.

Der Herbst ist DIE Zeit für Läufer. Die Kondition platzt aus allen Nähten, weil uns das sommerliche Training gestählt hat und außerdem ist es nicht mehr so heiß. Als herbstliches Traumziel ist neben dem New York-Marathon vor allem Bottrop bekannt. Der Vorteil ist, dass wir kein Flugzeug brauchen, um in Bottrop zu starten - es sei denn jemand wohnt in New York, da würde sich der Flug aber allemal auch lohnen. P1160636klWeiterhin gibt es in Bottrop viele bunte Bäume statt großer Häuser und außerdem hat der Herbstwaldlauf den „Kumpel-flair“. Annodunnemal stand nämlich der Verein Adler Langlauf nach einem Brand ohne Behausung da und die Bergleute – von jeher an Kameradschaft gewöhnt – boten die Kaue von Prosper Haniel an. Damit war nicht nur ein Quartier gefunden, sondern auch ein Markenzeichen.

Prosper Haniel avancierte damit zum Publikumsliebling. Alle, die nicht unter Tage schuften müssen, fanden das Zechenambiente  chic und die Bergleute fühlten sich dort sowieso zu Hause. Der Förderturm thront seitdem als Wahrzeichen über Start und Ziel des Bottroper Herbstwaldlaufs. Dazwischen liegen wahlweise knapp sieben, zehn, 25 oder 50 Kilometer und eine 1A Organisation vom Verein Adler-Langlauf.

Dieses Jahr fand die Veranstaltung tatsächlich zum 46. Mal statt, die Geburtsstunde des Laufs liegt also irgendwo in der grauen Vorzeit des letzten Jahrtausends und wahrscheinlich gibt es nicht sehr viele, die sich daran noch erinnern können. Obwohl 46 eine ziemlich krumme Zahl ist und kein rundes Jubiläum – meine Schwester meinte bei meinem 46. Geburtstag „Damit verbindet man ja gar nichts“ – hatte es diese 46 in sich. Der Kohleausstieg hat auch Prosper Haniel erreicht und ab 2019 ist Schicht im Schacht. Deswegen sollte dieser Abschied noch einmal ordentlich zelebriert werden und die Gästeliste war entsprechend lang. 2500 Läufer fanden sich ein und die Bottroper Adler mussten ein Teilnehmerlimit ausrufen damit es in der Kirchheller Heide nicht so eng wurde wie am Münchner Marienplatz. P1160612klEntsprechend wurden die Startplätze vorher noch gehandelt wie Grubengold, denn natürlich wollte jeder bei diesem legendären Abschied dabei sein. Ich wühlte im Kleiderschrank, fand ein Bottrop-Shirt von der 42. Veranstaltung und hatte eigentlich angenommen, dass sich auf der Strecke zahlreiche Herbstwaldlauf-Shirts finden würden, schließlich sind die T-Shirts doch so etwas wie ein Fotoalbum. Das war dann aber gar nicht der Fall und so bekam ich für mein Shirt sogar noch einen Pokal: „weil du so schön aussiehst!“ Die Veranstalter hatten ihre Keller geleert und es waren eben noch Pokale vom 42. Mal übrig. Manchmal genügt also schon die richtige Kleiderwahl, um gekürt zu werden.

Bis zu diesem Moment war aber schon viel passiert. Erst einmal hatte ich mich morgens um viertel vor sieben in Bochum auf mein Rad geschwungen, eingepackt wie ein Eskimo am Polarkreis, denn die Temperaturen gingen gegen Null. Dank Navigationsgerät konnte ich ohne Umwege sehr stilecht via Erzbahntrasse und Gelsenkirchener Parkwege nach Bottrop rollen. P1160637klDabei konnte ich mich noch gut erinnern, dass ich die Strecke auch schon zu Landkartenzeiten geradelt war und mir die Anreise damals wie ein großes Abenteuer erschien an dessen Ende ich eher verwundert war, dass ich das Ziel tatsächlich erreichte.

Diesmal startete ich meine App und freute mich einfach auf den Sonnenaufgang, der dann allerdings nach dem Motto „Unter Tage ist doch auch kein Licht“ ziemlich dürftig ausfiel. Es war einfach irgendwann hell genug, um ohne Licht zu fahren. Als ich in die letzte Straße vor der Zeche einbog, schoben sich schon Trauben von Autos gen Zeche und ich entdeckte einen einzigen Läufer, der auch mit dem Rad anreiste. Er kam aus Berlin. Allerdings radelte er nur das allerletzte Stück von seinem Quartier aus. Er hatte sich bisher alljährlich mit den Bottroper Adlern anlässlich des Berlin-Marathons getroffen. Nun war er eingeladen, sich endlich auch Bottrop anzusehen. Leider habe ich ihn hinterher nicht mehr getroffen, aber ich bin mir sicher, dass es ihm gefallen hat. Ich habe jedenfalls noch nie einen Läufer gesehen, der Bottrop nicht mag. Vielmehr bekommt jeder so ein Strahlen ins Gesicht und ein paar Anekdoten auf die Lippen. Viele sind in Bottrop ihren ersten Ultra gelaufen, etliche sind Wiederholungstäter, weil Bottrop ist irgendwie so wie Weihnachten, das steht immer im Kalender.

Für mich fiel der Startschuss diesmal um 9:40 Uhr, denn ich hatte mich gemeinsam mit 800 weiteren Läufern für die 25 km entschieden. Wegen des großen Starterfelds habe ich weder die Ansprache noch den Startschuss gehört, aber es war natürlich trotzdem irgendwie feierlich. Dass die Ruhrkrainer aus Essen mit Blasmusik für Stimmung sorgten hatte ich schließlich vorher gelesen, da machte es auch nichts, dass ich beim legendären Start statt der Musik nur neben mir hörte „Ich habe noch keine GPS-Verbindung“. P1160617klAber was brauchten wir auch GPS, wir waren alle miteinander verbunden und nachdem ich eine Handvoll Bekannte getroffen hatte, fühlte es sich sowieso schon wieder an wie ein Familientreffen, auch wenn ich vielleicht 2440 Läufer diesmal zum ersten Mal sah. Wir schoben uns kuscheldicht über die Startlinie, winkten den zahlreichen Fans und ab ging es in den Wald. Mit schöner Regelmäßigkeit standen die Adler am Wegesrand und verteilten Kekse, Gummibärchen und Getränke. Das war dieses Jahr genau wie immer.

Ich konnte immerhin schon die 6. Teilnahme verbuchen, was natürlich angesichts der 46 Veranstaltungen nur 13 % sind, aber doch schon genug, um sich als Stammgast zu fühlen. Wir starteten in einem so großen Pulk, dass ich aufpassen musste nicht zu stolpern, aber nach ein paar Überholmanövern hatte ich eine Lücke und außerdem gleich ein Gespräch. „Ach ja, beim 42. Mal waren wir auch dabei“, meinte zwei Läufer mit Blick auf mein T-Shirt. Weil wir über ein, zwei Kilometer dasselbe Tempo liefen, kürten mich die beiden zu ihrem Ballon. (Das sollte keine Anspielung auf meine Figur sein, sondern ist in Läufersprache die Bezeichung für die Führungsläufer mit konstantem Tempo). So lief ich also kugelrund und luftig. „Na und, was war da die schönste Erinnerung beim 42. Mal?“, hakte ich nach und freute mich auf einen spannenden Rennbericht. Leider habe ich davon aber nur Bruchstücke mitbekommen – Peitsche… Wettrennen.. ungeplant – weil aus meinem imaginären Ballon die Luft entwich und ich allmählich hinter meinen Gesprächspartnern zurück blieb. Auf deren T-Shirt stand nicht Bottrop, sondern: „90% der Läufer sind schneller als ich, aber 99% bleiben auf der Couch“. Nun gehörte ich also zu der elitären 10% Gruppe, die langsamer war als diese beiden Herren. VIGLiundStepDas fühlte sich nicht so motivierend an und ich erinnerte mich an verschiedene Ultraläufe, wo ich müde und hungrig mit meiner Begleitung über Pizza mit Pommes philosophierte und über Gnome, die aus dem Wald auftauchten und Haferflocken verteilten, um uns aus einem Schwächeanfall zu retten.

Aber mein Tief dauerte diesmal nicht lange, ich wollte auch gar nicht hetzen, hatte extra die Kamera mitgenommen, um ein paar der Herbstwaldfarben und den schönen Heidesee abzulichten.

Die Landschaft flog an mir vorbei und mit ihr die Erinnerungen an tolle Gespräche und Begegnungen, manche Stelle erkannte ich wieder, aber den Aussichtsturm, den ich einmal übermütig während des Rennens bestiegen habe, muss ich diesmal übersehen haben, falls er noch steht. Meine Uhr zeigt, dass ich anfangs etwas schneller war, dann langsamer wurde und schließlich über die letzten fünf Kilometer kontinuierlich beschleunigte. Da hatte ich mich erinnert, dass ich diesmal schließlich keinen Ultra lief und deswegen meine restliche Energie noch verpulvern konnte. Ich überholte und überholte, dann tauchte auch schon der Förderturm auf, was für ein markantes Ziel und die Freude grinste sich einmal mehr über mein Gesicht, so dass ich auf den Fotos aussehe als würde mein Mund an den Ohren beginnen. Jemand sagte, ich würde genauso strahlen wie früher, was ich nicht so verwunderlich finde, denn nur weil die Haut faltig wird, fühlt sich Glück ja nicht weniger glücklich an.

Ich nahm dann noch hier und da eine Umarmung mit und spazierte zum Kuchenbuffet, das noch sehr gut bestückt war. Auch deswegen lohnen sich die 25 km, nach den 50 km war das Buffet immer schon deutlich mehr gelichtet. SportbuecherGerade als ich meine zwei Stück Apfelkuchen und den Kaffee zu einem Tisch balancierte, stand plötzlich eine Frau vor mir und sagte: „Sind SIE das mit DEM Buch?“
Und dazu dieser Blick "meine Güte, die VIGLi gibt es ja wirklich". Ich lächelte etwas verlegen und freute mich insgeheim auch, dass es mich wirklich gibt und dass es Leute gibt, die meine Bücher lesen.

Dann wollte ich mir meine Urkunde abholen und erfuhr, dass ich die erst bei der Siegerehrung bekommen würde. Ich war also tatsächlich mit meinen 2 Stunden 20 Minuten dritte meiner Altersklasse und die war diesmal mit 25 Teilnehmerinnen stark besetzt. Da war ich ziemlich stolz und bekam nun noch einen zweiten Pokal, diesmal mit dem aktuellen Datum.

Ein Pokal für Schönheit und einer für Geschwindigkeit, das ist nun Mal eine ordentliche Ausbeute, so etwas gibt es bestimmt nur in Bottrop!

P1160631VIGLiBottopDanach mochte ich mich kaum trennen, denn es waren noch viel Bekannte auf der langen Strecke unterwegs, Musik sorgte für Stimmung und man traf hier und da immer jemanden zum Plaudern. Aber da ich nicht erst im Dunkeln wieder zu Hause sein wollte, schwang ich mich schließlich wieder aufs Rad, die Medaille stolz um den Hals gehängt und radelte via Emscher, Rhein-Herne Kanal und Erzbahntrasse 40 km nach Hause.

Auf der Erzbahn hat mich ein unbekannter Läufer gegrüßt, wobei mir erst ein paar Kilometer später aufgefallen ist, dass das ungewöhnlich ist, weil ich doch unterdessen nicht mehr lief, sondern radelte. Üblicherweise grüßen sich doch nur Sportler, die gerade in derselben Disziplin unterwegs sind. Entweder bin ich also so langsam geradelt, dass er mich für eine Läuferin gehalten hat oder er hat mein Bottroper Glückslächeln persönlich genommen und dachte das gilt ihm. Warum auch nicht. Ein bisschen Bottrop kann man jedem nur wünschen!

VIGLi, 4.11.2018

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok