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Die Zeiten ändern sich. Um eine Stunde, weil wir an der Uhr drehen oder überhaupt.

Zeitenwende im Herbst.

Der Röntgen Sport Club Remscheid war der Ansicht, dass Sportler auch in diesen Zeiten der Virengefahr, einmal ordentlich geröntgt werden sollten. Statt teurer Geräte brauchte es für dieses Unterfangen nur den Herbstwald und ein kreatives Organisationsteam. 2021 10 31 09.33.00klEine Laufrunde, die so hügelig ist, dass die Läufer anschließend jeden Knochen spüren, ist in Remscheid schon legendär. Diesmal galt es noch ein Hygienekonzept zu berücksichtigen und die Organisatoren sagten sich, das kriegen wir hin, so eine saubere Sache.

Ich mag sowas, wenn die Menschen sagen, anders geht auch und befand deshalb, dass ich diese Mühen unterstützen wollte. 63,3 Kilometer sind gut für eine ordentliche Röntgenaufnahme, dachte ich mir. Die Startnummern wurden im Vorfeld verschickt und jeder bekam eine andere Startzeit zugeteilt, somit war alles das gestrichen, wo es üblicherweise zu größeren Menschenansammlungen kommt. Im Wald war genug Platz für die circa 1400 Läufer. Das kann ich bestätigen, ich habe selten über siebeneinhalb Stunden so wenige Menschen getroffen.

Nun blieb nur noch die Frage der Anreise für jemanden wie mich, der kein Auto besitzt und diesmal auch nicht wusste, ob irgendjemand zur selben Zeit startete. Daraufhin dachte ich mir: Zeitenwende ist der richtige Anlass, um meinen ökologischen Fußabdruck zu verbessern, ich fahre mit dem Rad. 2021 10 30 13.59.34kl

40 km 500 Höhenmeter, das geht doch. 

Die letzten Tage vor dem Lauf studierte ich also fleißig den Wetterbericht, hoffte auf eine gemütliche Radtour im sonnigen Herbst und anschließend relaxen im Hotel. Letzteres funktionierte tatsächlich, aber die Anreise bot ansonsten alles, was es für ein Abenteuer braucht. Erst ordentlich Regen, wobei das Navi dann hin und wieder tropfen-gesteuert unsinnige Dinge tat. Wasserfest heißt eben nur, dass die Dinger nicht kaputt gehen, ob man sie im Dauerregen noch bedienen kann, ist eine andere Sache. Der hübsche Tunnel bei Schee war gesperrt und als mich das Umleitungsschild ausbremste war mir klar, im Bergischen Land heißt das: Noch ein Berg.2021 10 30 14.46.08kl

Am Schluss hörte der Regen auf und ich hatte ordentlich Gegenwind, so dass ich in diesem Gebläse wieder trocknete.

Aber mit Kaffee, Kuchen und einer heißen Dusche im Hotel, fühlte ich mich dann doch eher wie im Urlaub. Immerhin begegneten mir beim Abendessen und beim Frühstück je eine Handvoll Läufer, aber unsere Startzeiten waren so verschieden, dass wir uns direkt nach den Brötchen wieder verabschiedeten.

Das Halloween-Wetter war zum Glück wenig gruselig und so konnte ich am Sonntag um 8 Uhr mit den ersten Sonnenstrahlen die 5 km zum Veranstaltungsgelände rollen. 2021 10 31 08.56.57klDort tauchten noch ein paar bekannte Gesichter auf, ich fand ein überdachtes Plätzchen für mein Zweirad und dann ging es schneller los als gedacht. Wir mussten entsprechend der 3G-Regel einen Zettel mit Unterschrift abgeben und als ich den meinen überreichte, wurde ich gleich aufgefordert zu starten. Dabei war meine Startzeit noch gar nicht erreicht, aber das spielte keine Rolle, wer da war, wurde auf die Strecke geschickt. „Soll ich noch ein Foto machen?“ bot der Veranstalter an.

Und so gibt es nun tatsächlich zum ersten Mal ein Startfoto von mir, ganz allein unter dem großen Startbogen.

Dann kam der wichtige Schritt über die Zeitmessmatte und schon ging es los. Nicht schwatzend und plaudernd, sondern erst einmal mit der Erkenntnis, dass ich wirklich auf die Wegmarkierungen achten musste. Schon an der ersten Ecke stoppte ich und rief in die Einsamkeit „Wo geht das denn jetzt lang?“ Ein Jogger, der des Weges kam und sich nicht röntgen lassen wollte, antwortete: „Das weiß ich auch nicht!“

Danach hatte ich dann aber schnell den Blick auf die silbrigen Markierungsbänder, gelben Sprühpfeile und Holzmehlmarkierungen eingestimmt und habe mich tatsächlich nicht verlaufen. Da hat das Orga-Team ganze Arbeit geleistet.

Die ersten Kilometer war ich komplett allein im Wald unterwegs und es hätte mich nicht gewundert, wenn ein Bär aus dem Gebüsch gekommen wäre. Oder wenigstens ein Reh. 2021 10 31 09.15.20klStattdessen tauchten ein paar Bekannte auf, die schon nachts gestartet waren, um 105 Kilometer zu laufen. Klar, wer nachts startet, muss länger laufen damit er die Strecke auch bei Tageslicht sieht. Das lohnt sich, denn neben dem bunten Herbstwald gab es auch kleine Bäche und große Talsperren zu bestaunen, die nun im morgendlichen Sonnenlicht glänzten.

2021 10 31 14.05.00klEs gab aber auch Streckenabschnitte, die vor allem der mentalen Ertüchtigung dienten, zum Beispiel an einer Wiese entlang mit so einer ganz sanften Steigung, die für das Auge flach aussah, aber sich wie Kaugummi zog, zumal wir auf der anderen Seite der Wiese wieder zurücklaufen mussten. Ebenso wurden wir einmal aus dem Wald heraus nach links geleitet, um ein Straßenschild herum und dann wieder nach rechts. Es war also definitiv kein Lauf von A nach B, sondern eine Kilometersammlung. So wie mein Eichhörnchen im Herbst die Nüsse hortet, so sammelte ich Kilometer um Kilometer in mein Zeitenwende-Konto.

Auf meiner zweiten Runde sprinteten dann jede Menge Halbmarathonis und Staffelläufer an mir vorbei, am Zielbogen standen zu diesem Zeitpunkt tatsächlich auch applaudierende Menschen. „Los Zielspurt“ riefen sie – und ich wusste, sie meinten nicht mich.

Ich spurtete nur zu meiner Drop bag, die wir glücklicherweise dort deponieren durften. So war ich also mit Lakritze, Apfelsaft und Brötchen versorgt, denn wenn die Radtour vom Vortag einen Effekt hatte, dann vor allem den, dass ich noch mehr Hunger hatte als sonst. Deswegen las ich auf dem Schild „Döpperfeld“ beim zweiten Vorbeilaufen auch „Dönerfeld“.

Als ich am einzigen Verpflegungspunkt auf der Strecke gefragt wurde: „Na, kleiner Snack?“, dachte ich noch, Leute, ich bin nicht auf Diät, ich nehme alles. Aber die Müsliriegel waren so klebrig, dass man anschließend eine Weile die Zähne nicht mehr auseinanderbekam und ich deshalb nie so ein großes Stück von den Leckerbissen essen konnte, wie ich gewollt hätte.

Nach den Riegeln gab es einen Hügel mit Aussicht und in der letzten Runde war es da oben so windig und kalt und ich wieder allein unterwegs, dass ich verstand, wieso wir eine Rettungsdecke als Pflichtausrüstung hatten. Mit einem verstauchten Fuß hier im Wald hätte es bestimmt eine Weile gedauert, Hilfe zu bekommen. 2021 10 31 12.33.08kl

 Zum Glück verstauchte ich mir aber nichts, der Hüftmuskel, der am Anfang ziepte, war ab Kilometer 50 auch endlich locker und die letzten Kilometer konnte ich noch richtig genießen.

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Mein persönliches High light war ein junger Mann, der mit mannshoher Musikbox die Strecke entlang radelte und mir jedes Mal ein Tänzchen entlockte. Das ist so verrückt, erst allein im Wald und dann Party. 

Zwei Kilometer vor Ende der Runde standen außerdem ein paar Unentwegte und feuerten uns Läufer unermüdlich an. Mir kamen ein paar Tränen der Rührung, als ich mich schließlich verabschiedete, denn ich hatte die landschaftlich schöne Runde nun genug besichtigt. PXL 20211101 092043473klFreudestrahlend lief ich ins Ziel und war dort wieder genauso allein wie beim Start.

Ich bekam die wunderschöne Medaille ausgehändigt und jemand fragte: „Sind sie 100 km gelaufen?“ „Nein, bloß 63“, antwortete ich und dachte, die Zeiten sind verrückt. 

Dann hätte ich gerne einen Kaffee und ein großes Stück Kuchen gehabt, aber es war nach 16 Uhr, mein Schlamm-gesprenkeltes Outfit war wenig für ein Lokal geeignet und außer meinem Fahrrad erwartete mich niemand.

Ich zog also den Anorak über, tröstete mich mit einem Schluck Cola, die ich in den Satteltaschen geparkt hatte und schwang mich in den Sattel. Wobei das dynamischer klingt, als es sich anfühlte. Nach einer kurzen Steigung führte der Weg allerdings sieben Kilometer bergab, die Sonne versank mit orangenem Licht hinter ein paar Wolken, tauchte die wunderbare Herbstwaldhügel-Landschaft in ein mystisches Orange und ich wusste, die Welt ist schön!2021 10 31 16.37.55kl

Die 40 Kilometer gestalteten sich dann allerdings noch abenteuerlicher als gedacht, denn mein Navi hatte sich einen ganz großartigen Radweg im Wald ausgedacht. Der war aber so matschig, dass ich nicht radeln konnte.Dann stand ich also zwischen ziemlichen vielen Bäumen, das Fahrradlicht erlosch und die Stimme sprach in die Dunkelheit: „Jetzt rechts“.

In meiner Rettungsdecke auf das Tageslicht zu warten, erschien mir aber auch nicht angemessen.

Nachdem ich mich einige Male im Kreis gedreht hatte und kein Grizzly aufgetaucht war, fand ich auf eine Straße zurück und hatte die letzten Kilometer sogar Rückenwind.

Die Abenteuer liegen eindeutig vor der Haustür und meine Röntgenaufnahme zur Zeitenwende 2021 ist unvergesslich und sehr bunt! 

VIGLi, 31.10.2021

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