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Letztes Jahr bin ich 100 Kilometer gelaufen. Von Hagen nach Duisburg. Für Wochen und Monate des Trainings endete meine Vorstellungswelt an der Ruhrmündung und danach war Duisburg der leuchtende Stern meines Sportlerlebens.

P1010270klAber dann kam mein Freund und sagte: „Du, es gibt da so eine Veranstaltung, da könnten wir an einem Tag von Duisburg an die Nordsee radeln. Das wäre Mal was Anderes.“

Dazu muss ich erwähnen, dass mein Partner ein echtes Nordlicht ist und ich deswegen andauernd Richtung Wind und Watt pendele, aber im Allgemeinen hilft mir die Bahn dabei.

Natürlich war ich von dem Vorschlag sofort begeistert, das roch nach Abenteuer und viel frischer Luft. Die Ausschreibung las sich sowieso so, als könne sich jeder an die Nordsee beamen, der 100 Kilometer geradeaus radeln kann. Das macht man dann einfach drei Mal hintereinander, schwupps, schon ist das Ziel erreicht. In Bensersiel sollte jeder Teilnehmer sein Rad über die Nordsee stemmen, das fand ich eine coole Idee, auch wenn ich im Heben von Gewichten im Allgemeinen und Rennrädern im Speziellen eher unerfahren und wenig begabt bin.VIGLiHelm

Mein Rennrad und ich, das ist sowieso ein Thema für sich, so eine Art Hassliebe. Ein Tourenrad in dessen Satteltaschen ich meinen halben Hausstand mitnehmen kann, ist mir auch nach etlichen Triathlons noch sympathischer, als diese Sportgeräte mit dem tiefen Lenker. Wer nicht Rennrad fährt, hat meistens die Vorstellung, dass diese Leichtgewichte nur so eine Art Vorstufe zum E-Bike sind. In Wirklichkeit braucht man Armmuskeln, um sich nicht mittels Lenkersturz ein neues Gebiss vorzubereiten, einen stabilen Rücken und das Vertrauen, dass es nicht so wichtig ist, viel vom Straßenverkehr zu sehen. Schließlich ist es nicht sehr aerodynamisch, den Nacken nach oben zu biegen. Klickpedale gehören zudem in die Familie der gemeinen Klammeraffen, die Löcher ins Knie beißen und manchmal auch Schlimmeres.

Aber welcher Abenteurer denkt schon an solche profanen Alltagsprobleme, wenn er an einem grauen Wintertag durch die Internetseite der Ruhr2NorthSeaChallenge surft? Klick, klick, klick und wir waren dabei. Team Wattwurm.Wattwurm

Nun hing ich an der Angel des 300-km-Trips. Das Leben war eingeteilt in vor und nach der Challenge, jede andere Zeitrechnung obsolet. Statt Training, was irgendwie immer so nach ungeliebten Hausaufgaben klingt, erwarteten mich Wochen des Abenteuerlebens: Ich radelte im tiefsten Schnee nach Wuppertal, eroberte in Mallorca den höchsten Pass und zum Laufen verabredete ich mich nach Möglichkeit in 30 km Entfernung, um mit dem Rad anzureisen. Ich beobachtete den Sonnenaufgang wie ein Polarforscher um festzustellen, ob ich am 10. Juni zum morgendlichen Start noch eine Lampe brauchte und widmete mich ausgiebig der Navigation mit Smartphone. Ich ließ mich von einer blechernen Stimme durch das halbe Ruhrgebiet lotsen, fluchte, wenn ich an einer spitzen Kehre „leicht rechts“ fahren sollte oder auf einer dreispurigen Straße unverhofft links abzubiegen hatte, ich ertrug während meiner Toilettenpausen ein mahnendes „Du hast die Route verlassen, bitte wirf einen Blick auf die Karte“ und lernte auf das Streckenfoto und die „Ich bin jetzt hier“-Mail zu verzichten, um den Akku zu schonen.P1060941kl

Dann kam der Tag X und ich packte heimlich ein papiernes Kartenblatt ein, weil ich es trotz allem für möglich hielt, mitten in den ostfriesischen Weiten verloren zu gehen. Immerhin heißt es, dass sich ein Ostfriese stundenlang mit einer Postkarte beschäftigen kann, die auf beiden Seiten mit „Bitte wenden“ beschriftet ist. Wer weiß also, was da passieren würde, wenn ich so jemanden nach dem Weg fragen müsste?

An einem gewittrigen Freitag fuhren wir schließlich mit der S-Bahn in das legendäre Duisburg, um im Hotel am Stadion die letzte kurze Nacht zu verbringen. Am Vorabend der Challenge trafen wir im Startbereich die Organisatoren sowie die ersten Radler, die sich gegenseitig beschnupperten wie junge Hunde. Kilometerzeiten wurden ausgetauscht und mit den Wadenmuskeln verglichen, wobei sich für mich nicht klären ließ, ob jeweils von Brutto- oder Nettozeiten die Rede war. Der gemeine Rennradler hat ja die Angewohnheit mit 40 km/h über die Straßen zu schießen, um sich anschließend ausgiebig im Liegestuhl zu räkeln. Die Räkelpausen werden dann akribisch heraus gestoppt und am Schluss sind die Windhunde möglicherweise zur selben Zeit da wie ich, nur dass ich wie ein Ackergaul vor mich hin getrappelt bin und die Brötchen beim Radeln kaue. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt bereits, dass ich kaum einen Ackergaul zur Gesellschaft finden würde, aber zehn Stunden vor dem Start war mir sowieso alles egal, ich wollte bloß noch los.

Ein Radler warf sich im Angesicht der Startlinie gleich in seine Radklamotten, um die Wechselsachen bereits abzugeben, obwohl noch nicht einmal der Startbogen stand. Ob man sein Shirt 12 oder 24 Stunden durchschwitzt ist ja vielleicht auch egal. Andere machten sich Gedanken darüber, wie lange der Akku für die Navigation reichen würde. Die meisten waren mit einer Powerbank gerüstet, denn der Veranstalter hatte uns einige elektronische Überraschungen versprochen. Da war offensichtlich ein begeisterter Tüftler am Werk, der uns mit Blinken, Hupen und anderen digitalen Highlights den Weg leiten wollte. „Naja, ich habe eine Kabeltrommel dabei“, meinte mein Freund trocken und ich dachte, das wird sicher ein lustiger Tag.

ES GEHT LOS

3:30 klingelt der Wecker, der Wirt hat tatsächlich schon Kaffee gekocht und weil ich das so nett finde, trinke ich auch welchen, obwohl ich sonst nie das Frühstück mit Koffein beginne. Aber ich radele sonst auch nicht an einem Tag an die Nordsee.
Am Start herrscht ein ziemliches Gewimmel, ich erkenne niemanden vom Vortag, mein Freund ruft noch „weiter hinten einordnen“ und kaum, dass ich den Helm festgezurrt habe, geht es los. Genau wie ich, haben die meisten kleine rote Blinklichter am Rahmen befestigten und so rollt unser 460-Leute-Tross als glitzerndes Rotlichtviertel durch das schlafende Duisburg. Auf dem ersten Kilometer taucht einer meiner Laufkollegen auf, rennt uns entgegen, winkt mir ein „Viel Glück“ zu, das ich gierig verschlucke. Ich werde es brauchen können.

Schon der Anfang ist eine Herausforderung für die Konzentration, im Halbdunkel Straßenbahnschienen, Bordsteinkanten und Asphaltlöcher zu erkennen, bleibt eher ein Ratespiel. Irgendjemand ruft plötzlich „Da ist die Ruhr!“, ich sehe den Fluss tief unter mir, bin einen Moment wehmütig. Jahre habe ich dafür trainiert, um mich dort nach dem Lauf ins Gras zu werfen und nun springe ich über die Kante des Erreichten: Die Nordsee ruft!

Bald haben wir zum Glück den Stadtrand erreicht, die Häuser werden weniger, das Grün zahlreicher und die Geradeaus-Strecken häufiger. Das erste Licht kriecht über die Äcker und verspricht die kalten Arme bald zu wärmen. Ein See, Wiesen, weiße Nebelschwaden ziehen darüber, als wollten sie die zahlreichen Kühe in Ballettröcke kleiden und ich jubele das erste Mal: „Hier ist es schön!“ P1090868kl

„Mir ist kalt“, antwortet mein Freund und ich denke, Mist, das ist ihm zu langsam.

Bei Kilometer 25 bestehe ich auf eine erste Buschpause, weil ich mir das beim offiziellen Verpflegungspunkt bei Kilometer 50 so vorstelle, dass die Herren überall die Gegend markieren und die Damen eigentlich nicht wissen wohin mit ihrer übrigen Flüssigkeit. Das ist allerdings ein Irrtum. Alle 50 Kilometer gibt es nicht nur reichhaltige Verpflegung, sondern auch Toiletten und da die Anzahl der Frauen überschaubar ist, müssen wir nie Schlange stehen. Somit ist klar, dass es Pausen nur noch an den offiziellen Punkten gibt. Dazu haben wir Seiten- oder Rückenwind, um 25 km/h zu fahren müssen wir fast bremsen und schwupps, pendeln wir uns bei 30 km/h ein. In so einer Geschwindigkeit sind 50 Kilometer bis zur nächsten Verpflegung nicht einmal zwei Stunden, die Nordsee ist plötzlich nur ein paar Rennradsprünge entfernt, Zudem sind wir zwei Wattwürmer nie allein, allenthalben schließen sich uns Radler an oder wir ihnen. Ich habe mein normales Sportler-Ich längst aufgelöst und mich als Rennradler wieder materialisiert, bin nur ein Teilchen des pedalierenden Monsters, das gen Norden saust. Verkehrsregeln werden etwas eigenwillig interpretiert, Kreuzungen mit „frei“ angeschrien, wobei ich nie sicher bin, ob das Autofahrer in die Flucht schlagen soll oder die Verkehrslage beschreiben. Unser Pulk schießt über die Landstraßen bis bei Kilometer 80 der erste aus dem Sattel fliegt. Wie ein erschrockener Bienenschwarm stieben wir Mitfahrer auseinander, ich zücke im Geiste mein Erste-Hilfe-Set, sehe, dass der Gestürzte wie ein Stehaufmännchen aufspringt, rufe „Alles ok?“, fange ein überzeugtes Nicken ein und flutsche weiter mit dem Südwind.P1090872kl

Nach dem üppigen Frühstück in Epe entwickelt sich schließlich aus einem kurzen: „Wo geht es jetzt lang?“ eine achtköpfige Gruppe, die fest zusammen bleibt. Damit sind auch die 30 km/h Geschichte, wir spielen uns auf 34 bis 36 km/h ein und das Ganze ist ein bisschen wie Busfahren mit Beingymnastik gegen die Krampfadern.

In Georgsdorf erreichen wir die schöne Windmühle: 150 km, Halbzeit. Entspannt bin ich trotzdem nicht, denn im Gegensatz zum Laufen, erfordert das Radfahren in dieser Geschwindigkeit eine Menge Koordination und Konzentration, auch ein platter Reifen kann uns jederzeit ausbremsen. Das Fahrrad ist mein Glück und mein Untergang zugleich. Ich bin eindeutig in einer Gruppe, die eigentlich über meinem Niveau liegt, aber ich will schließlich an die Nordsee und wer schneller fährt, hat früher das Vergnügen. Die Landschaft nehme ich nur als Farb- und Duftwolke wahr, rosa Blüten, brauner Fluss, grüne Wiesen. Ob Friesland, Holland, Süden oder Norden, um mich her sind gut trainierte Waden und rollende Räder, mehr sehe ich nicht.

Ich bin selig über die Brücke, die vor uns ihre Schranken schließt, futtere mich in den Pausen im Akkordtempo durch die Schokoriegel und was sonst noch so geboten wird und versuche die fehlenden Muskeln mental zu ersetzen. Trinken wird sowieso überbewertet, denn mit meinen langsam erlahmenden Armen gelingt es mir nicht mehr, die Flasche während der Fahrt aus der Halterung zu ziehen. Aber in spätestens zwei Stunden ist sowieso wieder Pause. An der Kneipe zur ewigen Lampe kündige ich unserer Gruppe schließlich die Gefolgschaft, freue mich an dem dubiosen Aufeinandertreffen von Kneipenwirt und Rennradlern und gehe dann mit Wattwurm Zwei die letzte Etappe etwas ruhiger an. P1090922kl

Es fängt an zu regnen, mir schwirrt „Aurich ist schaurich“ durch den Kopf, zehn Kilometer vor dem Ziel teilen wir uns einen letzten Müsliriegel, dann tutet Begrüßungsmusik aus unserer Navigations-App und ich überlege, dass ich das Rad die letzten fünf Kilometer auch tragen könnte, falls jetzt noch ein Reifen platzen sollte. Fast wären wir dann am Ziel vorbeigefahren, das nur durch ein kleines Plakat markiert ist. Aber eigentlich ist unverkennbar, dass die Welt dort zu Ende ist: Nordsee ohne See, denn es ist Ebbe. 14 Stunden brutto, reine Fahrzeit dürften um die zwölf Stunden gewesen sein, mein Tacho zeigt 310 Kilometer, es ist 18:30 Uhr, es regnet nicht und ist noch lange nicht dunkel.

Eigentlich will ich mich jetzt gerne in den Sand werfen und in den Himmel schreien: „Ich bin da!“, aber stattdessen verhalten wir uns völlig zivilisiert, als wären wir normale Menschen. In dem Lokal finden wir uns bei Schnitzel und Salat wieder mit unserer Gruppe zusammen. Die einen wundern sich, dass sie schon da sind, die anderen planen eine 500 km Tour und ihre Zeltnacht. Wir Wattwürmer brauchen dann noch einen Bus nach Norddeich, den uns Chef Thomas Kaiser genauso kompetent und gut gelaunt organisiert wie den Rest der Veranstaltung.radheben

Vier Tage Nordseeurlaub folgen, die ich dafür nutze, um das gigantische Ereignis langsam zu realisieren. Die Welt ist also doch nicht in Duisburg zu Ende und beamen ist möglich. Nur heißt der Zauberspruch nicht „Beam me up. Scotty“, sondern „Die Nordsee ruft!!

VIGLi, 10. Juni 2017, Bensersiel

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