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Oft wird mir die Frage gestellt, wie ich mich zum sportlichen Training motiviere.

Da liegt mir dann gerne die Gegenfrage auf der Zunge, wieso es reizvoll ist, den Tag halb eingeklappt auf einem Sitzmöbel zu verbringen? Aber ich gebe zu, manchmal ist es heiß, staubig und einsam auf langen Trainingskilometern.

2022 08 07 16.07.44klUnd da kommen meine Franks* ins Spiel.

115 km geradeaus in den Norden zu radeln, käme mir vielleicht nicht in den Sinn, wenn da nicht ein reizvolles Ziel wäre. 

Sassenberg zum Beispiel. So eine Stadt, die niemand kennt, es sei denn, er oder sie ist Triathlet. Da sollten diesmal unsere Vereinsmeisterschaften stattfinden, also so eine Art Familienausflug. Ich wollte als Fan an der Strecke sein.

Im Grunde hätte ich auch an der Startlinie stehen können, weil auf den letzten Drücker immer Ersatzstarter und -starterinnen für die Liga gesucht werden, weil immer irgendjemanden ein gesundes Bein fehlt oder die Familie irgendwie dagegen ist. Ein Triathlon ist eben mehr als einfach schwimmen, radeln, laufen, es gehört auch dazu am Vortag Startunterlagen abzuholen, morgens um 5 eine Trainingseinheit einzuschieben, abends statt der Weinschorle einen Isodrink zu zischen und etwaige Gäste mit „ich muss noch kurz duschen“ zu vertrösten. Das müssen die Partner und Partnerinnen also auch mögen.2022 08 07 16.08.30kl

Zum Glück haben wir in unserem Frankverein Beauftrage für die Organisation, die sich dann bereitwillig vor so einem Event die Finger wund schreiben und telefonieren, um Startnummern zu suchen, Mitfahrgelegenheiten zu organisieren, Vereinsmeisterschaften auszurufen und das alles in immer neuen Listen zusammenfügen.

Schließlich war es soweit, ich durfte meinen Fan-Platz behalten, weil die Liga gerade nichts zu verlieren hatte, und so machten sich etwa 18 Franks und Frankines auf in das legendäre Sassenberg und ich buchte eine Pension.

115 Kilometer zeigte mein Navi von Bochum bis zum Ort des Geschehens und die dauern bei mir etwas länger. Um morgens noch vor 10 Uhr radelnd an die Strecke zu gelangen, hätte ich ohne Übernachtungsplatz zu nachtschlafener Zeit aufstehen müssen. 

Der Wettergott hatte ein Einsehen, schickte die schwüle Luft vom Vortag mit einem ordentlichen Gewitter weg und bescherte frankiales Sommerwetter, blauer Himmel, 25 Grad, Wind war eigentlich auch keiner, aber wenn, dann kam er aus Norden damit mir meine Radtour nicht zu leicht fiel. 2022 08 07 kl

Neben dem Radweg brummte der samstägliche Autoverkehr und ich dachte, dass es im Wald sicher schöner wäre, aber da waren eben nicht meine Franks.

Nach 50 Kilometern wurde es besser, Felder rechts und links, Bussarde, die darüber kreisten, statt Baustellen Häuser im roten Klinkerbau, dafür gab es aber auch keine Buden mehr, um Nachschub für die Trinkflaschen zu besorgen.

2022 08 06 18.18.30klDie Hoffnung am Ende ein erfrischendes Bad im Feldmarksee nehmen zu können, schwand angesichts einiger alkoholisierter Jugendlicher und der Frage, ob mein Gepäck da am Ufer ohne Bewachung gut aufgehoben wäre. Da haben die Triathleten Glück, dass ihnen der hübsche See einen Tag lang allein gehört.

10 Kilometer von Sassenberg entfernt in Warendorf hatte ich eine Pension gefunden, beendete den Abend dort mit Pizza und einigen Apfelschorlen und der Vorfreude auf den nächsten Tag.

Dass ich die Strecke schon ausgekundschaftet hatte, war mein Vorteil, denn am Veranstaltungstag bestand gefühlt alles aus Absperrgittern. Die Sportler und Sportlerinnen waren dahinter in Sicherheit wie das Damwild im Weitmarer Holz und das Publikum wälzte sich mit Kinderwagen Hund und Kegel durch schmale Schleusen, die von zahlreichen Helfern gut bewacht wurden. „Kein Durchgang für Zuschauer, nein, auch nicht, wenn sie über den Zaun steigen. Bitte gehen sie zur nächsten Schleuse.“  Es sollte sich eben jeder bewegen, nicht nur die Wettkämpfer. 2022 08 07 11.30.28schwimmstartklDas Problem für mich war, dass meine Franks und Frankines sich auf insgesamt sechs verschieden Starts verteilten. Das Schwimmen begann zudem am einen Zipfel des Sees und endete am anderen, wollte ich also jederzeit bei meinem Team sein, musste ich zwischen der einen und der anderen Seite hin und her spurten und  über die Kind- und Kegel-Familien hüpfen. Dabei muss ich zugeben: Die Franks hätten alle auch ohne mich überlebt, Verpflegung anzureichen ist sowieso verboten.

Aber wer jemals selbst an einem Wettkampf teilgenommen hat, weiß, was es bedeutet, wenn da irgendjemand „viel Glück“ ruft, während man sich vielleicht gerade fragt wie es eigentlich kommt, dass man an einem Sonntag nass geschwitzt über Schotterwege stolpert. Es war mir also eine Herzensangelegenheit jeden mindestens einmal anzufeuern und ein Erinnerungsfoto zu schießen. Das ist dann auch so eine Art Memory-Spiel, denn wie die wichtigsten Personen zu erkennen sind, bleibt rätselhaft, wenn alle im schwarzen Neopren und mit wahlweise grüner oder roter Badekappe als hundertfache Neptuns und Neptisinen ins Wasser rennen.

2022 08 07 15.10.48klIrgendwann zwischen Start der einen und Zieleinlauf der anderen hatte ich kurz Zeit für eine Waffel mit Kirschen, die ich dann aber gegen so viele Wespen verteidigen musste, dass ich mich jenseits der Verpflegungszone doch wohler fühlte.

Da gab es unterdessen schon eine Menge zu feiern, eine Frankine war gesünder ins Ziel gekommen als sie losgelaufen war, eine andere hatte ihren Status als Raketin bestätigt und auf Platz 2 ein Preisgeld verdient, die Staffel zelebrierte gemeinsam ihren Zieleinlauf und die Volksdistanz war gewuppt, obwohl der Ü60er ausschließlich laufen trainiert hatte.

Es ist eben doch alles mental und ich muss mir jetzt meine langsamen Tourenradkilometer einfach in schnelle Rennradkilometer umdenken, dann wird das auch mit dem nächsten Wettkampf klappen.

Nach sechs Stunden an der Strecke und einem Gruppenfoto zum Abschluss, fand ich dann, dass es Zeit zur Heimreise war. 2022 08 07 15.11.12Gruppekl

Immerhin war mein Käsebrötchen in den sonnenbeschienenen Satteltaschen gut überbacken worden, so dass ich mich noch auf ein nettes Picknick freuen konnte. Zudem waren die heißesten Stunden nun vorbei und mit dem Kopf voller schöner Augenblicke sauste ich in der frischer werdenden Luft, wieder vorbei an den Feldern und Klinkerbauten, gönnte mir in Datteln noch ein großes Eis und war dann gerade zum Abschluss der Vereinsfeier in unserem Bad.

2022 08 07 19.45.56klDas ist der Vorteil von einem Frankverein, irgendjemand ist immer da und so konnte ich noch einen halben Liter kühles Wasser in meine vertrocknete Kehle schütten, um auf diesen grandiosen Tag anzustoßen.

Und das ist die Antwort auf die Frage, wie ich mich zum Training motiviere: Ich will einfach immer da sein, wo meine Franks sind und wenn dann zwei Mal 115 Kilometer dazwischen liegen finde ich radeln doch besser als laufen.

VIGLi, 7. August 2022

*Franks heißen alle Triathleten aus meine Verein, wobei diese Begriffsbildung aus einer Zeit stammt, als es noch fast keine Frankines gab, die Entstehungsgeschichte ist in meinen Büchern hinterlegt.

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