.

Alljährlich loben meine Franks* die Vereinsmeisterschaften aus. Das bedeutet, dass es einen Wettkampf gibt, um die interne Rangordnung festzulegen. Da zählt es nicht, dass wir einen Ober-Frank haben, den immer alle alles fragen, weil er ein begabter Organisator ist oder eine Frankine, die quasi komplett die Ausbildung des Nachwuchses stemmt, oder dass einige schon in Hawai oder sonstwo auf der Eisenmannstrecke erfolgreich waren. Bei dem Rangordnungskampf geht es nur um die Schnelligkeit an diesem einen Tag. P1150889kl

Da sich mehr Teilnehmer dafür erwärmen lassen, eine kurze Strecke zu bewältigen, handelt es sich meistens um eine Sprintdistanz, also 500 Meter schwimmen, 18 bis 20 km radeln und 5 km laufen. Dazu kommt der Wechsel zwischen diesen Disziplinen und die Orientierung, was für mich immer der härteste Brocken ist. Ich gehörte dabei nicht zu den regelmäßigen Teilnehmern der Vereinsmeisterschaften, weil Sprintdistanz einfach zu kurz ist, um meinen inneren Motor in Schwung zu bringen und die zugehörige Anfahrt meinen ökologischen Fußabdruck total verschlechtert. Aber dann war es halt doch gerade wieder so lustig mit meinen Franks, dass ich dachte, das kann ich der Ökologie zumuten, weil ich infolge einfach ein glücklicherer Umweltschützer bin und damit bestimmt achtsamer.P1150721kl

Die Wahl fiel auf die Sprintdistanz in Essen.

Das war schon Mal von Vorteil, weil Essen nicht so weit weg von Bochum ist, das lässt sich bekanntlich auch laufen (siehe „Vom Abenteuer 100 km zu laufen“, Klartextverlag). Aber natürlich will das niemand vor einem Triathlon, 25 km zum Start joggen. Zum Glück war mein Lieblingsbegleiter aus dem hohen Norden im Ruhrpott und bot sich als Begleiter und Chauffeur an.

Die erste Hürde bestand darin, die Anfahrt zu finden, obwohl uns die Navigationsdame mit voller Überzeugung in die bereits gesperrte Wettkampstrecke lotsen wollte. Nach einigem Hin und Her fanden wir aber jenseits der rot-weißen Hütchen einen Durchschlupf und konnten dabei schon die Athleten bestaunen, die bereits unterwegs waren. Offensichtlich ging es bergauf und immer an der Autostraße entlang. Es war also auf den ersten Blick nicht das, was man sich unter einer erholsamen Landschaftstour vorstellt. Kaum hatten wir den Parkplatz bezogen, verfluchte ich bereits, dass meine Gepäcktasche kein Rucksack war, denn wir mussten doch noch ein ganzes Stück zu Fuß gehen. Zum Glück hatte ich angesichts des schönen Wetters nicht sehr viel dabei, weder Neopren noch Jacken schienen notwendig, einzig Rad- und Laufschuhe waren von Bedeutung, den Rest der Wettkampfkleidung trug ich bereits am Körper.

Je näher wir allerdings der Wettkampfzone kamen, desto chaotischer wurde es, überall Pfeile, Absperrungen, Menschen. P1150711klHier und da tauchte ein Frank auf und mit kollegialem Einsatz fanden wir den Pavillon, der von unserem Verein positioniert war.

So der rechte Teamspirit entwickelte sich zunächst allerdings noch nicht, jeder war mit sich selbst beschäftigt. Ich entdeckte ein paar unbekannte Gesichter, erfuhr den ein oder anderen Namen, den ich sofort wieder vergaß, weil ich mich darauf konzentrieren musste, eine Toilette zu suchen und den Streckenablauf zu verstehen. Natürlich hatte ich mir dazu am Vortag die Kartenpläne im Internet angesehen, aber die Anzahl der Pfeile, die dort übereinander gezeichnet waren, ähnelten für mich einem schwer verschlüsselten Kreuzworträtsel.

Zunächst galt es, das Fahrrad in der Wechselzone zu deponieren. Aber da enthüllte sich erst, welche organisatorischen Hürden vor uns aufgebaut waren: Es gab eine kleine schmale Straße die alle Triathleten während des Wettkampfs zu Fuß und mit dem Rad nutzen mussten, die aber auch zu Beginn schon von allen Teilnehmern mehrfach gequert werden musste, um an die Startunterlagen und in die Wechselzone zu gelangen. Zudem flanierte eine nicht unerhebliche Anzahl von Nicht-Teilnehmern dort entlang, die entweder als Zuschauer oder Betreuer an der Strecke waren oder gar einen friedlichen Sonntagsspaziergang am See unternehmen wollten. Das konnten sie sich allerdings knicken, es war eher ein unfreiwilliges Festival à la Wacken. Aus den Lautsprechern dröhnten Ansagen, dazu wogten die Menschenmassen durch das Nadelöhr und die armen Helfer, die den Fußgängerverkehr regeln sollten, brüllten abwechselnd „Stopp“ „Läufer“ „Jetzt“ und „Nein, doch nicht“, was zu Rap-artigen Bewegungen im Getümmel führte. Immerhin ist es den Helfern gelungen, Zusammenstöße zu vermeiden, aber ich fürchte, dass sie für alle Zukunft als Helfer verschlissen sind, denn ihr Job war hart und undankbar. Neben mir spielten sich wahre Dramen ab, einer jungen Frau liefen die Tränen über das Gesicht „Ich muss doch noch meine Startunterlagen abholen“, andere winkten sich zu und versuchten sich durch Rufen zu verständigen, was den Lärmpegel erhöhte, aber die Verständigung nicht verbesserte.

Ich ließ mich mit einer Mischung aus Staunen und Entsetzen durch das Getümmel treiben und dann plötzlich entdeckte ich einen Fels in der Brandung: Meine Franks mit Teddybär! P1150912klJawoll, ich hatte diesmal tatsächlich keinen Talisman dabei, weil ich mir schon gedacht hatte, mit ein paar Franks ist man immer auf der glücklichen Seite. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um so ein Miniaturexemplar von Glücksbringer, der in einer Hosentasche untergebracht werden konnte. Nein, es war ein lebensgroßer Bär dabei, den die Herren auf eine Trage geschnallt hatten. P1150707klMotto: Wenn einer im Team krank ist, kommt er trotzdem mit. Wir kämpfen nicht nur um schnelle Zeiten, sondern vor allem um Teamgeist und Freundschaft! Als zweiter Freundschaftsbote war ein Elefant mit von der Partie. Da er mit auf die Radstrecke sollte, trug er einen Radhelm wie wir alle, das steht schließlich so im Reglement. Und weil die beiden Tiere, die aus einem Kinderzimmer entliehen waren, schon groß genug waren, hatten die Herren bei den Rädern etwas abgespeckt. Statt Rennmaschinen hatte sich das Viererteam mit Klapp- und Hollandrad ausgestattet. Motto: Jeder fängt Mal klein an. Damit war klar, die vier Herren mit Bär wollten sich nicht um den Platz des Vereinsmeisters fetzen, sondern ein Zeichen für Solidarität und Kameradschaft setzen. Dass diese edelmütige Idee aus einer Bierlaune heraus entstanden war, spricht eindeutig für die Franks, denn es gibt Menschen, die unter Alkoholeinfluss weniger phantasievoll sind.

So sind sie eben, meine Franks und deswegen ist es möglich, dass eine völlig chaotische Sprintdistanz wunderbar wird, das war mir in diesem Moment sofort klar. Bei der letzten Vereinsmeisterschaft war ich als Letzte mit Jubel im Ziel empfangen worden und diesmal hatte ich überhaupt eine Chance, gar nicht das Schlusslicht zu werden. Die nächsten Minuten verflogen und plötzlich standen meine 25 blau-weißen Vereinskollegen am Einstieg zur Schwimmstrecke im Baldeneysee, ich drückte meinem Liebsten noch meine Schuhe und mein Handy in die Hand und versuchte kurzfristig zu erfahren, in welche Richtung wir eigentlich schwimmen sollten. Nachdem ich drei verschiedene Antworten erhalten hatte, hoffte ich, dass sich das im Wasser sortieren würde und ließ meine Füße erst einmal in das liebe Ruhrwasser baumeln, um mich zu akklimatisieren. Manche schwammen sich ein, aber das kam für mich nicht in Frage, denn so warm war das Wasser nun auch wieder nicht und die Kante von der wir zu springen hatten, war so hoch, dass ich das nasse Element nicht mehr würde verlassen können, wenn ich einmal darin war. P1150730klWeder Klimmzug noch Liegestütze gehört zu meinen körperlichen Möglichkeiten.

Ich saß also Füße-baumelnd am Ufer und betrachtete mein Umfeld. Da entdeckte ich, dass eine junge Frau neben mir, die Startnummer in großer schwarzer Schrift auf dem Arm trug, so wie das bei vielen Wettkämpfen üblich ist. Ein neuerlich Schreck durchfuhr mich, hatte ich die Beschriftungszone verpasst?

„Wer hat dir denn die Nummer auf den Arm geschrieben“, fragte ich deshalb mit klopfendem Herzen.

„Mein Vater“, lächelte mich die Sportlerin an.

Es schien, dass hier jeder so ein bisschen machte, was er wollte. :-)

Ich ließ mich ins Wasser sinken, fand es auch gar nicht so kalt, dann wurden wir hinter eine Startlinie geschubst und vielleicht gab es einen Startschuss, ich merkte nur, dass sich der Vielkörperleib aus Teilnehmern mit orangenen Badekappen in Bewegung setzte und ich als Teil des Ganzen vorwärts schwappte. Kurz zuvor hatte ich noch erfahren, dass unser Ziel eine winzige orangene Boje war, die eigentlich niemand sehen konnte, wenn er nicht direkt davor stand oder schwamm. Hatten wir diese umrundet, mussten wir ein weiteres Exemplar dieser Art ausfindig machen, obwohl ich im Gegenlicht eigentlich nur die kleinen Wellenkämme der Ruhr sah, die vom Wind aufgebürstet wurden.

Die Boje war aber auch egal, denn erstmals paddelte ich nicht als letzte hinter dem Feld hinterher, sondern schwappte mit all den anderen Franks und Nicht-Franks durch die Wellen. Mein Freund fotografierte derweil den letzten Schwimmer, weil er sich sicher war, das konnte nur ich sein und so weiß ich, dass es wieder einsame Letzte gab, nur war das ausnahmsweise nicht ich. P1150816klStattdessen hatte ich gar nicht den Eindruck zu schwimmen, eher fühlte ich mich wie in einem Fischbauch mit dem ich vorwärts schwappte. Einmal landete mein Arm auf dem Rücken eines Herrn der vielleicht dachte, ich wollte bei ihm Huckepack einsteigen, also entschuldigte ich mich ordentlich. Zwischendrin fragte ich auch einmal in den Fischleib hinein nach der unsichtbaren Boje, aber die anderen waren nicht ganz so zum Unterhalten aufgelegt. Also tauchte ich wieder ab und fand das ganze ziemlich lustig.

Am Schwimmausstieg kamen wir in unserer Menschenwolke an, und mussten erst einmal eine Minute warten, denn niemand konnte hier eigenständig das Wasser verlassen, vielmehr wurden kräftige Helfer benötigt, die uns die Hand reichten und einen nach dem anderen auf die glitschige Böschung hievten. Da weinte schon wieder eine Frau neben mir und ich half noch, sie nach oben zu schieben, Panik im Wasser ist einfach nicht gesund. Wir anderen warteten ordentlich bis wir an der Reihe waren und ich dachte, dass es doch eine seltsame Veranstaltung ist bei der ich endlich Mal eine gute Schwimmzeit habe, um die dann an einem Quasi-Stoppschild wieder aufzulösen.

Dann war diese Hürde geschafft und kaum auf meinen zwei Beinen angekommen, lief ich munter los, fand sogar ohne Umwege mein Fahrrad und konzentrierte mich: Schuhe an, Helm auf, Startnummer um, kein Handgriff darf vergessen werden. Dann musste man das Fahrrad noch ein Stück schieben, ehe die wilde Fahrt begann. P1150821klDa lagen nun alle neuralgischen Punkte vorerst hinter uns und wir konnten auf einer eigens abgesperrten Straße dahin rasen. Ich trat in die Pedale, war zu meiner Freude direkt bei 35 km/h und mir fiel ein, dass ich dieses Jahr schon 5000 Radkilometer auf dem Tacho hatte. 90% davon mit dem Tourenrad. Nun saß ich auf meinem leichten Rennflitzer, da ging die Post ab und mir war klar, dass dies heute die Disziplin mit meinem größten Potential war. Schließlich waren nur 18 km zu fahren, da brauchte ich mir keine Körner für irgendwas aufzuheben. Schon nach kurzer Zeit überholte ich zwei aus dem Verein, die eigentlich erst auf der Laufstrecke mit mir gerechnet hatten und die wilde Überholjagd ging immer weiter. Es waren wohl doch schon viele vor mir aus dem Haifischbecken entkommen.

Auch auf der Radstrecke gab es noch einen Moment der Verwirrung, aber gerade als ich rätselte, ob das jetzt korrekt war, dass ich diese Steigung nach oben schwitzen musste, kam mir auf der anderen Seite ein Frank mit Elefant entgegen, schrie „Juchhuuu“ und alles war gut.

Beim nächsten Wechsel warteten nun die geliebten Turnschuhe und auf ging es in den kühlen Wald. Die schnellsten Franks kamen mir entgegen, wir klatschten uns ab und jedes Mal saugte ich ein Stück Energie ein. Die nächste Verwirrung entstand als unsere Topathletin aus dem Verein plötzlich hinter mir auf der Laufstrecke war. Ich dachte, dass das nur möglich ist, wenn sie sich verletzt hat oder ich verkehrt laufe. Wie sich später heraus stellte, hatte sich aber die künftige Vereinsmeisterin verirrt und war die Strecke verkehrt herum gelaufen, was ihr trotz gleicher Kilometerzahl eine Disqualifikation des Veranstalters einbrachte. Triathlon ist ein komplizierter Sport wie man sieht, nicht nur für solche Träumerle wie mich.

An der nächsten Ecke lauerte erneuter Zweifel, denn diesmal wies nach 2 Kilometern Laufstrecke ein Schild gen Ziel, was mir deutlich zu früh erschien. Ich hielt deswegen extra an, um einen Helfer zu fragen, ob das denn der richtige Abzweig in dem Gewirr für mich sei und er gab die erhellende Antwort „Was?“

Also rannte ich zweifelnd weiter, zum Glück stand da mein Thomi an der Strecke und bedeutete, mir, dass es jenseits des Zielbogens zunächst noch eine Runde am See entlang ging. P1150896klDas passte, rechts Schiffe und Wasser, links Bäume, die Hitze war erträglich, aber 5 km können doch auch ganz schön lang sein. Ich fragte mich, wann denn nun endlich der Wendepunkt käme oder ob ich nun doch wieder bis Duisburg laufen musste, ehe ich am Ziel war.

Aber statt des Rheinorange tauchten die Franks mit Bär vor mir auf. Hatte ich sie also tatsächlich fast eingeholt! Der nächste Kilometer war beseelt von dem Gedanken zu der Truppe mit dem „kranken“ Bären aufzuschließen und dabei überholte ich, wie ich später erfuhr, noch meine letzte Altersklassenkonkurrentin. Auf der Zielgeraden beschleunigten die kräftigen Herren allerdings trotz ihrer Last noch einmal, so dass ich den Anschluss knapp verlor. Aber kurz nach ihnen sprang ich ins Ziel und war glücklich. Das muss man sich Mal vorstellen, die VIGLi zugleich mit ihren bärenstarken Franks im Ziel, das hat schon was! P1150906klNach ein paar Wespen-umschwebten Obststücken, etlichen Fotos und einem kurzen Interview mit der Presse, packte jeder seine Siebensachen und sah zu, dass er aus dem Gewusel wieder herausfand. Abends beim Grillfest im Vereinsbad, feierten wir dann noch unsere persönlichen Siege und kürten die Vereinsmeister. Dabei zeigte sich, wie viel es nach so einem Wettkampf zu erzählen gibt, jeder hatte andere Hürden überwunden und so entwickeln sich aus einem Sonntagnachmittag, abenteuerliche Geschichten und Anekdoten, die weit über den Tag hinausreichen. Das ist mit einem gewöhnlichen Sonntagsspaziergang einfach nicht zu vergleichen, obwohl es doch kaum anderthalb Stunden sind.

Bär und Elefant waren nicht mehr mit auf unserem abendlichen Fest, die mussten von ihrem großen Abenteuer erst einmal ausschlafen. Das können sie wahrscheinlich immer noch nicht fassen, wie es ihnen gelungen ist, so eine weite Strecke zu radeln und zu laufen mit ihren flauschigen Beinchen. Aber so ist das eben mit meinen Franks, zusammen sind wir bärenstark!

VIGLi, 1:21:34 Std. (1. Von 5 in der Ak W55)

* Franks heißen meine Teamkollegen aus dem Triathlonverein, warum das so ist, steht in meinen Büchern

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok