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In den letzten Jahren hatte ich immer den Eindruck, alle kennen den Zuckerspiel-Halbmarathon. Da musste Mensch gewesen sein, weil es schön war und doch nicht schön, nämlich weder Kinderspiel noch Zuckerschlecken, aber alle berichteten mit leuchtenden Augen.2018 04 07 16.45.54kl

Dieses Jahr hatte ich mich nun endlich angemeldet, schon im Februar und noch mit dem Gedanken, das kann kalt und nass werden eine Woche nach Ostern, aber egal, ich will dahin. Danach habe ich festgestellt, dass niemand den Lauf kannte und wenn doch, dann diesmal nicht dorthin fuhr. Es war mysteriös. Eine geheime Veranstaltung hinter den sieben Bergen.

Wuppertal ist eine der grünsten Städte Deutschlands und 29 % der Stadt bestehen aus Wald. Guido will den Läufern gemeinsam mit seiner Crew zeigen, wie dieser Wald so aussieht. Ausgewählt hat er dafür das Burgholz und in der Ausschreibung steht dazu: Es wohnen Tiere im Burgholz, sogar seltene und geschützte. Wir laufen durch Ihr Wohnzimmer. Seid nett zu ihnen, achtet auf sie.

Das machte mir sowohl die Strecke als auch den Veranstalter immer sympathischer, der ideale Lauf für eine Biologin.

Der Tag der Wahrheit nahte und binnen einer Nacht schaltete der Wettergott von Polarluft auf Tropen um und ich blickte etwas fassungslos auf meine Kleiderauswahl, weil ich mir nicht mehr vorstellen konnte, wie es ist, nur so im dünnen T-Shirt unterwegs zu sein. Ich entschied mich also für sommerlich luftige Bekleidung und packte in meine Satteltaschen drei Jacken und Wechselsachen, weil ich doch nicht so sicher war, ob es hinter der nächsten Ecke vielleicht schneien würde. Ich fuhr schließlich ins Bergische Land.P1130074kl

Die Startzeit des Halbmarathons ist um 15:30 Uhr, so bleibt vorher Zeit Schwebebahn zu fahren oder in den Zoo zu gehen, was ich beides erwogen habe, aber im Ende hatte es mir nach 37 Radkilometern mit 500 Höhenmetern genügt, einfach noch eine Stunde in der Sonne abzuhängen.

Die Anfahrt hatte es für mich nämlich in sich. Starten konnte ich locker über die leicht abschüssige Springorumtrasse, die bei dem Kaiserwetter natürlich gut besucht war. Zuerst spielte ich übermütig E-Bike-überholen und freute mich, unterwegs zwei Franks ( = meine Triathlonkollegen, siehe "Vom Abenteuer 100 km zu laufen", Klartext Verlag) zu treffen. So waren wir Mal wieder alle gemeinsam draußen unterwegs, nur in unterschiedliche Richtungen. Aber dann wurde ich langsam gewahr, dass es wirklich heiß war und zudem Gegenwind, der nur dann nicht spürbar war, wenn es so steil bergauf ging, dass es das Gebläse nicht über die Hügel schaffte. 37 Wupperkilometer sind schon sehr speziell. Nach Nierenhof, Langenberg und dem wunderschönen Windrather Tal wurde es immer wupperiger, das heißt die Straßen hießen alle entweder Anhöhe oder Ausblick, obwohl ich für eine wirkliche Aussicht wohl noch auf einen Baum hätte klettern müssen. Stattdessen lächelten mir Spaziergänger mitleidig zu, wenn ich im kleinsten Gang aufwärts schnaufte und meinten, es sei nicht mehr weit bis oben. Die wussten nicht, dass ich gleich den nächsten Hügel wieder nach unten raste, um kurz darauf erneut aufwärts zu strampeln. Aber siehe da, P1130078klplötzlich tauchte die Schwebebahn auf und ich schwebte mit dem glücklichen Gefühl, Etappe 1 bewältigt zu haben zur Startnummernabholung. Ich hatte die 5. Das ist in China eine Glückszahl und ich hoffte, dass das in Wuppertal auch funktionierte.

Als nächstes beschäftigte mich die Frage, ob die Strecke gut markiert war, denn ich hatte den Gps-Track nicht geladen und bin hinsichtlich der Orientierung ziemlich störanfällig. Da zwitschert irgendein toller Burgholz-Vogel und schon verpasse ich den Abzweig, das kenne ich schon. Vor allem gelingt es mir meistens in so ein Zwischenfeld zu geraten in dem niemand ist. Die Schnellen sind schon weg, die Langsamen noch nicht da und plötzlich VIGLi alleine im Wald. Ich fragte also erst einmal erfahrene Leute, wie das beim Zuckerspiel ist.

 

„Es sind rosa Pfeile gesprüht“; sagte Guido und der musste es ja eigentlich wissen.

„Es ist orange markiert“; erklärte mir wenig später Birger, der schon zahlreiche Male beim Zuckerspiel dabei war.

„Ach, das letzte Mal haben wir uns doch verlaufen“, erklärte ein Dritter und mein Adrenalinspiegel stieg allmählich. Ich sah mich durch das Burgholz irren und am Schluss im Wohnzimmer einer Kröte enden.

Kurz vor dem Start trennte ich mich noch von meinem Halstuch und ein anderer Läufer nickte mir zu: „Das brauchst du heute nicht.“ Es war tatsächlich immer noch unfassbar heiß und ich hoffte auf den kühlen Wald. Immerhin waren wir dort nicht der direkten Sonne ausgesetzt, die Luft war dennoch staubtrocken oder vielleicht war es nur mein Mund, es war mir nicht gelungen, die beim Radeln ausgeschwitzte Flüssigkeit zu ersetzen. Birger hüpfte locker vor mir her und informierte mich über die geänderte Streckenführung, weil Sturm Friederika ein paar Bäume auf den ursprünglichen Track gelegt hatte. Als ich den Eindruck bekam, ich könnte mich gleich zu den Bäumen legen, stellte ich fest, dass vor mir jemand wanderte und mein eingedörrtes Hirn verstand erstaunlich schnell, dass das klug war. Die Streckenführung war genau wie meine Radfahrt: Entweder es ging aufwärts oder abwärts. Loriots Herr Lindemann hätte mit seinem Lottogewinn Mal lieber keine Herrenboutique, sondern eine Seilbahn eröffnen sollen, das wäre im Bergischen praktisch überall sinnvoll.

Aber wir Läufer wollten natürlich nicht fahren, sondern laufen, schraubten uns geduldig über die Waldpfade nach oben bis ich den Mount Everest erwartete. „Ja ja,“ meinte ein Helfer dazu, „und da vorne liegen noch ein paar Ötzi-Gebeine, nicht stolpern!“P1130099kl

Statt Ötzi tauchte dann allerdings ein blauer, tanzender Hund auf, ich kann nicht erklären wieso, aber es war definitiv keine Fata Morgana. „Der arme Hund, der schwitzt ja“ bedauerte ein Halbmarathoni das Kostümwunder und ich musste ihn erst einmal daran erinnern, dass wir Läufer ja auch schwitzten und zwar nicht zu wenig. Die Schokolade an den Verpflegungspunkten konnten wir quasi als Kakao zu uns nehmen und die Salzkruste auf unserer Haut war beträchtlich.

An den Verpflegungspunkten kippte ich mir Wasser in den Hut und fühlte mich wie beim heißesten Pfingsten auf meinem 100-km-Lauf. Nur, dass mir da meine Betreuer beständig Wasser über Nacken und Waden gossen. Stattdessen tat sich wieder die bekannte VIGLi-Lücke auf: Alle Läufer waren hinter den Bergen verschwunden. Mit großer Mühe konnte ich einen Typen mit rotem Kappi im Blick behalten, aber gerade als auch er hinter einer der zahlreichen Ecken verschwunden war, kam ein Spaziergänger mit Hund des Weges getrottet und sagte: „Ah, das kommt die Letzte!“

„Nein!“, schrie ich überzeugt, aber war dann doch etwas erschüttert und verdoppelte meine Bemühungen, das rote Kappi wieder einzuholen. Stattdessen stand allerdings plötzlich Birger vor mir, der im fröhlichen Plausch mit einer Dame einfach stehen geblieben war. Gemeinsam rannten wir ein Stück weiter, ich erkannte den Weg vom Anfang, noch drei Kilometer, es ging nur noch bergab, die Meter schmolzen dahin und ich zog das Tempo an oder umgekehrt, irgendeine Vorwärtskraft drückte mich Richtung Ziel. Die letzten Schrittezum Zielbogen waren wunderschön, ganz Schwebebahn-mäßig tänzelte ich auf das orangene Tor zu und spürte wie die Freude dabei aus mir heraus platzte wie der Sprudel aus den Wasserflaschen. Für die letzten 100 Meter hatte ich tatsächlich eine Geschwindigkeit von 4:16 Min/km, obwohl es sich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht so anfühlte, als würde ich mich anstrengen.

Die ganze Mühsal war am Berg zurückgeblieben und nur der Jubel war noch da. 2018 04 07 17.50.23klGuido begrüßte mich herzlich und ein Dreikäsehoch hängte mir die begehrte Zuckerspiel-Medaille um: Ein Lebkuchenherz.

Endlich Wasser und Schorle satt, die Kollegen beglückwünschen, sitzen, Kuchen essen, reden. Es machte gar nichts, dass ich die Teilnehmer vorher großteils nicht kannte, hinterher waren wir eine einzige Burgholzfamilie.

Die Siegerehrung verlief schnell, pragmatisch und liebevoll. Statt eines Podests musste die Bürgersteigkante herhalten, die Urkunden waren weggeflogen, so dass sie nicht mehr sortiert werden mussten. Dem Wetter getrotzt hatten aber die kunstvollen Pokale: Aus Zuckerwürfeln geformte Zahlen, mit Waffelsockel und Gummibärchen. Guido sprang zwischen seiner Rolle als Moderator, Pokalüberreicher und Fotograf souverän hin und her und alle grinsten glücklich aus ihren sonnenverbrannten Gesichtern.P1130109kl

Einen kleinen Moment haderte ich mit meiner Rückfahrt. Nach 37 km und einem Halbmarathon in den Bergen hätte ich auch übergangslos in die Badewanne schweben können. Aber als ich erst einmal wieder im Sattel saß, die Sonne sich unterdessen milde zeigte, Rehe auf den Wiesen zu mir herüber blinzelten und ein Bussard majestätisch an mir vorbei zog, da war die Rückfahrt doch der zuckersüße Ausklang für diesen genialen Tag.


VIGLi, 7.4.2018

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