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Als meine Mutter auf die 90 zuging, befanden wir drei Töchter, dass dieses stolze Alter einer ordentlichen Feier bedurfte, zumal ihre Kräfte sichtlich schwanden. Wir legten uns mächtig ins Zeug, um die ebenfalls betagte Verwandtschaft für eine gemeinsame Party heranreisen zu lassen. P1130156klCousins und Cousinen bepackten ihre Autos und es sah nach einer richtig großen Gesellschaft aus.

Ganz schön, dachte ich mir, aber das kann ja was werden, wahrscheinlich reden wir dann bei der Geburtstagstorte nur über Beerdigungen und Magenschmerzen. Unverhofft brachte mich ein Schwein auf andere Gedanken: In der Zeitung stand, dass es Senioren besuchte. Leider war es ein nordrheinwestfälisches Schwein und meine Mutter lebt in Bayern.

Aber meine Neugier war geweckt. Ich surfte durch alle Angebote mit tiergestützter Therapie, fand einen Ochsen und Delfine, die jedoch alle für Hausbesuche ungeeignet waren. Dann kam die Rettung in Form von Lamas. Wandern mit diesen beliebten Tieren ist unterdessen allenthalben im Angebot, im bayerischen Mangfalltal gibt es aber sogar einen Hof, der die Tiere auch für Fernsehauftritte oder eben Seniorengeburtstage vorbei bringt. Sofort war ich Feuer und Flamme und sagte meinen Schwestern, dass ich ein Lama eingeladen hätte.P1130220kl

„So, so, ein Lama“, meinten die zwei, die von ihrer tierlieben Schwester schon so einiges gewöhnt waren. Damit war das Thema erstmal erledigt. Je näher der Tag rückte, desto mehr Zweifel plagten mich. Ich sah mich bei Regen mit Lama im Garten stehen, während die Gäste sich drinnen am Kuchenbuffet labten und kein Interesse an dem Vierbeiner hatten. Immerhin wollte mir meine Cousine bei dem Tier Gesellschaft leisten.

Der Tag der Tage brach an, zumindest das Wetter spielte mit und schließlich fand sich die Gesellschaft zum Nachmittagskaffee ein, genoss zuvor noch die Sonne auf der Terrasse. Gerade sollte die Torte angeschnitten werden, da hielt der Anhänger vor dem Haus. Kameltreiber Konstantin stieg aus, holte den Vierbeiner aus dem Anhänger, drückte mir die Leine in die Hand, sagte: „Das ist Pablo, ich muss noch einparken.“, und weg war er wieder. Herzklopfend führte ich Pablo zur Terrasse, was gar nicht so einfach war, denn unterwegs fraß er an sämtlichen Büschen. Die Geburtstagsgesellschaft war verblüfft, meine Mutter sagte: „Na, gut, dann haben wir jetzt ein Lama, im Garten ist ja genug Platz.“ und Pablo betätigte sich weiter fleißig als Heckenschere. Mein Neffe entpuppte sich als idealer Lama-Führer und gemeinsam spazierten wir mit Pablo ums Haus, lernten dabei viele Nachbarn kennen und erfuhren, dass Lamas nur spucken, wenn sie Artgenossen treffen. Die Geburtstagsgäste redeten über die Anden, Trekking und ob Lamas von Thujen Bauchschmerzen bekommen. Auf dem obligatorischen Familienfoto fehlt Pablo leider, aber vergessen ist er trotzdem nicht. Im Flickenteppich der Erinnerungen hat er sich einen festen Platz erobert.Pablo2018

Als der 91. näher rückte, fragte ich meine Mutter, ob wir denn wieder die Verwandten einladen sollten.

„Ach weißt du, dazu habe ich nicht so viel Lust.“, meinte sie daraufhin. Ihre Schwerhörigkeit machte Gespräche oft etwas umständlich. So ganz ohne besondere Gäste schien mir so ein Tag doch etwas fad und ich fragte, wie es denn wäre, wenn wir diesmal statt des Lamas ein Kamel einladen würden, also ein richtiges Kamel mit zwei Höckern, denn die Lamas gehören ja auch zur Familie der Kamele.

„Naja“, meinte meine Mutter, „wenn ich nicht reiten muss, das wäre doch Mal etwas anderes.“

Konstantin hat auf seinem Hof, Lamas, Kamele, Esel und Schlangen, alle sind zahm und auch als Besuchstiere geeignet. So rief ich ihn erneut an und bestellte: „Zum 91. Geburtstag hätten wir gerne ein Kamel, ich möchte auch gerne reiten.“P1180097kl

Spontan entschied der Hofbesitzer, dass er nebst der ausgewachsenen Tamara auch ein Baby-Kamel mitbringen werde und meine Schwestern sagten, „So, so zwei Kamele.“Gewisse Zweifel nagten auch diesmal an meiner Begeisterung. Der Wetterbericht war schlecht, ich sagte den Nachbarskindern Bescheid, die alle etwas anderes vorhatten und so schwante mir, dass ich diesmal tatsächlich im Regen mit Kamel durch Krailling trotten würde, während meine Mutter lieber im Bett blieb. Außergewöhnlich schöne Ereignisse lassen sich schließlich schlecht wiederholen.

Immerhin erzählte ich zwei Freundinnen davon, die beide wenig fragten, sondern einfach sagten: „Ach, super, zwei Kamele, ich bin dann da!“ So wusste ich zumindest, dass ich nicht alleine im kalten Frühlingswind stehen würde. Wegen des Wetters und weil die Treppe unterdessen so ein großes Hindernis war, sollte meine Mutter diesmal vom Balkon aus zusehen, wo sie von meiner Schwester und der Haushaltshilfe betreut wurde, während ich mich um die Kamele kümmerte.

Es war 15 Uhr, es regnete nicht und pünktlich hielt der Anhänger vor dem Haus. In dem Moment, wo die zwei Tiere ausstiegen wusste ich, alles wird gut. Von überall tauchten Menschen auf, Kinder, Nachbarn. Sie standen auf den Balkons, winkten, staunten und kamen zum Striegeln. Konstantin erklärte etwas zu den Tieren, die sich bereitwillig streicheln, bürsten, füttern und betrachten ließen und dabei keinen Mucks taten, außer ein bisschen Brot zu kauen. Endlich hatte meine Mutter Mal einen interessanten Ausblick in diesem ruhigen Ortsteil! Es wurde gelacht und geredet und die Glückswünsche schallten vom Kamel zum Balkon. Da wir allerdings nun die Straße blockierten mit den zwei Kamelen und rund 20 Menschen, gab es für Autos kaum ein Durchkommen. Eigentlich ist diese Straße so wenig befahren, dass die Gegend eher wie ein Sanatorium auf mich wirkt, aber ausgerechnet zu dieser sonntäglichen Zeit verirrten sich diverse Fahrzeuge auf die Strecke.P1180098kl

„Das ist hier eine Verkehrsberuhigungsmaßnahme“, erklärte Konstantin mit ernstem Gesicht. Oder er fragte: „Haben sie Alkohol getrunken? Sehen sie etwa Kamele?“

Alle nahmen es mit Humor.

Unterdessen saß meine Mutter in Decken gewickelt auf dem Balkon und nahm ihre Geburtstagsanrufe entgegen.

„Alles Gute zum Geburtstag, wie geht es dir denn?“

„Ja, danke, ich sitze hier und beobachte die Kamele.“

„Kamele? Na, sag Mal. Meinst du ein Chamäleon?“

„Nein, die Kamele hier auf der Straße, das ist sehr schön.“

Vielleicht waren die Gratulanten anschließend verwirrt, meine Mutter war es nicht, denn sie hat schon immer gerne Tiere beobachtet. Und es ist doch viel interessanter wie ein Kamel seine weichen Füße auf die Straße setzt, als die Einzelheiten des letzten Rheumaschubs zu erläutern. In meinen Augen fehlen in dieser Hinsicht sowieso ein paar Kamele auf unseren Straßen.P1180148kl

Während wir die Tiere streichelten, erzählte der Kameltreiber über deren Lebensweise, dass sie natürlich auch in ihren Herkunftsländern Schnee kennen, in ihren Höckern kein Wasser ist und dass sie jeden Wüstensturm mit verschlossenen Nasenlöchern einfach geduldig überstehen.

„Sie fressen auch solche dornigen Sträucher!“ erklärte Konstantin neben dem kauenden Tier und meine Schwester sagte: „Das war eine Rose!“

„Die müssen doch sowieso zurückgeschnitten werden“, ergänzte einer unserer Spontanbesucher und ich dachte, was wir doch für tolle Nachbarn haben. Als Entschädigung wurden die Rosensträucher mit Kameldung gestärkt.P1180126kl

Ein persönlicher Höhepunkt war für mich der Moment, als ich auf dem Kamelrücken sitzen durfte. So oft hatte ich schon gelesen, dass es beim Kamelreiten so schaukelt, dass mancher seekrank würde. Aber wie so oft ist die eigene Erfahrung ganz anders als das Gehörte. Die Welt sah von hoch oben ganz verwandelt aus, der Sitz war warm und weich, so schwebte ich über den Dingen und hätte gerne auf ewig den Vierbeiner als Fortbewegungsmittel engagiert. Im Gegensatz zum Fahrradsattel ist das doch ein deutlich gemütlicherer Platz.

Anschließend durften auch alle Kinder reiten, die Eltern fotografierten und ein Vater sagte immerzu: „Nein, ist das schön, ist das schön, herzliche Grüße an ihre Mutter.“

Wir lebten also gerade glücklich in unserer Kamelweltblase, als ein Kind angerannt kam, da wäre ein Autofahrer, der sei sehr böse. In diesem Moment konnten wir die Straße gerade nicht räumen, weil die Kamelmädchen Brot bekommen hatten, dass sie gerade genüsslich vom Asphalt klaubten. Wenn eine 300 kg Kameldame ihren Platz nicht verlassen will, kann sie das auch durchsetzen

Konstantin nahm es wie immer mit Humor, ging zu dem Fahrer und sagte: „Wissen sie, das ist wegen der Klimaerwärmung, mit der Flüchtlingskrise fing es an und nun sind schon die Kamele da.“ Der Fahrer zuckte mit keiner Wimper.

Also machte Konstantin einen neuen Anlauf: „Das ist hier versteckte Kamera, wir sind von „Verstehen sie Spaß?“.“

Der Autofahrer verstand jedoch keinen Spaß, sondern meinte kühl, er hätte Fotos gemacht und werde sich erkundigen, was es damit auf sich hätte. Aber wer soll ihm das schon glauben, Fotos sind doch heute alle künstlich montiert. Wenn die Polizei allerdings gleich vorbeigekommen wäre, dann hätten sie noch Kamelhaar sicherstellen können, das nun über die Straße segelte wie kleine seidige Blütenblätter. „Die verwenden Vögel gerne zum Nestbau“, wusste Konstantin und somit gab es also noch mehr Lebewesen, die sich über den Besuch der Kameldamen freuten. Spätestens morgen sind dann alle Spuren verwischt – außer in unser aller Erinnerung!

VIGLi, Krailling, 14. April 2019

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