.

Wer weiß, wo Hunswinkel ist? Klar, jeder kennt Nizza, Mallorca oder Hamburg, aber Hunswinkel ist nur etwas für Insider. 2019 04 19 12.59.36klImmerhin hat der sauerländische Fleck einen Eintrag bei Wikipedia. Dort erfährt der geneigte Leser, dass es im Winkel eine Kirche gab, die vor 20 Jahren verkauft wurde und einen Männergesangverein, der sich längst aufgelöst hat. Was auch immer sie dort gesungen haben, dass sie auch nach ihrem Verschwinden noch im Lexikon stehen. Der eigentliche Knaller ist aber, dass es dort einen Parkplatz gibt an dem ein 50-sitziger Bus stehen kann. Genau deswegen war Hunswinkel dieses Jahr mein Traumziel.

Wie alle Mitglieder und Anverwandten des Bochumer Alpenvereins wissen, findet Karfreitags die Lego-Wanderung statt. Maximale Länge ca. 40 Kilometer und wer mit weniger zufrieden ist, bastelt sich seine Streckenlänge in Abstimmung mit den Bushaltestellen. Wir rollten diesmal bei orangerotem Sonnenaufgang und Nebel über den Flussauen gen Attendorn, um von dort aus die Bigge- und Listertalsperre zu umrunden. Wer sich da einen flachen Rundweg um ein rundliches Wasserbecken vorstellt, liegt falsch, denn die beiden Talsperren sind längliche Gebilde, die sich mit zahlreichen Kurven durch den Naturpark Ebbegebirge schlängeln. Die Umrundung ist also ein stetes Bergauf und Bergab mit wechselseitigem Ausblick auf Biggesee und Listertal.

2019 04 19 09.13.48klUnser Ziel-Restaurant war anfangs Luftlinie nur 4 km entfernt und für meinen durch eine Zerrung außer Gefecht gesetzten Oberschenkel, wäre es wahrscheinlich besser gewesen, ich hätte mein Hähnchen schwimmend angepeilt. Aber der Alpenverein ist eben eine Wandergruppe und kein Schwimmverein, also dachte ich mir: Mit Wanderstöcken wird sich das kleine körperliche Defizit doch überbrücken lassen. Das war einen Versuch wert, ist aber nicht zur Nachahmung empfohlen.

Immerhin war mir die nette Gesellschaft von etwas 20 Mitwanderern gewiss und außerdem war der Weg ein Gedicht. Blühende Frühlingsbäume säumten weite Wiesenwege, Wald lockte mit Holzduft und in die grünen Hügel kuschelte sich klares Wasser während wir uns darüber unterhielten wie sich 50 kg Honig vermarkten lassen, falls die Bienen der Hobbyimker den Winter überleben sollten. P1180173kl

Da hatte sich Wandercrack Walter einmal mehr eine feine Strecke für uns Karfreitagswilligen einfallen lassen. Es hätte nicht Mal der honigsüßen Gesprächsthemen bedurft, um sich für die Tour zu begeistern.

Aber für ein verletztes Bein ist Wandern nicht die ganz korrekte Heilmethode, was sich auch daran erkennen lässt, dass diejenigen, die gesund losgegangen sind, hinterher auch so manche Blessuren hatten. Wer allerdings mit der ersten Gruppe den Bus verlassen hatte wie ich, hatte nicht allzu viele Lego-Baumöglichkeiten. Die einzige Option war ein Ende nach 30 km im legendären Hunswinkel, welches ich deshalb alsbald zu meinem Traumziel erkor. Wer sich schon vorher überlegt hatte, dass 40 km keine Option waren, konnte sich wahlweise den 10, 20 oder 30 km-Wanderern anschließen und wer so flexibel war wie Klaus, konnte mit den 30 km Läufern starten und nach entsprechenden Variationen am Schluss 25 km auf dem persönlichen Tacho vermerken.

Solche Langstreckenwanderungen sind aber nicht nur körperlich, sondern auch mental eine ziemliche Herausforderung, vor allem für die Organisatoren. P1180172biggeWalter hat diesmal zwar darauf verzichtet, seine Schäfchen vorher alle zu zählen, aber er bemühte sich trotzdem, die Verluste möglichst gering zu halten. Wir waren gerade in ein Gespräch über den Jakobsweg vertieft, als Walter ausrief: „Wo ist jetzt die Verena, ist die jetzt da hinten in die Büsche gegangen?“ Ich überlegte, ob es eine zweite Verena in der Gruppe gäbe, aber konnte sowieso klarstellen: „Nein, das war ein Mann.“

Walter ließ sich jedoch nicht so schnell ablenken: „Nein, war das nicht die Verena oder ist die vor uns?“

„Hallo Walter, ich bin neben dir, wir unterhalten uns gerade“, bemerkte ich daraufhin und mein Freund sagte: „Na, der Walter macht das wie ich, einfach auf Durchzug schalten bei den Gesprächen.“

An dieser Stelle hat Walter vehement widersprochen und jedenfalls war niemand abhanden gekommen, denn ich war die ganze Zeit da.

Kurz darauf hatten wir die 20 km Marke erreicht und da war eine Pause geplant.2019 04 19 11.07.23kl Leider passierten wir zu diesem Zeitpunkt gerade eine Hauptverkehrsstraße, die sich selbst für hartgesottene Bochumer nicht als Rastplatz eignete. Zudem war die schnellste Truppe außer Sichtweite geraten und so wussten wir nicht, ob sie sich daran halten würden nach 20 km „plus ein bisschen“ zu pausieren oder ob sie die Rast einfach wegrationalisieren würden. Bei richtigen Marathonläufen setzt sich der Sportler schließlich auch nicht zwischenzeitlich zum Picknick. Ich war allerdings ziemlich pausenhungrig und Walter erging es wohl ähnlich, denn plötzlich schlug er sich nach rechts in Richtung eines Heuwagens ins Gelände und rief „Da sind sie!“

Die vermeintlichen Wanderkollegen entpuppten sich allerdings als Landarbeiter bei der Bierpause. Enttäuscht zog Walter weiter und wir mit ihm. Schon erspähten wir an der nächsten Lichtung eine neue Gruppe. „Da sind sie“, rief Walter erneut und ich dachte mir, wieso sitzen die Karfreitagswanderer auf einem Scheiterhaufen?!

Es zeigte sich, dass es sich wiederum um Einheimische ohne Wanderrucksack handelte, die das Osterfeuer vorbereiteten. Sie suchten noch jemanden, den sie ans Kreuz nageln konnten und hätten dafür auch ein Bier ausgegeben. Es war aber Krombacher und kein Fiege, weshalb wir entschlossen weiterzogen. 2019 04 19 10.09.08kl

Es ging einen steilen Weg bergab, den wir Dank GPS-Track schnell entdeckten, während Walter mit seiner Karte magische Wedelbewegungen machte. Am Ende des Pfads, den ich eher für eine Regenrinne gehalten hätte, war dann tatsächlich der Mittagsrastplatz erreicht, die Ersten hatten dort eine Bank belegt mit Blick auf den Biggesee. Während wir im Eiltempo unsere Brötchen kauten, rasten die Motorradfahrer mit heulendem Motor am See entlang. Idylle bedeutet eben für jeden etwas anderes.

Danach waren es noch 10 km bis Hunswinkel, es war sonnig, ich war durstig und hatte Steine Im Schuh, aber auf so einer kurzen Strecke nochmal anzuhalten, lohnte ja auch nicht. Stattdessen wurde Hunswinkel in meiner Vorstellung immer wunderbarer, Walter hatte ein Lokal erwähnt und ich sah mich eine Schorle schlürfen, während meine Füße im kühlen Nass baumelten. Eine letzte Brücke, Zieleinlauf zum Bus und endlich die Bergstiefel gegen die leichten Turnschuhe tauschen, welch Genuss! Die 40-km-Willigen zogen weiter und mit wehmütigem Blick ließ ich sie ziehen. Aber ich blieb keinesfalls allein zurück, wir waren zu fünft und kurz darauf sogar zu sechst. Auch Walter befand angesichts seiner Blasen am Fuß, dass Hunswinkel ein tolles Ziel sei und ich freute mich schon auf einen netten Nachmittag, denn es war noch früh am Tage. „Wir gehen noch in den Ort“, informierte ich den Busfahrer frohgemut, der daraufhin brummte: „Welcher Ort? Hier gibt es mit Mühe eine Straße.“

Das von Walter angekündigte Lokal gab es zumindest nicht in Sichtweite. Hätten wir Mal bei Wikipedia nachgelesen, aber Handyempfang hatte man im Winkel auch nur sehr eingeschränkt. P1180192klstaumauerWir fragten einen Einheimischen, der meinte, es sei so etwa ein Kilometer bis zum Campingplatz mit seiner Gastronomie. Das schien uns kein Problem und unser Hunswinkel-Trupp setzte sich sofort in Bewegung. Es gab allerdings keinen Wanderweg, noch nicht einmal einen Fußweg, wir mussten also auf der Straße den wilden Motorradfahrern ausweichen und fragten deshalb den nächsten Einheimischen wie weit es sei. Der meinte, es wären zwei Kilometer, das konnte uns noch nicht schrecken. Aber der dritte Befragte sprach schließlich von 3 bis 4 km und deutete auf eine weit entfernt liegende Brücke. Daraufhin verabschiedeten wir uns vom Gedanken an eine kühle Schorle, der einzige Gertränkeladen war auch geschlossen, wie das im Winkel so üblich ist und so trabten wir schwitzend zum Bus zurück und warteten, bis wir von Udo die Freigabe erhielten, den Zielpunkt anzusteuern, das Leuchtturm-Restaurant am Biggesee.

Dort waren ab 18 Uhr für uns Tische reserviert, was einem um 16 Uhr an einem sonnigen Tag wenig nützte, denn offensichtlich ließ sich das Lokal auch ohne Fußmarsch erreichen und war entsprechend frequentiert. So standen wir also durstig im Kaffee- und Waffelduft mit Blick auf den See und ich fand, dass dem Biggesee ein wenig Hunswinkel-Atmosphäre fehlte.

Es dauerte aber nicht lange, da tauchten weitere Wandersleute auf, die reservierten Tische wurden vorzeitig freigegeben und wir konnten die trockenen Kehlen kühlen. Auch die Karte von Walter erhielt jetzt noch ihren großen Auftritt, denn dort konnten wir die ganze Wanderstrecke plus Umgebung betrachten, was auf dem Bildschirm eines Smartphones ja nie in dem Maße möglich ist. Fast als Letzte trafen die 10km-Wanderer ein, die unterwegs Lokale entdeckt und in romantischen Wiesen mit Seeblick pausiert hatten, der Alpenvereins-Karfreitag bietet eben für jeden seine persönliche Möglichkeit der Wunscherfüllung. Kaum hatte ich die Staumauer besichtigt, tauchte auch schon mein Liebster in Begleitung von Max und Paul auf. Neugierig erfragte ich alle Details zu dem letzten Teilstück, dass ich nun diesmal verpasst hatte. Da gab es Wildbäche, Steilstufen, Kletterwände, Abseilpisten, dramatische Höhenmeter und wenn ich noch länger gefragt hätte, dann hätten sie sicher auch Wölfe und Wolperdinger gesehen.2019 04 19 18.31.30kl Das kenne ich schon von meinen Triathlonkollegen, dass immer die Wettkämpfe die härtesten sind, die ich nicht gesehen habe. Steilabfahrten, Eispisten, Gegenwind, man kann sich gar nicht vorstellen, was so hartgesottenen Herren alles begegnen kann.

Immerhin hatten sie sich in ihren ausgemergelten Gehirnen noch merken können, dass sie die „1“ bestellt hatten, die sich als Cordon bleu entpuppte. Die einfache Zuordnung von Zahl und Essen war nicht jedem gegeben, aber das kennen wir schon aus den Vorjahren. Die Bedienung rechnet einfach nie damit, dass Wanderer letztlich alles essen, was auf den Tischen auftaucht, egal, ob sie es bestellt haben oder nicht.

Zuletzt waren jedenfalls alle satt und müde und der Busfahrer fand Bochum deutlich schneller als Attendorn, so dass wir bei Sonnenuntergang schon wieder zu Hause waren.

Statt uns nun an den Ostertagen mit all den Sonnenhungrigen irgendwo in einen Stau zu begebn, können wir jetzt ganz entspannt im Liegestuhl sitzen, Fotos vom Biggesee betrachten und unsere Wunden lecken. Und ich kann nur jedem wünschen, dass er jenseits des Ostereiertrubels irgendwo einen kleinen Hunswinkel hat in dem er die freien Tage genießen kann.

 VIGLi, Ostern 2019, weitere Texte, z.B. "Vom Abenteuer 100 km zu laufen", Klartextverlag, überall im Buchhandel

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok