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Laufen kann Berge versetzen.

Zum Beispiel den Eiger nach Bremen. Anseilen mussten wir uns allerdings nicht, aber die kleine Gemeinschaft, die sich der Herausforderung Höhenmeter im Hohen Norden gestellt hat, war auch so verbunden. Ich hatte eigentlich herbstliche Laufpause und wollte gerade so langsam wieder in das Training einsteigen. Dass es dann ein bergiger Halbmarathon wurde, statt ein gemütlicher 5-Kilometerlauf, lag an meinem Liebsten, der für die Zeitmessung in Bremen gebucht war. Ich hätte mich also entweder bei Minus 5 Grad neben seine Uhr auf ein Stühlchen setzen können – oder eben laufen. Eine Strecke, die es in sich hatte , denn es ging eigentlich nur hoch und runter und rechts und links, über Laub und Wurzeln.2022 11 19 10.41.48kl

Morgens um 7 startete mein Zug von Bochum nach Bremen bzw Bremen Burg, von dort aus ging es spazierend zu Fuß knapp 4 km durch ein Landschaftsschutzgebiet. Möwen tauchten auf und zeigten an, dass das Wasser nicht mehr weit war und dann sah ich auch schon den ersten Läufer, der durch den Park kreiselte. Denn dieser Bremen Eiger ist so eine Art Karussell-Berg.

Wer die legendäre Strecke von 2857 Metern 16 Mal läuft hat etwas mehr als Marathon und 1200 Höhenmeter geschafft, wem das nicht genügt, der kann auch auf Ultra aufstocken. Wer es wie ich bei der halben Portion belässt, sammelt immerhin 600 Höhenmeter auf 22 Kilometern.

2022 11 19 15.27.15klKürzere Distanzen waren nicht im Angebot, weil das in der Vorstellungswelt des Veranstalters nicht vorkommt. Es soll schließlich nicht hektisch zugehen und zu viele Teilnehmer sind auch nicht zuträglich. Es ist einfach ein gemütliches Sonntagstreffen, jedenfalls wenn man Laufen entspannend findet.

So eine Karussell-Runde hat logistische Vorteile, weil bereits ein Verpflegungsposten genügt, um alle 2,8 km zu trinken und zu essen anzubieten, was ja schon sehr reichlich ist. Es gab auch einige Leckereien von Keksen bis zu Käsebrot und Gummibärchen, auch in veganer Variante.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass man jede Runde üben kann, denn sie wiederholt sich. Das stimmt allerdings schon wieder nicht so ganz, denn nicht nur der Sonnenstand wandelt sich im Verlauf des Tages. Da passierten auch ganz andere erstaunliche Dinge.

Zum Beispiel kamen wir am Rande des Parks an einem Haus vorbei, davor parkte ein Auto und daran machte sich ein Typ zu schaffen, vermutlich der Besitzer. 2022 11 19 13.40.44klJedes Mal, wenn ich dort um die Ecke bog, lag ein weiterer Reifen neben dem Motorvehikel und ich erwartete schon, dass er einen Hindernisparcours aufbauen wollte, damit wir zu den Wurzeln und Höhenmetern noch eine weitere Herausforderung zu bewältigen hätten. Möglicherweise hat er aber auch nur den Samstag genutzt, um die Winterreifen aufzuziehen. Nicht jeder rennt eben am Wochenende durch den Wald, manche machen auch sinnvolle Sachen. Ich glaube auch, er fand das eher seltsam, dass wir da immer wieder an ihm vorbeikamen als würden wir alle in Turnschuhen Karussell fahren.

Nach den Autoreifen kam ein Rastplatz, der wohl nur noch von Randalierern genutzt wurde, um Holzbänke umzudrehen und Pappbecher wegzuwerfen. Otto Normal-Bremer würde an diesem Ort eher nicht vorbeikommen und deswegen auch dort nicht pausieren, denn es war eigentlich eine Sackgasse. Es sei denn, man wollte die Bremer-Eiger Nordwand bezwingen. Über Holzstämme und durch Laub-Matsch dem Himmel entgegen.

2022 11 19 13.41.10KlippeBevor ich erfuhr, dass dieser senkrechte Laub-Laufpfad der Eiger ist, hatte ich ihn schon die Klippe getauft. Immerhin gab es oben kein Gipfelkreuz, sondern wir stürzten uns bergab in ein goldleuchtendes Meer aus Blättern.

Der Weg sah an dieser Stelle aus wie die schönste Fototapete, nur war es nicht virtuell, sondern ganz richtig in echt granatenschön. 2022 11 19 13.22.27kl

Es gab einen Anwohner, der seinen Garten direkt an der Fototapete hatte. Und er begann irgendwann die Blätter aus seinem Garten mit Schwung auf den Weg zu fegen. Er grüßte nie, dabei hätte man sich bei acht Begegnungen durchaus schon kennenlernen können. Nur möglicherweise interessierten ihn solche Menschen nicht, die immer durch seinen Gartentür-Laubhaufen stampften.

2022 11 19 15.43.00klSo ganz zum Plaudern war ich auch nicht immer aufgelegt, denn ich musste mich konzentrieren.

Es war schon auch ein anspruchsvolles Gehirnjogging, nicht nur wegen der vielen im Laub versteckten Wurzeln. Allein die Orientierung hat mich zunächst ziemlich in Atem gehalten. Es ging schließlich nicht darum irgendeinen Weg zu finden, sondern genau den richtigen.

Veranstalter Olaf rannte deshalb persönlich mit uns die erste Runde, um uns die Bedeutung von versteckten roten Punkten, Sägespänen und rot-weißen Flatterbändern zu erklären. Aber auch bei einem überschaubaren Halbmarathon-Teilnehmerfeld von zwei Handvoll Mensch, ist es natürlich nicht so einfach eine gemeinsame Geschwindigkeit zu finden. IMG 20221120 WA0006klDie einen wollten zügig los spurten, die anderen erst einmal analysieren wie sich Laufen in diesem Gelände anfühlte.

Mein Hauptziel war es, nicht zu stürzen.

So waren wir schon nach dem ersten Kilometer nur noch zu dritt und rätselten über die Fährte. Zum Glück kam dann immer Mal einer von den Marathonis vorbei, der schon einige Runden hinter sich hatte und uns den Weg weisen konnte. Ich merkte mir vor allem eine Stelle, an der wir schnurstracks vom Weg ins Dickicht abbiegen mussten, wobei die Markierung erst zu sehen war, wenn man schon den Abzweig gefunden hatte.

Aber die Tücke der Routenfindung lag im Detail, denn wir trafen natürlich immer wieder an unterschiedlichen Punkten aufeinander. Wer die Eiger-Klippe erreicht hatte, reihte sich erneut auf dem Klippenzugang ein und musste dann rechtzeitig in Richtung Fototapete abbiegen. Fast wäre ich deshalb mit Olaf zu einer zusätzlichen Eigerrunde abgezweigt. Doch die Bergkameraden hatten mich im Blick und so hörte ich den Rettungsruf „Hey, du machst gerade eine zusätzliche Klettertour“ und konnte mich wieder korrekt auf den Parcours einordnen.IMG 20221120 WA0003ziel

In der dritten Runde wollte ich gerade fasziniert einen Baumstamm fotografieren und wunderte mich schon, wie ich den bisher übersehen hatte, da ertönte erneut: „Willst du da wirklich lang?“

Ab Runde 4 hatte ich dann den Überblick. Ich kannte den Reifenroller, den Laubwedler, die 43 Stufen und das verrostete Einfahrt-verboten-Schild, das bis Runde 7 so klapperte, als würden dort Fans die Kastagnetten schwenken. Danach hatte das Publikum wohl das Interesse verloren oder der Wind war weg.

Dafür erwachte allmählich mein Interesse etwas mehr zu laufen, statt zu wandern, immerhin wusste ich ja in etwa, wo sich die Sturzgefahren befanden.

Ich steigerte meine Rundenzeit also von 24 auf 20 Minuten, flog im 5:30er Tempo den Klippenabhang bergab, überholte am Eiger und trabte die Wiese am Basislager bergab und bergauf, obwohl ich im Gegenlicht gar nicht sehen konnte, wohin ich trat. Aber über uns kreiselten auch immer wieder Kraniche und mental ließ ich mich von ihren Flügeln tragen.2022 11 19 15.03.49kl

Das interessante an Rundenläufen ist ja, dass meistens keiner die Kilometer zählt, sondern nur die Runden. Zwei Runden klingt schließlich viel weniger als knappe 6 km mit X Höhenmetern. So hatten wir es eben immer kurzweilig und als meine Beine meldeten, dass sie Muskelkater bekommen würden, war ich dann auch schon im Ziel. Es gab eine Medaille, einen Kuss von meinem Freund und dann sogar Duschen. Anschließend warteten wir noch auf die anderen Sportler. Eine besondere Ehrung wurde zweien zuteil, die gerade beide ihren 600. Marathon finishten. Sie nahmen ihre Urkunden erfreut entgegen und verabredeten sich zum nächsten Lauf.

Mit Kürbissuppe und gegenseitigem Beglückwünschen endete dann diese Bergtour richtig zünftig. Und weil Läufer alle zusammenhalten, konnte mein Partner seine riesige Zeitanzeige in ein anderes Auto packen und ich hatte Platz bei ihm mitzufahren. So wurde ich also an diesem besonderen Samstag gegen eine Uhr eingetauscht, die schöne Goldlaub-Eigerklippen-Zeit hatte ich schließlich auch so gespeichert.

VIGLi, 19.11.2022

 

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