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Wer erzählt, dass er nach Uelzen fährt, erhält stets die gleiche Antwort: „Ach, da ist doch der Hundertwasserbahnhof“. Damit hat sich das Städtchen 2009 den Titel schönster Bahnhof eingehandelt und offensichtlich mehr Publicity als mit all seinen anderen Attraktionen, wie Drachenbootrennen, Bauernmarkt oder Triathlon.See Dabei ist letzterer in der Szene bereits als Perle des Nordens berühmt und wer mein Buch „Vom Abenteuer 100 km zu laufen“ gelesen hat, kennt die Veranstaltung unter dem Namen „Am laufenden Bändchen“.

Die zahlreichen Rad- und Laufkilometer werden nämlich mit gelben und rosaroten Gummibändern belohnt, eine phantastische Idee. Gerade Leute wie ich, die beim Unterwegs-sein leicht ins Träumen geraten und deren Uhr nicht so viel Energie hat wie der Sportler, sind mit dieser Bändchen-Lösung auf der sicheren Seite. Wir laufen und radeln keine Kilometer, wir sammeln bunte Bänder. Das war mir vor drei Jahren schon erfolgreich gelungen, daraufhin war eben ein ganzes Buchkapitel über diese schöne Veranstaltung entstanden und infolgedessen flatterte mir ein Freistart für diese Perle ins Haus. Ich war drei Jahre nicht mehr bei einer Mitteldistanz gestartet und roch sofort das Abenteuer.

„Also ich würde das schon gerne machen“, sagte ich zu meinem Schatz.

„Ich nicht“, antwortete er in seiner norddeutsch direkten Art.

„Es würde ja genügen, wenn du mitfährst“, ließ ich nicht locker.

„Letztes Mal hatten wir in Uelzen ein Hotel, wo ich nicht aufrecht stehen konnte und die Toilette war auf dem Gang“, erinnerte mich mein langbeiniger Liebling, der für spartanische Unterkünfte nicht so viel übrig hat. In der Tat hatte ich damals ein günstiges Angebot unter dem Dach erwischt, indem sich mein Liebster schon die Schulter stieß, wenn er sich aufrichtete. Für mich war das einzig wichtige Kriterium, dass es nicht weit zum Startbereich war.

„Du buchst das Hotel und ich bezahle“, verhandelte ich weiter und darauf ließ sich mein Lieblingsbetreuer ein. Wir trafen uns also an dem tollen Bahnhof, den ich mir auch genau angesehen habe, weil ich eine Weile brauchte bis ich vom Gleis zum Vorplatz gefunden hatte. Orientierung ist eben nicht mein Spezialgebiet. LaufenDeswegen ist es mir vor drei Jahren auch gelungen, mich beim Triathlon noch auf der Zufahrt zur Wechselzone zu verfahren. Ich gebe zu, das schaffen nur Leute, die eine Rad-Runde auch beim vierten Mal wie ein komplett neues Abenteuer erleben, weil sie von den Bussarden, Bäumen, Lerchen, Feldern und Bändchen vollkommen gefangen genommen sind. Ich hatte also gute Chancen meine Zeit zu verbessern, wenn ich einfach auf der vorgegebenen Route blieb.

Nun hatten wir uns aber erst einmal gefunden, mein Schatz und ich und waren bereit, Uelzen zu erobern. Essen beim Griechen, Bauernmarkt, Bummeln, ausgiebige Mittagsruhe und Streckenbesichtigung. Auf dem Foto am See, sehe ich genau aus wie vor drei Jahren, frierend vor wolkiger Kulisse und dunklem See. Nur meine Regenjacke hat eine andere Farbe.

Abends die Wettkampfbesprechung war ein echtes Kleinod. Es gab Nudeln mit Tomatensauce, Kartoffeln und Quark und eine sehr ausführliche, mit Herzblut vorgetragene Streckenbeschreibung von Organisator Markus Hecker, die mir am nächsten Tag vieles erleichtert hat.Wettkampfbesprechung

Es blieben auch so noch genug Schwierigkeiten übrig. Zunächst einmal regnete es bereits morgens und da mein Fahrrad nicht in das Auto des Liebsten passte, bedeutete dies, die vier Kilometer zum Start mit Gepäck durch den Regen zu strampeln. Da musste ich sehr an meine Kollegin denken, die mich vor dem Wochenende beim Betrachten des Wetterberichts mit den Worten getröstet hatte: „Nass und dreckig wird es ja sowieso!“

Eben, warum also nicht gleich morgens um sieben.

Ich zog alles an, was ich zur Verfügung hatte. Leider hatte ich keine lange Hose eingeplant wie scheinbar alle anderen Triathleten, aber meine einzige Jeans wollte ich nicht dem nassen Wetter opfern.

Es gibt schließlich noch ein Leben nach dem Triathlon.

So hoffen wir es zumindest alle und der Moment als einer der Sportler umkippte und wieder belebt wurde, ließ uns alle den Atem anhalten. Ich wünsche zutiefst, dass er diesen schweren Einschnitt doch gut überstanden hat und war sehr bewegt von den Rettern, die professionell ihre Arbeit machten während wir Sportler unsere Runden drehten, wenn auch plötzlich ganz still und demütig. Der Grad zwischen kraftstrotzender Lebenslust und dem Finale, das uns irgendwann allen blüht, ist mitunter hauchdünn.

Aber am Morgen war von alldem noch nichts zu ahnen und wir schlüpften glückselig in unsere Neoprenanzüge, weil diese bei Lufttemperaturen um 14 Grad auch an Land eine tolle Bekleidung sind. Das Schwimmen beginnt in Uelzen als rollender Start, statt brodelndem Wellenkampf, reiht sich eine Perlenkette der Schwimmer in die Fluten, auch hier eben eine echte Perle. Für mich ist dann allerdings der Moment, wo ich als letzte im Wasser bin noch länger und ausgeprägter als beim Massenstart, denn natürlich hatte ich mich gleich als Schlusslicht eingereiht. Markus Hecker sagte noch so nett „Wer eher gemütlich vor hat, 45 Minuten zu schwimmen, sollte sich hinten einreihen“.

Meine aktuelle Schwimmzeit für 1900 Meter lag bei 51 Minuten und zwar nicht gemütlich sondern angestrengt.

swimAber ein Zeitlimit war nicht ausgeschrieben und so machte ich mir über meine Einsamkeit keine Gedanken, genoss es einfach durch das Wasser zu paddeln, die großen Bojen immer gut im Blick und immerhin einen Brustschwimmer an der Seite, den ich dann auf den letzten 200 Metern sogar überholen konnte. Nach dem Ausstieg aus dem Wasser geht es zunächst einen sandigen Hügel nach oben, was nicht so leicht ist, denn der Anzug ist scheinbar mit Tonnen von Seewasser gefüllt und der Kreislauf noch nicht auf die aufrechte Gangart eingestellt. Es fühlte sich ein bisschen an, als würde ich versuchen einer flüssigen Zementmasse zu entkommen. Aber da stand schon Thomi und rief:

„Unter 50 Minuten!“.

Das, was für viele Triathleten bedeuten würde, sie wären ertrunken, war für mich der Ritterschlag zum Delphin-Hai-Torpedo und da war sofort das Gefühl: „Das ist ein guter Tag!!“.

In der Wechselzone kämpfte ich zwar so mit den Tücken des Materials, dass ich dachte, da stellen mir die fleißigen Helfer gleich ein Feldbett zum Übernachten bereit, aber stattdessen hat mich nur mein Lieblingspaparazzi abgelichtet wie ich da halb nackt in der Wechselzone mit Neo, Schuhen, Handtüchern und Strümpfen jongliere. Das absolute Star-Foto ist meinem Trainer dann gelungen, als ich die Fahrradrunde begann und mein Rosinenbrötchen mangels anderer Möglichkeiten quer im Mund klemmen hatte und damit aussah wie Mops mit Beute. mit BroetchenSchließlich musste ich am Anfang den Lenker beidhändig festhalten, da ich blind losradeln musste, denn meine Sonnenbrille war von Regentropfen übersät und die Sonne sowieso nicht da. Ich hätte einfach die Schwimmbrille auflassen sollen, das wäre praktikabler gewesen.

Dann reihten sich erst einmal alle die Streckenpunkte aneinander, die Markus am Vortag so vehement in der Wettkampfbesprechung beschrieben hatte und die mir einigen Respekt abnötigten. Bahngleise, Brückenkanten, Schlaglöcher, Steigungen, Haarnadelkurven. Aber das ist nur für die Leute gefährlich, die überall 40 km/h fahren, während ich mich mit 30 km/h schon wie eine Rakete fühle. Und hey, auch wenn die Strecke nicht komplett gesperrt war, so viel Platz zur freien Rennradfahrt bietet sich von Bochum aus selten und ich fand es einfach nur wunderbar durch den Wind zu schießen, auch wenn es anfangs ganz schön kalt war. Wer steigt schon bei 14 Grad klatschnass auf das Fahrrad, das würde im normalen Leben jeder als fahrlässig ansehen. Aber im Triathlon ist sowas normal und trotzdem kriegen wir alle keinen Schnupfen, sondern eine Medaille. Später waren meine Füße dann soweit erfroren, dass ich sie nicht mehr gespürt habe und da ließ sich die Kälte ganz gut ignorieren. Nach der ersten Runde hatte sich mein Betreuer auf wundersame Weise zum Verpflegungsstand gebeamt, denn nur dort war ein Support erlaubt. Ich bekam ein weiteres meiner geliebten Rosinenbrötchen und zum Glück noch ein Halstuch, weil es eben doch sehr schattig war und ich eigentlich immer mit Halstuch radele.

Danach war dann Genuss angesagt, es roch nach Holz, nach Wald, nach Wasser und an der Bändchen-Ausgabe vollführte ich stets eine kleine Ballett-Performance. Erstaunlicherweise ist es mir immer gelungen, das Band ohne abzusteigen einzufangen. Oder besser, dem begabten Bändchen-Verteiler ist es perfekt gelungen, mich mit der Trophäe zu verzieren ohne, dass ich dafür mehr machen musste, als „Da bin ich“ rufen und ihm meinen rechten Arm entgegenstrecken. Bei Kilometer 25 überholte ich eine junge Frau, die sagte „Ich mag nicht mehr“, was ich nun gar nicht verstehen konnte, denn es wurde doch gerade erst spannend. FahrradWir haben uns später noch ein paar Mal hin und her überholt und sie hat es schließlich auch bis ins Ziel geschafft, was mich sehr gefreut hat. Die Baderegel, die ich einst fotografiert habe, hat einfach immer und überall ihre Gültigkeit, sogar auf der Radstrecke: „Wenn dich (beim Schwimmen) die Kräfte verlassen, gerate nicht in Panik, sondern warte bis sie wieder kommen.“

So hielt ich es dann auch beim Wechsel auf die Laufstrecke, da waren aus irgendwelchen Gründen mein linker Fuß und meine rechte Hand eingeschlafen, was vielleicht daran lag, dass sie sich in der Kälte in den Winterschlaf begeben hatten. Aber ich geriet nicht in Panik, sondern eierte auf meinen Eisbolzen irgendwie auf die Laufstrecke, wobei ich darauf achtete meine gefrorenen Schlaffüße ausreichend anzuheben, denn es gab eine Menge Wurzeln und Steinchen, die einem zum Verhängnis werden konnten.

Meine Füße tauten schließlich auf und mein Lieblings-Laufgott war plötzlich auch wieder da, machte Fotos und lustige Sprüche und ich dachte mir, na prima, jetzt mache ich endlich das, was ich am Besten kann: Laufen.

Ich bemühte mich ein Tempo von 5:30 Min/ km zu laufen, was mir locker gelang und so war ich ganz guter Dinge und endlich war mir warm. Nach zehn Kilometern zeigte allerdings meine Uhr ihr Akku sei schwach und gleichzeitig schwanden meine Reserven exponentiell. Ich träumte eine Runde von Cola, die nicht existierte, dann tröstete ich mich mit einer Banane und dachte, dass Triathlon irgendwie flexibel macht. ZielNachdem ich mir vier der acht Laufbändchen erobert hatte, gewann ich den Eindruck, dass die Runde um den See immer länger wurde und entlang der Straße zog ein permanenter Strom an Athleten vorbei, die schon lange fertig waren und es fühlte sich ein bisschen an, wie eine Strafarbeit, hinter den Absperrgittern weiterzulaufen.

Aber so ist das, wenn man wie ich zu den letzten 20 Teilnehmern gehört, an der hinteren Spitze ist es genauso einsam wie für die Spitzenathleten ganz vorne, nur dass mein Abenteuer eben etwas länger dauert.

Ich teilte mir die kleine See-Runde gedanklich in appetitliche Häppchen: Erst durch den Wurzelwald zu dem lieben Helfer, der unermüdlich seit Stunden eine Rassel schüttelte, dann weiter durch das landschaftlich schönste Stück mit Blick auf den See, durch die Senke hindurch bis zu den freundlichen Bändchen-Verteilerinnen und schließlich an der Straße entlang locker über den Asphalt. Die Wegführung war abwechslungsreich, aber auch anspruchsvoll und zuletzt war sie auch irgendwie heimatlich.

Acht Runden waren zu laufen, nach der siebten bekam ich Seitenstechen, obwohl ich sowieso kaum noch vom Fleck kam. Es muss da irgendwo im Wald ein Kobolt gesessen haben, der meine Energiereserven vernichtete.

Dennoch konnte ich auf den letzten Metern wieder Gas geben, war Endorphin-geflasht darüber, dass ich gleich zum Ziel abbiegen und endlich meinen Herzbuben umarmen konnte.

UrkundeEs gab Kaffee, Kuchen und außer dem Neopren zog ich wieder alles übereinander, was ich besaß, denn nun war ich nicht nur nass, sondern auch müde und es war immer noch kalt. Immerhin hatte es aufgehört zu regnen. Da hörte ich plötzlich meinen Namen und tatsächlich rief mich Organisationsleiter Markus auf, weil ich den ersten Platz meiner Altersklasse gewonnen hatte. Das war so in etwa wie ein Tor in der Nachspielzeit, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Ich bekam ein Handtuch, eine Medaille, eine Urkunde und platzte vor Glück. Immerhin hatte ich mich gegenüber dem letzten Mal in Uelzen tatsächlich um 20 Minuten verbessert, obwohl mir doch ständig alle vorrechnen, dass sowas in meinem Alter nicht geht. Man muss einfach nur langsam genug anfangen, dann ist eine Steigerung auch mit 57 Jahren noch drin, das ist der ganze Trick.

Die letzte Einheit hieß dann zum Bahnhof radeln, um im wunderbaren Hundertwasserambiente mit dem Liebsten Fotos und Erlebnisse zu sortieren. Die härteste Etappe war dann die Zugfahrt mit zwei Mal Umsteigen und dem üblichen Bahnsteigsprint („bitte beachten sie die umgekehrte Wagenreihung“). Dabei kann ich als zertifizierter Perlenfinderin nun eindeutig bezeugen: Uelzen hat viel mehr zu bieten als seinen Bahnhof!


VIGLi, 24. Juni 2018

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