdings nicht durchgekommen und deswegen hat er die Tour als „krasse Karfreitagstour“ gespeichert, denn Mal ehrlich: Einfach so zum Wochenausklang einen Marathon zu wandern, das ist schon ziemlich krass. Die „unbekannte Wegstrecke“ war natürlich der Knaller, das weiß jeder, der dabei war und die anderen werden jetzt sicher so neugierig, dass wir nächstes Mal zwei Busse brauchen, wenn wir überhaupt jemanden finden, der so eine logistische Organisationsleistung erneut für den Alpenverein zusammenstellt. Meine Laber-Liesl hat zuletzt jedenfalls eindeutig nur „Walter, was für eine schöne Wanderung!“ gesagt, denn etwas Anderes war einfach nirgends zu hören.

 

VIGLi, Ostern 2017

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