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Seitdem ich als Teenager erstmals in die Berge kam, sind sie meine große Liebe. Ihre Höhen, Tiefen, Aussichten, sowie der meditative Rhythmus eines Aufstiegs sind unvergleichlich. Aber wie das Leben so spielt, hat sich in meinem Herzen eine noch größere Liebe zu einem passionierten Deichschaf eingenistet. Das lebt zwar am längsten Berg der Welt, aber ansonsten ist dort nur windiges Flachland und Nordsee. Einmal reisten wir bis Südtirol, das Deichschaf sagte, wer hat denn da so viele Deiche übereinander gestellt und ich fand, dass es ein bisschen viel Autofahrt war, um dorthin zu kommen. 2017 10 14 10.26.38kl

Wir begnügten uns also fortan mit dem Harz und als wir für den Brocken trainierten, kam dem Deichschaf-Prinz die entscheidende Idee. Er stellte mir einfach einen 1500 Meter hohen Berg mitten in den Norden. Dafür brauchte er keinen Haufen Steine, sondern nur seine Zeitmessanlage und den Olymp. Letzterer steht im Wingster Wald und ist mit seinem Aussichtsturm und dem Zoo ein bekanntes Ausflugsziel für die drei Touristen, die alljährlich nicht wegen der Nordsee in den Norden fahren. Deswegen waren die Tourismuszentrale und der Bürgermeister genauso begeistert wie ich, als mein Prinz errechnet hatte, dass 32 Runden um und auf den Olymp genau 43 Kilometer und 1500 Höhenmeter ergeben. Ein Berglauf für die Flachlandtiroler, das hatte es noch nicht gegeben. Ursprünglich als kleine Prinz-und-Prinzessin oder besser Heidi-und-Peter-Veranstaltung geplant, nahm das ganze via Twitter und Facebook seinen Lauf im wahrsten Sinne des Wortes und plötzlich gab es neben dem Marathon noch einen Halben im Angebot und 30 Läufer, die sich der Herausforderung stellen wollten. Mein Prinz fing den Yeti auf einer Medaille ein,Yetimedaille kaufte Bananen und Gummibärchen, seine Mutter backte köstlichen Kuchen und ich fing an, im Training zwischen Bochumer Halden fleißig Höhenmeter zu sammeln, um für den Tag der Tage gewappnet zu sein. Als Organisator hatte mein Prinz zwar nun keine Zeit mehr, mit mir auf Olymp-Tour zu gehen, aber der Vorteil an einem 32-fach Berg ist schließlich, dass ich meinen Prinzen alle 1,34 km wiedersehe, so dass sich diese Einteilung – er organisiert, ich laufe – durchaus stimmig anfühlte.

Es war März, die Kraniche zogen in den Norden, die Osterglocken blühten und ich saß gelegentlich auf der Terrasse im Sonnenschein. Dann rückte der Berg näher und mit ihm die russische Kälte, die ganz Deutschland mit Schnee und Eis panzerte. Ich hatte mir extra einen Tiroler Hut gekauft und einer meiner Franks meinte dazu: „Das ist doch viel zu warm zum Laufen, so ein Filzhut.“ Aber als wir am Morgen des 17. März auf dem Olymp an den Start gingen, trug ich unter dem Hut noch ein Stirnband und eine Mütze und es war trotzdem kalt. Während wir die ersten Meter bergab in den Wald rannten, dachte ich noch der Tiger aus dem Zoo sei mir ins Gesicht gesprungen, so biss mir der Eis-Wind ins Gesicht. Viele Läufer hatten sich bis über die Nase vermummt, wir plauderten kaum, rannten erst einmal nur, um unsere Körpertemperatur auf ein erträgliches Maß zu bringen. P1120708klDie Olymp-Runde führte zunächst vom Gipfel steil bergab in den Wald, um sich dann in einer sanften Linkskurve an Damwild, Flamingos und Mandschurenkranichen vorbei bis zu einer Straße zu schlängeln.Damwild Thomi Dort erwartete uns nach erneuter Linkskurve „die Wand“, von mir insgeheim auch der „steile Tiger“ genannt. Mit 18 % Steigung führt diese Direttissima zum Olymp-Plateau. Dort trabten wir über den flachen Parkplatz und mussten via fünf Stufen und eine letzte kleine Steigung zum Ausgangspunkt zurück. Da machte es einmal „Piep“, wenn wir die Zeitnahme passierten, unsere Rundenzahl erschien auf einem Bildschirm, wir konnten zum Verpflegungsstand abbiegen oder gleich wieder die nächsten Stufen nach unten nehmen, um erneut in den Wald abzutauchen.

Es war so eine Art Monopoly-Spiel mit der immer gleichen Karte: Gehen sie nicht über Los (zur Medaille), parken sie nicht auf der Schlossallee (auf der Bank im warmen Olymp-Häuschen), sondern laufen sie zum Start zurück. Und so ging es erneut, begleitet von bayerischer Blasmusik und dem Applaus der Freunde in die nächste Runde.

Ich hatte mir die Strecke gedanklich in 2x15 Runden plus 2 eingeteilt und die 15er-Pakete außerdem in 5er Etappen, damit sich der Berg nicht gar so massiv vor mir aufwölbte. In Wirklichkeit gestalteten sich dann aber ganz andere Streckeneinteilungen. Es begann mit den „Juppi-endlich-laufen“-Runden, ging weiter mit „Hoffentlich-werde-ich-bald-warm“, gefolgt von „Wann mache-ich-die-Toilettenpause?“ und „Trinke-ich-Wasser-oder-esse-ich einen -Keks?“ Es blieben immer 1,34 km Zeit über derartig schwerwiegende Entscheidungen nachzugrübeln, dann war wieder Hütten-Gaudi und auf in die nächste Runde. Dazwischen die intensiven Läufergespräche, die zu so einer Veranstaltung gehören: „Na, läuft gut bei dir?“ - „Ja, bei dir auch?!“ - „Yo“ – und schon war man wieder aneinander vorbei gezischt. Bald hörten wir den Applaus für die Halbmarathon-Sieger und ein Teilnehmer nach dem anderen zog mit seiner schönen Yeti-Medaille von dannen.Yetiurkunde

Aber kurz darauf ging es richtig los: Der Yeti kam aus dem Gebüsch! Ach, was sage ich da, eine ganze Yeti-Truppe! Zwei kleine bissige Exemplare klammerten sich an meine Oberschenkel während ein anderer Trupp damit beschäftigt war, den Berg umzubauen. Das vormals flache Wegstück zwischen Tigerkäfig und der Wand wurde höher und höher aufgeschüttet, ebenso die Stufen vor der Zeitmessung, die zuletzt so hoch waren, dass ich meine Beine kaum noch darüber heben konnte. Es ist auch fotografisch dokumentiert, dass manche Läufer zu Krabblern mutierten und auf allen Vieren die Wand nach oben hangelten angesichts der Bedingungen. Möglicherweise waren die Yetis wütend, dass wir sie im Wald störten, jedenfalls fingen sie schließlich auch noch an, sich mit dem Wettergott zu verbünden und während Petrus, Laub, Äste und uns Läufer über die Strecke blies, spielten die Yetis mit den Kiefern Mikado und rammten einen Stamm nach dem anderen um. Ein Knacksen und Krachen war ringsum zu hören und wir liefen stets mit wachsamem Blick nach oben, um die Flugrichtung der Bäume abzuschätzen. Zwischenzeitlich rückten Waldarbeiter an und belagerten unsere Strecke mit Sägen, Rasseln und Autos, so dass wir über holperige Buckelwege durch den Wald ausweichen mussten.P1120721kl Über dem ganzen Spektakel schien die Sonne oder was das war, jedenfalls war es unglaublich hell und gleichzeitig sibirisch kalt.

In meiner 25.ten Runde, von der ich nicht wusste, dass es die 25.te war, weil ich über die schwerwiegende Entscheidung sinnierte, ob ein Stück Schokolade auf meinem klebrigen Gaumen mehr Glück oder Unheil anrichten würde, stellte mein Almöhi-Prinz fest, dass mir die Farbe aus dem Gesicht gewichen und die Lippen aristokratisch blau angefärbt waren. „Mir ist so kalt“, stammelte ich auf seine Frage und mein Prinz machte den naheliegenden Vorschlag „Dann zieh doch noch eine weitere Jacke an“. Diese Idee war in meinem eingefrorenen Gehirn einfach nicht vorrätig und ich murmelte nur irgendetwas von meiner Tasche im Flur des Olymp-Häuschens, fädelte mich aber zeitgleich in die nächste Monopolyrunde ein, denn das war meine Bestimmung heute. Diesen Kreis zu verlassen war außerhalb meines Universums. Als ich wieder an der Wand ankam, wo einem der eisige Sturm je nach Kondition alle sechs bis zehn Minuten die letzten Reserven aus dem Körper schüttelte, tauchte mein Retter als Fata Morgana am Horizont auf. P1120819klEr hatte eine Jacke, eine warme Brühe und mein geliebtes Rosinenbrötchen dabei und augenblicklich zogen sich die wütenden Yetis zurück, denn sie erkannten, dass sie gegen solche Organisatoren machtlos waren. Noch sechs Mal Downhill, Damwild, Wand und Hütten-Gaudi, noch fünf Mal, noch vier Mal und schließlich die letzte Kreisbahn mit wehmütigem Blick zu den Flamingos, Zurechtrücken des Tiroler Huts und Über-die-Stufen-fliegen. Zünftiges Kuhglockengeläut ertönte standesgemäß, ich riss die Arme hoch, lächelte in die Kameras und fiel meinem Prinzen in die Arme. Gipfel erreicht!

Da ich die einzige Frau auf der Marathonstrecke war, gehörte mir nach 5 Stunden 6 Minuten und 44 Sekunden der Gesamtsieg und somit hatte ich nicht nur eine Yeti-Medaille, sondern auch einen Yeti-Pokal gewonnen. Zum Glück, denn fast hätte mein Schafsprinz für die weiblichen Teilnehmer einen Bergziegenpokal gestaltet. Das hatte ich aber gerade noch abwenden können, denn schließlich kann ich genau wie die männlichen Teilnehmer bezeugen, wie es sich anfühlt, den Yeti wahrhaftig zu treffen. P3176173SiegklklAuf der Medaille hat er übrigens eine Banane in der Hand, das ist ja das Droh-Obst der Läuferwelt mit der man auf jeder Veranstaltung geschunden wird, obwohl doch Gummibärchen und Kekse viel besser schmecken. Ein Stück Himbeertorte nach der Bergtour ist übrigens auch nicht zu verachten.

Ein besonderes Schmankerl waren dann noch die 118 Stufen auf den Aussichtsturm des Olymps mit Ausblick bis zu den Schiffen auf der Elbe und über die Niederungen der Läuferwelt hinweg.

Wer den Yeti treffen will, muss also künftig nicht in den Himalaya fahren, sondern nur in die Wingst. Lederhosen und Tiroler Hut sollten für den 32fach Olymp selbstverständlich sein und statt der obligatorischen Banane im Gepäck, empfehle ich drei Jacken. Man weiß schließlich nie, wie das Wetter im Gebirge ist und ob der Yeti gute Laune hat!


VIGLi, 18.3.2018, Weitere Texte: "Vom Abenteuer 100 km zu laufen", Klartext Verlag 2018