.

Gut, dass wir Häuser haben – und ein Glück, dass wir trotzdem nicht immer drinnen sein müssen. Draußen zu sein ist einfach wunderschön. Ich weiß die Vorteile der Zivilisation zu schätzen, aber barfuß über eine morgenfeuchte Wiese zu gehen, eine Runde im See zu schwimmen oder den Fahrtwind beim Radeln zu genießen, ist definitiv etwas, was mich glücklich macht. Aktivitäten wie Zelt auf- und abbauen und die Gemüsesuppe mit Gaskocher zubereiten, gehören allerdings nicht zu meinen Favoriten. Schließlich will ich nicht Steinzeit spielen, sondern Tiere beobachten, entspannen und schöne Fotos einfangen. Lieber war es mir,  ohne Zelt gelegentlich Im Freien zu übernachtent, an abgelegenen Orten, wo der Fuchs vorbei kam oder sich ein Frosch im Schlafsack einfand, so etwas prägt sich ein.

An der Nordseeküste jenseits des Deichs zu nächtigen war mir allerdings bisher weder mit noch ohne Zelt vergönnt, da ist es schließlich meistens ziemlich windig und außerdem verboten. Nun gibt es seit einiger Zeit an verschiedenen Küstenorten sogenannte Schlafstrandkörbe. Die sind etwas geräumiger als die üblichen Strandkörbe und extra als Übernachtungsplatz konzipiert. VIGLi im SchlafkorbAls Geburtstagsgeschenk bekam ich zum 57.ten nun die Chance einmal den Otterndorfer Standort zu testen. Mein Freund wohnt nur wenige Kilometer entfernt, so dass es quasi ein Urlaub vor der Haustür war. Total spannend, denn als Freundin der kleinen Dinge, fand ich genau das interessant: Wie es ist, Urlaub vor der Haustür zu machen. Eine kleine Verschiebung des Standorts, der Behausung, schon ändert sich die Perspektive.

Freitags kam ich mit dem Zug aus Bochum angereist, brachte meinen Schlafsack mit und sommerliches Wetter, ansonsten bedurfte es für eine Nacht am Strand keiner großen Vorbereitungen. Es war warm, ungewöhnlich windstill, der Wetterbericht gut. Wir holten den Schlüssel beim „Freibeuter“ ab, dem kleinen Strandlokal, das für die Deichbesucher von Suppe bis Bier alles im Angebot hat, auch Sanitäranlagen und seit neuestem eben auch zwei Strandkörbe zum Schlafen. Eine Nacht kostet 59 Euro für 2 Personen, die Folgenacht nur noch 49. Dafür gibt es den Schlafplatz, freien Zugang zu Toiletten und WLAN, sowie eine Flasche Alsterwasser.

Wir deponierten unsere kleinen Rucksäcke und den Schlafsack in unserem Domizil auf Zeit, parkten die Fahrräder daneben und brachen erst einmal zu einem kurzen Abendspaziergang auf. Da der Strandkorb in unmittelbarer Nähe zum Freibeuter steht, erschien es uns seltsam, es sich dort schon gemütlich zu machen, während im Lokal noch reger Betrieb herrschte. Ohnehin waren gleich Neugierige da, die einen Blick in unser neues Schlafzimmer werfen wollten, nachdem wir den Schlüssel abgeholt hatten.P1140538kl Zwischen den bunten Strandkabinen fällt der braune Korb mit seinen seitlichen Schiffsluken eben auf. Wenn das Dach des Schlafkorbs aufgeklappt ist, wirkt das ganze wie ein riesig großes Sofa und ist weit offener als eine Strandkabine. Das hat den Vorteil, dass der Strandschläfer liegend in den Himmel schauen kann, aber den Nachteil, dass auch jeder der vorbeikommt, hineinschauen kann.

So spazierten wir also zunächst eine Runde durch die schöne Seeanlage Achtern Diek, holten uns Pommes zum Abendbrot und studierten die vorbeifahrenden Schiffe. Um 22 Uhr waren dann aber fast alle Touristen verschwunden, das Lokal geschlossen und wir krochen in unsere Kajüte. Zunächst ließen wir das Dach offen, weil ich unbedingt in den Sternenhimmel sehen wollte, der sich an einem Junitag doch erst ziemlich spät einstellt. Als ich mich in die Koje kuschelte, das sanfte Rauschen der Wellen im Ohr, konnte ich allerdings die Augen kaum noch offen halten an diesem idyllischen Platz. Endlich blinkte der erste Stern, eine leichte Brise wehte und wir klappten unser Strandkorbdach zu. Das war gemütlicher als ich gedacht hatte, da der Korb relativ hoch ist und außerdem drei Fenster besitzt, rechts und links je eine Luke und eine große frontale, die uns Ausblick auf die Elbe frei gab. P1140574klMit einer Schiffs-App bestimmten wir Herkunft und Fahrtrichtung der großen Kähne, die über unseren analogen Bildschirm schipperten, während wir dem leisen Tuckern der Motoren lauschten, das mir tagsüber noch nie derart aufgefallen ist. Wir leerten noch eine Tüte mit Gummibärchen, standesgemäß in Form von Seepferchen und Seesternen und waren dann endgültig bereit für den Schlaf.

Zum Glück musste ich aber nachts auf die Toilette, sonst hätten wir den nächtlichen Zauber wohl ganz verpasst. Verschlafen tappte ich gegen 2 Uhr auf das borstig-weiche Deichgras, es war ganz trocken, und sog die warme Nordseeluft ein, noch immer wehte kaum ein Wind. An den Toiletten bemühte ich mich einige Zeit vergeblich, das Türschloss zu öffnen, bis mir klar wurde, dass ich aus Versehen den Bochumer Haustürschlüssel bemüht hatte. Also durch die Deichdunkelheit zurück getappt - da kam plötzlich eine dunkle Silhouette auf mich zu! Nach kurzem Erschrecken, erkannte ich erleichtert meinen Liebsten.

„Gleich ist es soweit, die AidaPerla kommt vorbei“, erklärte er mir und so krochen wir in unsere Schlafsäcke ohne das Dach des Strandkorbs wieder zu schließen und harrten auf den großen Dampfer.P1140583kl Online konnten wir verfolgen, dass er schon auf Höhe der „Dicken Berta“, wie der Leuchtturm von Altenbruch liebevoll genannt wird, sein musste, aber sehen konnten wir die Perle noch nicht. Mir drohten die Augen wieder zuzufallen, Nordseeluft wirkt doch per se entspannend und nachts um zwei auch durchaus einschläfernd. Dann endlich tauchte der Prachtkahn auf, zwei andere Schiffsspotter hatten sich ohne Strandkorb eingefunden und staunten wie wir dem hell erleuchteten Schiff entgegen, das nun majestätisch quasi direkt vor unseren Füßen vorbei wogte. Es war Niedrigwasser und die Lichter spiegelten sich im Watt, ein geradezu unwirklicher Anblick, als würde ein prunkvoller Palast an seidenen Fäden über die Welt gezogen. Ein Blick nach oben zeigte, dass unterdessen auch alle Sterne zu sehen waren, kleine funkelnde Himmelspickel und größere in denen ich ein Sternzeichen zu erkennen glaubte.

„Soll ich jetzt auch noch die Sternen-App herunterladen?“, brummte mein Begleiter, aber manche Dinge sind einfach nur zum Anschauen, sie müssen gar nicht benannt werden.

Nachdem Aida am Horizont verschwunden war und noch zwei kleinere Boote als leuchtende Punkte vorbei geschwebt waren, schlossen wir unser Kojendach wieder und ich war bald darauf tief und fest eingeschlafen.
P1140584klMorgens weckte uns das Prasseln von Regen. Das hatten die Wetterfrösche gar nicht prophezeit, aber an der Nordsee muss natürlich immer damit gerechnet werden. Wasser, Wolken, Wind und Sonne sind dort eine untrennbare Gemeinschaft Ich lauschte auf das Trommeln der Tropfen, der Wind zerrte zudem an irgendwelchen Kordeln, die in dumpfem Rhythmus gegen den Korb schlugen. Ich erwartete, dass es bald hereintropfen würde, wie ich es auch von Zeltnächten erinnerte, aber nichts dergleichen geschah. Ein wohliges Gefühl breitete sich aus, warm und trocken lagen wir gut geschützt hautnah mit dem Juniregen.

„Um 10 Uhr hört es auf“, prophezeite mein Liebster nach Blick auf seinen Minicomputer und so drehten wir uns noch einmal um, um die Regenphase zu verschlafen. Schon um halb neun hatte sich das Wetter beruhigt und nachdem wir nun bereits zehn Stunden im Körbchen lagen, war es doch Zeit, sich von der Matratze zu trennen, die zwar bequem, aber doch etwas härter als zu Hause war. Außerdem hatten wir Hunger. So rollten wir unsere Schlafsäcke ein, räumten die kleinen Schrankfächer wieder aus, die am Kopfende zur Verfügung standen und als wir das Segeltuchdach von außen verschlossen und den zugehörigen Schlüssel im dafür vorgesehenen Briefkasten hinterlegten, wurde ich nahezu melancholisch.P1140722kl Es war nur eine Nacht und doch war es schon ein richtiges zu Hause, das Körbchen. Sternenhimmel, Schiffe gucken, Wellenplaudern, Regenrauschen und zuletzt hatte noch eine Bachstelze unser Dach als Landeplatz auserwählt, war - tipp-tapp - darüber spaziert und wir hatten den Schatten ihrer Füße direkt über unseren Köpfen erkannt. Bachstelze von unten, was für eine Perspektive!

Ein Kokon am Rand des Watts ist dieser Schlafkorb und wir schlüpften als Schmetterlinge, schwebend von den nächtlichen Erlebnissen heraus.

Beim „Krämerhus“ am See holten wir zum Abschluss noch die Frühstücksbrötchen, die nach dieser romantischen Nacht natürlich besonders gut schmeckten und obwohl der Heimweg nur kurz war, hatte ich den Eindruck eine lange Reise unternommen zu haben.

VIGLi, 9. Juni 2018

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok