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Läufe sind wie Löwenzahn oder Gänseblümchen im Garten, plötzlich tauchen sie auf, ohne dass ich gemerkt habe, wie sie ausgesät wurden.

Bei mir kündigte sich das Allgäu-Gänseblümchen bei einem Besuch in meinem Lieblingslaufladen in Bochum-Wattenscheid an. Dort verliebte ich mich wegen der schönen Farbe in eine Laufhose. Auf die Frage, wozu die seitlichen Taschen wären, antwortete der Dealer aus der Weltstadt Wattenscheid, das wäre für die Laufstöcke.

Naja, dachte ich mir, wahrscheinlich kann ich auch einen Schlüssel da hineinpacken, wann laufe ich schon mit Stöcken. Jedenfalls kaufte ich die Hose und gleich noch eine zweite als wärmere Version. Hinterher kann ich sagen: eine Vorahnung!2021 08 08 07.11.03kl

Das zweite schicksalhafte Ereignis war die zufällige Begegnung mit einer ehemaligen Studienkollegin beim Cuxhaven Marathon. Zwei Biologinnen, die laufen, das passt wie die Faust aufs Auge oder besser der Fuß in den Schuh.

Wir zwei blieben also nach dem Marathon in Kontakt und so geschah es, dass auf meinem Handy die folgenschwere Nachricht auftauchte:
„Hey, ich habe mich gerade beim Allgäu Panorama Marathon angemeldet, hast du nicht auch Lust?“

Bäng, das traf ins Schwarze. Ein alter Traum, den ich eigentlich schon wieder begraben hatte, weil das Allgäu von Bochum aus doch ziemlich weit ist.

Aber es gibt Momente, da ist Entfernung Schall und Rauch und wenige Stunden nach der Nachricht klickte ich auf die Anmeldung für den Ultra. Wenn ich schon derart lange Zug fahren musste, wollte ich auch die ganze Distanz erleben.

69,3 Kilometer und 3200 Höhenmeter.

Am nächsten Morgen dachte ich: Ups, das ist eigentlich doch ganz schön viel. Zumal mir nur noch vier Wochen Trainingszeit blieben. Aber die Grundkondition war da und der Plan setzte ungeheure Energien und viele Ideen frei.2021 08 08 10.58.56kl

Mit meiner Freundin flogen die Kurznachrichten hin und her, wer gerade wo und was trainierte. Ich rannte alle Bochumer Hügel, die ich finden konnte, die neuen Hosen eifrig im Einsatz. „Heute was Größeres vor?“ wurde ich auf den Ruhrpott-Halden angesprochen, wenn ich mit Rucksack und Stöcken über den Asphalt hoppelte wie eine Außerirdische.

„Nö, heute nur 5 km“, grinste ich. „Aber ich habe da so ein Ziel…“

Das rückte dann in Riesenschritten näher und ehe ich es mich versah, schwamm ich im Sonthofer See und beäugte die umliegenden Gipfel.

Als passionierte Gipfelsammlerin waren Weiher- und Sonnenkopf meine begehrten Trophäen des Laufs. Aber es ging nicht nur darum, die Strecke zu meistern, sondern es galt auch verschiedene Zeitfenster einzuhalten. Der erste Cutoff war bei Kilometer 18 und 1110 Höhenmetern mit 3 Stunden und 15 Minuten veranschlagt, der zweite Cutoff war nach 8 Stunden und 30 Minuten bei Kilometer 49 und knapp 2000 Höhenmetern. Wer diese Zeiten nicht schaffte, wurde aus dem Rennen genommen.

Es hieß also, sich die Kräfte gut einzuteilen, so dass ich schnell und zugleich entspannt genug war, um die ganze Distanz fröhlich zu durchlaufen.

In der letzten Woche vor dem Rennen stieg die Nervosität ins Unendliche. Bekanntlich soll man sich dann ausruhen, was für Bewegungsfreudige wie mich eine fürchterliche Angelegenheit ist. 2021 08 08 14.22.50kl

Unsere Kurznachrichten-Kommunikation nahm Fahrt auf und bei Facebook beantwortete Organisator Axel aus dem Allgäu mit Engelsgeduld die immer gleichen Fragen der aufgeregten Laufteilnehmer.

Wie funktioniert die Busfahrt ab Hörnlepass (Maske auf, einsteigen, aussteigen, Maske ab), kann ich mich noch nachmelden (ja, bis zum letzten Moment), kann ich Sachen am Start deponieren (macht keinen Sinn, weil das Ziel woanders ist).

2021 08 08 16.03.04klDie Frage welche Schuhe zu tragen seien, brachte immerhin 58 Antworten zustande, die genauso vielseitig waren wie das Streckenprofil. Die Schuh- und Kleiderwahl war in jedem Fall wetterabhängig und die Vorhersage klang eher nach April. So ging uns allen der Gesprächsstoff nicht aus. Am Schluss fasste es Axel mal wieder sehr treffend zusammen: „Das Wetter wird nächste Woche sehr gut und am Lauftag auch nicht so schlimm, wie es erst aussah“.

15 Grad und Regen, wen stört das schon, immerhin keine Gewitter. In weiser Voraussicht wählte ich die wärmere Kleiderkombination und packte Jacke, Stirnband und Handschuhe mit ein, was sich als ausgesprochen nützlich erwies. Aber natürlich habe ich auch ordentlich geschwitzt und vor allem diesen Tag genossen.

Um 4 Uhr klingelte der Wecker und ich schoss wie der Blitz aus dem Bett: „Endlich geht es los!“, jubelte es in mir.

Wegen der Pandemie starteten wir alle auf Abstand, also äußerlich, denn innerlich fühlten wir uns natürlich innig verbunden. Das hatte ich schon am Vortag gemerkt, denn geschickter Weise wurde jeder Teilnehmer mit einem grünen Bändchen markiert und so blickten wir beim Spaziergang durch den Ort auf die Handgelenke und winkten den begrünten Bändchenträgern dann wissend zu. Eine weitere Besonderheit war die Vorgabe auf den ersten 500 Metern eine Maske zu tragen, was nach dem Start für ein zusätzliches Glücksgefühl sorgte, als wir die Virenfänger abwerfen durften. Plötzlich strömte die kühle Morgenluft ungehindert in die Lungen und wir waren frei!2021 08 08 09.50.59kl

Erst führte der Parcours zwei Kilometer flach an der Iller entlang, ehe es endlich aufwärts ging und ich mich in meinen Rhythmus fallen lassen konnte.

Laufen, sobald es flach genug war, strammes Wandern, wenn es steil wurde.

Das Profil sorgte für ständige Abwechslung. Natürlich war der Boden von den Regentagen zuvor bereits aufgeweicht und bald lieferten die Wolken Nachschub, so dass wir genüsslich im Matsch waten und über schlammige Wiesen schlittern konnten. Ich war froh, dass ich die Sonnenbrille zu Hause gelassen hatte, eher vermisste ich im finsteren Wald eine Stirnlampe.

Das Läuferfeld zog sich bald auseinander und immer wieder war ich allein auf Schlamm und Wurzelpfaden im Nebel, eine mystische Stimmung.

Liest man Nebel andersherum, heißt es Leben und so fühlte ich mich auch: Äußerst lebendig! 2021 08 08 15.02.23kl

Statt Blick auf das äußere Panorama waren wir gefordert, unser Inneres zu beleuchten, was mir auch nie langweilig wird. Lange blieb ich ohnehin nie allein, dann lief plötzlich wieder jemand in meinem Rhythmus und wir wechselten ein paar Worte. Begleiter aus Ibbenbüren, Garmisch, Wuppertal lösten sich ab. Sie überholten mich meist bergab, bergauf schloss ich wieder auf. Da Regenjacken aus- oder angezogen wurden, wechselte meine Begleitung immer wieder die Farbe und ich war dann nie sicher, ob gerade ein Thomas oder Michael neben mir trabte, was aber auch egal war, denn wir waren einfach Ultras.

Das erste High light war der Weiherkopf, ein etwas schmächtiges Gipfelkreuz, aber immerhin, eine neue Trophäe in meinem Gipfelbuch. Die ersten matschigen Höhenmeter waren gelungen und ich jubelte so laut, dass mich noch 30 Kilometer später eine Frau darauf ansprach: „Warst du das, die sich so gefreut hat?“

Na klar!

Lachen soll ja die Ausdauerfähigkeit fördern und das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich mit längeren Strecken so gut klarkomme. Auf allen Fotos sehe ich Mal wieder aus als hätte ich einen Clown verschluckt.Ansonsten war die Stimmung anfangs eher gedämpft, es lag noch viel Strecke vor uns und außer Wolken war wenig zu sehen. Jedenfalls erkannte ich bald, dass ich die erste Cutoff Zeit locker schaffen würde und gerade als ich den Hang zu diesem ersten Ziel nach unten rannte, sagte der Moderator in sein Mikrofon: „So langsam schauen wir auf die Cuttoff Zeit, aber wer jetzt kommt ist auf alle Fälle noch drin.“ Das war also Weihnachten Teil 1 und als ich über die Zeitmatte hüpfte, ergänzte der Sprecher, dass Laufen offensichtlich wirklich Freude macht. Na, aber Hallo!

Nach der Begrüßung gab es Butterbrot mit Salz und Kuchen als Nachspeise, ganz wunderbar für mich, die ich diese ganzen hoch konzentrierten Riegel nur im Notfall esse. Aber es war kein Notfall, sondern mein Traum-Tag. Weiter ging es nun zum Söllereck und Richtung Obersdorf zum nächsten Cutoff. Wiesen, Wald, Augentrost, Kühe, auch ein paar Touristen tauchten auf. AugentrostKein Meter glich dem anderen, der Matsch spritzte und ich quietschte vor Vergnügen. „Bestimmt kommen gleich die Elfen aus dem Wald“, informierte ich einen Laufkollegen, der dann bedächtig den Kopf schüttelte und meinte er habe noch keine gesehen. „Kommt noch, gegen Ende der Tour“! rief ich ihm zu und sprang weiter durch das Wunderland.

Die Markierungen waren so gut und regelmäßig, dass ich auch dann, wenn ich keinen Läufer mehr sah, nicht verloren war. Mit orangener Farbe blinkten nicht einfach nur Markierungspunkte, sondern ganze Armadas von Smileys entlang der Strecke, die mich anlächelten und natürlich lächelte ich zurück. 2021 08 08 10.15.07kl

Außerdem gab es eine Menge Streckenposten, die immer genau dann auftauchten, wenn ich dachte, ein Mensch wäre jetzt aber auch schön in dieser Nebelwelt. In einem schlammigen Wiesenpfad kauerte ein Helfer auf einem Klappstuhl im Regen und hatte für uns mit Regenschirmen den besten Lauf-Pfad durch die Mocke abgesteckt. Bei km 47 bewachte eine Frau eine Pfütze, vor der sie uns warnte, was irgendwie sehr lustig war, weil ich zu diesem Zeitpunkt meine Füße schon in 20 Wasserlachen ertränkt hatte. An einem Gatter applaudierte eine Helferin und staunte mich an: „Du siehst ja noch so frisch aus“ Kunststück, wie sollte ich anders, es war ja absolutes Frischhaltewetter, nur kurz über Kühlschrank.

Allmählich wurde ich dann nervös wegen des zweiten Cutoffs und fragte immer Mal wieder nach, wie weit es noch sei, um dann zu realisieren, dass Antworten wie „Noch 7 km“ auf so einer Strecke vollkommen nutzlos sind. Entfernungen sind eben relativ, wenn es über Stock und Stein bergauf und bergab geht. Aber was soll an einem Traum-Tag schon schief gehen? Eine Stunde vor dem 49 Kilometer- Cutoff erreichte ich die Verpflegung, es gab Waffeln, Kekse und die große Belohnung, dass ich weiterdurfte. Das versteht vielleicht nicht jeder, dass es eine Belohnung ist nach 49 Kilometern und 2000 Höhenmetern endlich noch einen steilen Berg zu erklimmen. Aber für mich war das wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.

2021 08 08 16.05.37klAuf Richtung Sonnenkopf, dem sagenumwobenen Höhepunkt der Tour. Da wird es hart, da ist es steil, das wird bei dem Regen richtig schwer. All die erfahrenen APM Läufer sparten nicht mit Beschreibungen und Horror-Szenarien, so dass ich es vor Spannung kaum erwarten konnte.

Zunächst Mal verlief der Weg allerdings moderat, immer am Berg entlang, hin und wieder auch mit einem hübschen Ausblick durch die Nebelschwaden. Dann, fast ohne dass es mir bewusst war, wurde es allmählich steiler. Ich war dankbar für die vielen Wurzeln, in denen meine Schuhe gut Halt fanden zwischen all dem Schlamm. Gleichmäßig stieg ich immer weiter, ließ einen Begleiter zurück, traf wieder einen neuen. Schweigsam stiegen wir Stück um Stück nach oben, durch den Wald, es regnete, ein kühler Wind wehte und ich dachte, vor dem letzten Gipfelanstieg werde ich eine Jacke anziehen.

Da läutete plötzlich wie wild eine Glocke, ich hob den Blick und sah das sonnenförmige Gipfelkreuz. „Der Gipfel“, juchzte ich überrascht und drei wackere Helfer staunten über mein fröhliches Gesicht. Aber wie konnte ich anders in diesem legendären Moment. VIGLi auf dem Sonnenkopf! Ich leuchtete vor Glück, dass mir die fehlende Sonne gar nicht auffiel. Der Nebel hatte die Welt verschluckt aber nicht mich. Bis Zielschluss hätte ich jetzt noch drei Stunden Zeit, das sollte ich locker schaffen, hieß es nun. Ich hatte allerdings gelesen, dass es nur für Läufer, die innerhalb von 12 Stunden ins Ziel kommen die begehrte Stein-Mann Trophäe gibt und wollte diese Zeit nicht überziehen. Obwohl mir ein Mitstreiter vorgerechnet hatte, dass der Lauf ja um so günstiger wird, je länger wir unterwegs sind. Zunächst folgte nun aber die für mich schwierigste Passage, in der ich kaum Zeit gewinnen konnte. Der wurzelige, nasse und steile Weg bergab bremste mich gehörig aus und gleichzeitig war es so kalt, dass mir trotz Jacke und Handschuhen bitterkalt war, zumal längst nicht nur die Wege, sondern auch ich vollkommen nass waren.

Nach dieser einsamen und steilen Passage traf ich dann aber wieder auf Mitläufer, die sich schon wie alte Bekannte anfühlten. Der eine hatte schlechte Laune gehabt, weil er diesmal so langsam war. Dabei war er gar nicht langsam, denn ich war schließlich bei ihm und superschnell. Alles ist eben relativ. Irgendwann hat er das akzeptiert und als ich ihn zum vierten oder fünften Mal überholte hatte er plötzlich gute Laune und eine Zeitlang freuten wir uns gemeinsam auf das Ziel. „Aber wir schaffen das jetzt schon unter 12 Stunden zum Ziel?“, fragte ich den Erfahrenen und obwohl wir noch eine Stunde Zeit hatten für die letzten sieben Kilometer, bezweifelte er das. „Also nur, wenn du noch laufen kannst, wenn die Straße kommt.“, erklärte er.

Natürlich konnte ich noch laufen, ich hatte zwei Beine und das Glück gepachtet, Wenn mir nicht ständig Wurzeln vor den Füßen lagen, sollte das doch kein Problem sein. WhatsApp Image 2021 08 08 at 17.45.13

Diese letzten Kilometer sind in meiner Erinnerung wie eine Reise auf Adlerschwingen. Der Weg führte mit gleichmäßigem Gefälle abwärts, jeder Kilometer war mit einem Schild markiert und ich rannte und rannte und hatte Schmetterlinge im Bauch vor lauter Liebe zur Welt.

Ein Bächlein war zu überqueren, ein idyllischer Wald und dann plötzlich der Abzweig Richtung Straße, da stand meine Freundin, fotografierte, wir umarmten uns, heulten die ersten Freudentränen und dann rannte sie mit ihren eigentlich Marathon-müden Beinen neben mir her, wir beide zusammen auf einer Glückswolke.

Was für ein Wahnsinn 69 Kilometer, 3200 Höhenmeter und ich rannte als wäre ich gerade erst losgelaufen.

WhatsApp Image 2021 08 08 at 18.40.06 2Nach 11 Stunden und 31 Minuten hüpfte ich über die Ziellinie, bekam den Glückwunsch von Organisator Axel und die Medaille umgehängt.

Ich war 16. von 26 Frauen, erste weil einzige meiner Altersklasse und glücklichster Mensch auf Erden.

Zu dem ganzen Glück wurde ich dann noch mit Rucksack und dem begehrten Steinmann-Pokal beschenkt.

Entsprechend war die Heimreise am nächsten Tag drei Mal schwer: Mit Steinen im Gepäck, schweren Beinen und einem Herzen voll Allgäuer Panorama-Luft. Wer behauptet, dieser Sonntag wäre kalt und dunkel gewesen, hat die bunten Blumen und den eigentlichen Sonnenkopf nicht gesehen! Da oben ist es Götterfunken-hell, ich schwöre es!

VIGLi, 8. August 2021

 

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