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Manchmal frage ich mich, wie das wäre, wenn ich keine Läuferin wäre und was ich dann denken würde, wenn ich sonntags durch das Bergische Land spazierte und mir plötzlich ein Typ entgegen gerannt käme, der hilfesuchend sein Navi in den Himmel reckt, einen Luftballon am Gürtel hat und ruft: „Das ist hier verkehrt!“ Vielleicht würde ich ihn für einen Goldsucher halten, jemanden der Wasseradern aufspürt oder elektromagnetische Wellen? Aber hätten solche Leute nicht ein paar Techniker dabei und Messgeräte? Stattdessen folgten dem Herrn Verkehrt zehn weitere Menschen in bunter Kleidung mit gebührendem Abstand. Offensichtlich versuchten sie dem Goldsucher nur zu folgen, wenn er tatsächlich einer Goldader auf der Spur war, was sich als nahezu aussichtslos erwies, denn kaum hatte er mit seiner Wünschelrute einen Hügel aufwärts erstürmt, kam sein „Das ist verkehrt“ und die ganze Mannschaft rannte ihm hügelabwärts wieder hinterher.

LochkartenblickZum Glück bin ich Läuferin und habe eine Erklärung für dieses bizarre Geschehen: Andreas Häußler wurde vor kurzem 2 x 26 Jahre und die eine Hälfte seines Lebens wollte er in Laufkilometer umsetzen. Wir Geburtstagsgäste hatten vermutet, dass wir mit schönem Kuchen und anderen Leckereien über die Strecke gebracht würden, die aus vielen kurzweiligen Pausen bestehen würde. Es war aber ein bisschen anders.

Als wir uns morgens auf dem ungefähr höchsten Hügel Solingens trafen, um das Geburtstagskind zu umarmen, sagte er zum Thema Verpflegung nur: „Naja, das sind doch nur 26 km, ich nehme da nichts weiter mit, hinterher gibt es doch so viel zu essen.“

Hinterher, das hieß 26 km und 650 Höhenmeter später, wir mussten also ein wenig Geduld haben mit unserem Appetit. Zunächst ging es sowieso erst einmal darum herauszufinden, wer eigentlich zur Laufgruppe gehörte. Bei Facebook gab es 20 Zusagen und 20 Vielleicht-Zusagen, so dass ich eigentlich um die 30 Laufwillige erwartet hätte. Wie wir allerdings alsbald feststellten, bedeutete ein „Bin dabei“ nur, dass jemand zum Kuchen essen erschien, ob er sich dafür im Solinger Wald schmutzige Schuhe holen wollte, blieb dagegen offen.

Der Tag war jedoch so strahlend, als hätte sich das Geburtstagskind einen ganzen Sonnenstrahlkuchen bestellt, der nun bereitwillig über das noch leicht verschneite Bergische Land leuchtete und alles in goldenes Frühlingsglitzern hüllte. Wer bei solchem Wetter nicht draußen ist, hat wirklich etwas verpasst. Blick

So gab es auch verhinderte Gäste, die darüber sehr wehmütig waren und gleich nachhakten: „Gibt es vielleicht ein kleines Stück, das ich noch mitlaufen kann?“
„Naja“, meinte der Guide zweifelnd, „nach einigen Metern Straße geht es so kleine Pfade in den Wald“ – und das klang eigentlich schon so, als würde er das zumindest selbst nicht mehr zurückfinden. Wir haben erst später begriffen, dass das eigentliche Problem war, dass Andreas jeden Weg rings um und in Solingen kannte, allerdings nicht parat hatte, welche Runde nur 26 km lang war, denn üblicherweise packte er durchaus gerne einen Hunderter in seinen Sonntag.

Jedenfalls startete schließlich ein frohgemuter Trupp von etwas zehn Leuten und Andreas hatte seinen roten Geburtstagsballon an den Hüftgurt geschnallt. Der war mit 2 x 26 und auch noch mit Happy Birthday beschriftet. Allerdings war es kein richtiger Läuferballon. Statt nämlich locker über den Köpfen der Running-Gruppe zu schweben, hielt er das Tempo nicht ganz mit und folgte dem Geburtstagskind stets auf halber Höhe wie ein unwilliger Hund, mal nach links und rechts flatternd. Wenn uns Leute entgegenkamen, watschte ihnen der Ballon gelegentlich *wutsch platsch“ ins Gesicht, wenn nicht gerade jemand die Leine vorsorglich packte und den Ballonhund rechtzeitig in die Lüfte hob. Der Ausdruck „Wir haben uns getroffen“ bekam auf diese Weise nochmal eine ganz neue Facette :-). wupper

Manche der Getroffenen riefen immerhin noch „Herzlichen Glückwunsch“, aber das Geburtstagskind hörte das meist nicht mehr, weil er schon auf dem nächsten Hügel stand, die Hände und seine Wünschelrute in die Luft hielt, um den nächsten Goldaderweg ausfindig zu machen. Tatsächlich präsentierte er uns Solingen at it`s best, mit schmalen Waldpfaden und breiten Aussichtswegen, mit sonnendurchfluteten Wäldern und hügelweiter Aussicht bis Köln, so dass wir Susanne gelegentlich zuwinken konnten, auch wenn sie uns möglicherweise nicht eindeutig gesehen hat und der Kölner Dom ganz eventuell nur eine Fichte war. Jedenfalls schritt die Zeit voran und wir mit ihr, es sammelten sich die Kilometer und Höhenmeter und der 2 x 26jährige hatte möglicherweise vergessen, dass es nicht sein 26ter Geburtstag war, er hüpfte fröhlich vorne weg bis ihm irgendwann einfiel, dass er doch Gäste mit sich führte, die er besser nicht im Wald zurücklassen sollte. Er beeilte sich allerdings auch aus Rücksichtnahme, denn sein Navigationsgerät war mit Batterien ausgestattet, deren Lebensdauer er nicht abschätzen konnte und Ersatzbatterien hatte er vorsichtshalber nicht mitgenommen. Entweder wir schafften es in der Batteriebetriebszeit oder wir waren im Wald verloren. Dabei war Thomi eigentlich der Ansicht, dass sich die klobige Wünschelrute sicherlich aufziehen ließ wie die Uhren vor 26 Jahren und der Track auf einer Lochkarte eingestanzt war. Wir Gäste hatten unterdessen in unserer Partylaune auch unsere eigene Dynamik entwickelt, die sich durch folgende Gesprächsbausteine gut beschreiben lässt: Baum
„Was für ein genialer Tag, gut, dass wir nicht in Bertlich sind!“, hieß es kurz nach dem Start. Bertlich muss man wissen, meint eine alljährlich top organisierte Sportveranstaltung im flachen Herten. Bei Kilometer 20 dagegen hieß es plötzlich: „In Bertlich das Kuchenbuffet ist doch eins a!“ und wenig später war praktisch klar, dass wir uns nächstes Jahr auf dieser Höhenmeter-freien Runde wiedersehen wollten. Das war der Zeitpunkt, als wir es geschafft hatten, dem eindringlichen Waffelduft bei Schloss Burg zu entkommen, nicht aber den Solinger Hügeln und da wir alle ortsunkundig waren, uns allmählich darauf einstellten, im Wald zu verenden, während die nicht-laufenden Gäste in aller Ruhe das Geburtstagsbuffet plündern würden. Doch da trat Michaela als unser aller Rettung auf den Plan. Sie hatte als einzige am Start Bedenken geäußert, dass sie der Strecke gewachsen sein könnte, da ihr die langen Touren noch nicht so vertraut waren. Aus Vorsicht hatte sie etwas getan, was wir anderen alle versäumt hatten, sie hatte sich des GPS-Tracks bemächtigt und ausgestattet mit zwei Uhren, einem Smartphone und einer Powerbank war sie für den Fall der Fälle gerüstet allein durch die Solinger Karpaten zu klettern. Bei Kilometer 24, wir waren alle schon ein wenig hungrig und durstig und taumelten auf berggeschädigten Beinen über die Wurzeln, hechteten wir wieder einmal einen Hügel nach oben, um dann von unserem Luftballonbuben mit den Worten begrüßt zu werden: „Das ist verkehrt, hier noch einmal runter.“Weg

Ihm war offensichtlich entgangen, dass nicht nur der Luftballon schon seine Luft verloren hatte und nun wie ein überdimensionales rosa Toilettenpapier an seiner Hüfte klebte, sondern auch bei den Gästen etwas die Luft heraus war. Wir hatten tolle Wege gesehen, super Aussicht gehabt, phantastische Fotos im Kasten, es fehlte nur noch das Buffet. Und genau da erhob Michaela ihre Stimme und sagte: „Ich habe den Track aber auch und der sagt, hier stimmt es!“

Es entstand eine ehrfürchtige Sekunde des Schweigens, die Frank mit dem mutigen Ausspruch beendete: „Wisst ihr was? Ich glaube der Frau!“

Da war der Geburtstagshüpfer zwar schon fast wieder den Hang herunter gehüpft, aber seine Gäste rollten mit stoischer Ruhe aufwärts. Verzweifelt rief Andreas hinter uns her. „Aber dann sind wir ja gleich zu Hause!“

„Super!“ antwortete ihm ein mehrstimmiger Chor und erst da wurde dem Gastgeber klar, dass wir von dem Laufbuffet ausreichend genascht hatten und er uns direkt den Kalorien zuführen durfte, statt uns noch einen weiteren Hügel der wirklich sehenswerten Landschaft zu kredenzen.Gruppe

„Aber es ist dann ein Kilometer weniger“, flüsterte er und war wohl verwundert, dass das niemanden mehr aufscheuchte. Wir konnten mit dem Kilometer weniger und einem Teller Tomatensuppe mehr durchaus leben, dazu gab es Käse. Brot, Salat und Kuchen, der sich sogar auf wundersame Weise stündlich vermehrte. So saßen wir da und schmausten, während sich Andreas die Haare raufte. „Ich werde in Zukunft meinen Geburtstag alleine verbringen müssen.“, erklärte er einem neu eingetroffenen Gast und schob anschließend eine detaillierte Beschreibung der Strecke nach, wobei er seltsamer Weise alle Punkte exakt benennen konnte an denen er sich verlaufen hatte.
„Na, das war aber anspruchsvoll“, bemerkte der Gast ehrfürchtig und wir Teilnehmer nickten zufrieden in unsere Suppenschüsseln.
„Meine Familie habe ich am Schluss auch noch verwettet gegen einen Berg aus dem dann zwei wurden. Und alle werden sich bei Facebook von mir entfreunden“, jammerte das Geburtstagskind weiter, wir nickten wieder alle und schaufelten weiter die Leckereien in uns hinein. Als wir dann vom Quinoa-Salat zum Birnenkuchen wechselten, klopfte Frank dem 2 x 26jährigen auf die Schulter und sagte: „Du, und wenn du dann nächstes Jahr ganz allein bist, dann sag Bescheid, dann komm ich wieder mit“ und aus den umliegenden Sesseln schallte ein vielstimmiges „Ich auch.“.
Es gibt von diesem Tag unzählige wunderschöne Fotos mit erstaunlich gut gelaunten Partygästen und einem Luftballon.
Und wenn ich mir die Bilder so ansehe, dann bin ich sicher, dass ich überhaupt nicht wissen möchte, wie es wäre, wenn ich keine Läuferin wäre, denn so eine Goldader zu verpassen, ist einfach keine Option!
VIGLi, 18.2.2018

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