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„Freude schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum."

Diese Zeilen von Schiller, die Klänge von Beethovens Sinfonie, tauchen immer wie von selbst in meinem Kopf auf, wenn ich einen Gipfel betrete. Wann auch immer sich diese Verknüpfung gebildet hat, sie ist mein steter Begleiter, wenn ich luftige Höhen erobere und der Schweiß fließt. Das ist so tief in meinem Unbewussten verankert, dass sich die innere Melodie sogar dann Bahn bricht, wenn ich noch gar nicht realisiert habe, dass ich einen höchsten Punkt erreicht habe. Das ist mir beim Harzgebirgslauf klar geworden, ein Marathon, der auf halber Strecke den Brockengipfel überquert.P1110895kl

Nun ist der Brocken kein Kalkstein-durchsetzter 3000er, sondern eine Granitkuppe, die ihre kahle Nase nur knapp über die umliegenden Harzhügel streckt. Aber mit 1141 Metern ist er der höchste Berg Norddeutschlands und faszinierender Weise verhält er sich genauso wie seine höheren Kumpane in den Alpen. Regelmäßig wird er vom heftigen Wind kahl geschoren und wechselt seine Wetterdaten schneller als Frauen ihre Schuhe. Er ist ein echtes Überraschungspaket und bringt dem Besucher mit Steigungen von 20% durchaus ins Schwitzen.

Irgendwann, nicht lange nach der Wende, war ich dort mit meinem Onkel hinauf gewandert und ich erinnere den Gipfel als einen extrem unwirtlichen Ort an dem ich mich vor Wind kaum aufrecht halten konnte, ein paar grantige Zäune zeugten noch vom militärischen Einsatz, außer uns war keine Menschenseele zu sehen. Mein Onkel deutete auf einen der Bergpfade und meinte: „Die ganz harten Typen laufen hier beim Harzgebirgslauf herauf.“

Seitdem waren etliche Jahre vergangen. Mein Freund und ich hatten mittlerweile schon zu Neujahr bei herrlicher Weitsicht und Sonnenschein mit zahlreichen Touristen die Aussicht des unterdessen allseits beliebten Ausflugsziels genossen, waren mit der völlig überfüllten Brockenbahn zu einem Preis gefahren, den wir üblicherweise nicht einmal für ein luxuriöses Abendessen ausgeben und hatten an einem anderen Wintertag den Abstieg im Dunkeln geschafft, als uns besagte Bahn nicht mehr befördern wollte. P1110998klWir waren zwar nicht ganz so fleißig wie der legendäre Brocken-Benno, der seit 1990 fast täglich auf den Blocksberg wandert, auch jetzt noch mit seinen 85 Lenzen, aber der Harz war uns nicht fremd. Nur der Gebirgslauf über den Brockengipfel, der übrigens schon vor 1500 erstmals bestiegen wurde, fehlte uns noch in der Sammlung.

Dieses Jahr war es dann soweit. Relativ spontan stellten wir fest, dass die sportliche Saison noch einen Höhepunkt brauchte, wir buchten eine idyllische Pension in Wernigerode und kurz darauf auch den Lauf. Das taten wir in einem Moment, in dem wir gemütlich auf dem Sofa saßen und die sonnigen Bilder vom hübschen Harz online betrachteten. Dabei gilt der Brocken als niederschlagsreichster Punkt im nördlichen Mitteleuropa und der Lauf wird als einer der schwierigsten Ausdauerläufe in Deutschland bezeichnet. Dazu kommen dann Verpflegungsstellen, die so nette Namen wie „Knochenbrecher“ haben – alles andere als ein Spaziergang offensichtlich. Kaum war die Anmeldung abgeschickt, war es deshalb mit den Couchstunden vorbei, denn 1200 Höhenmeter und 42 km laufen sich deutlich leichter, wenn man dafür trainiert. Nun ist es in der Wohngegend meines Liebsten nicht so ganz leicht, Höhenmeter zu sammeln, es sei denn wir wollten 1000 Mal den Deich überqueren. Aber zum Glück gibt es selbst im platten Norden noch Erhebungen, der sogenannte „Deutsche Olymp“ wurde zu unserem Lieblingsziel. 2017 09 16 15.13.02klEr ragt mit 62 Metern über den Wingster Wald, so dass wir durch zähes Zick-Zack-Rennen eine ordentliche Trainingsstrecke eroberten. Im Ruhrpott dagegen ist es leichter, Höhenmeter zu sammeln, aber Training soll ja nicht leicht, sondern wirkungsvoll sein und so kam es, dass wir einen 30 km Lauf mit 500 Höhenmetern bei strömendem Regen und Wind absolvierten. Schlimmer konnte es auf dem Brocken kaum kommen, meine Sachen tropften noch zwei Tage danach kleine Pfützen in das Badezimmer.

Wir waren also gut präpariert, die letzte Woche vor dem Marathon brach an, die überwiegend der Erholung dienen soll. Weil ich mir aber wegen des anhaltend kalten Wetters zu lange nasse Füße geholt hatte, setzte sich ein gemeiner Schleimwicht in meinen Hals und raubte mir die Stimme. Während mir der Bösewicht die Nase verklebte, klarte das Wetter auf und der lang ersehnte goldene Herbst setzte ein. Jeden Tag wurde es wärmer und ich gurgelte mit Salbei, Salz und Ingwer und dachte trotzdem, dass ich meinen Liebsten allein auf den Brocken schicken müsste. 2017 10 14 13.57.54klAber als wir durch die herbstbunten Bäume nach Wernigerode reisten und ich von meiner Energie fast aus dem Autosessel katapultiert wurde, erkannte ich, dass ich nicht krank genug war, um auf einen Berg zu verzichten. Einzig eine Bestzeitenhatz war nicht drin, stattdessen plante ich einfach die langen „Hatscher“ zu traben und bergauf flott zu wandern. Am Abend stand also der Entschluss fest, ich würde meinen schleimigen Bösewicht einfach in der Sonne austrocknen und mir die Freude gönnen.

Der kommende Tagesanfang war entspannt, da wir nicht weit vom Start wohnten und die 2 km dorthin wandern konnten. Da wir die Startnummern schon am Vortag abgeholt hatten, blieb genug Zeit unter dem kristallblauen Himmel, Freunde zu begrüßen und die ersten Fotos zu schießen. Einzig die Toilettenschlange vor den Dixis bereitete mir noch etwas Sorgen, da sie sich so gar nicht vorwärts bewegte. So entschloss ich mich, meinen Morgentee lieber einem Busch zu spendieren und kletterte dafür über ein paar Steine aufwärts, was mir schon einen Heidenspaß bereitete. Abwärts war es dann nicht ganz so leicht, aber da stand schon gleich einer von den vielen Marathonis bereit und reichte mir die Hand. „Wäre doch blöd, wenn du dir jetzt den Fuß vertrittst“. So ist das eben, da herrscht nicht gnadenloses Wettkampfdenken, sondern Teamgeist wie unter Bergsteigern üblich und ich war sofort mittendrin.

Als der Startschuss knallte und sich unser bunter Tatzelwurm in den ebenso farbenfrohen Wald schlängelte, musste ich meinen Liebsten gleich ziehen lassen, denn ich wollte heute immer unter Schnaufniveau laufen, mich nicht hetzen lassen. 2017 10 14 11.09.12kl

Die ersten zehn Kilometer – so hieß es in allen Beschreibungen - wären flach, was aber nur im Durchschnitt stimmt, in Wirklichkeit ging es durch sanft welliges Gelände, entlang rauschender Bergbäche und großer Felsen sowie durch einen sonnen-durchfluteten Wald. Umgehend ersoff mein kleiner Schleimteufel in meiner Freude.

Es war so kurzweilig, dass ich kaum fassen konnte, als die erste Verpflegung (Kilometer 9) schon nach weniger als einer Stunde erreicht war. Danach sollte es aufwärts gehen, aber der Berg ließ sich Zeit, viele Passagen waren für mich locker zu rennen, bergauf wanderte ich zügig, aber entspannt und machte Fotos. Bald öffnete sich der Blick zum Brocken, der von einer weißen Wolke geheimnisvoll umweht wurde. Am meisten freute ich mich auf die letzten fünf Kilometer des Aufstiegs, die laut Beschreibung steil bergauf führen sollten und vielfach als große Hürde gelten. Nur 50 von 1000 Läufern rennen diese Passage. Dazu gehöre ich definitiv nicht, aber das aufwärts wandern fiel mir so leicht wie immer, ich genoss jeden Schritt und staunte wie an diesem sonnigen Tag der Brockenwind dennoch eisig nach mir griff. Ich war gewappnet und hatte Jacke und Mütze dabei, zusätzlich gab es vom Veranstalter weiße Plastikhemden, die als Windschutz verteilt wurden. 2017 10 14 11.26.25klIch zog alles an, was ich zur Verfügung hatte, denn zeitweilig war die Sonne ganz verschwunden, wir stiegen in den Nebel hinein, die Sichtweite betrug nur wenige Meter. Wenn ich aufblickte, sah ich vor mir die anderen Sportler, die in ihren weißen Hemden wie kleine Engel in den Nebel schwebten. 2017 10 14 11.26.20klDer Blick ins Tal, der eben noch kilometerweit möglich war, verhüllte sich im weißen Nichts, die Gespräche verstummten, der Wind pfiff in schroffen Böen über den Plattenweg.

Und dann war es plötzlich da, das Lied: Freude schöner Götterfunken… 

Während ich Schritt für Schritt vorwärts tappte, mich auf meine Füße und die Steinplatten konzentrierte, jubelte es in meinem Inneren „Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum“.

Noch wähnte ich den Gipfel einen Kilometer entfernt, aber als ich den Kopf hob, tauchte tatsächlich wie ein übergroßer Hexenbesen der Gipfelturm als Schatten aus den Wolken direkt vor mir auf.2017 10 14 11.28.52kl

„Wir sind oben, das ist ja der Gipfel!“, rief ich so laut und erstaunt, dass die Schwitzenden neben mir überrascht anfingen zu lachen. Jubelnd und leichtfüßig rannte ich um den Brockenstein, staunte über die Sonne, die sich nun wie eine Himmelsgöttin durch den Nebel brannte während jede weitere Aussicht im weißen Tüll verschwunden war. Dann ging es schon wieder abwärts. Ich sang: „Ich war auf dem Berg! Ich war auf dem Berg!“ und neben mir juchzte jemand: „Ich aber auch!“ und dann flog ich mit breitem Grinsen im Gesicht an den entgegen kommenden Wanderern vorbei. Sie applaudierten alle und riefen: „Na, die sieht aber noch frisch aus!“ Natürlich war ich frisch, ich war vom Walpurgiszauber geküsst und mit Höhenluft aufgeladen! Ich trank an der nächsten Verpflegung einen Becher Haferschleim und sauste dann das sanfte Gefälle weiter nach unten, ohne Druck, nur gerade so wie die Füße rollten. Fotopausen gab es nun fast keine mehr, aber als sich der goldene Wald noch einmal zum Talblick öffnete, bremste ich doch noch, um diesen phantastischen Blick zu bannen. 2017 10 14 13.08.26kl

Nicht lange danach stand mein Prinz am Wegesrand, der schon eine halbe Stunde vor mir im Ziel war. Gemeinsam rannten wir die letzten Meter auf denen ich immer schneller und schneller wurde. Für den letzten Kilometer habe ich keine 5 Minuten gebraucht, ich bin ihn einfach auf meinem Lächeln geflogen. Die schöne Brockenmedaille ist meine, es gibt Wasser, Suppe, Sonne, Freunde und ich kann mein Glück kaum fassen. Wir sitzen in der Oktoberhitze, ohne zu frieren und jeder erzählt von einem anderen Berg. Die einen hatten Nebel, die anderen Aussicht, die dritten keine Kraft zu schauen. Kleiner Berg, du bist so groß und die Harzer Bergwelt hat sich endgültig einen festen Platz in meinem Herzen erobert!

4.48:26 Stunden, 8. Platz von 23 Frauen meiner Altersklasse, 66. Frau von 163 insgesamt und 1000 tolle Augenblicke!!!


VIGLi, 14. Oktober 2017

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