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Als Läuferin bin ich naturgemäß viel draußen unterwegs und treffe nicht nur auf Blümchen und Bäume, sondern auch auf so einiges Getier. Diesmal lockte die Bergziege an den Baldeneysee. 2018 09 16 09.52.12klDie Bedingungen waren weit milder als im Frühjahr bei der Yeti-Jagd, kuschelige 20 Grad, kein Regen. 19 Kilometer mit ca. 440 Höhenmetern waren zu überwinden, aber da das Abenteuer nicht in den Alpen stattfand, waren weder Gletscherspalten noch Gipfelgondeln zu erwarten. So dachte ich am Anfang. Stattdessen hatte ich meine gelliebte Ruhr an der Seite und zudem einige Franks, wie ich meine Vereinskollegen alle nenne. Eine unschlagbare Kombination, die meine Schreiberlingsfinger schon zu mehreren Büchern inspiriert hat. Getoppt wurde das nur dadurch, dass mein Liebster aus dem hohen Norden, auch Deichschaf genannt, mit auf Tour ging. Obwohl er nie versteht, wieso es Orte gibt an denen so viele Deiche übereinander gestapelt werden, läuft er die Höhenmeter leichtfüßig, wenn anschließend eine Bratwurst winkt.

Zu viert reisten wir gemeinsam im Auto an und die gewohnte Tiefstapelei quoll aus den morgenmüden Mündern. - Ich trainiere gar nicht – Mein letzter Lauf ist Monate her- Das Ist heute nur ein Trainingslauf- usw. Mir war klar, dass alle drei Herren trotzdem vor mir im Ziel sein würden, egal ob Schaf oder Frank. Aber so etwas ist nicht das Schlechteste, da gibt es wenigstens eine angemessene Begrüßung. So dachte ich am Anfang...

Zunächst war alles sehr vergnüglich, wir applaudierten den Sportlern, die sich direkt neben dem Badeverbotsschild zur Swim-Run-Challenge in die Fluten stürzten, chillten ein wenig durch das Seaside Gelände und holten unsere pinken Startbeutel ab. Ein weiterer Frank war per Rad gekommen, uns viel Spaß zu wünschen, einige weitere bekannte Gesichter tauchten hier und da auf und verwandelten den Wettkampf in ein fröhliches Sonntagmorgen-Happening. 2018 09 16 11.04.08klPünktlich um 10 Uhr wurden wir auf die Strecke geschickt und meine einzige Sorge war eigentlich, dass ich mich verlaufen könnte. Nicht weil der Essener Stadtwald so finster und unübersichtlich ist, sondern weil es dort viele Wege gibt und eben nur einer zum Bergziegen-Trailrun gehörte, der aus verschiedenen Schleifen bestand. Es gibt nämlich keinen Baldeney-Berg, der 400 Meter aufwärts führt, sondern man muss sich die Höhenmeter durch geschickte Streckenwahl zusammensammeln wie die Murmeltiere ihren Alpenklee. Wir wurden aber von Bergziegen-Hütern bestens betreut, die uns im Zweifel den Weg wiesen. Der Pfad wechselte zwischen Asphalt, Kies und Wurzelweg, führte mehrfach hoch zur besten Aussicht auf den See, auf dem sich so nach und nach immer mehr kleine Segelboote tummelten. Das Läuferfeld zog sich schnell auseinander und zwischendrin war ich ganz allein im Wald. Es tauchten allerdings keine Berggnome, Gämsen und Gletscherspalten auf, sondern nur Spaziergänger, Wanderer und Radfahrer, die sich darüber wunderten, warum verschwitzte Menschen, wahlweise mit Badekappen oder Rucksäcken an ihnen vorbei rannten, als wäre der Yeti persönlich hinter ihnen her. Der lebt aber in der Wingst, wie in Läuferkreisen bekannt ist, insofern war ich da auf der sicheren Seite. Hin und wieder ließ sich ein Piepen vernehmen, das nicht zu einem Vogel, sondern einem Läufer gehörte. Seine Elektronik war auf ein höheres Durchschnittstempo geeicht und beschwerte sich, wenn derjenige an den Steigungen nicht die erforderliche Leistung brachte. IMG 5467klDie Baldeney-Berge bedürfen eben einer gesonderten Programmierung, die da heißt: Aufwärts schnaufen und abwärts vor allem nicht stolpern.

Ein Läuferpaar kristallisierte sich schließlich heraus, das in etwa mein Tempo lief, alle paar Kilometer überholten wir uns gegenseitig, als wären wir mit einem unsichtbaren Gummiband miteinander verbunden. Sie war ein bisschen langsamer unterwegs als er, weshalb er zwischenzeitlich kleine Spurts einlegte, um sich auszutoben und als er gerade auf irgendeiner einsamen Hügelkuppe neben mir trabte, dachte ich, es wäre an der Zeit, sich vorzustellen. „Ich heiße übrigens Verena und du?“, eröffnete ich das Gespräch. Was er antwortete konnte ich gar nicht so ganz fassen, obwohl er es zwei Mal wiederholte. Er sagte tatsächlich: „Frank“ Dass ich daraufhin fast lachend über die nächste Wurzel gefallen wäre, leuchtete meiner neuen Bekanntschaft nun nicht so ganz ein. Schüchtern meinte er: „So heißen doch viele.“

Man muss sich das Mal vorstellen, da habe ich nun schon drei Bücher über die Erlebnisse mit „meinen Franks“ geschrieben und dann komme ich mit dem möglicherweise einzigen Trailläufer des Tages ins Gespräch, der tatsächlich so heißt. Ich versuchte ihm kurz und knapp zu erklären, was es mit den Franks auf sich hat Buchtitelund er fragte, ob ich denn für einen Berglauf trainieren würde. „Nö, gab ich zurück, ich mache einfach nur überall mit, wo es gerade lustig ist.“ Und pfiffig kombinierte mein Bergziegenbegleiter „Also machst du alles mit, wo die Franks sind!“ Er hatte es genau verstanden.

Solchermaßen beglückt überholte ich den echten Frank und seine Begleiterin auf den letzten Metern, lief einfach frank und frei ein bisschen schneller und bog vorfreudig auf die Zielgerade ein.

Da stand schon der erste meiner Franks an der Strecke und rief „Super, gib noch Gas, das wird noch unter zwei Stunden“ und im Augenwinkel entdeckte ich auch schon mein flottes Deichschaf, die Kamera in der Hand. Sicher wollte er gleich meinen famosen Zieleinlauf ablichten. Das ist wunderbar, so einen Partner zu haben, der immer zuerst im Ziel ist und dann solche unvergesslichen Zielmomente für die vorübergehende Ewigkeit einfangen kann. Aber was war das? Der Süße fotografierte gerade eine andere Frau, als ich an ihm vorbei schoss. Es war tatsächlich eine Frau und keine Bratwurst, die Prioritäten meines Liebsten sind für mich unergründlich.

2018 09 16 12.02.58klZum Glück stand im Ziel ein weiterer Frank und fing mich auf. Wenn ich mit meinen Franks unterwegs bin, bin ich da immer auf der sicheren Seite. Kurz darauf kam der Liebste reumütig angetrabt, er hatte der Dame einen Fotodienst erwiesen, weil sie gestürzt war. Das wiederum ist mir zum Glück erspart geblieben. Die Pflaster, die oftmals meine Kniee zieren, kamen heute nicht zum Einsatz. Stattdessen wurde ich mit einer Medaille belohnt, ziemlich vielen Umarmungen und einer Zielzeit von 1:59:05, was meine Erwartungen deutlich übertraf.

Meinen Herren erzählte ich natürlich sogleich, dass ich unterwegs einen echten Frank kennengelernt hätte und postierte mich am Zielbogen, um von diesem noch ein Siegerfoto zu erhaschen, denn er musste schließlich kurz nach mir eintreffen. Allerdings war in diesem Bereich eine dünne schwarze Schnur verspannt, die wohl das Bergziegen-Siegestor aufrecht hielt, aber dafür dazu angetan war, alle Läufer umzuwerfen. Fröhlich blinzelten die Trailläufer siegesselig gegen die Sonne und erwarteten nun auf der Wiese kein Hindernis mehr. Mehrfach konnte ich einen Bodenflug verhindern, indem ich mich als Schnurwächterin aufstellte. Mag sein, dass ich dadurch den echten Frank verpasst habe, jedenfalls stand ich da und wartete und wartete und meine Franks sagten, das war ein Phantom, eine Fata Morgana, du hast da in der Höhenluft phantasiert, es gibt doch außer uns sowieso niemanden.

So zogen wir ab in die Liegestühle. Mit Bratwurst die einen, mit Kaffee die anderen- Als wir dort eine Weile die Sonne genossen hatten, meinte ein Frank, ob jemand Geld dabei hätte. Ich hatte meine Wertsachen wie immer im Bauchgurt und hob die Hand.

„Dann hole ich für uns alle eine Runde Getränke“, verkündete der Frank daraufhin euphorisch. Na gut dachte ich mir, ist eine nette Idee und rief: „Ja, los ich gebe einen aus.“
Darauf der Frank: „Nein, ich!“
„Ach so, du?“, fragte ich verwundert nach. „Aber das ist doch mein Geld.“
Der Frank hatte das aber schon so weiter gedacht, dass er mir die Moneten später wiedergeben würde. Also zog er mit meinem-seinem Geld los, wir hatten alle noch ein kühles Getränk im Liegestuhl am Strand des Baldeneysees und der Tag war gut, richtig gut. IMG 5484kl

Zum Abschluss lauschten wir der Siegerehrung und ich musste mit blutendem Herzen feststellen, dass es eine kuschelige Stofftier-Bergziege tatsächlich nur für die allerschnellsten gab. Da hatte ich natürlich keine Chance, meiner Stofftiersammlung auf diesem Weg noch ein Tierchen hinzuzufügen. Als Trost hatte ich meine Franks und das Original-Deichschaf, das unterdessen zumindest keine anderen Frauen mehr ablichtete. Auf dem Heimweg stellten wir fest, dass der Weltrekord beim Berlinmarathon geknackt worden war. Wahnsinn. Berlin ist einfach immer für eine Überraschung gut.

Aber Baldeney fängt immerhin auch mit B an und der Steig bietet wirklich schöne Aussichten ohne die Gefahr von Gletscherspalten. Obwohl: Nachdem der Strecken-Frank für mich verschollen blieb, bin ich mir nicht so ganz sicher. Vielleicht sollte ich noch einmal hin und nachsehen, was sich dort für geheime Abgründe auftun, die ganze Franks verschlucken. Auf den vielgestaltigen Pfaden habe ich sicher sowieso einiges übersehen, was das Wiederkommen lohnt. Und dass ich für den Bergziegen-Pokal zu langsam war, das kann ich verschmerzen. Wer will schon jemanden zu Hause haben, der ständig meckert?

VIGLi, Trailrun Urban Challenge 16.9.2018

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