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„Liga“ heißt anders herum gelesen agil, also beweglich und wendig. Tatsächlich kann ich bestätigen, dass den Wendepunkten beim Kamener Triathlon, der diesmal ein Duathlon war, eine besondere Bedeutung zukommt.

Anlass für diese meine Wendepunkt-Studie war, dass unser Frank-Verein sehr rege ist und Anfang des Jahres alle sagen, sie wollen in der Liga starten. Das ist spannend, der Teamgeist und überhaupt. 2022 07 10 10.45.47kl

Dann kommen die Termine, die einen sind verletzt, die anderen haben keine Zeit und mit dem Teamgeist ist das so eine Sache, wenn die einen in Verl und die anderen in Kamen starten sollen.

Zu so einem Zeitpunkt kommt dann regelmäßig meine Person ins Spiel. Schließlich besitze ich trotz meines fortgeschrittenen Alters einen Startpass und auf die Geschwindigkeit kommt es angeblich nicht an. Manchmal wird nur jemand gebraucht, der über die Startlinie kippt, damit unser Team keinen Punktabzug bekommt. Das allerdings wäre für meinen ökologischen Fußabdruck nicht vertretbar, wenn ich schon im Auto bis Kamen fahre, dann müssen da auch ein paar Lauf- und Radkilometer zusammenkommen.

10 Kilometer Laufen, 42 Kilometer radeln und dann nochmal 5 Kilometer laufen, also Duathlon,  hieß es diesmal.

Glücklicherweise konnte ich mit einer Frankine anreisen, die schon 19 Mal dort gestartet war und den Überblick über die ganzen verwirrenden Details hatte. Schließlich muss man wissen, dass so eine agile Liga zahlreicher Vorbereitungen bedarf. Unter anderem ist die Kleiderfrage nicht nur bei den Damen ein wichtiges Thema. Wir sollen nämlich alle gleich aussehen. Dafür müssen sich aber meine Kolleginnen keine Falten retuschieren, um sich mir anzupassen, es genügt, wenn wir die Teamfarben auf der Kleidung haben. 2022 07 10 18.18.46

Außerdem bringt jedes Liga-Team seine eigenen Startnummern mit und befestigt sie am Startnummernband und mit Kabelbinder am Fahrrad. Wie wir heute feststellen mussten, sind Sattelstützen aber dicker als wir dachten und ich war kurz davor ein Stück aus meinen Schnürsenkeln zu schneiden, um das Befestigungsproblem zu lösen. Die Senkel waren nämlich viel zu lang und nur durch kunstvolle Knoten an meinem Schuh im Zaum gehalten. Triathlon-Schnürsenkel sind so eine Art schmale Thera-Bänder, die den Athleten oder die Athletin vom Schnürsenkelbinden befreien sollen. Stattdessen werden die Arme gekräftigt indem die Sportler ihre Schuhe auseinander dehnen, um sie anzuziehen. Anschließend schnurren sie zusammen und umschlingen den Fuß elastisch und fest zugleich. Ich hatte das Prinzip nur mit dem linken Schuh vor Wochen getestet, weil das Thera-Band-Einfädeln einige Zeit in Anspruch nimmt und ich bis kurz vor dem Wettkampf irgendwie nicht das nötige Zeitfenster fand, um meine Mission zu vollenden. Zum Glück verhielt sich der rechte Fuß wie der Linke und abgesehen von einem gelb leuchtenden Elastikband-Knäuel auf dem Spann, sah das ganz manierlich aus.

Bezüglich der zu kurzen Kabelbinder hat uns dann übrigens jemand ausgeholfen, wie uns überhaupt an diesem kühlen Sonntag Morgen sehr viele nette Menschen als Helfer begegnet sind.

Das erste Mal in Bergkamen, wo wir das Auto auf einem super Parkplatz hatten und dann erst beim Radeln dank eines freundlichen Hundespaziergängers erfuhren, dass die Jahnstraße in Bergkamen überhaupt nichts mit der Jahnstraße in Kamen zu tun hat. Im Grunde hatten wir noch Glück, denn möglicherweise gibt es eine Jahnstraße auch in Düsseldorf oder Dormagen, wir haben uns auf der Fahrt so gut unterhalten, dass uns der Navigationsfehler zunächst nicht aufgefallen war.

Von Bergkamen bis Kamen waren es immerhin nur sechs Kilometer, wir fanden einen neuen Parkplatz und dann war auch schon Eile geboten, um die Wechselzone zu erreichen, die übrigens Wechselzone 2 hieß, obwohl es nur eine gab. Das kam daher, dass die Schwimmstrecke diesmal gesperrt war und nicht alles neu beschriftet wurde. Damit wir dann trotzdem nass geworden sind, hat es nach einer Weile angefangen zu regnen. Das gefiel mir allerdings ganz gut, denn dadurch wird der Schweiß gekühlt. Auf dem Fahrrad ergab sich dadurch allerdings eine gewisse Sichtbehinderung, weil ich keine Scheibenwischer an der Sonnenbrille habe. Dabei gab es einiges zu sehen. Tatsächlich ist mir sogar ein Fasan begegnet, der kurz vor mir die Fahrbahn querte. Und in der nächsten Runde mit leisen kröck kröck vom Rand zujubelte.

Eine weitere Herausforderung war der Wind, der uns immerhin in die eine Richtung geschoben hat und in die andere ausgelacht. Also mich jedenfalls, während Teamkollegin Nummer 1 unglaublicher Weise in alle Richtungen Rückenwind zu haben schien und wie ein Ufo von einem anderen Stern immer wieder an mir vorbei segelte und dabei noch genug Puste hatte, um „Super“ zu rufen. Dass ich mit solchen Granaten auf derselben Strecke fahren durfte, liegt an dem besagten Wendepunktsystem. 2022 07 10 20.46.48Wir hatten siebeneinhalb Runden zu bewältigen und tatsächlich hat mich das im Vorfeld am meisten gequält, wie ich es schaffen könnte bis sieben zu zählen, während agile Ligisten und Fasane um mich herum schwirren. Dankenswerterweise konnte Teamkollegin Nummer 2 nicht nur ihre Runden zählen, sondern auch noch meine und mich über den Stand der Dinge informieren. Damit ich mich darauf nicht verlassen musste, hatte ich über ein Gummibärchensystem nachgedacht, aber mich letztlich für sieben rosa Haargummis entschieden, die ich dann nicht essen, sondern nur von der kleinen Radtasche in das Trikot umpacken musste. Zusätzlich gab mir der Tacho einen Hinweis auf die Rundenzahl und so fühlte ich mich bald auf der sicheren Seite und sah wahrscheinlich so aus, als hätte ich einen Clown verschluckt. Jedenfalls rief mir ein Streckenposten zu, das wäre ja toll, dass ich immer so strahle. Aber Mal ehrlich: Gesperrte Straßen und hin und wieder jemand, der „Super“ ruft, das habe ich sonst nur selten.

Dann tauchte noch ein Frank als Wettkampfrichter auf, zeigte mit dem Daumen nach oben und ich dachte, es ist wirklich ein Team-Event, auch wenn wir uns nur im vorüberradeln sehen.

Als ich gerade meine Theraband-Dehnübung beim Wechsel auf das Fahrrad machte, traf ich zwei weitere Franks, die ihr Rennen schon fertig hatten. Ich gestand ihnen, dass ich gerade nicht sehr gesprächig war, was eher selten ist.

„Helm zu“, sagte, der eine und „Sieben Runden, aber acht Mal Zeitmessmatte“ der andere und ich liebte sie, weil sie die Dinge sagten, die ich wusste, aber die sich erst dadurch so ganz richtig anfühlten.

Schließlich waren die Haargummis weg gepackt, ich bog erneut Richtung Wechselzone ab und konnte trotz der verregneten Brille noch die rote Fahne erkennen, an der wir das Fahrrad verlassen mussten. Frank alias Bambam hatte mich gewarnt, dass die zweite Laufrunde so richtig weh tut und deswegen begab ich mich sehr vorsichtig auf meine zwei Beine. Zum Glück fand ich den Stellplatz in der Wechselzone sofort, das hatten wir vorher gut geübt.

Dann lief ich los auf der sehr angenehmen weichen Wiesenstrecke und stellte fest, dass mir gar nichts weh tat, was mit 61 Jahren angeblich sowieso selten ist. Frankine Nummer 1 war schon im Ziel und rief wieder „super“ und ich dachte: Sie hat Recht, das ist alles großartig hier.

Als ich in die zweite Laufrunde startete lief gerade Frankine Nummer 2 ins Ziel und ich freute mich die nächsten 2,5 km darauf von den beiden unter dem Zielbogen empfangen zu werden. Mit 2:45:38 kam ich dann als 39. von 45 Liga-Starterinnen ins Ziel. Mit der wohl langsamsten Rad-Zeit, dafür war ich auf der zweiten Laufrunde Platz 21, wahrscheinlich weil ich mich so gefreut habe über diesen Tag, diesen Augenblick in dem alles stimmte. Da ich zudem mit zwei Raketinnen angetreten war, belegten wir dann insgesamt Platz 7 von 18 in der Liga und das fühlte sich an, als wäre ich ein Luftballon, der da auf einmal hochgehoben wurde in in den Siebener-Himmel. So ist das als Team.

Wir waren nun alle glücklich und weil es immer noch regnete und die Franks auch schon weg waren, beschlossen wir schnellstmöglich nach Hause zu fahren. Doch hier eröffnete sich ein neues Abenteuer. Denn unseren Kamener Parkplatz hatten wir uns nur so in etwa gemerkt, ich erinnerte eine Friedenstaube auf einem Garagentor, Frankine 2 „irgendwas kirchliches“. Nachdem wir eine Weile mit unseren Rädern durch Kamen gekurvt waren und uns alles sehr fremd vorkam, trafen wir auf einen Polizisten. Das ist unsere Rettung, dachte ich. Aber was sollte der arme Mann tun, wenn wir ihm sagten, unser Auto wäre an einer Garagentür mit Friedenstaube geparkt, aber die Straße hätten wir uns leider nicht gemerkt? 2022 07 10 14.34.35kl

Der gute Mann machte seinem Ruf als Freund und Helfer alle Ehre, er sagte nichts über das Orientierungsvermögen von Frauen, sondern überlegte minutenlang mit uns, wo sich diese Taube befinden könnte, die er absolut nicht kannte. Schließlich verfielen wir auf ein evangelisches Gemeindezentrum als mögliche Lösung und siehe da, dort war auch unser Vierrad zu finden. Der Polizist eskortierte uns tatsächlich dorthin, weil er unbedingt die Taube kennenlernen wollte, die ihm noch nie aufgefallen war.

Ich gebe zu, vielleicht muss man dafür rosa Haargummis in der Radtasche haben, dass einem so ein Gemälde mehr auffällt als der Straßenname.

Auf der Rückfahrt sind wir dann tatsächlich in Bochum herausgekommen, obwohl ich das zu dem Zeitpunkt schon wieder alles so nett fand, dass ich es auch nicht so schlimm gefunden hätte, wenn wir wieder nach Bergkamen gefahren wären Vielleicht hätten wir ja den netten Herrn mit dem Hund wiedergetroffen und ich hätte Gelegenheit gehabt noch einmal Danke zu sagen. DANKE!

VIGLi, 10. Juli 2022

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