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In diesen Zeiten zwischen Quarantäne und Krieg würde ich gerne helfen, wünschte mir, die Welt ein bisschen besser zu machen. Solidarität weitertragen, aber keinen Virus zum Beispiel. Aber was kann ich schon tun? Pakete packen, Friedenstauben fliegen lassen und dies und das, leider jedoch insgesamt sehr wenig. Aber: Es ist nicht nur Krise, es gab und gibt sie immer noch, die schönen Augenblicke und Begegnungen. Gerade jetzt sind diese besonders wichtig. 2022 03 05 15.25.49klStatt stündlich die Nachrichten zu hören, wollte ich deshalb nach draußen. Mich glücklich machen und davon wieder abgeben.

Der Wettergott unterstützte mich in meinem Vorhaben und schickte Sonne satt. Das heißt für mich nicht, ab in den Liegestuhl, sondern ab auf die Laufstrecke. Da lockte am 5. März die legendäre Veranstaltung am Olymp in der Wingst, die mein Freund dort mit Unterstützung des Running Team Otterndorf ausrichtet.

Dieser Olymp-Buckel in der norddeutschen Tiefebene wurde durch einen Runden-Parcours in einen zünftigen Berg verwandelt. Wer 38 Mal die 18%ige Steigung nach oben stapft und auf 1,3 Kilometern rund um den Wingster Waldzoo rennt, hat zum Schluss1800 Höhenmeter und 51 Kilometer in der Tasche oder besser in den Beinen. Kein Spaziergang, aber so richtig etwas, um die Seele baumeln zu lassen.

2022 03 06 12.38.00klDie Einnahmen des Laufs kamen den Alpakas, Erdmännchen und Schildkröten zu Gute, die in dem kleinen Zoo leben. Das war natürlich eine zusätzliche Motivation. Der Clou an der Sache war vor allem, dass wir auf der Laufstrecke das Damwild und die Muntiaks beobachten konnten, die Störche klappern hörten. Da es sich um einen Berglauf handelte, standen wir Teilnehmer alle als „Resi“ oder „Seppl“ in der Teilnehmerliste und mein Freund hatte also nicht nur die Zeitmessung im Gepäck, sondern auch einen zünftigen Seppl-Hut auf dem Kopf. Kurzfristig organisierte ich mir dazu passend ein Dirndl-Outfit. Kaum hatte ich die Bluse und die rosa Schürze übergestreift, war ich eine Resi voller Zuversicht. Das Dirndl hat dann allerdings nicht so lange durchgehalten wie ich.

Einen Berg zu besteigen ist so ein wunderbar überschaubares Ziel. Wobei mir die 38 Runden im ersten Moment doch etwas unvorstellbar schienen. 51 Kilometer rennen und dann locken weder Kilimandscharo noch Zugspitze oder Ammergauer Alpen, sondern ein 62-Meter-Buckel. Das muss die Läuferschar zunächst vor allem mental verdauen. Wer nochden Aussichtsturm besteigt, erklimmt zusätzliche 23 Meter und hat von dort eine super Sicht, jedenfalls wenn er oder sie es super findet Felder und viel Himmel zu sehen.2022 03 05 12.52.58kl

Also, das ist ein netter Ausflug bis zum Turm, aber 38 Mal auf diesen Gipfel zu stürmen ist schon speziell. Eine alte Ultra-Weisheit lautet jedoch: Sieh nie die ganze Strecke, sondern nur den nächsten Schritt. Das ist im Leben überhaupt hilfreich. Frieden ist so ein großes Wort, aber lächelnd mit ganz verschiedenen Menschen an der Startlinie zu stehen und zu plaudern, ist auch schon ein Anfang.

Zunächst konzentrierte ich mich auf die ersten Schritte, trotz der Sonne war es ordentlich kalt und ich freute mich darauf, mich endlich warm zu laufen. Vorher gab es noch den ein oder anderen Plausch mit den lieben weiteren Seppls und Resis, dann stürzten wir uns vom Gipfelbuckel aus das erste Mal den Waldweg nach unten, der Hirsch schaute verblüfft und die Löwen brüllten, als wollten sie uns Läufer gerne zum Mittagessen verspeisen.

Tiere2Zum Glück begegneten uns die Raubtiere aber nicht direkt, anders als die Alpaka-Dame, die an der ersten Wegkreuzung stand. Da wir uns für die Tiere einsetzen, sollten sie uns auch begleiten, hatte die Tierpflegerin beschlossen. Sie wanderte mit diesem kuscheligen Gast einmal die ganze Strecke entlang. Tatsächlich hatte ich fünf Runden eingesackt ehe ich einmal auf die Uhr sah, weil jeder Augenblick so kurzweilig war.

Die Sonne leuchtete durch den Wald, das Alpaka lockte zu Streicheleinheiten und allein war ich auch nie, weil immer irgendwer gerade überholte oder neben mir lief.2022 03 06 12.51.16kl Am häufigsten sauste Holger an mir vorbei, der mit seinen vier Stunden und 41 Minuten zuletzt unangefochtener Sieger des Rennens wurde. Ein schweigsames Hallo war jedes Begegnen, jeder in seiner Läuferblase und doch gemeinsam unterwegs.

Durch ihr Relief bot die Strecke eine klare Struktur für mich. Bergauf wandern, bergab laufen. Dabei war natürlich zu klären, wo der Berg genau begann. Manche hatten sich eine Markierung in der Mitte der Steigung ausgesucht, ab der sie wanderten. Für mich begann der Berg dagegen an der ersten Steigung. Dann wechselte ich in ein zügiges Wandern und genoss dabei den Blick in den Wald und auf den Turm.

2022 03 05 09.36.56kl Kurz vor Ende der Steigung verfiel ich in einen leichten Trab, ein flaches Stück, ein paar Treppenstufen folgten, dann kam bereits der Verpflegungsbereich. Kekse, Gummibärchen, Getränke und super Musik, ehe es wieder abwärts Richtung Hirsch ging.

Manche nicht laufende Bekannte tauchten entlang der Strecke auf, die uns anfeuerten und in der Gipfelluft ein Stück Kuchen naschten, denn Thomis Torte ist legendär. So wurde jede Runde zu einem neuen Überraschungspaket an Begegnungen.VIGLi Alpaka2

Falls ich gerade nicht mit Alpakas oder Freunden beschäftigt war, versuchte ich auszurechnen, wie viele Runden ich noch vor mir hatte, was regelhaft misslang. Wer kann zwischen Wurzeln und Wildtieren schon rechnen.

Zum Glück gab es im Verpflegungsbereich auch einen großen Monitor auf dem die Rundenzahl, die Kilometer und die Platzierung angezeigt wurde. Dann war ich für einen kurzen Moment informiert, ehe ich die Zahl zwischen Löwengebrüll und Bergbesteigung wieder vergessen hatte.

2022 03 05 16.24.25kl Meine Platzierung war von Anfang an Platz 1, denn es gab keine zweite Frau, die sich diese Strecke ausgesucht hatte. Auf der etwas kürzeren Marathonstrecke war ebenfalls nur eine Frau unterwegs. Wir mussten also bloß bis zum Schluss durchhalten, dann durften wir den schönen Pokal mit dem Foto vom Wingster Aussichtsturm und einem schnuckeligen Alpaka unser eigen nennen.

32 Mal auf den Olymp für den Marathon.

38 Mal für den Ultramarathon.

Bergauf brannte die Lunge, bergab die Oberschenkel.

Das Alpaka war unterdessen in seinen Stall zurückgekehrt und lag wahrscheinlich faul im Heu während wir Runde um Runde sammelten. 2022 03 05 16.40.50klMir ging es ausgesprochen gut, was für eine überschaubare Aufgabe: 1,3 km laufen. Und dann nochmal. Und nochmal. Und jedes Mal auf den Gipfel und bei meinem Freund vorbei. So ein Rundenparcours hat schon seine Vorteile.

„Wie viele Runden noch?“ fragte jemand.

„Noch zwei“, rief ich und hatte schon Angst, die Organisatoren könnten ungeduldig werden. Aber ich war nicht die letzte auf der Strecke und konnte also ganz entspannt noch einmal den Wanderweg entlang sausen, der unterdessen auch von einigen Spaziergängern frequentiert wurde. „Halt“, sagte ein kleiner Junge und hätte wohl gerne Zoll kassiert, aber ich war schon vorbei, elektrisiert von der Erkenntnis, dass ich es gleich geschafft hatte. 51 km 1800 Höhenmeter. Nach 6 Stunden und 17 Minuten konnte ich mich über Urkunde, Medaille und Pokal freuen. Das sind so wichtige Erinnerungsstücke an diese Augenblicke, die viel zu schnell vergehen, genau wie die Himbeersahnetorte, die dann auf meiner Zunge zerschmolz.

Während ich mir Torten-selig die Beine noch etwas locker tanzte, packten mein Freund und seine Helfer Kisten, Kabel und Gedöns wieder zusammen. Zuletzt musste ich meine müden Beine eng zusammenfalten, um neben die leeren Tortenbleche, Wasserflaschen und Elektronikanlagen noch ins Auto zu passen und dann fuhr ich die Steigung, die ich unterdessen so gut kannte auf vier Rädern nach unten.

Weil der Täter immer zum Tatort zurück kehrt, fuhren wir am nächsten Tag wieder in die Wingst und besuchten die Tiere im Waldzoo nochmal ohne Kilometer zu sammeln. Alpaka Mareike und ihre Kollegen fraßen mir mit großer Begeisterung Pellets aus der Hand und fanden es wohl völlig in Ordnung, dass sie für die Leckereien nicht erst um den Olymp wandern mussten. Manchmal reicht ein bisschen getrocknetes Gras eben für einen richtig guten Tag.

VIGLi, 5. März 2022

 

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