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Triathleten wollen angeblich alle nach Hawai. Nur ich will immer bloß nach Duisburg. Das Traumziel meiner 100-Kilometerläufe hat sich eingebrannt. An der Ruhr entlang bis sie sich im Rhein auflöst und ich mich in Tränen, weil ich am Ziel bin.2022 08 28 07.55.24kl

Ironman70.3. Start und Ziel in Duisburg, da wollte, da musste ich also hin. 2020 sollte das Jahr sein und dann kam stattdessen die Pandemie. Mein Freund organisierte eine Mitteldistanz im kleinen Kreis, ich schaffte das in sechseinhalb Stunden, immerhin neun Minuten schneller als zehn Jahre zuvor und wusste also, das geht noch. Aber dann ging die Zeit ins Land, der Veranstalter verschickte hin und wieder E-Mails, jedes Mal bekam ich Herzklopfen und musste entscheiden, ob mein Geld da weiter parken sollte.

Zwei Jahre später wurde es ernst.

1,9 km schwimmen, 90 km radeln, 21,2 km laufen.

Das sind so die Zahlen. In Wirklichkeit ist es viel komplizierter. Es geht darum, zwischendrin nicht in Ruhe einen Kaffee zu trinken, sondern sich in Rekordzeit umzuziehen. 2022 08 27 15.44.31klWobei die erste Hürde darin besteht, seine Bekleidung wiederzufinden, zwischen 6000 Beuteln von 3000 Teilnehmern.

Und bevor sich die Beutelmenschen auf die Suche begeben, müssen sie das System verstanden haben, die Regeln und noch vorher sich anmelden. Es war so eine richtige Großveranstaltung wie ich sie beim Triathlon noch nie erlebt hatte.

2022 08 26 18.09.22klZum Glück habe ich meine Franks und Frankines*, gemeinsam rollten wir in einem Dauer-Duisburg-Mobil zu den verschiedenen Aufgaben.

Erst einmal Startunterlagen abholen. Das ist allerdings nicht so wie beim Bäcker, Bares gegen Brötchen, sondern man muss sich ausweisen. Personalausweis, Startpass und dann noch ein QR-Code, den uns der Veranstalter vorher geschickt hatte, zusammen mit dem 46-seitigen Athletenguide, den wir auswendig lernen sollten. IMG 20220826 WA0008Außerdem mussten wir unsere geschätzte Schwimmzeit angeben und bekamen danach unsere Startgruppe und Startnummer zugeteilt 

Ich war 1779. 

2022 08 26 19.22.45kl50 Minuten Schwimmen. Spiel 77, Quersumme 6, einmal sieben ist sieben, neunmal sieben ist 63. 

Wie war die Startnummer? Manchmal ist es ungünstig, wenn einem viele Sachen gleichzeitig durch den Kopf gehen.:-) Vorsichtshalber bekommen alle Starter und Starterinnen ein Armband mit der jeweiligen Nummer, das durften wir nicht verlieren und das ganze Wochenende nicht wieder ablegen. Es war unsere Eintrittskarte und das Erkennungszeichen. So wie Steiff-Tiere mit Knopf im Ohr waren wir Beuteltiere mit Armband.

Am Vortag zum Rennen war Fahrrad- und Beutel-Check-in. Es gab blaue, rote und weiße Tüten, die genau in dieser Reihenfolge zu nutzen waren. Wer also aus dem Wasser kam, hatte im blauen Beutel alles, was er zum Radeln brauchte, im roten dann die Laufschuhe. Hoffentlich. PXL 20220827 133805160.MPkl

Ich hatte bis zuletzt Albträume, dass in meinem Tütchen plötzlich nur Socken wären oder zwei linke Schuhe oder eine Ratte. Und ich fürchtete, mein kleiner Rennflitzer, der sich zwischen den anderen Rädern wie ein Oldtimer ausmachte, könnte über Nacht oder unterwegs die Luft verlieren. Entsprechend überlegte ich mir Szenarien wie ich die letzten Radkilometer einfach das Rad schultern und weiterlaufen würde. Schlauch wechseln ist mir in der Theorie bekannt, in der Praxis bekomme ich unterwegs nicht Mal einen Müsliriegel aufgerissen. Nachdem ich schon Mal 90 km mein Haferflocken-Rosinenschnittchen sehnsüchtig spazieren gefahren habe, packe ich mir das Frühstück jetzt immer vorher aus.

Nachdem wir alle Vorbereitungen getroffen hatten, kamen die letzten schrecklichen Stunden. Normalerweise würde ich bei Aufregung erstmal eine Runde laufen, aber am Tag vor dem Wettkampf ist so etwas nicht sinnvoll. Da soll man sich ausruhen. Theoretisch könnte ich Gedichte schreiben oder Blumen gießen, in Wirklichkeit habe ich ein paar Nudeln gegessen und mir vorgestellt, wie die Kohlehydrate meinen Energielevel pushen und mich am nächsten Tag über die Ziellinie tragen. Dann kamen mir schon das erste Mal die Freudentränen und ich dachte, verflucht, es ist zu früh, es kann noch so viel schief gehen.

IMG 20220827 WA0016Zunächst musste geklärt werden, wie ich an die Startlinie kam, denn wir hatten nun alle verschiedene Startzeiten und ich als Schnecke des Vereins war noch dazu als letzte dran. Schließlich hieß es, dass ein Frank mich und den Kuchen mitnimmt. Unser Energiebündel-Frank, auch Bambam genannt, meinte nämlich, dass es für das Team gut wäre, noch zwei Kuchenbleche dabei zu haben für die Finisherparty.. Während ich also zum 100. Mal den Athletenguide studierte, hatte er auch noch gebacken.

Race day. Vier Uhr bin ich wach, kurzer Körpercheck, alles dran, nix tut weh, es geht los, es geht los! 6 Uhr Zwei angetrunkene Jugendliche stehen vor meiner Tür und Bambam mit dem Kuchen.

Duisburg wir kommen!

Bambam soll 7:30 Uhr ins Wasser, ich habe noch bis neun Uhr Zeit. Finde mein Fahrrad wieder, stelle mich bei den Dixis an, kontrolliere meine Beutel. 1779.

Direkt nach 1778, vor 1780, Gang Startgruppe C, Gang C neben B. Welche Nummer nochmal?

Geschwommen wird in der Regattabahn, die ersten sind schon im Wasser, ich sehe die Arme der Neoprenanzüge wie schwarze Möwen über das Wasser fliegen. Gelbe Bojen, orangene Bojen, die Sonne geht auf. Es ist ein Rolling Start, das heißt, alle 5 Sekunden starten zwei Personen. Mööp tutet es, dann springen sie ins Wasser. Springen, wir müssen tatsächlich springen. Viele flutschen mit elegantem Köpfer in die Bahn. Wann bin ich das letzte Mal vom Sprungturm gesprungen, in der Schule? Einer verliert seine Schwimmbrille beim Eintauchen, was alles schief gehen kann.2022 08 28 07.56.53kl

Ich stehe im Neopren mit Badekappe zwischen den ganzen schwarzen Gestalten, kenne niemand, die Musik dröhnt

„Ich bin aufgeregt“, sage ich zu meinem Neo-Nachbarn, er hört nicht, die Musik ist zu laut, der Moderator redet. Stück für Stück rücke ich vor. Rote, gelbe, grüne Badekappen. Ich bin dabei, ich bin mittendrin, ich werde gleich in die Regattabahn springen, dahin, wo sonst niemand schwimmen darf. Ich. Mein Herz klopft bis zum Hals. Dann auf den Steg, immer zwei zugleich. „Aufgeregt?“ fragt die Helferin? Ich nicke, kriege kein Wort mehr heraus. Viel Glück sagt sie, „mööp“, macht es, ich laufe auf den Steg, halte die Nase zu, die Brille fest, springe.2022 08 28 08.32.19kl

Das Wasser ist warm und klar, ich fühle mich geborgen, höre den Schwimmlehrer sagen „Arme strecken“ und meinen Freund „Mach einfach dein Ding“. Manchmal ist es gut, so einen Kopf zu haben, der alles speichert.

Die Orientierung ist leicht, die Wellen tragen, schneller als gedacht bin ich an der Wendeboje, ich habe etwas Rückenschmerzen, mache kurz ein paar Dehnübungen, muss lachen, sehe die Sonne, das glitzernde Wasser und denke: „Hey, ich bin in der Regattabahn, ich bin ein Fisch, ein Boot, ein glückliches Entlein“.

Der Rückweg ist ein bisschen weiter, wir müssen unter einer Brücke durchschwimmen „Wenn du zwei Brücken hast bist du zu weit und dann wie ein Pinguin oder eine Robbe auf den Ausstieg flutschen“, so hat es mir ein Frank erklärt. Ich entscheide mich für Eselspinguin und flutsche. Zwei Helfer greifen mir unter die Flügel und richten mich auf, ich renne los und grinse. 1779.

Beutel auspacken, alles da, keine Ratte, so eine Freude. Ich verwandle mich vom Pinguin zum Rennradler. Schieben bis zur roten Linie, aufsteigen, treten.

klRechts, links, Linien auf den Straßen, Absperrgitter, das Ganze sieht aus, als hätte jemand eine Spielkiste ausgeschüttet und zwischen die Häuser gestreut. Rote Ampel, ein Autobahnschild, ich brauche eine Weile bis ich begreife, dass heute alles ungültig ist, wir haben freie Fahrt. Plötzlich steht ein Frank an der Strecke und feuert mich an, unglaublich wie er mich gefunden hat, schnell bin ich vorbei, aber die Stimme ist wieder gespeichert.

Rechts taucht der Rhein auf, Schiffe. Ich denke an meinen Freund, der diesmal das erste Mal nicht an der Strecke steht, weil er im schönen Otterndorf den schönsten Triathlon organisiert. Hallo Duisburg, ich habe Opfer gebracht, ich bin hier, ich bin schnell. Noch sind viele Radler auf der Strecke, denn jeder muss die 45 km zwei Mal fahren. Konzentration ist gefragt.  Überholen darf nur 25 Sekunden dauern, einordnen, 12 Meter Abstand, die Kampfrichter brausen ständig an uns vorbei. Ich genieße eine Lakritze und trinke Apfelschorle, weil ich die Astronautennahrung der Veranstalter wohl doch erst essen werde, wenn ich auch zum Mond fliege. 

Als der Tacho 45 Kilometer zeigt, denke ich, irgendwo muss der Abzweig zur zweiten Runde sein, nur keinen Fehler machen. „Second loop, second loop“, dringt es an mein Ohr und nach einer Weile begreife ich, das ist ein internationales Rennen und der Herr, den ich im Gegenlicht gar nicht gesehen habe, weist mir den Weg zur zweiten Runde. Ich loope also second, erkenne einen Bekannten, viel Glück, weiter treten. Fahrtwind, Gegenwind, Sonne, ich bin ein Staubkorn im Sandstrahlgebläse des Tages. Normalerweise hätte ich Sonnencreme verwendet und Sonnenhut, nun bin ich Regatta-gebadet auf dem Rad und muss lachen. Sport soll nicht schön machen, sondern glücklich.2022 08 28 06.59.30kl

Die zweite Runde ist ein einziger Spaß, weniger Fahrräder, ich kenne mich aus, hole mir eine Wasserflasche ohne anzuhalten, nochmal Lakritze und ein kleines Madelaine, dieses köstliche französische Kleingebäck, jemand applaudiert am Straßenrand und ich grinse mit vollem Mund zurück. Kuchenpause im Fahrtwind, es ist so verrückt. Die letzten Kilometer zähle ich herunter. Wenn ich jetzt einen Platten habe, muss ich noch sechs Kilometer laufen, noch fünf, noch vier. Wechselzone erreicht, ich bin glücklich wie niemand auf der Welt, meine Schuhe sind da, wieder keine Ratte im Beutel.

„Viel Glück noch“, sage ich zu einer Frau neben mir, die etwas erschöpft „ach ja“ antwortet, dann raus auf die Laufstrecke, ich fliege, meine Lieblingsdisziplin. Aber die 5 Minuten für den ersten Kilometer sind viel zu schnell, die Sonne scheint, ich bin ausgetrocknet, ich muss meine Reserven einteilen, eine unsichtbare Wand trennt mich von der Welt. threema 20220828 183521160klMein Rhythmus, ich muss meinen Rhythmus finden. Aber überall sind Leute, Musik, Zurufe. „Gib Gas“, „Du siehst gut aus“ Es ist wie auf dem Jahrmarkt, ein Tröten und Raunen und Rauschen, ich werde vorwärts gejagt und bleibe dann wieder stehen, weil mein Herz schlägt, die Lunge brennt,

„Hey Verena!“ Die halbe Welt scheint mich zu kennen, dabei lesen sie wohl nur den Namen auf meiner Startnummer, manche kennen mich wirklich, es ist ja zum Glück Duisburg und nicht Hawai. Nach der ersten Runde steht auch schon Bambam wieder da. Ich beschließe mich auf der zweiten Runde zu erholen und dann in der dritten wieder schneller zu laufen, aber mein Bauch widerspricht, Die Verdauung ist an diesem Tag auch aus dem Rhythmus. Bei den Feld-, Wald-Wiesenveranstaltungen, die ich bisher kenne, kann ich mir immer ein schönes Plätzchen suchen, finde dann beim Ballast abwerfen noch ein Blümchen oder einen Käfer und alles ist gut. Das ist hier verboten, für jedes Bedürfnis muss man die Dixis nutzen, deren Müllgrubenausdünstung ich hasse. Aber jetzt sehne ich sie herbei. Neben mir Büsche, ein innerer Kampf, ob ich doch schnell im Grünen verschwinde. Und dann werde ich disqualifiziert, 10 km vor dem Ziel, das wäre irre. Ich muss gehen, um meinen Bauch zu beruhigen, am Wegessrand erbricht sich eine Teilnehmerin, hat auch nicht aufs Dixi gewartet.

Es ist nicht alles schön in so einem Rennen, aber als endlich die nächsten Dixis auftauchen ist das herrlicher als die Oase in der Wüste. Alles wird gut. Ich bin leicht und lustig, als es weiter geht durch den Lärm, die Rasseln und Bravo-Rufe. Jede Runde gibt es ein Armband. Gelb und blau habe ich, nur noch das rote fehlt. Der Blick auf die Uhr sagt, dass ich es wieder in sechseinhalb Stunden ins Ziel schaffe, selbst wenn ich wandere. Ich denke an meine sportliche Freundin, die mich online verfolgt und jetzt sicher in den PC schreit „Gib Gas!“ und ich wehre mich gegen alles, ich gehe langsam an der Regattabahn entlang und sage mir: " Da bist du heute Morgen geschwommen und jetzt läufst du hier und selbst wenn du kriechst kommst du lange vor dem Cutoff ins Ziel.“ Mir kommen wieder die Tränen, die Luft bleibt mir weg, schlechte Strategie fünf Kilometer vor dem Ziel. Ich versuche zu zählen, um mich zu beruhigen, spreche einen Mitwanderer an, der auch mit zwei Bändern markiert ist: „Die Medaille nimmt uns keiner mehr“, versuche ich ein Gespräch.„

Yo“, sagt er und ich bin wieder allein mit meinen Gedanken. 2022 08 28 16.20.26kl

Gleich gibt es das dritte Band, die Helfer stehen schon erwartungsvoll da, es ist wie ein Ritterschlag. Wer drei Bänder hat, darf ins Ziel abbiegen. Noch zwei Kilometer, mir stockt der Atem, das ist so irre, zwei Jahre Hoffen und Bangen, das Training, morgens um 6 Uhr im Schwimmbad, das Laufen in der Hitze, im Morgenlicht, das Radeln im Münsterland und über die Hügel, alles läuft wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Nur noch ein Kilometer. Da stehen zwei Franks. Brauchst Du was? Ich heule ununterbrochen und stammele, ich habe das jetzt geschafft, ich bin gleich da und die beiden gucken ein bisschen fassungslos, es ist doch nur Sport. Von wegen. IMG 20220829 WA0006kl

Bambam läuft noch ein Stück mit, dann muss ich zur Zielgeraden abbiegen, mir klopft das Herz irgendwo über den Haarwurzeln, ich muss ein paar Schritte gehen, ich zähle, versuche an vertrocknete Kastanien zu denken oder Dachziegel, nur irgendwie beruhigen. 2022 08 28 15.54.58klStattdessen fällt der Blick auf meine völlig verstaubten und löchrigen Turnschuhe, auch solche Oldtimer, die haben mich getragen, dann biege ich ab, der rote Teppich, Cheerleader, Applaus und Bambam legt unterdessen außen ums Stadion einen Sprint hin, um mich im Ziel aufzufangen, als ich mit Medaille um den Hals endlich heulen darf, was das Zeug hält, denn jetzt ist es egal, ich brauche keine Luft mehr.

Ich bin da!

In Duisburg

Es ist unfassbar, ich rede wirres Zeug, bekomme ein T-Shirt Ironman, bekomme zu trinken, meinen weißen Beutel.

2022 08 28 16.36.17klIm Auto wartet der Kuchen, im Gegensatz zu mir ist er noch unversehrt, weil Eisenmägen nicht immer alles vertragen. Die anderen Franks sind alle längst im Ziel.

Ich bin dankbar für einen Kaffee, ein trockenes Croissant und rede immer noch wirr, wir machen Fotos und Bambam fährt die Kuchen und mich wieder bis vor die Haustür, dafür muss der andere Frank, der noch dabei ist, dann noch 10 km nach Hause radeln. Manchmal ist es gut, wenn es keine Gleichberechtigung gibt.

Eine Freundin ruft an, gratuliert, wir reden bis mein Kreislauf in die Knie geht. Ich koche mir ein Süppchen, während die Glückwünsche auf meinem Smartphone hereinprasseln wie ein warmer Regen.

Duisburg ist das Ziel. Ich bin eine Eisenfrau, aber in Wirklichkeit ein wachsweicher Beutelpinguin mit 113 Tüten voller Freude.

 VIGLi, 28. August 2022

*Franks heißen meine Vereinskameraden, das ist in meinen Büchern ausreichend erklärt wieso das so ist

 

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