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Täglich laufen mag ich nicht. Dachte ich früher, damals in diesem anderen Leben. Ich kann schließlich auch radeln, schwimmen, tanzen, lesen odersoweiter. Nichts muss jeden Tag sein.2019 08 10 19.14.23klstr

Aber dann kam die Konferenz in Berlin und ich erledigte den 20 km langen Dienstweg mit einem Leihrad bei morgendlichen Temperaturen von minus 10 Grad. Das ist ziemlich kalt. Meine Sehnen und Bänder waren anscheinend nicht so umweltaktivistisch wie ich und meinten anschließend, sie seien schwer beleidigt. Erst lahmten die Knie, dann verklemmte sich das Kreuz und schließlich krachte irgendetwas im Oberschenkel. Ich versuchte es mit drei Tagen Laufpause, einer Woche. Aussichtslos. Sobald ich losrannte, biss sich ein unsichtbarer Bösewicht in immer wieder wechselnde Muskeln und zum ersten Mal seit Jahren stimmte meine Theorie nicht, dass alles beim Laufen heilt.

Immerhin war radeln und schwimmen ziemlich gut möglich und ich lernte mit Staunen, dass Laufen tatsächlich eine sehr viel stärkere Belastung darstellt. Das kam mir bis dahin nie so vor. Laufen ist einfach die leichteste Art, um glücklich zu werden. Ein paar Turnschuhe genügen üblicherweise und wie man an den begeisterten Barfußläufern sieht, braucht es nicht einmal das. Aber nun war mein Oberschenkel und infolge das linke Knie (oder war es andersherum?) nicht richtig belastbar, ich fühlte mich elementar verunsichert, denn schließlich haben wir zwei Beine, um unser Fortkommen zu sichern. Schmerzen waren nicht das eigentliche Problem, das Bein klappte einfach weg und sagte „Nö“. Nun, meinten meine Freunde, vielleicht ist eben eine längere Laufpause für dich auch Mal gut, ich nickte brav und konzentrierte mich auf Radtouren und Schwimmtrainings, nur um festzustellen, was ich schon wusste: dass etwas fehlte. Dieses Losrennen mit hechelndem Atem, der Schweiß, der nach kurzer Zeit auf die Stirn tritt, das Einsinken in einen Rhythmus, dieses übermäßig wohltuende Gefühl von den eigenen Beinen getragen zu werden und das alles, ohne dass mir das Sitzfleisch von spitzen Fahrradsätteln brannte oder Wasser in die Ohren lief.

Meine Franks (Franks sind meine Vereinskameraden, genauere Erklärung siehe meine Bücher) wussten, was ich meinte, aber die meisten Menschen konnten überhaupt nicht verstehen, wovon ich sprach. 2019 08 08 19.23.42strImmerhin fuhr ich Radtouren von 150 km, tobte in der Mittagspause im Schwimmbad und wanderte bald schon wieder ganz ordentlich. Sprich, ich hatte ein Bewegungsprogramm, das viele Menschen für eine Frau mit 58 Jahren übertrieben finden. Das sind die, die nicht wissen, dass laufen eigentlich wie atmen ist. Und das merkt man dann natürlich erst, wenn man die Luft anhält. In dieser atemlosen Zeit gab es dann auch immer wieder so einen kleinen Teufel in meinen Gehirnwindungen, der sagte: „So, das war es jetzt, laufen ade. Das wird niiiiie wieder“ Aber dann war da auch eine andere Stimme, die zuerst vor allem von meinem jugendlichen Physiotherapeuten kam, der meinen Körper schon ziemlich gut kannte und außerdem in diesen Tagen mehr an mich glaubte als ich selbst. Ich kann gar nicht sagen, wie wichtig es ist, in solchen Momenten so jemanden zur Seite zu haben, der einfach meinte: „Im Sommer läufst du wieder genau wie immer.“

Ich glaubte ihm, aber es dauerte. Und dauerte. Und dauerte. Wenn ich alles aufschreiben würde - Dehnen, Walken, Tretroller fahren, gescheiterte Laufversuche, Gymnastik - was mich in diesen Tagen so beschäftigte, das würde den Leser langweilen. Aber blättern wir einfach um zu dem Moment, wo der Physio sagte: Also, du musst jetzt aber auch Mal wieder laufen. Genau! 

Aber Wiedereinstieg, wie geht das? Dass ich wie Phönix aus der Asche meine üblichen 10 bis 20 km laufen könnte, ohne einen Rückfall zu riskieren, schien illusorisch, zumal sich mittlerweile gezeigt hatte, dass es sich im Knie um einen Bänder(an)riss handelte. Sowas dauert nicht Wochen, sondern Monate bis zur Heilung und so wie Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht, braucht Mensch einfach Geduld. Heilung also unter angemessener Belastung, was auch immer das ist.2019 08 03 08.13.54str

Da fiel mir dieses Spiel wieder ein: Streakrunning. Das bedeutet, jeden Tag mindestens eine Meile laufen, also 1,6 km. Es dürfen auch mehr sein, aber 1600 Meter ist das Minimum. Ein Streak ist zu deutsch eine Strähne, also eine Laufsträhne. Das Ziel ist es nicht, besonders weit zu laufen, sondern möglichst viele Tage nacheinander. Es gibt Streaker in der Ultraszene, die laufen dann nach 100 km am nächsten Tag einen 10er, locker, zum Auslaufen oder gleich wieder einen Marathon. Aber es gibt auch Streaker, die sich eher an der unteren Grenze entlang hangeln. Mein Freund hat das Mal über ein Jahr mitgemacht und es warf eine völlig neue Perspektive auf unser Leben. Waren wir in Urlaub gefahren, hatten Stadtbesichtigung statt Sport und ein chices Hotelzimmer, fiel ihm spätestens beim Zähneputzen noch ein: Ich muss noch los. Er rannte eine Meile in Belgien und in Mallorka, in Otterndorf oder Bochum, bei Sonne oder Regen und meistens im Dunkeln, weil er sehr gut 23 Stunden auskam, ohne zu laufen. Aber spätestens dann schlug seine Stunde.

Hatte ich zuerst gesagt: Eine Meile ist doch kein Problem, merkte ich damals, was zu diesem Spiel dazu gehört. Man kann die Strecke eben nicht nachholen, täglich heißt täglich.

Das Spiel interessierte mich aber nicht wirklich bis zu diesem Tag, als ich meine beschädigten Beine wieder an den Laufrhythmus gewöhnen wollte. Das war doch ideal, erst einmal 1,6 km zu laufen und wenn das klappte, am nächsten Tag wieder anzutreten. Zudem hatte das den Vorteil, dass ich meine zahlreichen, zum Teil schon erheblich abgelaufenen Schuhe, zu neuer Ehre verhelfen wollte, denn für so ein kurzes Stück taugten sie allemal. So konnte ich alltäglich mit anderen Tretern rennen und damit den Füßen etwas Abwechslung bieten. Mit klopfendem Herzen startete ich an einem Sonntagmorgen zu meinem Vorhaben. Noch immer hatte ich im Hinterkopf, dass ich, wenn ich denn nun gesund war, einfach gleich weiterlaufen konnte zu meiner üblichen 10 oder15 km Runde. Aber das Rennen fühlte sich doch ungewohnt an, der Oberschenkel ziepte, ich verringerte das Tempo und schaffte so die erste Meile ohne Gehpause seit ungefähr zwei Monaten. Mein Durchschnittstempo von 7 min/km fand ich zwar niederschmetternd, aber da war etwas anderes, was viel stärker war. Hoffnung! Nur nichts überstürzen, sagte ich mir, das wird! Es war ein völlig neues Abenteuer zu dem ich aufgebrochen war. Laufen hat eben viele Perspektiven und es beginnt mit dem ersten Schritt! 2019 07 25 21.15.59klstrZunächst stellte ich fest, dass mein Streakrunning eine einsame Sache war, denn für eine morgendliche Meile Mitstreiter zu finden, ist schwer möglich. Meine Franks schüttelten gleich den Kopf, denn bevor wir uns da getroffen hatten, war der Lauf ja schon wieder um. Aber zu diesem Zeitpunkt machte mir das schon nicht mehr so viel aus. Sollten sie rennen, wie sie wollten, ich hatte ein Ziel und eine Aufgabe. Meine Laufsträhne war zugleich meine neue Glückssträhne. Statt die Laufklamotten nach einem Halbmarathon verschwitzt in die Wäsche zu werfen und zwei Tage zu pausieren, hatte ich ein Shirt und eine Hose, die an der Garderobe vor sich hin lüfteten und morgens von mir noch im Halbschlaf wieder und wieder übergestreift wurden. Zunächst hüpfte ich dann zwei, drei Minuten auf meinem Trampolin, um die Muskeln zu lockern und dann ging es hinaus. Ich kann gar nicht sagen mit welcher aufgeregten Vorfreude ich meinen zweiten Streak-Tag begann. Leute, ich bin schon 100 km am Stück gelaufen und nun fieberte ich einer Meile entgegen, das Leben ist verrückt und Laufen ist genial, es ist einfach immer aufregend. Der zweite Tag lief locker, ich fand eine Strecke, die ich angenehm fand. Direkt von der Haustür durch das Viertel bis zum nächsten Parkweg, dort mit leichter Steigung hinauf zur Straße, diese überquerend auf einen wurzeligen Schattenpfad zwischen Bäumen und noch vor der Trasse in das Wohnviertel, wo ich eine Zickzackparcours an den Häusern entlang lief, noch von wenigen Fußgängern und Autos gestört. TRASSEstrNach 2,5 km stand ich schwitzend und glücklich vor meinem Haus, dehnte ausgiebig, duschte und wusste, ich begann gerade wieder ein neuer Mensch zu werden. Am dritten Tag trug ich Schuhe, die noch wenig benutzt waren, weil ich sie zuvor nicht so mochte. Sie waren allerdings besonders leicht, was sich jetzt als großer Vorteil erwies und so rannte ich an diesem Tag die 2,5 km-Runde plötzlich locker und zwischendrin sogar einige Meter im 5- Minuten-Tempo. Da war es wieder: Mein Läufer-Ich. Nur nicht übertreiben, mahnte ich mich und wurde am nächsten Tag auch schon zurückgepfiffen, die Beine waren schwer. Von 2,5 km für die ich mich früher nicht Mal umgezogen hätte. Aber was sind schon müde Beine, solange sich kein Muskel grundsätzlich weigert, kein Gelenk verkantet?! Ich trat in eine neue Ära ein, es gab jetzt einen Weg zu meinem Ziel, ich war nicht zu untätigem Warten und ewigem Radeln verdammt, ich konnte etwas tun, meine Lieblingsdisziplin wieder zu entdecken. Was für ein Abenteuer, was für eine Vorfreude!

Als der vierte Tag ohne Probleme vorbei ging, erfasste mich nahezu eine Euphorie. Ca 10 km in vier Tagen, es tat nichts weiter weh und da klopfte schon wieder meine Ultraweisheit im Hinterstübchen: Was du in einer Woche laufen kannst, kannst du auch am Stück laufen. Ich beließ es dennoch zunächst bei dieser 2,5 km Runde, die ich zunehmend liebte. Die Häuser, die Bordsteinkanten, die Blumen in den Vorgärten, alles betrachtete ich, als wäre ich noch nie durch das Viertel gekommen. Dieses morgendliche in die Laufsachen schlüpfen, war wie das Abstreifen des Kokons für den Schmetterling. Ich legte meine vom Alltag der letzten Wochen gebeugte Persönlichkeit ab und war für etwa eine viertel Stunde wieder Läuferin. Ich war frei, die Beine trugen. Als sechs Tage vorbei waren, weihte ich meinen Freund ein: Ich bin jetzt Streakrunner, Tag 6. Er zeigte sich beeindruckt, sechs Tage in Folge, das ist tatsächlich schon ein erster Spielstein. Neben der spielerischen Komponente, kommt zu diesem Zeitpunkt auch das Thema Gewohnheit ins Spiel. Der Mensch ist stark von seinen Gewohnheiten geprägt und viele Menschen treiben nur deshalb keinen Sport, weil es niemals in ihre Routine übergegangen ist. Nun ist das bei mir anders, denn neben meiner Schreibtischarbeit, ist der Ausdauersport seit Kindesbeinen mein Lebenselixier. Aber noch nie hatte ich das Vorhaben, jeden Tag eine Meile zu laufen, hatte mir noch nie die Frage gestellt, wann denn so eine einsame Meile, die bei mir schnell zu den 2,5 km angewachsen war, in mein Leben passte. Und jetzt wusste ich: es passte meistens am Morgen. Ich war morgens in den Laufschuhen, ehe ich richtig wach war, wackelte ein bisschen mit Knien und Fußgelenken, um den Schlaf herauszuschütteln, startete meine Lauf-Uhr und wusste:  Das Leben ist gut!photobellostr

Der siebte Tag war ein Feiertag. Ich nahm zuerst das Fahrrad, weil ich festgestellt hatte, dass es für meine Muskeln von Vorteil war, erst auf dem Fahrrad gelockert zu werden. Ich sauste also 15 km die Trasse entlang, fuhr nicht zum Bäcker, nicht zum Fluss, nur ganz langweilig hin und her, in Vorfreude auf meine Laufschuhe. Ich stellte das Rad in den Garten, zog die Laufschuhe an und befand, dass ich das erste Mal meine Morgenrunde verlassen wollte und zur Trasse rennen, dort wo sich die eigentlichen Läufer befinden und ich mich in den letzten Wochen so ausgegrenzt gefühlt hatte. Ich lief von dort in den Park und merkte, es war nicht ganz leicht, bei Kilometer Vier schwitzte ich beträchtlich, es war allerdings auch sehr sommerwarm. Nach 6,8 km war ich wieder zu Hause und das war auch gut so. Aber 6.8 km, hey, das war doch schon ein Gefühl von unterwegs sein, wenn mein Tempo auch noch nicht bei den 6 Minuten/km angekommen war, die ich vor der Verletzung als Standard ansah. Es folgte ein Wochenende an der Küste. Mein Freund, der mich immer ärgert, außer wenn es wichtig ist, hatte ein Video entdeckt von Hurrican Hawkins. Das war eine 103jährige (!), die gerade beim 50 Meterlauf eine Medaille gewonnen hatte. Sie hatte mit 101 Jahren angefangen zu laufen. Das war Wasser auf meine Mühlen. Ich mit meinen jungen 58 Jahren hatte alles noch vor mir, eine Sprinterkarriere mit 100! 

Unterdessen habe ich den 50.ten Lauftag gefeiert, habe schon vier 10-km-Wettkämpfe bestritten  und merke ständig Fortschritte. Natürlich laufe ich nur locker, ohne Sprints und noch mit angezogener Handbremse, aber wenn der Startschuss knallt, bin ich dabei. Dabei ist dabei! Eigentlich wollte ich mit dem täglichen Gerenne aufhören, wenn die 10-Kilometermarke erreicht ist. Aber wie das mit Spielen eben so ist, der Spaß hat mich vollkommen erwischt. Erzähle ich jemandem, dass ich täglich wenigstens zwei Kilometer laufe, heißt es oft, ach, so eine kurze Strecke, das könnte ich auch, ABER. Es ist unglaublich wie viele Abers es gibt. Aber da schwitzt man doch (ja, und das ist schön!), aber so oft kann ich doch meine Laufsachen nicht waschen (nein, ist auch unnötig), aber wenn ich auf Dienstreise bin geht das doch nicht (Echt nicht, 15 Minuten?) , aber bei 40 Grad ist laufen zu anstrengend (morgens um 6 ist es doch nicht so heiß und hey, 2 km!), aber wenn ich erst im Dunkeln nach Hause komme (Hey, eine Meile, lauf doch einfach eine Strecke an den Straßenlaternen). Und genau deswegen ist dieses Spiel so spannend, wenn ein Tag ausfällt, steht der Zähler wieder auf Null und es geht von vorne los.  Aber wer will schon gerne wieder von vorne anfangen? Im Moment habe ich 302 Kilometer in 59 Tagen gesammelt und ich fühle mich wie Dagobert Duck im Kilometerrausch, die Abenteuer liegen einfach direkt vor unserer Haustür!

VIGLi;  Glückslaufsträhne Tag 60

(zuletzt erschienen: "Vom Abenteuer 100 km zu laufen", Klartextverlag)

 

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