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Die erste Liebe, der erste Kuss - ein unbeschreiblicher Zauber begleitet jedwede Premiere. Und genau deshalb ist Laufen so ein phantastisches Hobby. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten für das erste Mal: Zum Beispiel 5, 10, 20, 40 oder 100 Kilometer zu laufen. Jenseits der Distanz lockt ein erstes Mal in den Bergen, in einer Großstadt, oder eben auf genau dieser Strecke an diesem Tag. Es ist eine Liebe, die sich quasi ständig erneuert und ihren Spirit des Anfangs nicht verliert.P1170263kl

Mein neuestes Abenteuer hieß: Ein Marathon im Ausland, jenseits der vertrauten deutschen Sprache und Gepflogenheiten. Dieser Sport verbindet, auch über Kontinente hinweg, natürlich. Laufen ist laufen, ob es nun über die Straßen von Berlin, die Bochumer Trassen, New Yorks Highways oder den Strand von Zypern geht. Eine Ausschreibung in kyrillischer Sprache zu lesen, hätte mich dann allerdings bereits an meine Grenzen gebracht. Der Larnaka-Marathon in Zypern ist aber international und somit auch in Englisch ausgeschrieben. Zwar kommt mir der deutsche Herbst mit seiner kühlen Luft läuferisch eher entgegen, aber mein Schatz vom Deich ist trotz seiner norddeutschen Herkunft ein Sonnenanbeter und wollte seinen Geburtstag in südlicher Sonne begehen oder besser belaufen. So fing es also an mit dem ersten Mal: Zypern, die geteilte Insel, die das ganze Jahr über milde Temperaturen bietet als Traumziel. Marathon in Larnaka, der Hafenstadt im Mittelmeer. Wir quartierten uns 100 Kilometer weiter südwestlich in Paphos ein, wohnten dort direkt an einer Bucht, das Wasser kristallklar und glatt, so dass jedes Bad Einblicke in die Fischwelt bot. Ein sehr entspannter Aufenthaltsort für die Taperingphase vor einem 42-Kilometer-Lauf! Nach einer Woche Akklimatisation zwischen Aphrodites Felsen und Coral bay machten wir uns am Vortag des Marathons per Mietwagen auf nach Larnaka. Die Anreise, das war schon so, als wären wir unterwegs, um auf dem Mond zu reisen. Steinwüste, rechts und links, das Troodosgebirge in der Ferne, hin und wieder die Blüten der Bougaineville, die ihr Rot leuchtend wie frisches Blut in das sandige Grau schütteten. P1170377bougainevilleDie Autobahn mitten durch den Fels gefräst, bestens ausgebaut und fast ohne Verkehr. Bis wir Larnaka erreichten, da war dann plötzlich Stopp and Go angesagt, Auto an Auto schlängelte sich der Räderbandwurm durch die engen Gassen. Nebst Marathon waren auch kürzere Distanzen im Angebot, die ganze Stadt war im Lauffieber, zog offensichtlich etliche Gäste an. Aus der Wüste hatten wir uns in eine quirlige Ansammlung von Häusern, Menschen, Lokalen und bunten Geschäften gebeamt. Ab Hotel war dann für uns alles fußläufig zu erreichen, also nicht nur für Ultraläufer, sondern es war wirklich alles direkt vor unserer Haustür. Das Meer, der Strand, die Palmen und der Start. Aus irgendeinem Grund hatten wir trotz Schnäppchenangebot ein Upgrade in eine Luxussuite erhalten, von deren Balkon konnten wir alles sehen. Das Meer, die Palmen, den Start. 2018 11 18 07.01.30klLeider war es windig und bewölkt und nach einer Woche Zypern war uns bei 16 Grad schon erbärmlich kalt. Nachdem wir in der großzügig bemessenen Wohnung versuchten, die Heizung in Betrieb zu nehmen, bekamen wir den Wind, der draußen wehte auch nach innen geliefert. Wir hätten in dem Apartment auch eine Waschmaschine zur Verfügung gehabt, einen Esstisch für sechs Personen und einen Balkon, um draußen zu sitzen. Aber wir wollten uns ausruhen und es warm haben. Nachdem wir die Startunterlagen abgeholt und uns mit Pizza und Nudeln gestärkt hatten, krochen wir deshalb direkt unter die Bettdecke, um uns zu wärmen und brauchten ziemlich wenig Platz. In solchen Situationen ist es einfach gut, zu zweit unterwegs zu sein. :-)

Anderntags um 5 Uhr begann der Marathon-Sonntag. Ich war ausgeschlafen und voller Vorfreude. Immerhin führte unsere Route an einem Salzsee entlang an welchem Flamingos überwintern sollten, das waren im wahrsten Sinne des Wortes rosige Aussichten. Um 6:30 Uhr gab es ein kleines Läuferfrühstück, mit uns waren noch einige andere Laufaspiranten im Hotel einquartiert. Aber vor so einem Lauf werden die Hoteliers nicht arm, jeder überlegt sich sehr genau, was ein Magen noch verträgt, der anschließend mehrere Stunden durchgeschüttelt wird. Für mich gab es einen Apfel und ein Honigbrötchen, dazu glutrot den Sonnenaufgang vor dem Fenster- über den Palmen, dem Meer, dem Strand.P1170262kl

Um acht Uhr war Start, zwanzig Minuten vorher fanden wir uns im Gewimmel ein, hielten nach weiteren Deutschen Ausschau. Tatsächlich standen plötzlich zwei neben uns.

„Hi, auch aus Deutschland, wo kommst du her?“

„Stuttgart“, sagte der eine. „Hannover“, der zweite.

Die Herren waren aber entgegen ihrer Herkunft nur so gesprächig wie die Ostfriesen, so dass ich mich lieber damit beschäftigte, weitere Sprachfetzen zu analysieren. Griechisch, Englisch, Polnisch surrte um mich her, aus den Lautsprechern dröhnte Musik, es waren angenehme 19 0C und eine leichte Brise bewegte die Palmenblätter. Wir bedienten unsere Uhren, wünschten viel Glück, der Startschuss fiel, die Masse an Läufern setzte sich langsam in Bewegung, wie der Kuchenteig, der zähflüssig aus einer Schüssel quillt. Halbmarathonis und Marathonläufer starteten zeitgleich. Erstere waren nach einer Runde im Ziel während wir Marathonis die Strecke zwei Mal zu absolvieren hatten. Wir passierten die Zeitnahme, Menschen applaudierten und da war er dann wieder, dieser Satz in meinem Kopf, der mich schon so oft begleitet hat:

Es geht los, es geht los und ich bin dabei!

Nur nicht stolpern, auf die Füße achten, diese Schuhe, die vor, neben, hinter mir trappeln. Die Löcher in der Straße registrieren, die Bürgersteigkanten, Straßenpfosten. Rechts und links sind Häuser, viereckig, unauffällig, Pappkartons aus Beton, ein Fahrrad mit lauter Musik begleitet uns. Tschüss Palmen, Tschüss Meer, jetzt biegen wir ab, nach 20 Kilometern sehe ich euch wieder! Autostraße ohne Autos, Menschen in gelben Westen bewachen die Absperrung, Autofahrer hupen ungeduldig. Heute sind wir Läufer König! Kilometer fünf: Abzweig zum Salzsee. Da ist er, der Fleck, den ich von der Landkarte kenne, sieht aus wie ein überdimensionales Zuckerstück, weiß glänzend in der Sonne, dahinter im flimmernden Licht, helle Häuschen, Steine, eine Moschee. Keine Flamingos, leider, aber sie könnten hier sein, diese grazilen Tiere, immerhin, ihr Rosée würde sich in der Salzkruste spiegeln während sie nach Futter suchen.

Hala Sultan Tekke heißen sowohl See als auch Moschee.2018 11 18 08.42.23kl

Hala Sultan war eine Tante des Propheten Mohammed und sie ist an dieser Stelle von einem Maultier gestürzt. Wenn ich vom Rad falle, sagt mein Liebster immer nur: „Schon wieder“, aber dort wo Hala Sultan stürzte, entwickelte sich eine Wallfahrtsstelle. Sie ist allerdings auch gestorben, was mir bisher zum Glück erspart geblieben ist. 1816 wurde dann schließlich an diesem legendären Ort eine Moschee gebaut, dort pilgern wir nun im Laufschritt hin, beten, dass wir gesund bleiben.

Laufen ist nicht einfach, heute nicht, ich habe keinen Rhythmus, bin atemlos. Vielleicht sind wir einfach zu schnell gestartet, obwohl Thomi die Kilometerzeiten durchgibt, wir versuchen uns zu bremsen. Die Landschaft fliegt trotzdem vorbei, wir haben ein Tempo zwischen 5:30 Min und 5:45 Min/km.2018 11 18 10.50.09kl

Auf einem T-Shirt lese ich polnische Worte, grüße stolz über meine Sprachkenntnisse mit „Dzień dobry“, dann wechseln wir auf Englisch, reden eine Weile, kurz darauf sause ich weiter, der Liebste immer neben mir.
Hala Sultan Tekke liegt hinter uns, es folgt Asphalt. Eine Straße, Autolärm wie an der A40, hin und wieder ein startendes Flugzeug. Dazu Sonne ohne Strand und Palmen. Es ist nicht schön hier, aber es ist mein Weg. Heute.
Larnaka. Marathon. Zurück zum Meer. Irgendwann.

Schritt für Schritt, meine Füße werden heißer. Dabei ist es gar nicht so warm. Oder doch? Der beständige Wind führt mich in die Irre, er frisst den Schweiß, ein heißer Fön, der den Körper trocknet, ich habe eine Kruste auf der Haut, ich bin ein Stück Salz am Zuckersee. Hala Sultan Tekke VIGLi.

Später versuchte ich zu analysieren, wieso dieser Marathon so schwierig war. War es der Flüssigkeitsmangel oder der ungewohnte Laufstil, so ohne Pausen? Im Training halten wir schließlich immer Mal an einer Ampel, für ein Foto oder weil einer den Schuh zubinden muss. Anlass stehen zu bleiben gab es in Larnaka dagegen wenig, weder wegen der Aussicht auf die Asphaltstraße, noch wegen der Verpflegung. Wasserflaschen bekamen wir im Vorbeilaufen angereicht und gelegentlich auch Bananenstücke, das war es auch schon. Ich fand nicht so richtig in einen Rhythmus, lief Mal schneller, Mal langsamer, bemerkte erst im bergab laufen, dass es vorher wohl sanft bergauf gegangen war und dachte, dass 20 km eigentlich auch schon ganz schön weit sind. Nach 21 Kilometern waren wir wieder am Strand, die Halbmarathonis bogen ins Ziel ab und wir Marathonis starteten in die zweite Runde. Natürlich war ich stolz wie ein Astronaut als ich mich am Wachposten zur zweiten Runde einsortierte, beklatscht vom Publikum, aber zugleich beneidete ich diejenigen, die schon im Ziel waren, denn ich hatte Seitenstechen und brauchte die erste Gehpause. Ok, ich war dabei, aber wer bei Kilometer 20 schon Erschöpfung spürt, hat mit der Marathonstrecke ein Problem, das ist bekannt.2018 11 18 10.55.49kl

Auf zur zweiten Runde, es geht los, es geht los. Aber wie mache ich das bloß? Gehen statt laufen bis sich der Atem beruhigt, Thomi ist neben mir, läuft locker, obwohl ihm das langsame Tempo schwer fällt, er seine langen Beine mühsam zusammen falten muss, um kleine Schritte zu machen. Mir fehlt die Luft, meine Bronchien sind zu eng, mein Rücken ist verkrampft, ich fühle mich wie bei Kilometer 80 auf meinem 100-Kilometerlauf. Dabei bin ich gut trainiert, bin vor ein paar Wochen einen flotten 30er durch die Hügel Bochums gelaufen. Oder die 40 km mit Kaffeepause, die mich so gar nicht angestrengt hatten. Ich weiß das, ich bin schon so oft 40 km gelaufen, 69 Mal, aber es ist immer wieder das erste Mal. An diesem Tag, an diesem Ort.

„It doesn`t gets easier“, sagt eine Frau, die einen Luftballon mit der Aufschrift „100. Marathon“ trägt. So ist das. Es wird nie leichter, nur anders. „Jeder Marathon ist ein Geschenk“, ist das Motto von Vielläufer Christian Hottas, aber geschenkt wird einem nichts. Thomi begießt mich mit Wasser, was für ein Service! Bei Kilometer 15 habe ich wie geplant eine Drittel Banane gegessen, aber die ist irgendwo als Dörrobst in meinen vertrockneten Adern verpufft. Mir fehlt Salz und Wasser, soll ich das Elektrolytgetränk trinken, das noch im Angebot ist, obwohl ich von so etwas eigentlich immer Bauchschmerzen bekomme? Eine grünblaue Flüssigkeit, schlumpffarben, schrecklich süß. Astronautennahrung für mich Mondbraut. 30 Kilometer sind geschafft, mein Magen hat nicht mehr so viel Zeit zu rebellieren, also versuche ist es. Es ist eklig, es tut gut. Nur noch zwölf Kilometer, meine Güte, das renne ich sonst ohne mich nennenswert anzustrengen. Aber jetzt ringe ich mit jedem Meter. 2018 11 18 11.54.49straßeDie Strecke bietet keine Abwechslung, Autos, Asphalt, Sonne, Wind. Ich hasse die Straße, den Lärm, die Sonne, die Eintönigkeit. Der Wendepunkt kommt nicht näher, irgendjemand zieht ihn gehässig immer weiter vor mir her, weit weg in die flimmernde Hitze über den grauen Steinen. Das Läuferfeld hat sich gelichtet, die Schnellen sind längst außer Sichtweite, wer jetzt noch unterwegs ist, hat mehr oder weniger zu kämpfen. Ich sage Thomi, er soll lieber voraus laufen, ich werde mich irgendwie durchkämpfen, muss auf meinen Körper hören. Laufen, gehen, laufen. Thomi zieht ab, es sind noch acht Kilometer bis zum Ziel, er will mir später mit der Kamera entgegen kommen.

20 Schritte laufen, 10 Schritte gehen, 20 Schritte laufen. Noch einmal Elektrolyt, diesmal orange statt schlumpffarben. Orange wie die Früchte an den Bäumen, die hier wachsen. Nicht an dieser Straße, aber anderswo auf der Insel, irgendwo, wo es fruchtbarer ist, hier ist nur Asphalt. Ich will einem Bärtigen mit rotem Hut „Merry Chrismas“ zuwinken, bevor mir klar wird, dass es gar kein Weihnachtsmann ist, sondern eben jemand, der so aussieht. Internationaler Marathon.

Bei der nächsten Gehpause schließt ein Grieche auf „You can`t stop, I follow you!“ Habe ich also einen Follower, nicht bei Twitter oder Facebook, sondern im richtigen Leben. Yeah, Leben ist Bewegung! Ich laufe mit meinem Real-Life-Follower gemeinsam, wir sprechen ein paar Worte, nicht viel, ich habe zu wenig Luft, er versteht. „Go slowly, finish with a smile!“, lächelt er. Er entfernt sich, wird ein lila Punkt, der vor mir über den Asphalt tanzt. Ich bleibe stehen, will mein Handy für ein paar Fotos herausfingern, da winkt er wieder, mein Follower-Freund. „Come on, come on!“ Also bleibe ich nicht stehen, laufe an, schließe zu ihm auf. Er hat einen weiteren Begleiter, sie wollen Fotos am See machen. Wir sprechen eine Radlerin an, sie ist verblüfft, wir müssen doch laufen.2018 11 18 12.37.52klklkl

„We are not in a hurry, so take a picture“, sagt mein neuer Freund. Ja genau, wann jemals stehe ich als Salzsäule vor einem Zuckerwürfel-Salzsee in der Wüste, in der Sonne. Das Leben ist einen Moment lang leicht und wunderbar. Wir laufen zu dritt weiter. Seite an Seite, Schritt für Schritt. „For me it is to hot“, erkläre ich. „I have to much Kilos“, stöhnt der Engländer und „Yes, it is hard“, sagt der Grieche. Also laufe ich eingerahmt von „It is hard“ und „I have to much Kilos“ und das Leben ist leicht, ich bin beschützt, bin überwältigt von der Solidarität, keine zehn Minuten war ich ohne Thomi, da habe ich neue Begleitung. Etwas breitet sich über mich und sagt mir, das ist gut, das ist das Beste, genieße den Augenblick. Aber mein schwacher Atem wirft mich zurück, ich muss die Herren ziehen lassen. Was ich in die Waagschale zu werfen habe, ist meine Erfahrung. Ich kenne meinen Körper, weiß, dass ich auch vorankomme, wenn ich gehe, auch wenn ich immer langsamer werde, natürlich, nur dran bleiben, atmen, es geht schon, es ist nur schwer, nicht unmöglich. Das polnische Paar überholt mich „Only five kilometers to go“, muntert er mich auf. Verdammte fünf Kilometer. Ich grübele, was auf Polnisch heißt „ich drück die Daumen, viel Erfolg“. Als es mir einfällt, sind die Polen schon außer Sichtweite: Trzymam kciuki. Dasz rade. Sprich: Tschümam kschuki. Dasch rade. Ich laufe mit diesem Rhythmus im Ohr. Tschümam tschuki dasch rade, Apshalt Asphalt Sonne Sonne Tschümam tschuki. Ich will laufen, nicht gehen, 10 Schritte, 20 Schritte. Mein Follower ist mit dem Typen mit den zu vielen Kilos am Horizont verschwunden, ich tappe weiter. Tschümam tschuki dasch rade Einer im roten T Shirt überholt mich, ruft „Come on, it is not far“, Ich bin gerührt von der Gemeinschaft, spüre Tränen aufsteigen, wir rennen und rennen, haben uns eine Aufgabe gestellt und sie ist erst geschafft, wenn wir alle da sind. Alle, auch ich.

P1170234klDas Castle taucht auf, es ist nicht mehr weit. Wieviel noch? Wo ist Thomi? Am Straßenrand ist eine Frau, die auf einer Mauer steht, sie klatscht. Unterdessen sind überwiegend Walker vom Fünf-Kilometer-Lauf auf der Strecke, spazieren plaudernd um mich herum, nur mühsam überhole ich sie. Die Frau auf der Mauer macht mich in dem Gewimmel ausfindig, erkennt meine Startnummer, ruft: „Hey, „you are a marathon woman!“ Sie beugt sich zu mir herunter, von ihrer Mauer herab, aus ihrer Welt in meine, flüstert „Only four minutes to go!“ Gegenüber aus dem Café jubelt plötzlich eine ganze Gruppe „Marathon woman“, reißt die Arme hoch, applaudiert, eine klatschende Hydra.

Ich bin völlig überwältigt, total am Ende. Marathon woman, noch vier Minuten, Tschümam kschuki, die Tränen der Erschöpfung, der Freude quellen aus meinem Brustkorb, nun kriege ich gar keine Luft mehr, plötzlich steht Thomi da: „Hey, da bist du ja schon, doch viel schneller als ich dachte!“ 2018 11 18 12.38.51kl

Ich bin so schnell, ich bin so langsam, Thomi läuft neben mir, ja, ich laufe wieder, ich heule und versuche zu erzählen, dass ich Freunde gefunden und so gekämpft habe, aber kann nicht sprechen, mir fehlt die Luft, Thomi klopft mir kurz auf den Rücken, das heißt jetzt geht es durchs Ziel, er biegt seitlich ab, war ja schon dort und ich renne diese verdammten letzten Meter, über mir leuchtet die Uhr 4:33:54 Stunden. Das ist fast exakt die Zeit, die ich für meinen allerersten Marathon vor 20 Jahren gebraucht habe. Jetzt ist es der 69. Und doch der erste, es ist magisch. Das erste Mal, Applaus, Menschen, Musik, Tränen, die Medaille. Stillstehen! Thomi ist wieder da, will fotografieren, aber ich heule wie ein Schlosshund, lehne mich an ihn, will keine Sonne, keine Palmen mehr, sehe verschwommen mit einem Auge wie mich die Frau aus dem Medical Team kritisch beobachtet. Ja, ich bin ganz und gar von der Rolle, aber ich kippe nicht weiter um als nur bis an die Brust des Liebsten. Da ist mein neuer Freund, mitten im Gewimmel leuchtet das lila Shirt, wir fallen uns in die Arme, ich stelle ihn Thomi vor, bedanke mich: „You helped me!“2018 11 18 13.21.46kl

„Yes“, sagt er. „That is the spirit of marathon!“.Wir fotografieren mit seiner, mit meiner, mit Thomis Kamera. Irgendetwas festhalten von diesem Moment! Meine Augen sind wieder nass. Genau das ist es, es ist nicht die Strecke und die Zeit, es ist das gemeinsame Abenteuer, der Geist des Marathons, das Erreichen eines Ziels, zusammen. Thomi hält mir eine Apfelschorle hin, ich leere die Flasche fast in einem Zug, wir setzen uns in den Schatten, unter Palmen, an den Strand, an das Meer. Ich ziele Schuhe und Strümpfe aus, bade die Füße in den Wellen, trage meinen Körper so leicht, endlich nicht mehr schnaufen. Alles ist wieder gut. Nein, von wegen gut, es ist besser, viel besser als vorher. Ich bin Marathon woman. Ich habe es geschafft, bin der Wüste entronnen, habe neue Freunde gewonnen, den Mond bestiegen und die Welt mit neuen Augen gesehen.

Das erste Mal Hala Sultan Tekke, dein Salz hat sich auf meine Haut graviert.

VIGLi, 18.11.2018

Weitere Texte von VIGLi (Verena Liebers): Vom Abenteuer 100 km zu laufen (Klartextverlag 2018), in jeder Buchhandlung

 

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