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Laufen macht glücklich und manchmal macht auch das Glück die Läuferin. Dank Tagesspiegel flog mein Name für den Generali Berlin Halbmarathon in die Lostrommel und irgendeine Fee hat ihn da wieder herausgezogen.

2022 04 02 17.45.07Dabei dürften die Interessenten für diese phantastische Veranstaltung zahlreich gewesen sein und so war für mich klar: Diesen Losgewinn lasse ich auf keinen Fall ungenutzt.

Mein Freund hatte keine Zeit mich zu begleiten, ein Wintereinbruch löste den Frühling ab, aber ich war nicht aufzuhalten.

Berlin ist immer eine Reise wert und für mich ist es auch ein nach Hause kommen, denn ich bin in Wilmersdorf geboren, habe als Kind in der Havel gebadet und beim Kudamm um die Ecke Fahrrad fahren gelernt. Mein Leben ging in Bayern und Bochum weiter, aber die Verbindung zur Hauptstadt ist nie gerissen und so gibt es zahlreiche Orte in der lebendigen Stadt, die für mich mit besonderen Erlebnissen verbunden sind. Die Strecke vom Halbmarathon führte so ungefähr an allen diesen Orten vorbei und meine Vorfreude war so groß wie Berlin. 2022 04 03 19.17.37kl

Wobei ich mir das zuerst gar nicht so richtig vorstellen konnte, wie viele Menschen der größte Halbmarathon Deutschlands bewegt.

Ich laufe zwar oft, aber selten in Städten, zumal die Pandemie den Trend zum Trail in der Natur noch verstärkt hatte. Und nun also 34000 die per Skate, Handbike oder zu Fuß mitten durch die City flitzten. 40 Bands und reichlich Publikum war zu erwarten. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen und musste als erstes schmunzeln, weil mein Hotel zwar direkt am Bahnhof war, aber trotzdem noch nicht einmal zu sehen, als ich auf dem Vorplatz stand. Hier ist eben alles etwas größer und um eine Straße erfolgreich zu überqueren, brauchen selbst Läufer mitunter zwei Ampelphasen.

2022 04 03 09.16.45klAm Samstag holte ich die Startunterlagen am alten Flughafen Tempelhof ab, den ich bei dieser Gelegenheit genauso bestaunte wie die Masse Mensch, die gerne 21 Kilometer durch Berlin rennen wollte. Als ich für ein Foto auf einer Treppenstufe stehenblieb, maulte jemand hinter mir: „Ganz tolle Idee, hier stehen zu bleiben“ und ich begriff, dass ich Teil eines großen Läufer-Organismus war, der hier mit vielen Beinen heran trabte, schön mit hygienischem Abstand solange keiner stoppte und einen Stau auslöste.

Am Eingang zur Messe wurde der Impfstatus kontrolliert und wir bekamen ein Bändchen an den Arm geschweißt, welches uns als Teilnehmer auswies. Zum Glück ist es so haltbar, dass ich es noch eine Weile als schöne Erinnerung tragen kann. Dann bekam jeder seine Startunterlagen zugeteilt und auf der Messe konnte ich noch das ein oder andere Schnäppchen erstehen.

Im Anschluss spielte ich ein wenig Tourist in Berlin, aber vor so einem Lauf ist der Streckenplan letztlich interessanter als Alex und Ampelmann. Die Temperaturen sollten gefühlt bei Minus vier Grad liegen, obwohl eine Sonne auf dem Radar abgebildet war, so warf ich die Kleiderauswahl stündlich um. Außerdem beschäftigte mich der Weg zum Start und die Anzahl der Dixi-Klos. 2022 04 03 19.31.00klGlücklicherweise hatte ich noch Freunde getroffen, die das Prozedere beim Halbmarathon schon kannten. Um die Orientierung musste sich niemand sorgen, denn ganz Berlin war informiert und der Strom der Läufer flutete ab 9 Uhr zum Gelände. Lastwagen warteten auf die Kleiderbeutel und zahlreiche Helfer kontrollierten erst unsere Bändchen und dann die Startnummern.

2022 04 03 10.25.43klDamit wir uns nicht so eng nebeneinander stellen mussten, gab es vier Startblöcke. Das bedeutete, dass der Lauf offiziell um 10 Uhr begann, aber ich erst 11:10 Uhr an der Reihe war. Deswegen hatte ich mich entschieden, eine Jacke mitzunehmen, denn bei gefühlten Minus vier Grad, erschienen mir Pullover im Lastwagen nicht besonders hilfreich. Ein kleiner Rucksack gab mir die Möglichkeit die Jacke später zu verstauen, außerdem konnte ich so mein Handy mitnehmen und noch ein paar Fotos von diesen besonderen Momenten mitnehmen:

Wie wir mit Mundschutz in die Kamera grinsten, wie der Friedensengel plötzlich im Sonnenlicht leuchtete, wie wir alle unsere Arme in die Luft rissen, um die Starter vor uns anzufeuern, wie wir uns warm tanzten.

Entgegen meiner Erwartung verging die Wartezeit wie im Flug und mir kamen das erste Mal die Tränen, als unsere Welle durch den Startbogen schwappte und aus dem Lautsprecher eine Stimme tönte: „Laufen, jetzt müsst ihr laufen!“2022 04 03 10.55.09kl

Nichts lieber als das! Die Sonne blinzelte, die Goldelse beschützte unseren Weg, das Publikum applaudierte, die Musik dröhnte und ich lief, nein, ich tanzte, ich schwappte auf einer Welle des Vergnügens vorwärts.

Die Straße des 17. Juni, der Tiergarten, jeder Meter war bunt von dieser großen Laufgemeinschaft und trotz der vielen Menschen war jede Menge Platz, es gab keine Autos, keine Stoppschilder, die Welt war für uns geöffnet. Meine Lippen dehnten sich zu einem Dauergrinsen, ich konnte es gar nicht bremsen, es war als würde mir jemand die Mundwinkel nach oben reißen, was für ein wunderbarer Tag. 2022 04 03 12.04.15kl

Es war kalt, aber der Wind hielt sich in Grenzen, vor allem war es trocken, es war einfach alles ideal. Trommelgruppen fegten mit Trommelwirbeln über ihre Instrumente, Bläser spielten und immerzu rief irgendjemand „Du siehst aber gut aus!“.

Kein Zweifel Startnummer 15142 war eine Glückszahl.

Am Schloss Charlottenburg hatte ich gerade wieder ein herrliches Kopfkino der Erinnerung, weil dort einer meiner Texte 2019 mit einem Preis geehrt wurde, da tauchte neben mir ein Freund auf, der damals auch bei eben dieser Lesung zugegen war. Wir rannten ein paar Meter zusammen, dann bog er ab, wünschte mir Glück. Klar, so zwischen 25000 Läufern kann man sich ja auch Mal eben zufällig treffen.

Ein Wunder nach dem anderen.

Der Freund bog ab, die nächste Band kam, die Sonne schien und es gab Wasser für die trockenen Münder. Nach der Verpflegungsstelle standen graue Tonnen, im Vorüberfliegen las ich die Beschriftung rescue cups und dachte noch, was es alles gibt, Rettungstassen, wahrscheinlich sind das kleine Ufos mit denen wir im Notfall ausgeflogen werden. Erst ein paar Kilometer weiter begriff ich meinen Lesefehler, natürlich hieß es restore cups und war somit Teil des Nachhaltigkeitskonzepts. Also lachte ich über meinen Fehler und überhaupt über diese Welt, mit klatschenden Omas auf dem Balkon und quiekenden Kindern am Straßenrand „Ihr schafft das, ihr schafft das!“.

KarteZwischendrin wollte ein eisiger Windstoß mein Kappi mitnehmen, zum Glück war ich schneller, dann kamen wir wieder in den Windschatten und zur nächsten Band. Die Gedächtniskirche, das Mahnmal für den Frieden, reckte sich in den blauer werdenden Himmel und die Menschen jubelten, weil es ein Jubeltag war. Wir passierten Checkpoint Charlie und vielleicht muss man hier geboren sein, um diesen ehemaligen Grenzübergang mit dieser Mischung aus Beklemmung und Faszination zu überqueren, die mir eine Gänsehaut verursachte. In meinem Geburtsjahr entstand dort die Mauer und jetzt rannten wir, lachten und jemand schwenkte ein Schild „Peace“.

Ich lief relativ konstant ein Tempo von elf Stundenkilometern, die Zeit verflog und schon kam die letzte Ecke, das Brandenburger Tor tauchte auf, der Weg war gesäumt von Jubelnden, mir verschlug es die Sprache, obwohl ich ja sowieso nichts zu sagen hatte, ein paar Tränen der Rührung hinderten mich am Atmen, aber ich brauchte gar keine Luft, die Füße wurden vom Applaus getragen. 2022 04 03 13.14.26kl

Das Berliner Publikum ist einfach unglaublich.

Die Sonne hatte sich endgültig durchgekämpft und um mich her nur lächelnde Gesichter. Fleißige Helfer verteilten die wunderschönen Medaillen und Wärmefolien. Ich zog meine Jacke aus dem Rucksack, ließ mir eine Banane reichen und ein rosarotes Getränk, was man und frau eben so trinkt auf Wolke 7, bedient von allen Seiten. Na klar, ich gehörte schließlich zu den oberen Zehntausend, denn ich war als 9930te durchs Ziel gerannt. 2022 04 03 13.00.08kl

Alle fotografierten fleißig, den Reichstag, sich selbst, die anderen, die wir alle reich waren an schönen Augenblicken und mit den weißen Schutzdecken wie kleine helle Blüten die berühmte Wiese bevölkerten.

Den Weg zurück zum Hotel brauchte ich zum Glück nicht mehr zu gehen, denn ich konnte ihn schweben. vigligluecklichAus dem Spiegel leuchtet mir dieser Tag sicher noch viele Wochen entgegen und im Tagesspiegel stehen wir anderntags alle dicht gedruckt, ein Dokument des friedlichen Siegens.

Danke Glücksfee.

Verena Liebers (VIGLi), 3.4.2022

  • 20te von 231 Teilnehmerinnen in der AK W60
  • 2192te von 8420 Frauen
  • 9930te von insgesamt ca 23000 Läufern im Ziel

 

 

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