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Im Oktober, die Tage waren kürzer, die Temperaturen kühler, wollte ich mit meinem Liebsten Waffeln backen. Es fehlte uns dann aber die Butter und vor allem die Zeit.

Mein Freund hatte nämlich einen Job bei einem Lauf in Dorum. Dieser Ort ist nicht unbedingt weltbekannt, aber immer eine Reise wert. Er gehört zur Wurster Nordseeküste, die auch für Vegetarier interessant ist, denn der Name leitet sich von der Wurt (Hügel) und nicht von dem fleischlichen Erzeugnis ab. In diesem 3588-Seelendorf gibt es erstaunlicherweise vier Supermärkte, so dass also im Grunde auf 897 Einwohner ein Supermarkt kommt. Da existiert noch eine persönliche Beziehung zwischen den Menschen vor und hinter dem Verkaufstresen. 2021 10 10 10.52.05kl

Einer der Supermarktbesitzer meint es besonders gut mit seinen Mitmenschen und veranstaltet alljährlich etwas für die Gemeinschaft.

Dieses Mal war es der Dorumer Dörfloop. Allein der Name klingt schon nach einer Kultveranstaltung. die beiden O -Buchstaben bilden zudem die Augen eines Smileys. Damit wird eindrücklich auf die gute Stimmung hingewiesen, die zu so einem Event dazu gehört.

Mein Liebster hatte also dort dafür zu sorgen, dass die Drei-, Fünf- und Zehn- Kilometerläufer ordentliche Urkunden erhielten mit einer exakt vermessenen Zeit. Dafür musste er früh aufstehen und sein Auto mit allerlei elektronischen Utensilien bepacken. Da blieb neben der Technik für mich kein Platz.

Das war aber gar kein Problem, denn ich hatte gerade von einem großzügigen Mitmenschen ein (kaum) gebrauchtes neues Fahrrad bekommen und brannte darauf, das leichte Tourenrad einzuweihen. fahrradSomit war der Plan schnell gefasst: Ich würde gemeinsam mit meinem Liebsten aus den Federn hüpfen und während er seine Zeitmessanlage transportierte und aufbaute, mit dem Fahrrad hinterherstrampeln. 31 km flache Strecke, das erschien mir kein großes Problem zu sein.

Als ich allerdings an dem Samstag, an dem wir keine Waffeln gebacken haben, zum Bäcker radelte, wurden mir zwei Dinge klar: An der Küste ist immer Wind und die Temperaturen hatten den zweistelligen Bereich längst verlassen. Es stand mir also ein echtes Abenteuer bevor, das eine gewisse Planung benötigte. Ich überlegte mir drei Alternativen der Bekleidung, je nachdem, wie der Morgen beginnen würde und ergänzte die Äpfel im Gepäck durch frostsichere Haferkekse.

Der Morgen begann mit drei Grad und trotz Windstille entschloss ich mich, alle drei Kleiderschichten übereinander anzuziehen, was sich als goldrichtig erwies. 2021 10 10 08.19.25kl

Trotzdem waren die Füße unterwegs so kalt, dass ich hin und wieder mein schönes Rad ein paar Schritte geschoben habe, um die Zehen zu bewegen. Diese Pausen waren aber auch dringend notwendig, um das wunderbare Farbschauspiel des Sonnenaufgangs abzulichten.

So orange wie mein Fahrrad rutschte der Sonnenball über den Horizont, färbte die mystischen Nebelschwaden über dem Moor in zartes rosa und warf meine Silhouette schwarz gegen die Maisfelder und Wiesen.

Nach der Landstraße folgten Felder, ein paar Kühe betrachteten mich neugierig , dann bog ich nach zweieinhalb Stunden schon in die Zielstraße ein und verwandelte mich von der Radfahrerin zur Läuferin.

Startnummer abholen, Freunde begrüßen, Kleiderschichten ablegen. 2021 10 10 11.57.56kl

Der Parkplatz vor dem Supermarkt war ganz und gar für die Läufer zur Verfügung gestellt, es gab sogar einen riesengroßen Dörploop-Start- und Zielbogen. Da fehlte mir zu meinem Glück nur noch ein Toillettenplatz, was sich als schwieriger darstellen sollte als gedacht. An der Startnummernausgabe hieß es, ich müsste gegenüber um das Gebäude herum gehen. Als ich das tat, fand ich einen Dornenstrauch-bewehrten Garten und eine Sporthalle in der es Barren und Matten gab, aber kein WC. Irgendjemand hatte einen weiteren Tipp, ich irrte in die angewiesene Richtung, fand aber nur Wohnhäuser und weitere Supermärkte.

Wie ich mein Problem dann gelöst habe, möchte ich hier nicht veröffentlichen.

Später stellte sich heraus, dass es direkt im Supermarkt des Veranstalters eine Möglichkeit gegeben hätte. Das wusste nur zunächst niemand.

So war meine Pausenzeit nach der Radtour schnell vergangen und schon stellten wir Laufbegeisterten uns in den Startblock. Der Veranstalter sprach ein paar Worte, die wir in der fünften Reihe trotz des Mikrofons schon nicht mehr verstehen konnten, was auch daran lag, dass wir mit den Zähnen klapperten. „Wo geht es eigentlich lang?“, fragte ein Läufer und jemand sagte: „Nach dem Torbogen nach rechts“.

Kurz darauf stellte noch jemand anders dieselbe Frage und ein anderer antwortete: „Nach dem Torbogen nach links.“

Das kann ja heiter werden, dachte ich mir und dann fiel auch schon der Startschuss ohne Schuss.

Endlich bewegen, die Vorfreude auf die Erwärmung meines Körpers trieb mich voran. Der Parcours führte nach ein paar Metern auf Asphalt direkt in einen idyllischen Feldrain. Grün-rote Dörploop-Pfeile und nette Menschen wiesen uns den Weg. Ich schielte auf meine Uhr und sah, dass ich ein Tempo von 4:40 Min/ km anschlug. Solche Zahlen auf meiner Uhr kannte ich nur vom Intervalltraining auf dem Sportplatz. Aber im Moment ging es erst einmal darum, dem Gefühl davon zu laufen, dass die Veranstaltung in einem Kühlschrank stattfand.

2021 10 10 13.19.35klDas Läuferfeld sortierte sich, niemand war allein, aber man kam sich auch nicht in die Quere, es machte richtig Spaß.

Bei Kilometer Drei fiel mir auf, dass irgendetwas mit meinen Schuhen nicht stimmte. Es fühlte sich so an, als würde sich die Ferse ablösen, der hintere Teil fehlte einfach. Ok, dachte ich mir, sowas passiert vielleicht manchmal, aber das ist mir jetzt egal. Wenn ich mich bücken würde, um nachzusehen, was sich da an meinen Füßen tat, wäre das ein sinnloser Zeitverlust. Ändern konnte ich schließlich nichts. Ich beschloss also weiterzulaufen, notfalls mit halber Fußbekleidung.

Nach fünf Kilometern durften wir Zehn-Kilometer-Aspiranten das erste Mal durch das schöne Dörploop-Tor laufen und als ich auf die zweite Runde einbog, raunte mir ein schnaufender Läufer ins Ohr: „Willst du unter 50 Minuten?“

Da war er wieder dieser Satz, der mich schon das ganze Jahr verfolgte.

Mein Freund hatte das erwähnt, auf dem Sportplatz wurde mir das zugerufen und irgendwo in meinen Gehirnwindungen war dieser Satz nun abgespeichert. Unter 50 Minuten.

Dabei war das natürlich an so einem Tag gar kein Ziel. Ich wollte unfallfrei mit dem Rad an- und abreisen und einen schönen Lauf haben, so war das. Ein Feldweg wird schließlich nicht hübscher, wenn ich ihn drei Sekunden kürzer zu Gesicht bekomme. Unter 50 Minuten.

Im Wettkampf war ich so eine Zeit das letzte Mal vor fünf Jahren gelaufen und das war ziemlich anstrengend.

Unter 50 Minuten.

„Ich versuche es,“ antwortete ich dem Schnaufer, der daraufhin zurückschnaufte „Wird knapp, schaffe ich wohl nicht.“

Ich sah auf die Uhr, wieder 4:45. Ich dachte, wieso wird das knapp, wir sind doch gut unterwegs. Und überhaupt, jetzt hatte ich es ausgesprochen, nun war das aktenkundig. Noch vier Kilometer, Kräfte einteilen. Der wunderschöne Feldweg, dann Asphalt, sehr liebevoll beschriftet mit „Gib alles“ , Smileys und „Lauf weiter“. Es gab sogar eine Getränkestelle, was für einen Zehn-Kilometer- Lauf bei Kühlschranktemperaturen nicht unbedingt zu erwarten war, aber ich nahm das gerne an, ich hatte schließlich beim Radeln trotz Kälte schon geschwitzt. Noch zwei Kilometer.

Unter 50 Minuten.

Die Geschwindigkeitsanzeige meiner Uhr rutschte immer öfter über fünf Minuten pro Kilometer, obwohl ich mit dem gleichen Krafteinsatz lief. Mir war warm und meine Schuhe waren nicht auseinandergefallen. Vielmehr spürte ich meine Fersen nun wieder, die wohl vorher nur von der Kälte taub waren und mir einen halben Schuh vorgegaukelt hatten.

Noch ein Kilometer, die Ortsstraße entlang, ein Zuschauer machte die Welle, ein Fotograf stand an der Strecke und vermittelte uns Läufern das Gefühl, wichtige Modelle zu sein. Der Parkplatz tauchte auf, der Asphalt verwandelte sich in einen roten Teppich, ein letztes Beschleunigen. 2021 10 10 11.34.10kl

48:48. Stopp.

Schon stupste mich jemand „Glückwunsch!“. Die Medaillen waren irgendwie noch nicht griffbereit, aber später bekam ich noch eine und dazu noch ein Päckchen Marathon-Nudeln und die schöne Urkunde. Von den elf Frauen war ich dritte geworden. Es gab Äpfel, Bananen, Müsliriegel und wer wollte, konnte noch Bratwurst kaufen, es gibt sie also doch an der Wurster Küste.

Glückliche Gesichter allerorten. Drei Läufer hatten sich verlaufen, aber auch sie waren gesund im Ziel angekommen.

Nun folgte für mich die letzte Etappe: Heimradeln nach Otterndorf. Ich stülpte mir also wieder ein paar Kleiderschichten über, obwohl die Sonne mittlerweile ein bisschen so tat, als wollte sie uns wärmen. Bei mir war unterdessen aber der Ofen weitgehend aus und während ich sehr gemächlich durch die hübschen Felder und Waldhaine strampelte, beschloss ich, mir alsbald eine Kaffeepause zu gönnen. Das ist allerdings im Hinterland der Nordseeküste nicht so einfach, denn da gibt es keine Kiosks und Cafés, sondern allenfalls Kartoffeln vom Bauern und Windräder.

Mein Freund hatte aber einmal erwähnt, dass es in dem Örtchen Krempel einen Tankstelle mit Kaffeeverkauf gäbe. So nahm ich einen kleinen Umweg in Kauf, um diese Raststätte zu erreichen. Tatsächlich: Verschiedene Kaffeesorten zur Auswahl und sogar gemütliche Sitzplätze. Ich tauschte also den Fahrradsattel gegen den Bistrostuhl ein und löffelte mich durch Milchschaum zum heißen Getränk. Wie sich Hirn und Körper allmählich erwärmten, fiel mir unser Plan, Waffeln zu backen, wieder ein.

„Haben sie eigentlich auch Butter“, fragte ich deshalb die Tankstellenverkäuferin, die mich daraufhin etwas verwundert ansah:

„Butter?“

Sie fragte sich wahrscheinlich, ob Frauen, die mit drei Hosen und zwei Jacken bekleidet sind, gelegentlich auch ein Stück Butter zum Kaffee vertilgen. Ich musste also meinen Plan von den Waffeln erst erläutern und sieh da, dann zauberte sie auch das gewünschte Fett aus dem Lager. Solchermaßen gewärmt und mit der Aussicht auf das süße Gebäck, radelte ich die restlichen 20 Kilometer mit euphorischem Schwung.

Mein Freund erwartete mich schon und nach der heißen Dusche hatten wir endlich genug Zeit , um unsere phantastischen Dörploop-Waffeln zu backen, die allerdings die Tendenz hatten, auseinanderzufallen. Aber besser Bruch-Waffeln als halbe Turnschuhe.

Und insgesamt war das einfach ein vollständig superguter Tag.

VIGLi, 10. Oktober 2021

 

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