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Vor kurzem habe ich ein Buch mit dem Titel "Vom Abenteuer 100 km zu laufen" geschrieben. Aber ich kann verbürgen, dass es für ein Abenteuer weder notwendig ist zu laufen, noch 100 Kilometer zu bewältigen. Es reicht völlig aus, mit dem Bochumer Alpenverein zur legendären Karfreitagswanderung aufzubrechen. P1120977klTeil 1 des Abenteuers besteht darin, einen Platz im Bus zu bekommen. Weil sich herumgesprochen hat, dass unsere karfreitägliche Konditionswanderung ein krasser Knaller ist, sind die Plätze spätestens im Oktober des Vorjahres ausgebucht. Obwohl dieses Kultdatum seit zwölf Jahren meinen Kalender begleitet, war unsere partnerschaftliche Diskussion diesmal so langwierig, dass Thomi und ich erst im Februar die Entscheidung treffen konnten, auch in diesem Jahr dabei zu sein. Da kam von Walter aber nur die knappe Antwort: „Wir sind ausgebucht.“ Pech gehabt. Das hatte ich nun davon, dass ich alljährlich eine Lobeshymne auf die Tour schreibe. Natürlich wollte ich niemandem die Chance auf das kultige Karerlebnis vermiesen, aber so im Stillen dachte ich mir doch, dass mir Grippeviren oder ähnliches noch zuarbeiten könnten. Sicher sein konnte ich aber nicht und so standen mein Partner und ich vor einer völlig neuen Situation; Osterferien in Bochum, aber ohne die Holgers, wie der der übliche Karfreitagswanderer heißt. Plötzlich mussten wir darüber befinden, was wir an den Feiertagen Interessantes unternehmen könnten. Eier suchen (mühsam), radeln (bestimmt Gegenwind), schwimmen (sehr nass), zu Hause rumhängen (langweilig). Es war wirklich schwierig! Doch drei Tage vor der Tour traf die erlösende Mail von Walter (nicht Holger) ein: Es sind zwei Plätze frei geworden! Damit war also alles palletti. Karfreitag sind wir draußen, egal wie das Wetter ist und den Rest der österlichen Ferientage sitzen wir erschöpft und zufrieden herum.P1120962kl

Da am Ende der Wanderung immer ein Lokal gebucht ist, stellte sich für mich allerdings die Frage, ob wir als Ersatzwanderer nun die Schnitzel essen mussten, die sich die Erst-Platzbesetzer ausgesucht hatten. Organisator Walter zeigte sich flexibel, wir wählten Nummer 4 und 9 der Speisekarte und obwohl das in Summe 13 ist, sollte es kein unglücklicher Freitag werden.

Treffpunkt am Morgen war wie immer das Bergbaumuseum, wir sind schließlich vom Alpenverein und die Teilnehmer müssen das Wort „Berg“ schon gelegentlich in den Mund nehmen und kosten wie einen guten Wein, selbst wenn die Touren anschließend flunderplatt durch Industriebrachen führen. Der Karfreitag 2018 machte allerdings den Alpen alle Ehre, wir reisten nämlich in die hügelige Nordeifel, um dort ein Stück des Ahrsteigs unter die Füße zu nehmen. Das lässt sich als Kontrastprogramm zur beliebten Rotweinwanderung im Herbst beschreiben. Von letzterer wird mir regelmäßig vorgeschwärmt, obwohl ich den Eindruck habe, dass sich die meisten gar nicht an die Strecke erinnern, sondern nur an die vielen Winzer mit ihren Angeboten. Im März sind die Weinreben nur graubraune Stöckchen mit klangvollen Beschriftungen. Wein ist allerdings dennoch reichlich verfügbar wie ich im Gespräch mit einem torkelnden Törggeler erfuhr.

„Ist dort ein Frühlingsfest?“
„Nein, einfach nur Saufen!“
„Aber Weinlese ist doch erst im Herbst“
„Ja, aber vom letzten Herbst war noch was übrig.“

Unsere Tour startete in Kreuzberg und führte uns auf dem längst möglichen Wag nach Bad Bodendorf, dem einzigen Ort, der bereit war für 50 Personen mehr als ein Gericht in die Speisekarte aufzunehmen. Weitere Merkmale sind im Zielort nicht wichtig, denn nach 40 Kilometern + X interessiert sich niemand mehr für eine Sehenswürdigkeit, die größer ist als ein Essteller.Teufelsloch2

Selbst unterwegs werden die Aussichtspunkte für die Konditionswanderer zensiert, weil das Zeitbudget begrenzt ist.

Als wir uns nach knapp zwei Stunden Busfahrt um kurz nach acht verschlafen aus dem Bus falteten, machte Walter erst einmal deutlich, dass wir nicht alle zusammengehörten. Die einen sollten sich um Klaus (auch kein Holger) versammeln während die anderen sich mit einem kleinen Anfangsspurt als Waltergruppe beweisen mussten bevor wir gemeinschaftlich an der ersten Bahnschranke warteten.

Danach setzte konzentriertes Karfreitagsschweigen ein, weil sich die Zacken aus dem Kartenprofil plötzlich als leibhaftige Alpinmonumente vor uns aufrichteten, die selbst das Dauergespräch der zwei Jüngsten sekundenlang in ein leises Schnaufen umwandelten. Der Steig machte seinem Namen alle Ehre, schlängelte sich durch Felsbrocken und durch windgeduckte Kiefern zum ersten Aussichtspunkt. „Teufelsloch“ stand auf einem Wegweiser und kaum, dass ich diesem interessanten Schild folgte, hörte ich Walters Stimme „Für so etwas haben wir keine Zeit!“ Im Nachsatz kam dann allerdings noch ein „Die Verena ist schnell“, was bedeutete, dass ich mich allein den teuflischen Gefahren aussetzen sollte, während die Gruppe weiterzog. Mutig sprang ich die Felsen weiter nach oben, obwohl rechts und links kleine Teufel mit schwarzem zottigen Fell und feuerspeienden Mäulern tanzten, die versuchten, mich mit ihrem Dreizack in die Tiefen des Teufelskraters zu stoßen.P1120960teufelsloch Unter Aufbietung aller Kräfte und obwohl Super-Dieter als Retter fehlte, hangelte ich mich an dem Stahlseil über die Gefahrenstelle und wurde zur Belohnung von den Sonnenelfen auf einer kleinen Bank begrüßt, mit Blick über das ganze Ahrtal. Im Abstieg applaudierten die Teufel friedlich und ich spurtete Walter und den Seinen hinterher, holte sie gerade beim malerischen Gipfelkreuz ein, das eigentlich auch nicht erlaubt und trotzdem von allen angesteuert worden war. Nachdem wir über steile Felstreppen wieder die Ahr erreicht hatten, um im Schatten schroffer Felsspitzen dem Flusslauf zu folgen, setzte der Weg bald darauf zum nächsten Anstieg an. Hier bemühten wir uns, den weiteren Verlauf der Tour als Auswahlrennen zu gestalten. Wer zu lange Atem holte, blieb liegen, weshalb sich alsbald ein Trio von weder-Walter-noch-Klaus-Wanderern herauskristallisierte. Damit die we-Wa-no-Klas auch eine Chance hatten, ihr Schnitzel zu erreichen, reichte ein Kavalier sein Navigationsgerät weiter. Da dachte er noch, das würden wir eigentlich nicht brauchen, da der Ahrsteig gut markiert ist und sowieso alle Teilnehmer Bescheid wussten. Dazu ist allerdings zu sagen, dass ich als Karfreitags-Dinosaurier bezeugen kann, dass wir vormals mit Kartenmaterial loszogen, das zu lesen uns regelhaft überforderte und wunderbare Verlauf-Abenteuer provozierte. Dann kam die Technik und es entwickelte sich zu einer Wer-hat-die-beste-App-Veranstaltung, elektronische Stimmen navigierten uns fehlerfrei durch das Unterholz. Mittlerweile haben wir die Phase erreicht, in der alle Teilnehmer sagen „Die anderen sind doch sowieso technisch besser ausgerüstet als ich“ und schwupss, schon stehen wir da, mit Walters Karte und den nicht vorhandenen Markierungen. P1130015wegsuche2

Mir ist es auf diese Weise auch endlich wieder gelungen, mich plaudernd mit einem Holger zu verlaufen, aber aus mir unerklärlichen Gründen, zog er mitten im Gespräch sein schweigsames Navigationsgerät heraus und stellte fest: „Wir sind falsch.“ Wir holten die anderen nach einem kleinen Schokokeks-Doping bald wieder ein. Möglicherweise aber nur, weil die genehmigte Mittagspause hereingebrochen war, die wir unter bienensummenden Weidenkätzchen verbrachten und uns dabei fragten, was aus Sabrinas Bienenzucht geworden ist mit deren Honig wir doch künftig alle Wandertouren überstehen wollten.

Mein Freund hatte jedoch andere Möglichkeiten, seinen Süßhunger zu besänftigen, denn er war im Besitz von Sonnenmilch. Das ist natürlich kein leckeres Essen, aber an einem unerwartet sonnigen Tag ein begehrtes Material. Mit dem ihm eigenen Charme reichte Thomi seine Tube weiter und meinte trocken dazu: „Aber das kostet!“ Schokohasen und Schweizer Zartbitterköstlichkeiten wanderten auf diese Weise in seinen Proviant.

AussichtsturmWeitere Pausen ergaben sich dann für diejenigen, welche sich die folgenden großartigen Aussichtspunkte entgehen ließen. Dazu gehörte ich natürlich nicht, die 72 und 38 Aussichtsturmstufen waren zu vernachlässigen gegenüber der Rundum-Sicht, die wir von den Türmen aus genossen.

Sogar ein weißes Osterei war in der Ferne zu erkennen, Zudem versuchte ich Rapunzel zu spielen und meinen Liebsten an meinem langen Haar nach oben zu lotsen. Das scheiterte aber nicht nur an meiner Haarlänge, sondern an der klaren Erkenntnis, dass die 110 Stufen, ihn nicht näher zu seinem Schnitzel brachten. Mit meinem hierhin und dahin springen war ich im Sinne des Zieles eher hinderlich, weswegen mir Thomi fast noch eine Filmrolle verschafft hätte.Als wir nämlich einen der zahlreichen Hügel nach oben hechteten, wurden wir plötzlich von Personen mit Gewehr und grimmigem Gesicht aufgehalten. Einen Augenblick lang dachten wir alle, wir müssten nun den ganzen Weg wieder zurück. Eiffelkrimi2Stattdessen waren wir mitten in die Dreharbeiten für einen Eiffel-Krimi geraten und der Regisseur wies uns an, bitte im Kreis als geschlossene Gruppe um die von ihnen aufgezeichnete Leiche zu wandern. Wir wären damit als Ahrtal-Wanderer Teil einer CD. Mein Freund konnte sich mit dem Vorschlag, mich als Leiche zu deponieren nicht durchsetzen und wir verließen die tödliche Umgebung unversehrt. Holger hatten wir unterdessen einen Stein in den Rucksack gepackt. Diese moderne Wetterstation sollte sein Tempo mindern, was allerdings nicht gelang. Er konnte aber jederzeit den Stein herausholen und feststellen, ob er nass war, was bedeuten würde, dass es regnete. Das tat es aber bis zuletzt nicht, obwohl sich bereits dunkle Wolken zusammenbrauten, als unsere Waltergruppe die letzten drei Kilometer bewältigte. Da waren wir mental alle schon bei unseren Schnitzeln und Salatblättern, was sich umgehend rächte, denn plötzlich führten die Wege nur links oder rechts an Hügelketten entlang und nicht nach unten in das ersehnte Tal. Dabei ging es laut Walters Ansage sowieso schon seit der Mittagspause im Grunde nur sanft bergab. Wir müssen manchmal einfach verkehrt herum gelaufen sein, dass es sich wie ein Anstieg anfühlte. Auf diesen letzten Kilometern kamen Wanderführer Walter dann aber auch Zweifel, ob sich der Tal-Ort erreichen lässt, wenn man aufwärts wandert. Wir nahmen noch einmal die geballte Gruppenintelligenz und zwei Computer mit unterschiedlichen Angaben zu Hilfe, ehe wir uns auf einem steilen Pfad talwärts stürzten. Am Ende des Wegs begann Walter den frohlockenden Zielgesang: „Ja, genau, jetzt ist das richtig, siehst du, da vorne ist die Ahr und dann die Brücke, genau so ist das richtig.“ Nichts desto trotz warf er sich dem nächsten Menschen entgegen, der durch die Stadt trottete, um ihn nach dem genauen Weg zu fragen. Leider war derjenige ortsunkudnig und Walter schnappte sich  den nächsten Passanten, der trotz mangelnder Deutschkenntnisse zuversichtlich antwortete. „Genauso, das ist alles richtig“, jubelte Walter und als er an den schmerzverzerrten Gesichtern der Mitwanderer erkannte, dass jede unnötige Biegung ihn jetzt das Leben kosten könnte, schoss er gleich den nächsten Spaziergänger zu, um erneut nach dem Lokal zu fragen, obwohl wir jetzt schon unseren Bus erblickt hatten. P1120995OstereiIch fragte Walter noch, ob es ihm etwas ausmachen würde, dass von den 23 Anfangswanderern jetzt nur noch sechs in seinem Gefolge seien. Aber unser Oberhaupt stürmte mit einem „Mir ist das egal und andere Schuhe ziehe ich jetzt auch nicht mehr an“ in die Winzerstuben, wo uns applaudierend die restlichen karfreitäglichen Kultgänger erwarteten.

Im weiteren Gespräch zeigte sich, dass die meisten das Kartenprofil ganz gut gelesen hatten, nur jeweils unterschiedliche Konsequenzen daraus gezogen hatten. Während die einen sich für die wunderschöne und steile erste Etappe etwas mehr Zeit eingeplant hatten, waren andere erst danach auf den Ahrsteig gestiefelt und hatten sich damit den Muskelkater gespart.

Am Schluss waren wir aber alle wein- und wanderselig und Klaus plante, die Fotos für alle in einer Wolke zugänglich zu machen, so dass wir die Aussicht auch brüderlich mit denen teilen, die nicht dabei waren. Wenn es also zu Ostern regnen sollte, freut euch, es sind bestimmt die Bilder aus der Klaus-Wolke. Nur die Teufel habe ich nicht abgelichtet, weil ich doch loyal bin und Karfreitags ist schließlich Tanzverbot. Im Gegensatz zu den Teufeln haben sich die Karfreitagswanderer alle daran gehalten, es sei denn, man wertet die seltsamen Bewegungen beim Ausstieg aus dem Bus als Osterhasenwalzer.

VIGLi, 31. März 2018

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