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Deutsche Meister, darunter habe ich mir immer so Muskel-bepackte Typen vorgestellt oder Gazellen-gleiche Sprinterinnen.

Und nun also ich, manchmal muss frau einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. aufderstrecke Alf2

Das heißt in diesem Fall in Herne, der zweitkleinsten Großstadt in Deutschland. Dort richtete das engagierte Team Camerone zum dritten Mal einen 6-Stunden-Lauf aus. Das heißt, man darf sechs Stunden laufen, immer im Kreis, jede der exakt vermessenen Runden wird gezählt.

So etwas muss Mensch mögen. Zumindest ist es für die Logistik von Vorteil, denn niemand kommt plötzlich in einer größeren Großstadt heraus, sondern wir bleiben alle schön zusammen, in Herne.

Radweg2022 stand der Lauf unter besonderen Vorzeichen: Die Deutschen Meisterschaften im 6-Stundenlauf  sollten dort von der DUV (Deutsche Ultramaathon-Vereinigung) ausgetragen werden. Das fand ich doppelt reizvoll. Ein Veranstaltungsort vor meiner Bochumer Haustür und dann mit so ein paar Cracks im Kreis laufen von denen ich sonst nur die Rücklichter sehe.

Unser Parcours war 3,7 km lang und führte durch einen Park.

Zwei Wochen vor dem Rennen bekamen wir eine Mail, dass die Strecke wegen Baumaßnahmen noch geändert werden musste und mir fiel langsam auf, dass das jetzt schon ein besonderes Ereignis war. Deutsche Meisterschaften, wer dort mit rannte kam automatisch in die Wertung. 50 Kilometer hielt ich für mich für realistisch. Allerdings hatte ich da noch keine Informationen über den Streckenverlauf. Kurz gesagt: Hügelauf, hügelab, kurvig, Schotter, Asphalt, Waldwurzeln. Puh. Die 12 Kilometer Anfahrt mit dem Fahrrad übte ich am Vortag beim Abholen der Startunterlagen und entdeckte eine traumhafte Strecke über grüne Trassen- und Waldwege, wenn ich die Fotos dazu zeige, ist es für die meisten wohl unvorstellbar, dass ich zwischen zwei Ruhrgebietsstädten unterwegs war.

Die Nervosität stieg, ich verfolgte den Wetterbericht und versuchte herauszufinden, welche Verpflegung uns zur Verfügung gestellt würde, was allerdings nirgends nachzulesen war.Aufderstrecke alf3

„Was braucht man schon für läppische 50 km“, meinte meine durchtrainierte Freundin aufbauend, aber ich ahnte, dass es für mich nicht so läppisch sein würde. Immerhin habe ich innerhalb von sechs Stunden sogar Hunger, wenn ich nicht laufe. Da ich nicht zu den Spitzenathleten gehöre, die sich mit schleimigen Gels den Appetit weg lutschen, packte ich mir vorsichtshalber Rosinen, Lakritze und Käsebrötchen in die Satteltaschen.

Das Wetter spielte mit, keine Gewitter, kein Regen und die schwüle Hitze der Vortage hatte sich wieder aufgelöst. Trotzdem konnte ich schon morgens ohne Jacke radeln, so dass ich ahnte: Es wird heiß.

StartZunächst aber gab es ein allgemeines Begrüßen mit der Läuferfamilie. Die Mont-Cenis-Akademie bot uns einen edlen Startbereich, wettergeschützt, mit Strandkörben zum Sitzen unter Palmen. Urlaubsgefühl pur. Es gab Begrüßungsreden, die im allgemeinen Gemurmel untergingen, dann der Startschuss und die Läufer setzten sich eher gemächlich in Bewegung.

211 Läufer und Läuferinnen waren gemeldet, 159 standen am Schluss in der Ergebnisliste. Gesund an der Startlinie zu stehen ist sowieso und in diesen Zeiten besonders, schon Mal die halbe Miete.

Die Strecke hatte ich am Vortag nicht besichtigt, ich dachte mir, die sehe ich noch oft genug. 14 Besichtigungsrunden sind es geworden. Wueste

Es gab einen kurzen Kiesweg als Prolog, dann ging es steil eine asphaltierte Rampe nach unten und durch ein wunderschönes Waldstück. Der Schatten dort war an dem Tag meine Rettung, denn die Temperaturen kletterten noch ordentlich nach oben. Der nächste Kilometer ging so sanft bergab, dass es kaum auffiel, aber es lief sich so locker, als würde ich fliegen.

HelferAn einer Kurve im Bergab-Flow stand dann noch ein unermüdlicher Streckenposten, der uns tatsächlich alle sechs Stunden lang angefeuert hat, die letzten 180 Minuten sogar mit Musik.

Highway to hell, Applaus, Gänsehaut, ab um die Ecke.

Kurven gab es so viele, dass ich selbst nach 14 Runden noch nicht so ganz heraus hatte, wie sich das Hin und Her zu einer Runde schloss, aber auf dem Track sieht es aus, als wäre es einfach eine leicht eiförmige Laufstrecke. Was für eine zweidimensionale Illusion. Manche Kurven nahm ich dynamisch und fühlte mich wie auf einer Carrerabahn, andere waren so spitzwinklig, dass ich trotz der eindeutigen Markierung mit rosaroten Pfeilen zwei Mal fast in eine Bauzaun gerannt bin.

Wer sechs Stunden läuft, konzentriert sich ja nicht jeden Moment auf seine Schritte, also ich jedenfalls nicht. Da wandern die Gedanken hierhin und dorthin und manchmal ist es auch eher ein meditatives vor sich hin trotten. So habe ich einmal mitten auf der Strecke geglaubt, dass ich meine Sonnenbrille verloren hätte, weil sie auf meiner Nase fehlte. FRank A1

„Ich habe meine Brille verloren“, jammerte ich ein paar Mitstreiter an und hoffte der ein oder andere würde sie entdecken, schließlich liefen wir immer wieder denselben Weg. Wie sich herausstellte, hatte ich sie nur am VP zurückgelassen, aber offensichtlich zwei Kilometer gebraucht, um das zu bemerken.

Nach dem highway to hell Endorphinschub kam der "Kaugummi". Es ging bergauf, aber eigentlich nicht wirklich, nur so, dass einem plötzlich die Fortbewegung zäh vorkam. Wenn es endlich etwas flacher wurde, kam die „Wüste“, ein Sonnen-ausgesetzter Pfad mit weißen Kieselsteinen, die gerne in die Schuhe wanderten. Dann folgte wieder die Rampe, die wir jede Runde nicht nur hinab sondern auch hinauf mussten. Leider trafen wir dort mit fortgeschrittener Zeit nicht nur die Meisterschaftsanwärter, sondern auch Spaziergänger und E-Bike Radler.

„Vielleicht sollten wir hier schieben“ meinte eine Radlerin, gerade als ich um die Ecke kam.

„Ja bitte“, unterstützte ich ihr Vorhaben, was sie aus irgendeinem Grund dazu bewog, ihr Elektromobil zu besteigen und die Rampe aufwärts zu fahren, was ihr drei Meter gelang, dann fiel sie mit dem ganzen Gefährt um und wir Läufer halfen ihr wieder auf die Füße., obwohl sie uns Läufern wohl allen nicht sehr sympathisch war.

Aber Läufer sind einfach tolle Leute. Das habe ich an diesem Tag wieder mehrfach erfahren. Meine sogenannten Franks und Günnis mit denen ich sonst trainiere, feuerten mich virtuell und zu meiner großen Freude auch real an. Das muss man sich schließlich Mal vorstellen: Es ist Sonntag, super Wetter, die beste Gelegenheit für alle möglichen Unternehmungen und dann kommen sie nach Herne, um zu beobachten wie ich im Kreis laufe. Zudem haben sie noch Fotos gemacht auf denen meine Füße in der Luft schweben, obwohl sie zwischenzeitlich ziemlich fest am Boden klebten.

2022 05 22 16.05.16jensharderDass die 158 Läufer und Läuferinnen mit denen ich auf der Strecke war, eine gute Gemeinschaft bildeten, zeigte sich vor allem am Ende der Veranstaltung. Das ist bei einem 6-Stundenlauf immer recht spektakulär: Jeder läuft noch so weit wie er es schafft, bis ein Signalton alle zum Stehen bleiben auffordert. Dort muss jeder dann einen kleinen Sandsack mit der Startnummer deponieren damit die restlichen Meter, die über die gemachten Runden hinaus gehen, noch akribisch vermessen werden können.

Theoretisch kann man das Sandsäckchen liegen lassen und sich schon zu den Duschen bewegen. Aber mir hatte mein Freund eingeschärft, dass solche Teile von Hunden und Spaziergängern gerne Mal verschleppt werden, so dass ich es vorzog meine Trophäe zu bewachen bis die Mannschaft mit der Restmetervermessung vorbeikam. ZeitmessungWie sich zeigte war das die richtige Entscheidung, denn tatsächlich gingen ein paar Säckchen verloren. Das muss man sich Mal überlegen, was das bedeutet, die mühsam erkämpften Meter nicht mehr belegen zu können, noch dazu, wenn es um Platzierungen bei einer Meisterschaft geht.

In meiner Altersklasse W 60 war die Konkurrenz allerdings nicht groß, von den drei gemeldeten Damen war außer mir nur eine erschienen und vor der  hatte ich schon bald eine Runde Vorsprung, so dass mir an der schweißtreibenden Rampe immer schon ein bisschen Meisterschaftstitel entgegen wehte. Mir war klar, dass diese Gelegenheit nahezu einmalig war, denn es gibt da schon so ein paar Raketinnen meines Alters in Deutschland, die mich auch auf dieser zipfeligen Strecke in Grund und Boden gerannt hätten. Aber die waren eben nicht da. :-)

mitKhalidIch rannte also weniger gegen die Konkurrenz als mehr für meine persönliche Ziellinie. Aber es war unglaublich wie zäh sich meine Uhr auf die 50 km zu bewegte. Der Bergab- Kilometer fluppte noch immer locker,doch während Kaugummi, Wüste und Rampe schien die Uhr fast still zu stehen, das Sammeln der Meter war ein mühsames Geschäft. Als die Zeit sich dem Ende zuneigte hatten sich an der Zeitmessung allerdings zahlreiche Applaudierende versammelt, es gab Musik und Lautsprecherdurchsagen und mit diesem Gänsehautfeeling startete ich nochmal in de allerletzte Runde und hatte schließlich 53,07 km eingesackt.

Bis das allerdings amtlich vermessen, gewürdigt und ausgedruckt war, dauerte es tatsächlich noch drei Stunden. Ich war also eine halbe Stunde geradelt, sechs Stunden gelaufen und nun wartete der eigentliche Marathon, statt heimradeln und duschen, Stunde um Stunde ausharren. Siegerin DUV6h2Diese Zeit war wie eine extra Prüfung für unsere Läuferschar, die aber alle mit Bravour bestanden haben. Keiner beklagte sich, man plauderte, aß die letzten Nüsse und Bratwürste und als mir die Gesichtsfarbe aus dem Gesicht wich, war gleich ein aufmerksamer Läufer zugegen, der meinte, ich solle vielleicht noch etwas trinken, im Gespräch kam dann auch mein Kreislauf langsam wieder zurück. Ich lernte noch den Sieger der M 80 kennen, der tatsächlich zwei Kilometer mehr gelaufen war als ich und fühlte mich inspiriert für die Zukunft.

Um 19 Uhr ging es dann endlich los mit der Siegerehrung und jeder, der auf das Siegerpodest kam wurde ordentlich beklatscht, bekam eine Medaille umgehängt und die Urkunde feierlich überreicht. Da stand ich also, mein Laufkollege von der Günni-Gruppe machte Fotos und ich dachte, wie verrückt ist das denn, ich bin Deutsche Meisterin in meiner Altersklasse. Randsportarten ermöglichen eben auch ungewohnte Höhenflüge.

Nachdem ich dann auch alle anderen Podestplätze noch mit beklatscht hatte, wurde ich jedoch nicht in einer meisterlichen Sänfte nach Hause getragen, sondern setzte mich wieder auf mein Zweirad (ohne Elektro!) und strampelte mit breitem Grinsen im Gesicht durch das abendliche Ruhrgebiet die 12 km nach Hause, während auf meinem Handy schon die ersten Glückwünsche aufploppten, weil die Ergebnisse nun auch im Internet standen.

Ich glaube, irgendwann in nächster Zeit mache ich nochmal einen Ausflug in diesen Park. Aber wie wird das sein, ohne meinen „Highway to hell“-Streckenposten, ohne den Moderator, der sagt: „Jetzt kommt die Verena, Nummer 151, die lächelt ja immer noch“ und ohne den Schwung mit dem ich trotz dicker Markierung in Bauzäune renne. Es wird nicht mehr dasselbe sein, es war eben nur dieser Tag. Dieser eine meisterliche Tag.
VIGLi, 22. Mai 2022

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