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Eines schönen sonntags rannte ich mit drei wilden Kerlen und einer Stempelkarte durch die Amelinghauser Heide. 2019 09 01 11.39.44klWir waren auf der Suche nach der Königin. Dabei haben wir auch den Lopausee, die Kronsberger Heide und nette Gespräche gefunden.

Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte.

Angefangen hat es damit, dass ich zum zweiten Mal in die Soltauer Künstlerwohnung eingeladen war. Diese wunderbare Einrichtung ermöglicht es Künstlern, sich zwei bis vier Wochen ganz auf die kreative Arbeit zu konzentrieren. Für mich Ruhrpottmädchen ist es außerdem die ideale Chance, neue Landschaften kennenzulernen, denn zwischen Bispingen, Schneverdingen und Amelinghausen sieht es doch sehr anders aus als in der Metropole Ruhr.

Andererseits hat Soltau gegenüber New York oder Australien den Vorteil, dass die Anreise nicht allzuweit ist. Um genau zu sein, sind es zwei Stunden Bahnfahrt (bis Minden) plus sechs Stunden radeln. Auf diese Weise war meine Anfahrt nicht nur klimaneutral, sondern auch ein geniales Abenteuer, um sich langsam aus dem Alltag heraus zu strampeln und beim Blick auf Weser, Aller und Kiefernwald ganz allmählich in den Heidekreis hineinzugleiten. 2019 08 31 08.51.44kl

Das Wetter war auf meiner Seite, auch wenn es etwas übertrieben hat und ab mittags mit 32 Grad und Wind, der einem Sandstrahlgebläse glich, mein vorheriges Leben quasi aus mir herausgetrocknet hat. Kaum hatte ich meinen Arbeitsplatz in der Künstlerwohnung bezogen, den Computer eingeschaltet und den WLAN-Zugang aktiviert, ploppte mir bei Facebook die Einladung zum Heidediplom-Lauf entgegen. Veranstalter Christian Hottas ist nicht nur wegen seiner dreistelligen Marathon-Sammlung berühmt, sondern auch, weil er unter dem Titel „Fun- und Erlebnismarathon“ immer wieder neue LaufiIdeen aus dem Hut zaubert, die gut organisiert und keinesfalls nur für Marathonläufer geeignet sind. Heidediplom? Ich bin auch in der Heide funkte ich und suchte im abendlich dunklen Zimmer (dass ich die Lampen erst via Steckdose aktivieren musste, hatte ich mit meinem ausgedörrten Radler-Hirn noch nicht realisiert) nach dem Treffpunkt auf der Online-Karte.

Viel Zeit zur Vorbereitung blieb mir nicht, einerseits klappten mir schon die Augen zu nach meiner sportlichen Anreise, andererseits war mir klar, dass ich dann am nächsten Tag früh aus den Federn musste. Aber wenn mich erst einmal eine Idee gepackt hat, dann setzt das erstaunliche Kräfte frei. Ich hatte immerhin schon ein Päckchen Haferflocken und zwei Äpfel als Verpflegung eingekauft, das sollte genügen. Um das Heidediplom in Bronze abzulegen, musste ich nur 10 km laufen, das war ja nicht so schwer. Der Haken an der Sache war, dass ich mit dem Fahrrad 35 km zum Treffpunkt hatte. Ich versuchte also besonders regenerativ zu schlafen, kaute am nächsten Morgen eine Portion Haferflocken und saß um halb acht wieder auf dem Rad. 2019 09 01 08.00.34klDie Strecke war nicht kompliziert, es ging geradeaus. Kiefernwald rechts, Kiefernwald links, manchmal auch ein Sonnenblumenfeld, dann wieder Wald. „Du bist gleich am Ziel“, sagte meine Navigationsdame schließlich und wollte mich zur Tür eines Bauernhofs schicken. Der Herr im Hause saß gerade davor auf seinem Traktor und ich konnte sehen, wie er bremste und genau beobachtete, welcher behelmte Außerirdische sich da auf sein Haus zu bewegte. Es waren nämlich in der Gegend nicht viele Menschen unterwegs. Ich sagte meiner Navis-Dame, sie sei blöd und schaltete sie zur Strafe aus. Immerhin hatte Christian noch ein paar Orientierungspunkte angegeben und so entdeckte ich zunächst den Lopausee und kurz danach, das ersehnte Ziel „Parkplatz Kronsberger Heide“. Da standen auch schon ein paar Sportler in Laufhosen und mit Trinkrucksäcken, die etwas irritiert meine Ankunft bemerkten. Ich parkte mein Rad, tauschte den Helm gegen einen Sonnenhut und steckte das Handy in die Hosentasche. Verpflegung brauchte ich für 10 km schließlich nicht. Als Christian erschien, waren wir ungefähr 20 Leute, die er alle ordentlich auf einer Liste protokollierte. Jeder bekam eine Stempelkarte und anhand einer Amelinghausener Übersichtskarte erklärte der Veranstalter die Regeln und Tücken, die auf die Heide-Diplom-Aspiranten warteten. Das Diplom, eine Medaille und eine Urkunde gab es nur für diejenigen, die ausreichend Stempel auf ihrer Karte nachweisen konnten und außerdem unterwegs eine Unterschrift an diversen Protokollpunkten leisteten. Nach dem Motto Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, stellte Christian damit sicher, dass es trotz Spaß und Sonntagsstimmung, doch ein fairer Wettkampf blieb. Wie sich herausstellte, wollte außer mir niemand das bronzene Heidediplom, alle anderen hatten vor, mehr Zeit in der schönen Landschaft zu verbringen. 2019 09 01 10.56.31klDas warf für mich die Frage auf, wie es mir gelingen sollte, die von Amelinghausen so schön vorbereiteten Stempelstellen im Vorbeilaufen zu finden. Und überhaupt, sich nicht zu verlaufen, setzte voraus, dass ich kleine gelbe Pfeile auf rotem Grund verfolgte, obwohl ich doch wahrscheinlich von Heidschnucken und Heideblüte vollkommen abgelenkt sein würde. Das beste für solche Veranstaltungen ist es, wenn sich Teams entwickeln, die das Abenteuer gemeinsam angehen. Aber bis dato kannte ich außer dem Veranstalter fast keinen der Teilnehmer.

Wir versammelten uns an einer Spur im Sand, die als Startlinie durchging, Christian machte ein Foto und nach drei, zwei, eins ging es los. Es war ein Rennen, also rannte ich los, gemeinsam mit den anderen, wie ich dachte. Aber wie sich herausstellte, waren es nur drei Herren, die mit mir im 5:30er Tempo los sausten, die restliche Gruppe war bereits nach einem Kilometer komplett außer Sichtweite. Wir liefen am See und dann plötzlich über eine Wiese und einen Friedhof, die Herren kannten die Route und ich dachte mir: Diese Typen solltest du nicht verlieren, sonst bist du hier allein und rennst bestimmt am nächsten Abzweig in die falsche Richtung. Wir wurden sehr schnell ein gutes Team, das ist immer wieder erstaunlich mit den Läufern. Es braucht nur eine Friedhofsmauer und einen Entenstempel und man ist quasi befreundet. Einer rief: Achtung Stempelstelle, alle zückten ihre Karten, einer war Stempelbeauftragter und drückte das jeweilige Emblem mit Schmackes auf die Karte. Wir redeten über Wettkämpfe, schöne Strecken und Bücher, während ich sehr damit beschäftigt war auf den Sand-, Wiesen-, Wurzelpfaden nicht zu stolpern. Bei Kilometer Acht bogen zwei der wilden Kerle ab, um sich auf die Goldroute zu begeben und ich blieb mit einem Silber-Aspiranten auf der Bronze-Strecke. Die führte für ihn genau wie für mich zum Ausgangspunkt und von dort aus lief er dann die nächste Kilometerschle2019 09 01 11.32.39klife ich dachte, hoffentlich müssen wir nicht gleich nochmal zurückrennen, um eine verpasste Stempelstelle zu finden. Aber da tauchte schon der Holzkasten auf, wir druckten die kleine Königin auf unsere Diplom-Anwärterkarten und gerade als ich sagte: „Ist schon sehr hübsch hier, nur Heideblüte haben wir noch nicht gesehen.“, da bogen wir um die Ecke und „Wow!“ Ein rosarotes Blütenmeer und direkt davor der letzte Stempel mit einem Krönchen. Wir fotografierten uns an diesem königlichen Ort gegenseitig und trabten dann gemeinsam zur Protokollliste und den Gummibärchen an Christians Auto. Mein Wegbegleiter hängte mir feierlich die Medaille um, ehe er weiterzog und ich wieder auf das Fahrrad wechselte.

Für den Rückweg sparte ich mir die technische Navigation, denn geradeaus ist eigentlich leicht zu finden. Aber wie das so ist, wenn ich keinen Begleiter und keine Stempelkarte habe, die mich auf die Spur bringen, dann gibt es da doch noch ein anderes Geradeaus. So folgte ich irgendwann einem Radwegweiser, der irgendwie vertrauenserweckend aussah. Das bereute ich allerdings bald, denn ich wurde auf Sand- und Kopfsteinpflaster gelotst. Nach einer Weile im menschenleeren Nirgendwo, schaltete ich reumütig doch wieder das Navigationsgerät ein, denn wenn ich mich schon im Schritttempo über Sand und Wurzeln hangelte, wollte ich wenigstens die Hoffnung haben, dass ich mich in die korrekte Richtung bewegte. Erstaunlicherweise war der Holperpfad tatsächlich mit Radwegschildern gekennzeichnet. Aber ich bin nicht sicher, ob die Verantwortlichen wissen, dass ein Bike zwei Räder hat und nicht vier Beine wie ein Pferd. Aber schließlich lichtete sich der Wald, Häuser tauchten auf, die Kirche und nach 74 Kilometern war ich wieder an meinem morgendlichen Startpunkt. Die Wohnung und der rauschende Böhme-Bach waren unverändert, nur ich war eine ganz andere, mit dem Heide-Diplom in der Tasche, einer Medaille um den Hals und einem Kopf, der nur noch rosarote Gedanken produzierte. Die Heide-Schreibzeit hat begonnen!

VIGLi, 1. September 2019

P..S. Stempelkarten gibt es bei der Touristen-Info in Amelinghausen und die Königin darf auch erwandert werden, ohne zu rennen :-)

 

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