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Alle zehn Jahre feiere ich meinen Geburtstag so richtig dolle, schließlich ist ja der Wechsel der Altersklasse eine super Sache im Sport. Als Newcomer in der neuen Vergleichsgruppe locken oftmals neue Bestzeiten. Außerdem ist es eine wunderbare Gelegenheit, um die lieben Freunde miteinander bekannt zu machen, die sich bei mir zwischen Bayern und Nordsee verteilen. Die Planungen für den 60. Anfang Juni liefen schon auf Hochtouren, da wurden Partys plötzlich zu Superspreader-Events, die keinen Menschen erfreuten. Den Kaffee und die Bratwurst gab es allenthalben nur noch to go und mit 50 Metern Entfernung vom Koch. Laufen, Spazieren und Radeln hatten dafür Hochkonjunktur. Natürlich wollte ich mit der Zeit gehen: Aus der Party wurde eine „Party to go“.2021 06 05 09.11.05kl

Die Idee dahinter. Wenn das Geburtstagskind immer läuft und die Gäste an die Strecke kommen, dann bleibt das Menschen-Gewühle aus und trotzdem wird es eine tolle Feier. Zudem gibt es passenderweise bei Ultra-Läufen das sogenannte Backyard-Format. Dabei handelt es sich um ein Ausscheidungsrennen. Die Teilnehmer gehen jeweils zur vollen Stunde an den Start, um eine 6.7 km lange Runde zu laufen. Sieger ist, wer als letzter noch in der Lage ist, fristgerecht zur nächsten Runde zu starten.

Nun wollte ich zu meinem Geburtstag kein Ausscheidungsrennen veranstalten, aber die Idee, immer zu vollen Stunde 6,7 km zu laufen hatte für die Party to go immense Vorteile. Statt dass sich ein ganzes Rudel Schwitzender versammelte, würde sich die Party schön über den ganzen Tag verteilen. Jeder wusste: Zur vollen Stunde erwische ich das Geburtstagskind und kann mich der Runde anschließen oder irgendwo an der Strecke warten. Neun Mal 6.7 km ergab dann die gewünschte Kilometerzahl: 60 km zum 60. Ein guter Plan!2021 06 05 11.01.29 10kl

Natürlich gab ich mir viel Mühe bei der Streckenauswahl. Schließlich wollte ich meinen Gästen auch etwas bieten, Bochums Best off. Außerdem wünschte ich mir, an diesem legendären Tag ein bisschen Zeit für den Lebensrückblick zu haben und wollte deshalb meine alltäglichen Wege mit einbeziehen, die mit vielen Erinnerungen verknüpft sind. Ich radelte diverse Streckenvarianten und prüfte die Entfernungen mit verschiedenen Uhren. Zuletzt hatte ich eine wunderbare 6,7 km Runde, die von der Innenstadt (meine Wohnung) zunächst durch ein Naherholungsgebiet führte. Manche Menschen bezeichnen diesen Ort als Verkehrsinsel, was durchaus korrekt ist, aber es ist eben eine wunderschöne Insel. Mit Bänken und Bäumen, wo der Bochumer gerne im Schatten pausiert. Und tatsächlich kam irgendwann eine Künstlerin auf die Idee, dort ein leuchtendes Schild „Naherholungsbiet“ aufzustellen. Nun lässt sich darüber streiten, ob das eine Provokation ist, aber ich befand das jedenfalls als erstes High light.

WhatsApp Image 2021 06 05 at 14.03.49Als nächstes lag eine Original Ruhrpott-Bude an der Strecke, wo sich eine gemischte Tüte, die Zeitung oder manches Nützliche erstehen lässt. Alles to go natürlich, auch vor der Krise hat Mensch sich schon gerne Dinge mit auf den Weg mitgenommen. Nach zwei Ampelkreuzungen ging es ins Wiesental, dicht begrünt an unserem Vereinsbad vorbei und am Marbach entlang. Jeder Nicht-Bochumer staunte über Wiesen, Büsche und Bäume. Grüne Metropole Ruhr. Nach einem kurzen steilen Anstieg führte die Runde entlang einer Kleingartenkolonie zum höchsten Punkt der Laufstrecke. Dort bog die Laufrunde auf die Trasse ein, mit leichtem Gefälle und Auto-frei konnten wir drei Kilometer traben, bis der Abzweig wieder Richtung Innenstadt führte.WhatsApp Image 2021 06 05 at 14.02.55

Der Party-Tag nahte, einige Menschen hatten mitgeteilt, dass ihnen die Idee gefiel, ich hatte Kekse, Schokolade und Getränke im to go Format gekauft und fleißig trainiert, musste nur noch das Wetter mitspielen. Aber der Wettergott wollte mich wohl foppen. Nach einem nasskalten Frühjahr, wo ich die meisten Trainingsläufe mit Jacke absolviert hatte, brach ein Juni heran, der das Thermometer schlagartig auf 30 Grad katapultierte.

Dazu kam die Warnung vor Gewittern und Starkregen. Also so ungefähr das einzige Wetter, bei dem Laufen unmöglich werden könnte. Mit meinem Liebsten überlegte ich noch, wo und wie sich Wasserstellen deponieren ließen als Kühlung in der Hitze und mit kritischem Blick verfolgte ich den Wetter-Radar. Am Vortag der Veranstaltung liefen wir noch eine 5 km-Runde zur Akklimatisation und mein Partner meinte danach sehr passend: „5 km sind bei dem Wetter auch genug“.

Nichtsdestotrotz war ich voller Vorfreude auf diesen spannenden Tag und ich wurde mehrfach belohnt!

Nach einer gewittrigen Nacht war es morgens bewölkt und trocken, wir konnten also unseren Pavillon und den Verpflegungstisch von Wetterkapriolen unbehelligt aufstellen. Außerdem brauchte ich einen gemütlichen Stuhl, mit Decke und Handtuch, Kekse und Getränk in Griffweite. Dieses Laufformat erforderte schließlich ein ungewohnt intensives Pausieren. Beim Probelauf hatte ich für die 6,7 km kaum 45 Minuten gebraucht, das heißt ich würde nach jeder Runde mindestens 15 Minuten Zeit der Erholung haben. Wobei die Prognosen allgemein dahin gingen, dass sich diese Erholungszeit mit zunehmender Streckenlänge verringern würde. Die Beine würden mir weh tun, ich würde mit fortschreitender Zeit über die Strecke kriechen und manche Menschen würden auch einfach umfallen, wegen Dehydrierung. Die Prognosen verhießen also einen schweren Tag.

Dabei war ich mir sicher, dass die letzte Woche vor der Party, die eigentlich schwerste war, mit eingeschränktem Training zwecks Erholung, was bei mir regelhaft zu Rückenschmerzen führt. Meistens laufen sich dann alle Verspannungen wieder heraus und so war es auch dieses Mal.VIGLIPause

Pünktlich um 10 Uhr standen zwei Franks mit mir am Start und auf ging es. Während des Laufens erklärte ich alle High Lights und warum ich die Strecke so und nicht anders gewählt hatte. Zu meinem Glück blieb einer der Franks an meiner Seite und konnte in der nächsten Runde für neue Mitläufer den Streckenguide übernehmen. Dennoch war das einzige Problem, dass ich innerhalb des Party-Tages bekam, eine heisere Stimme vom vielen Erzählen. Es herrschte ein Kommen und Gehen an der Strecke, nie waren wir eine große Gruppe und doch fanden sich viele Gäste ein. Die jüngsten Teilnehmer kamen mit Kinderfahrrad und legten mit Keks im Mund und geschoben vom kraftstrotzenden Papa ein ordentliches Tempo vor. In der Runde bekam ich vom Papa auch noch ein Happy Birthday gesungen und war damit wahrscheinlich das Welt-erste Geburtstagskind mit laufendem Sängerchor. 2021 06 05 17.56.47kl

Aber die Überraschungen folgten ohnehin am laufenden Band: Mitten auf der Strecke saß zum Beispiel ein Gast auf einer Parkbank und rief: „Halt, stehen bleiben!“ Schon bekam ich ein Geschenk to go überreicht, welches dann seligerweise ein Frank für mich zum Start- und Zielpunkt getragen hat.

Gegen Mittag kam ein VW Bus vorgefahren und zwei liebe Bekannte aus Otterndorf winkten heraus. Das war so der Moment, wo ich dachte, ich halluziniere vielleicht schon. „Das waren Heiko und Thomas“, sagte ich ungläubig zu meinem Freund, der ja eine Fähigkeit zum Pokerface besitzt, die seinesgleichen sucht. „Nein, das kann ja nicht sein“, schüttelte er den Kopf, obwohl er natürlich längst in den Plan eingeweiht war, dass unsere lieben Freunde aus dem Norden tatsächlich Mal eben die 400 km her gedüst waren, um drei Runden mit mir zu laufen und sich nach Currywurst und ein bisschen Bochum-Feeling wieder auf den Rückweg zu machen.2021 06 05 13.01.12kl

So fügte sich ein schönes Erlebnis an das andere, voller Spannung rannte ich Runde für Runde, freute mich über Kollegen, die plötzlich an der Strecke winkten, Turbo-Timm, der sich ganz entspannt auf mein Tempo einließ und über die Gratulanten, die mich am Verpflegungszelt erwarteten.

Mein Freund hatte eine Kronkorkensammlung angelegt, die jede Runde um einen Kronkorken anwuchs. Jeder, der schon an derartigen Veranstaltungen teilgenommen hat, weiß, dass Läufer nach den ersten Kilometern nicht mehr zählen und rechnen können. Wobei für mich das zusätzliche Problem war, dass meine Gäste ständig grübelten, ob sie in der ersten oder vierten Runde waren und ich keinen Überblick mehr hatte, wie sich das von meiner Rundenanzahl unterschied. Aber dank der Kronkorken konnte ich feststellen, dass die selige Party to go viel zu schnell dahin schmolz. Nach jeder Runde begrüßte mich jemand mit „Wieso bist du schon da, das war zu schnell“, aber ich wollte schließlich auch etwas von meinen Gästen haben und rannte meine Geburtstagsrunde konstant in etwa 42 Minuten.

Dabei verlief die erste Hälfte der Runde mit ihren Ampeln und Hügeln stets in moderatem Tempo, während ich dann auf der Trasse auch Mal in Richtung 5 Minuten pro Kilometer anzog. Das führte dazu, dass mein treuester Begleiter sich vor der letzten Runde in den einzigen Sessel fallen ließ und stöhnte: „Noch eine Runde in dem Tempo mache ich nicht mit.“ 2021 06 05 15.00.23kl

So wäre es also fast eine „Last-Woman-standing“ Runde geworden, aber der Frank stellte sich doch noch dieser Herausforderung und verfluchte wohl das Sprint-Training, mit dem er seine Beine in den Tagen zuvor gefordert hatte.

Die letzte Runde hatte dann aber noch einen Haken, trotz genauer Vermessung, war abzusehen, dass ich nach neun Runden noch nicht ganz 60 Kilometer auf der Uhr stehen haben würde. Natürlich wollte ich die fehlenden 800 Meter noch anhängen, ob es nun ein Messfehler war oder nicht, die 60 sollten dokumentiert sein.

So erklärte sich mein Freund bereit, diese letzten Meter mit mir zu rennen und tatsächlich kam just zu diesem Moment noch eine Freundin aus Köln angedüst und begleitete diesen Zieleinlauf lachend, laufend und fotografierend.

So hatte ich also vom ersten bis zum letzten Moment immer liebe Menschen an meiner Seite, wir mussten auch gar nicht immer reden, konnten schweigend Schritt für Schritt gemeinsam genießen und ich spürte die Begleitung neben, hinter und vor mir, ganz wie in allen Jahren zuvor.

Der letzte Gast packte noch beim Aufräumen mit an und ich dachte, was bin ich bloß beschenkt, dass ich solche Freunde habe, die immer da sind, wenn ich sie brauche.WhatsApp Image 2021 06 05 at 22.44.44

Mit Pizza, vielen schönen Fotos und einmal mehr großartigen Erinnerungen ging dieser Tag zu Ende. Und ich finde die „Party to go“ hat durchaus Potential zur Wiederholung. Für mich standen zuletzt 60, 1 km mit 560 Höhenmetern in einer Zeit von 6 Stunden und 17 Minuten auf der Uhr, zuzüglich der acht Pausen am Stand der Verwöhnung. Und das angesagte Gewitter ist genauso wenig gekommen, wie die gefürchtete Sonne mit Hitzeschlacht. Hat Petrus meine Einladung also doch auch angenommen und mit heimlichem Augenzwinkern die 6000 schönen Augenblicke begleitet, während er alle Gewitter in Gratulationen und bunte Luftballons verwandelt hat.
Danke schön!

VIGLi, 5. Juni 2021

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