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Nein, ein Ziel ist keine fest gelegte Größe, nichts, was wir willensstark in jedem Fall erreichen. Für die kleinen Weltraumfahrer im Universum des Lebens ist es nur der Finger, der zum Mond zeigt. Mein Fingerzeig für Mai war ein 52 Kilometer langer Lauf durch das Sietland im Norden. Unter Ultras ist es schließlich üblich, sein Lebensalter zum Geburtstag irgendwie in Kilometer umzusetzen und da kam mir diese Veranstaltung gerade recht. Sechs Kilometer warm laufen am 31.Mai, dann schön Nudelparty und am Tag danach auf Tour, das klang nach einem guten Plan für 58 Lebensjahre.

Es kam aber bald anders als gedacht, denn nach einer Radtour in der arktischen Februarkälte von Berlin hatten sich meine Muskeln so folgenschwer verknotet, dass dem Fingerzeig „Laufpause“ bald nichts mehr entgegen zu setzen war. 2019 05 07 13.30.33klPause, nickten alle, ist immer gut! Und überhaupt, wer will schon mit 58 Jahren 58 Kilometer laufen? So sprachen sie, ohne zu bedenken, dass ich mindestens acht Stunden des Tages am Schreibtisch und weitere acht Stunden im Bett verbringe.

Sitzen wäre sowieso ganz schlecht, riet der Physio zudem und ich bin ohnehin der Ansicht, dass völlige Ruhe nur einer Leiche zuteil werden kann.

Also was tun mit den Muskeln und dem Geburtstag? Zum Glück bin ich im Frank-Verein (was ein Frank ist, habe ich in meinen Büchern hinreichend erklärt, wer noch keinen kennt, hat was verpasst!) und diese fragen immer nur, welcher Muskel noch funktioniert und der wird dann trainiert. Ich hatte alsbald ausgetestet, dass meine Muskeln mit Radeln und Schwimmen einverstanden waren. So strampelte ich munter mit dem Liebsten durch Sardinien, radelte als Fan zu den Wettkämpfen meiner Franks und warf mich in eisigkalte Pools und Meereswellen, weil es im Frühjahr einfach überall frisch ist.

Aber wie sollte ich nun den Geburtstag zelebrieren? Der Liebste wollte weiterhin die 52 Kilometerrunde im Sietland unter die Fußsohlen nehmen und wie es in der Laufszene so üblich ist, wechseln die Unpässlichen üblicherweise an die Betreuerposition. Eine nicht ausgetobte VIGLi ist allerdings keine so nette Begleitung und überhaupt, wie kann denn ein Outdoor-Geburtstag aussehen bei dem der Liebste in der Taperingphase ist und das Geburtstagskind gerne Kilometer abspulen möchte? Ganz einfach, der Lieblingsmensch organisierte den ersten VIGLithon (Triathlon für VIGLi) der Welt! Gemäß meines Alters musste ich 580 Meter schwimmen, 58 km radeln und 5,8 km laufen. „Das ist eine ganz schön lange Radtour“, meinte ich grübelnd und der Liebste antwortete charmant: „Was kann ich dafür, dass du so alt wirst?“

Eben.P1190272kl

Der Wetterbericht verhieß zunächst Regen und 13 Grad, verwandelte sich aber kurzfristig in sonnige 20 Grad. Offensichtlich stand das Abenteuer unter einem guten Stern. Am letzten Maientag sagte der Herzbube also in norddeutscher Herzlichkeit „Glückwunsch, beeil dich, 10 Uhr ist Start“, ich aß meinen Teller Haferflocken und auf ging es zur Wettkampfstätte, dem Otterndorfer Badesee. 2019 05 31 09.52.51klAußer ein paar Haubentauchern und Enten wollte niemand das Wasser mit mir teilen, eine Temperatur von etwa 15 Grad war noch nicht so ganz sommertauglich. Ich war jedoch mit Neopren gerüstet, wir zählten 3,2,1, los und auf ging es zu Etappe 1, einmal über den See und zurück. Natürlich gab es diesmal keine Bojen und so hieß die erste Herausforderung: Orientierung im Freiwasser. Die ersten 200 Meter gelang mir das ganz gut und dann musste Thomi tatenlos zusehen, wie ich zu einer scharfen Linkskurve abbog, so dass er schon mutmaßte, mich an anderer Stelle aus dem See fischen zu müssen. Ich erkannte aber mein Malheur nach ein paar Schwimmzügen und fand auf die richtige Seeseite zurück. Die Wechselzone am noch kühlen Morgen war die öffentliche Toilette. Im Gegensatz zum echten Triathlon wollte ich mich diesmal komplett trocken einkleiden, weil noch nicht klar war, dass sich die kühlen Temperaturen explosionsartig Richtung Sommer entwickelten. Wer einen Neoprenanzug besitzt, weiß, dass diese zweite Haut nicht immer so leicht abzupellen ist, auch das gehörte zur Übung. Aber der Klettverschluss verkeilte sich, ich stand da im Vorraum der Toilette und kämpfte seufzend mit meiner Schutzschicht, zudem noch etwas außer Atem von dem kühlen Bad. Eigentlich hatte ich niemand in den Sanitäranlagen erwartet an diesem frischen Freitagmorgen, aber alsbald vernahm ich doch ein Klappern, während sich um mich herum eine Wasserpfütze in dem noch jungfräulichen Bad bildete. Gerade als ich meine Radhose mit klammen Fingern übergestreift hatte, hörte ich die Spülung und kurz darauf öffnete eine Dame die Tür zum Vorraum, sah mich und seufzte erleichtert: „Ach, SIE stöhnen da die ganze Zeit so!“ P1190162klWas auch immer sie vermutet hatte, eine tropfende Frau mit Schwimmbrille, erschien ihr nicht gefährlich. Natürlich informierte ich sie umgehend, was für einem legendären Ereignis sie gerade beiwohnte und sie wünschte mir artig und etwas verwundert viel Glück. Mein Zeitnehmer stand unterdessen vor der Tür und fragte sich, was es in der Wechselzone so viel zu sabbeln gab. Dann stand der Weiterfahrt aber nichts mehr im Weg, das Smartphone war zur Navigation vorbereitet, eine Startnummer hatte ich natürlich auch (Nummer 1) und wupps ging es mit meinem Tourenrad auf die Strecke, die der Liebste ausgesucht hatte. P1190199klDas hatte er phantastisch gemacht und ich dachte andauernd, was die Küste für ein Eldorado für Radfahrer ist. Keine Ampeln, nur lange gerade Straßen durch Felder, Moorlandschaften und an Kanälen entlang. Mein Publikum waren Kühe, Schafe, Störche und Reiher. Auf den ersten 30 Kilometern tauchte der Liebste mit seinem Auto hier und da auf, sah nach, ob noch alles in Ordnung war und lichtete die jubelnde VIGLi ab. Irgendwann rief er mir zu: „Ich fahre jetzt nach Hause!“ und ich war allein mit Wind und Weite. Schneller als gedacht verflogen die Kilometer, trotz Tourenrad konnte ich über weite Strecken 30 km/h fahren und gerade als ich mich mental auf einen Schlussspurt einstellte, kam eine scharfe Kurve und plötzlich stand ich im Wind.

Wäre ich nicht gerade im Wettkampfmodus gewesen, wäre ich wahrscheinlich vom Rad gefallen. So versuchte ich mich zu ducken, schaltete einen leichteren Gang ein und bemühte mich, die Trittfrequenz zu erhöhen. Trotzdem sank meine Geschwindigkeit kontinuierlich und ich sammelte bedauernde Blicke von entgegenkommenden Fahrradfahrern. Ein Abzweig verschaffte eine kleine Verschnaufpause, dann ging es weiter stramm gegen die Böen. So ist das im Wettkampf, im Leben: Gerade läuft alles super und plötzlich wird man mit voller Macht ausgebremst. Was würde mein gerade genesener Muskel dazu sagen? Unsicherheit vertrieb meine Siegerlaune. P1190203klschafeVor mir sah ich ein Pärchen mit E-Bike und setzte mir das Ziel, sie einzuholen. Während sie aber nur ihren Motor zuschalteten, musste ich meine VIGLi-Energie mobilisieren, um dem Gegenwind zu trotzen. Zudem hatte unterdessen die Sonne mächtig zugelegt und es war wie es mitunter eben so ist, auf einmal richtig hart.

Kurz vor dem nächsten Abzweig erwischte ich die E-Bike Urlauber, gewann Zuversicht und sauste dann den letzten Kilometer zur Wechselzone. Als ich dort vom Rad stieg, hatte der Lieblingsveranstalter wohl kurzfristig den Eindruck, dass mir die erschlafften Beine versagten, denn während ich ihm entgegen sprudelte, was da draußen am Deich für stürmische Bedingungen herrschten, torkelte ich wie seekrank über die Wiese und er sagte nur: „Ach je“.

Die kurze Dixi-Pause genügte aber, um meine Beine wieder an ihre Aufgabe zu gewöhnen und nun kam die letzte Etappe: 5,8 Kilometer laufen.

Während ich mich üblicherweise immer sehr auf diese Einheit des Triathlons freue, blickte ich dieser Strecke nun mit gemischten Gefühlen entgegen, denn mehr als ein oder zwei Kilometer hatte ich in den letzten zwei Monaten nicht laufend bewältigt, ohne dass die Laufmuskeln Alarm meldeten. Aber mein Gefühl, dass die Laufpause ausreichend war, täuschte mich nicht: aufinsneuelebensjahrBehutsam ließ ich mich in den Trab fallen und da mich der Liebste begleitete, konnte ich ihm parallel noch erzählen, was ich unterdessen schon alles erlebt und gesehen hatte. Ohne zu Murren, stimmte er sich auf mein langsames Tempo ein und die Füße trugen! Endlich wieder das Gefühl zu laufen, dieser selige Rhythmus des Unterwegsseins, dieser wohlige Geschmack von Schweiß auf der Haut, der nicht gleich wieder vom Fahrtwind getrocknet wird! Zwei kleine Gehpausen gönnte ich mir, auch weil die Sonne mich unterdessen ausgedörrt und getrocknet hatte wie einen salzigen Hering, aber die Muskeln hielten sich wacker. Was für ein Geschenk!

35 Minuten für die knapp sechs Kilometer, das war ein Anfang! Danach hieß es duschen, küssen, Eis essen, glücklich sein. Und weil es eben ein richtiger VIGLithon war, bekam ich auch eine Medaille und eine Urkunde.P1190276kl Und was für eine: Erste W58 Prinzessin, ziemlich schnell! Das lässt sich nicht mehr toppen in der ganzen Triathlonsaison!

Meine Betreuerposition am nächsten Tag konnte ich nun sehr entspannt genießen. Meine Beine freuten sich über das lockere Pedalieren, meine Augen saugten einmal mehr die weite Landschaft auf und die Medaille baumelte mir um den Hals, weil ich mich natürlich von ihr nie wieder trennen wollte. In den Satteltaschen hatte ich Getränke, Brötchen und Bounty. So ein süßes Leckerchen verdunstet bei meinem Liebsten normalerweise in kürzester Zeit. Aber ein Ultralauf über 52 Kilometer durch Sand und Schotter und vor allem Geradeaus in glühender Sonne ist nicht wirklich schokoladentauglich. Alle Teilnehmer suchten eher Salziges, Flüssiges und mein Ruf „Ich habe Bounty dabei“, löste bei den meisten nur ein ungläubiges Lächeln aus. Schokolade in der Wüste ist genauso unsinnig wie ein 50-Kilometerlauf für den Untrainierten. Wichtig nur, dass wir den geänderten Fingerzeig wahrnehmen und unser Raumschiff des Lebens entsprechend auf neue Umlaufbahnen bringen.

Das Bounty hat übrigens tags darauf noch seine Bestimmung gefunden, während wir genüsslich Fotos und Erlebnisse von zwei Wettkampftagen sortierten. Alles hat eben seine Zeit, was uns bremst, kann uns auch beflügeln und 2019 war deshalb gerade richtig für den ersten VIGLithon!

VIGLi, 31. Mai 2019

 

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