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Weihnachtsfeier, Weihnachtsessen, Weihnachtsgeschenk – das sind so die bekannten Worte, die zum Jahresende den Wortschatz bevölkern wie im Sommer die Wespen den Kuchen. Aber Weihnachtsschwimmen? So etwas fällt nur Franks ein (alle Triathleten aus meinem Verein heißen Frank, wie in meinen Büchern nachzulesen ist). Bei dem Weihnachtsschwimmen handelt es sich nicht um eine Mutprobe in zugefrorenen Gewässern, sondern eine gemeinsame Grenzerfahrung. So steht es in der Ausschreibung. Ein Wettkampf ist es nicht, eher so eine Art Synchronschwimmen.
„Melde da Mal eine Staffel an“; raunte mir eines Tages ein Frank auf dem Sportplatz ins Ohr und ich bin ja eine brave Frankine, auch wenn ich noch nicht ganz verstanden hatte, worum es ging. 2019 12 28 11.07.58kl

100 Mal 100 Meter schwimmen war angesagt.

100 Meter sind natürlich nicht so viel, aber wer des Multiplizierens fähig ist, kommt auf 10 km. Zehn Kilometer, das bedeutet einmal die beliebte Springorumtrasse vom Anfang bis zum Weitmarer Holz. Oder einmal rings um den Kemnader See. Das sind so die Laufstrecken, die mir dazu einfallen. Im Schwimmbad sind das 200 Fünfzig-Meter-Bahnen oder eben 100 Mal 100. Es war allen Franks klar, dass ich da nicht dabei sein konnte, wenn das Zeitlimit weniger als 24 Stunden umfasste, aber wie das bei netten Sportlern so üblich ist, gab es eben auch Staffeln, die sich den 10 Kilometer-Brocken aufteilen konnten. Mindestens zweitausendfünfhundert Meter mussten es allerdings schon pro Person sein, schließlich ging es um eine Grenzerfahrung und nicht um ein gemeinsames Whirlpooltreffen. 2500 Meter klingt nun wirklich nicht so viel und außerdem war es kein Wettkampf, sondern eigentlich ein gemeinsames Waffelessen.

Das leuchtete mir sofort ein, ich taufte meine Mitstreiter und mich die „Buchthai-Gruppe“ und meldete uns zu der Veranstaltung an. Wobei „uns“ erst einmal nur ich war und meine erste Aufgabe darin bestand, drei Haie zu finden, die mein Tempo oder besser Nicht-Tempo bereitwillig schwimmen würden. Tatsächlich gelang mir das erstaunlich schnell, sogar mein Freund war mit von der Partie, obwohl er sonst immer angewidert sagt „Ich bin doch kein Fisch“, wenn ich ins Schwimmbad will. Stattdessen beschwerte er sich jetzt, wenn wir auf der Laufstrecke waren „Was soll denn das Gerenne, ich bin doch Schwimmer.“

Mir war das alles egal, denn ich bin weder Läufer, noch Schwimmer, noch Triathlet, ich bin einfach eine, die mitmacht, um wieder eine schöne Story zu erleben. Und diese nahm während der Vorweihnachtszeit ganz ordentlich Fahrt auf.IMG 20191228 124744kl

Wir Buchthaie motivierten uns gegenseitig zum Training und zum ersten Mal in meinem Leben war ich im Winter regelmäßig im Bad anzutreffen.

Der Haken an der Grenzerfahrung war nämlich, dass die langsamste Gruppe immer noch eine Geschwindigkeit von 2 Minuten und 45 Sekunden für 100 Meter einhalten musste. Ein langsameres Schwimmen war für Franks nicht denkbar. Einer meiner Mitstreiter erklärte auch gleich zu Anfang: „Ich war ein Jahr nicht mehr im Wasser“, dann zischte er in zwei Minuten und 30 Sekunden die 100 Meter entlang und meinte anschließend, er würde sich beim Schwimmen ausruhen. Es war mir also relativ schnell klar, dass mein Franks und mein Freund die Staffel locker ins Ziel bringen würden, sofern ich nicht unterging.

Ich sah mir also Videos von Meerengen-Durchschwimmern an, visualisierte Quallen, Haie und Algen, übte mit Flossen und dehnte meine üblichen 1000 Meter immer wieder auf das Doppelte aus.

Das lief alles ganz gut, solange ich nicht auf die Uhr sah. Der Zeitplan war deshalb so wichtig, weil wir schließlich alle gemeinsam Kuchen essen wollten. IMG 20191228 124645kl

Die Langsameren mussten eher anfangen und ein Computer an jeder Bahn zeigte die Zahl der Bahnen, wobei das eben nur dann stimmte, wenn die Teilnehmer ihr vorgegebenes Zeitfenster einhielten.

Einer meiner Staffel-Haie hatte zwar vorgeschlagen, Stöckchen am Beckenrand zu deponieren, die er dann jede Bahn von links nach rechts schieben wollte, um die Bahnen zu zählen. Aber was das bei acht Leuten pro Bahn für ein Scheiterhaufen geworden wäre, möchte ich mir nicht ausdenken. Von daher war das mit den Computern schon klug. Nur nahmen die keine Rücksicht, die liefen einfach im eingestellten Zeitfenster durch.2019 12 28 14.48.53kl

Auf der Weihnachtsfeier diskutierten wir das Event eifrig und der Erfinder der ganzen Sache, wegen seiner überschäumenden Kräfte auch als Bamm-Bamm bekannt, ließ eine Liste herumgehen in die jeder eintragen konnte, wann er wo bei diesem Ereignis anzutreffen war. Wer nicht mit Schwimmen beschäftigt war, musste die ganzen Neptuns beaufsichtigen, Waffeln backen, Bademützen verteilen oder Fotos machen.

Während sich also die Franks an spanischen Vorspeisen und Wein labten, wurde im Halbdunkel des Lokals diese ominöse Liste weitergereicht, die ich wahrscheinlich schon bei Tageslicht nicht verstanden hätte. Allenthalben waren Notizen angebracht, in einer Schriftgröße, die für eine Briefmarke angemessen gewesen wäre und meine Spannung stieg angesichts der Geheimschrift zusehends.

Später bekamen wir das magische Dokument noch zugeschickt, aber wenn ich meine Franks traf, schien keiner so richtig zu wissen, was darauf stand und ich war nicht sicher, ob mich das beruhigte oder eher noch nervöser machte. Zwei Tage vor dem Ereignis fragte dann ein Sportler in der WhatsApp-Gruppe: „Wann ist eigentlich das Treffen am Sonntag?“, woraufhin ein Zweiter schrieb: „Ist das nicht Samstag?“ und ein Dritter wusste genau Bescheid: „Ja, Samstag“.

Immerhin, Samstag also, wann auch immer.IMG 20191228 123237kl

Zumindest war in unserer Staffel klar, dass ich als Letzte an der Reihe war, aber da ich möglichst wenig von der Grenzerfahrung verpassen wollte, war ich kurz nach neun Uhr im Bad.

Da lief das Waffeleisen schon heiß, die Computer waren aufgebaut und ich hatte noch genügend Zeit, das feuchte Geschehen zu beobachten.

Rosa, grüne, blaue und weiße Badekappen fegten durchs Wasser. Das heißt, eigentlich hingen sie unentwegt am Rand herum, wo die Schwimmer Trinkflaschen deponiert hatten und in den Pausen nach jeder 2,5 km Einheit schluckten die Neptuns ganz Waffelberge, ehe sie sich wieder in die Fluten stürzten. Das Prinzip hatte ich also mittlerweile verstanden und eine andere Frankine hatte mir freundlicherweise Flossen an den Beckenrand gelegt „Falls es irgendwie gar nicht anders geht“.

Motto: Dabei sein ist alles.2019 12 28 11.33.40kl

Aber ein bisschen ehrgeizig bin ich schon und mein Ziel war es, den Abschluss unserer Staffel ordentlich durchzuziehen. „Du siehst ja gar nicht so begeistert aus, wie sonst immer“, stellte eine Bekannte fest, die sich ganz ohne Zeitvorgaben im Becken tummelte. Mir waren meine Bedenken offensichtlich anzusehen. Aber die Stunden vergingen wie im Fluge und schon war es Zeit für mich ins Wasser zu gehen. Wir waren zu sechst auf der Bahn und man sollte Wasserschatten schwimmen. Das ist eine Fähigkeit, die ich nur vom Hören-Sagen kenne, denn wenn ich beim Triathlon meine Strecken abspule, tue ich das regelhaft alleine. Die anderen sind immer schon weg.

„Fünf, vier, drei, zwei, eins, ab!“, zählte jemand und endlich ging es los. Die Schwimmerin vor mir hatte schon 2500 Meter geschafft und schwamm nun spontan für einen fehlenden Staffelschwimmer eine weitere 2,5 km- Runde. Das war mein Glück. Sehr gleichmäßig kraulte sie durch die Wellen und tatsächlich schwappte ich im Sog ihrer Fußsohlen mit, ohne, dass es mich zunächst nennenswert anstrengte.

Nach 100 Metern hatten wir etwa 10 Sekunden Pause und dann ging es wieder ab. Kritisch war für mich nur die Wende, denn mit einem dynamischen Stoß war meine Wasserschattenfee dann jeweils aus meiner Reichweite.Tatsächlich gelang es mir aber, sie bis zur Hälfte der Bahn wieder einzuholen und dann konnte ich mich erneut ausruhen.IMG 20191228 133358 BURST013klInnerlich fing ich an zu grinsen, weil alles so gut klappte, äußerlich versuchte ich den Mund nur im richtigen Moment zu öffnen, um die warme Chlorbrühe nicht zu verschlucken.

Nach 1200 Metern krampfte mein rechter Fuß, weil ich ihn so vorbildlich strecken wollte, wie er das gar nicht gewohnt ist. Damit hatte ich meine Fee verloren, aber das war mir nun auch egal. Das bekannte Gefühl, mich alleine durchzukämpfen, stellte sich ein.

Schließlich wollten wir Grenzen testen.

Mein nächstes Ziel war, dass mich die Truppe nicht überholte. Ich zählte fleißig die Bahnen, aber zum Glück rief jemand zwischendrin „Noch 10 Mal!“, denn da hatte ich mich gerade bei 1,2,3, aufgehängt wie eine gesprungene Schallplatte.

Die Pausen am Beckenrand waren unterdessen wegrationalisiert, ich schwamm nur noch den anderen hinterher oder besser vor ihnen weg. So lange sie nicht an mir vorbeizogen, war ich im Zeitplan.IMG 20191228 133354 1kl Nur mit halbem Ohr nahm ich schließlich wahr, dass applaudiert wurde, immer mehr Schwimmer sich am Rand sammelten. „Bleib einfach da“, raunte mir ein Frank zu, als ich wieder am Ausgangspunkt anschlug, aber mir war klar: Die anderen waren fertig und mir fehlten noch 100 Meter. Ich wollte nichts geschenkt haben und schoss also noch einmal los, so fühlte sich das jedenfalls an, auch wenn es für Außenstehende vielleicht eher wie ein friedliches Dahindümpeln aussah. Ich mobilisierte alle meine Kräfte, Arm strecken, Beinschlag, Durchziehen, wenn mein Kopf aus dem Wasser tauchte schnappte ich Luft und den Applaus auf. Ungefähr 50 Franks applaudierten, als ich meine letzten Züge tat und auf dem zugehörigen Foto sieht man, dass ich mit einem breiten Hai-Grinsen am Beckenrand anschlage.

Danach mussten wir uns noch im Wasser für ein Foto versammeln. Dazu sollten wir die Arme alle begeistert in die Luft werfen, woraufhin ein super Bild entstanden ist, wo alle anderen fast auf dem Wasser zu schweben scheinen, während ich gerade noch mit den Augen über die Wasserfläche linse, die Hände wie zum Hilferuf in der Luft gereckt. Als Synchronschwimmerin muss ich also vielleicht noch die ein oder andere Pose üben. Aber die Grundlage ist da. Anschließend haben wir dann allerdings alle versagt, die 100 Mal 100 Kuchen und Waffeln aufzuessen. Da ist also noch Potential nach oben. Nächstes Jahr müssen wir entweder weniger backen oder es kommen doppelt so viel Schwimmer. Das ist natürlich sehr wahrscheinlich, wenn ich bis dahin jedem erkläre, dass er keine Holzstöcke braucht, um die Bahnen zu zählen und dass wir alle einen Schatten haben.

Es besteht doch sowieso keine Einigkeit, ob im Dezember eigentlich der Weihnachtsmann oder das Christkind zu Besuch kommt, in Wirklichkeit heißt der Dezembergott Neptun, da bin ich ziemlich sicher.


VIGLi, 28.12.2019

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