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2. Lauftreff international – eine Zwischenbilanz

Nach fast zehn Monaten ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Wir sind gelaufen und wir waren international: Teilnehmer aus Ghana, Albanien, Syrien, Eritrea, Krumbach, Berlin und Bochum trafen sich ganz selbstverständlich an der Wohlfahrtstraße. Das Camp als Ort der Begegnung. Wir Läufer fanden schnell eine gemeinsame Sprache. Ein paar Mal habe ich alles abwechselnd in Englisch und Deutsch erzählt, ehe ich festgestellt habe, dass das niemand braucht. refugeefirstrun

„Pünktlich ist wichtig und ich bin deutsch“ war für viele Camp-Bewohner schnell der Wahlspruch. Die Deutschen waren allerdings nicht immer pünktlich J Da ich dann bald die Trasse als Standardstrecke festgelegt hatte, konnten uns Nachzügler aber immer auch entgegen laufen. Das fanden manche prima, andere langweilig. Wer Entscheidungen trifft, gewinnt die eine Hälfte und verliert die andere…. Mit zwei Jungs aus Eritrea habe ich einige Male Sightseeing betrieben. Dabei lernte ich auch: Die Wohlfahrtstraße und unser Trassenweg sind ein Stück Heimat geworden, die sie nicht unbedingt gerne verlassen. Mittlerweile gibt es einen jungen Mann aus Eritrea, der bereits eine eigene Wohnung in Gerthe bezogen hat, aber dienstags per Straßenbahn zum Lauftreff in die Wohlfahrtstraße kommt: „Weil dort Freunde sind und wir gemeinsame Dinge tun. In meinem Haus sprechen wir eigentlich nicht viel zusammen.“ Klingt so, als wäre ein bisschen Wohlfahrtstraße eine Wohltat für manchen anderen Bezirk.

Im Laufe der Zeit sind ungefähr 15 Flüchtlinge mitgelaufen und ebenso viele Deutsche. Leider kamen nie alle gleichzeitig, so dass ich bei den etwa 40 Lauftreff-Terminen jeweils nur ein bis sechs Leute dabei hatte. Manchmal nur Deutsche, manchmal nur Flüchtlinge – die gewünschte Mischung stellte sich nicht immer ein. Ich rannte keuchend mit jungen Schwarzen im Wettkampftempo, um sie für den Sport zu begeistern und versuchte kontaktfreudige Deutsche bei Laune zu halten, die gerne ihr Englisch anwenden wollten, obwohl die Flüchtlinge nur Deutsch verstanden oder gerade nicht da waren. Es gab immer wieder enttäuschte Gesichter, wenn nicht das ganze Camp zum Lauftreff erschien, die wenigsten hatten einen realistischen Blick für die Relationen. Ich habe da zum Beispiel meinen Arbeitsplatz vor Augen: Da gibt es ungefähr 150 Mitarbeiter und wenn ich nach Läufern Ausschau halte, sind das vielleicht fünf – also keine 5 %! Ich nehme an, wenn unser ganzer Betrieb nach Syrien fliehen müsste, würde sich dieser Prozentsatz nicht unbedingt verdoppeln ;-) . Wir haben also unter den Camp-Bewohnern genauso wie bei Alt-Eingesessenen aus Bochum solche, die sich für das Laufen interessieren und solche, die es nicht tun. Tesfalemrunning

Gerne hätte ich auch alle Laufinteressierten aus den umliegenden Camps zum Treffpunkt versammelt, habe mich sehr bemüht, die Information zu streuen, mit Plakaten, über Facebook, mit Kontakt zu weiteren Ehrenamtlichen, mit Nachfrage beim internationalen Speed-talking.

„Gibt es bei denn bei dem Lauftreff auch Deutsche?“, fragte mich dort ein junger Syrer. Natürlich, dämmerte es mir, die Flüchtlinge haben weder Sport auf der Prioritätenliste noch wollen sie sich unbedingt von Camp zu Camp verbünden. Die Syrer wollen nicht unbedingt Albaner kennen lernen, sondern Deutsche und mitten hinein in unsere Gesellschaft. Manche haben den Lauftreff entsprechend genutzt, sind so lange mitgelaufen bis sie weitere Kontakte, einen Deutschkurs oder eine Wohnung hatten. Die meisten, die ich kennen gelernt habe, sind Anfang 20. Da probiert man auch gerne Dinge aus und lässt es wieder sein. Deswegen hat dieser internationale Lauftreff nie stabile Teilnehmerzahlen seitens der Flüchtlinge, weil es für sie nur eine Phase ist und sie eben üblicherweise weder abnehmen wollen, noch vom Marathon träumen – und nicht weil sie unpünktlich und lethargisch wären, wie ihnen mancher gelegentlich unterstellt.2016 05 08 11.42.32kl

Die Deutschen sind natürlich nicht weggezogen oder in Deutschkurse abgewandert, aber ihnen war es mitunter zu nass, zu dunkel, zu kalt, zu heiß oder zu regelmäßig.

Immerhin, einige Gesichter tauchten immer wieder auf, ob schwarz oder weiß. „Es ist toll, dass es das Angebot gibt“, sagten mir unabhängig voneinander Leute aus Eritrea und Deutschland.

Für mich ist der Dienstagstermin jedenfalls in Fleisch und Blut übergegangen und die zwei Mal, die ich gefehlt habe, hatte ich eine Vertretung organisiert. Laufen macht einfach Spaß und zusammen noch mehr. Es ist auch viel leichter als Bogen schießen oder Skispringen, weil man einfach nur einen Fuß vor den anderen setzen muss. Trotzdem habe ich potentiellen deutschen Teilnehmern, unzählige Fragen beantworten müssen. Sie wollten wissen, wo genau wir uns treffen, welche Strecke wir laufen, wie lange, welches Tempo, ob wir Schuhe verteilen, welche Sprache wir sprechen, ob es auch bei Regen stattfindet und wie viele wir sind. Wenn ich denke, dass die Camp-Bewohner immer einfach mitgekommen sind, ohne zu wissen, was auf sie zukommt, dann wird mir da erst im Nachhinein klar: Wow, ganz schön mutig! Lauftreffalle

Einen Lauftreff aufzubauen ist in jedem Fall nicht einfach, egal ob er an der Wohlfahrtstraße beginnt oder am Schauspielhaus, die Teilnehmer schwarz, weiß oder gelb sind. Treffen sich fünf Leute, gibt es fünf verschiedene Vorstellungen wie schnell oder langsam und wo wir rennen sollen. Zum Glück waren wir gleich zu Anfang drei Organisatoren in der Wohlfahrtstraße, leider sind wir über die zehn Monate nicht mehr geworden, kam jemand dazu, fiel ein anderer aus.

Während unsere Laufgruppe wuchs und wieder zerfiel und wieder wuchs, entstand parallel außerdem eine Walkinggruppe und ich vergesse nie das glänzende Gesicht der jungen Frau, die nach ihrem ersten Ausgang rief: „Ihr macht uns glücklich, das machen wir jetzt jeden Tag!“

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Die eigentliche Überraschung unseres Lauftreffs ist allerdings die nie geplante Kindergruppe. Die Kleinen sahen: Jede Woche brechen ein paar Erwachsene zum Laufen auf und kommen lachend wieder. Das muss toll sein! „Darf ich mit? Ich bin auch schon groß!“, bettelten sie.

Also wagte sich schließlich die kinderliebe Gabi mit den Youngsters auf Tour, sie rannten zum Spielplatz und wanderten zurück und nach Möglichkeit begrüßten wir schnellen Läufer die Kids mit Applaus bei ihrer Rückkehr – oder fingen die Ausreißer ein. Die Begeisterung der Kids ist dabei unglaublich mitreißend und wenn ich im Camp um die Ecke biege, fliegt mir regelhaft eine Schar Kinder in die Arme und ruft „Laufen??!!“

Es gibt wenige Momente im Leben, die schöner sind.

Aber jetzt werde ich drei Monate fort sein, und musste betrübt feststellen, dass sich niemand findet, um die regelmäßigen Lauftreff-Termine aufrecht zu erhalten.

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Nun, Trübsal blasen ist nicht mein Ding, also habe ich gerade die Laufschuhe angezogen und bin eine Runde gerannt. Auf dem Rückweg über die Trasse traf ich meinen Laufpartner aus Eritrea und ein paar Sportler aus meinem Verein. Wir standen zusammen und plauderten über Deutschunterricht, das nächste Lauftraining und unseren Kontakt via Facebook.

„Bis Dienstag!“, riefen wir zum Schluss und ich bin froh, weil ein bisschen Dienstag irgendwie überall ist - solange wir laufen und miteinander reden.

VIGLi, 9. Juni 2016

 

 

 

 

 

 

1. Lauftreff international – ein Erfahrungsbericht

Laufen verbindet - das erzählen und erleben Läufer immer wieder, überall auf der Welt.

Ob New York Marathon oder Spendenlauf, ob Wettkampf oder Training, selten ist es so leicht, in Kontakt zu kommen und gemeinsam im wahrsten Sinne des Wortes, etwas auf die Beine zu stellen.

Es ist deswegen völlig naheliegend, nicht nur als Mensch sondern auch als Läufer auf die Flüchtlingskrise zu reagieren.2015 01 25 14.00kl

"Run for refugee" tauchte schon bald hier und da als Titel für eine läuferische Spendenaktion auf. Aber wichtiger als das Sammeln von Spenden, erschien mir der direkte Kontakt zu unseren neuen Nachbarn. Es war für mich deshalb naheliegend, die Neuankömmlinge zum Lauftreff unseres Vereins einzuladen. Um das zu kommunizieren, brauchte ich ein passendes Schlagwort.

„Run with refugee“ oder „Flüchtlingslauftreff“ widerstrebte mir, denn wer da kommt, ist zwar geflohen vor unmenschlichen Lebensbedingungen, aber er ist in Deutschland nicht immer nur der Flüchtling sondern in erster Linie ein Angekommener. Egal, ob er eine Woche bleibt, drei Jahre oder ein Leben. Schnell war deshalb die Idee des Internationalen Lauftreffs geboren, wobei auch dieser Titel irgendwie seltsam ist.

Natürlich ist der Lauftreff meines Vereins nicht un-international. Wer zu unseren Treffpunkten kommt, darf schwarz, gelb oder lila sein - solange das gemeinsame Interesse am Laufen besteht, ist er willkommen. Immerhin, vielleicht ist es an der Zeit, das auch deutlich auszusprechen. Ja, wir bewundern nicht nur afrikanische Spitzensportler sondern wir Jedermänner und – frauen trainieren auch mit Jedermann und Jederfrau von allüberall.2015 12 27 11.06.41kl

Wer einen Lauftreff tatsächlich in eine Gemeinschaftsaktion von Alteingesessenen und Neuankömmlingen verwandeln will, muss sich allerdings erst einmal bewusst machen, dass die Zugezogenen zunächst andere Sorgen haben, als zu Lauftreffs zu gehen. Sie sind mitunter zwei Jahre über das Meer, durch die Wüste, mit Hunger und Angst unterwegs gewesen und jetzt ziemlich froh, einfach ein Dach über dem Kopf zu haben, genug zu essen und keinen Bombenalarm.

Zudem ist die Frage, wie die Neuankömmlinge zu informieren sind. Flüchtlingsunterkünfte sind oft nicht mit WLAN und Computerausgestattet und selbst wenn, welcher Syrer würde als erstes „Lauftreff“ googeln? Wenn er das täte, würde er ein paar Informationen in Deutsch finden, die er dann verstehen müsste. Das ist manchmal nicht einmal für Deutsche leicht. Da steht zum Beispiel: Wir treffen uns an der Schwerter Straße im Aplerbecker Wald oder am Parkplatz im Weitmarer Holz. Ich stelle mir vor, wenn ich neu in Marokko angekommen wäre und ich fände irgendwo einen Hinweis, dienstags abends träfe man sich am Beduinenzelt zum Laufen.

Ich würde nicht hingehen.

Nicht Mal dann, wenn das in Hamburg oder München wäre, ich würde immer erst vorher Kontakt aufnehmen, anfragen, ob die Information aktuell ist.

Es ist also notwendig, dass wir einheimischen Läufer auf die Flüchtlinge zugehen, dass wir Brücken bauen zwischen Neuankömmlingen und Ureinwohnern. Wir müssen zeigen, dass wir unser Hobby wirklich mit weiteren Interessierten teilen wollen. refugeefirstrun

In meinem Bekanntenkreis habe ich zum Glück niemanden, der irgendwelche Bedenken hat, Neuankömmlinge in die Laufgruppe aufzunehmen, egal welcher Nationalität.

Das ist schön. Aber es ist zu wenig.

Die Neuen brauchen Hilfestellungen und zwar weniger, weil sie aus einer anderen Kultur kommen sondern vor allem, weil sie erst ganz allmählich lernen müssen vom „Überleben“ zum „Leben“ zu wechseln und zu entscheiden, was dabei förderlich ist. Wer gerade seine erste Jeans besitzt und sich endlich satt gegessen hat, ist nicht scharf darauf, sich beim Laufen auszupowern. Wer aber notgedrungen über Wochen in einem Camp fest sitzt, ohne zu wissen, wie sein Leben weiter geht, wird vielleicht dankbar  für eine Abwechslung sein. Und zeigen wollen, was in ihm steckt. Das war ohnehin mein erster Gedanke, dass gerade die vielen jungen Männer, die die Flucht geschafft haben, darauf brennen zu zeigen, dass sie etwas können, auch wenn es mit der Sprache noch etwas dauert.

Als ich gemeinsam mit einer Bekannten auf die Idee verfiel, unsere Nachbarn in der Wohlfahrtstraße zum Lauftreff einzuladen, hatte ich zuerst noch die Vorstellung, ich könnte ihnen einfach mitteilen, sie mögen sich unserer Montagsgruppe im Wiesental anschließen. Aber wie sollte ich ihnen den Treffpunkt erklären, wie sollte ich deutlich machen, dass wir uns nicht immer dort treffen sondern die Details über Facebook klären? In welche Sprache sollte ich überhaupt übersetzen, albanisch, arabisch, syrisch? Englisch konnte nicht bei jedem vorausgesetzt werden. Zum Glück gibt es in meiner Nachbarstraße schon länger ein sehr stabiles Netzwerk Ehrenamtlicher, das wirklich Gold wert ist. Wer mit neuen Ideen kommt, wird gerne aufgenommen und gemeinsam wird nach Lösungen gesucht. So wurde uns schnell klar, dass es am besten ist, ein Bild zu malen. Die Bildsprache ist tatsächlich international.

running international tuesday

Außerdem wählten wir als Treffpunkt den Hof des Flüchtlingsheims. Das ersparte die Wegbeschreibung und hatte noch ein weiteres Ziel: Das Camp wurde an dieser Stelle genau wie beim gemeinsamen Musizieren oder Café trinken zur Begegnungsstätte. Nicht: hier Deutsche/ dort Flüchtlinge - sondern wir Läufer gemeinsam am Start.

Als nächstes stand die Kleiderfrage an, denn unsere neuen Nachbarn sind keine von Sponsoren geförderten Sportler aus Afrika sondern Familien oder junge Männer, die auf wenigen Quadratmetern zusammen leben und unter der Bettdecke ihr erstes Deutschbuch wie einen Augapfel hüten - dass sie als Schuhwerk nur Flipflops besitzen, scheint ihnen zunächst nebensächlich.

Also haben wir erst einmal Schuhe und Shirts bei den Laufkollegen gesammelt. Das ging rasend schnell, denn wir leben hier in so einer wohl situierten Welt, wo jeder seine Schuhe aussortieren darf, wenn sie nicht mehr voll gedämpft sind. Ein bisschen schwierig war es mit den Schuhgrößen, weil die meisten meiner Freunde auf großem Fuße leben, während unsere neuen Mitbürger alle eher zierlich zu sein scheinen. Trotzdem war die Begeisterung über die Spenden groß. Nicht alle, die dann ein Paar Turnschuhe ergatterten, erschienen am nächsten Tag auch zum Lauftreff. Manche waren einfach froh, nicht mehr in Flipflops zu gehen und ich finde, das ist in Ordnung. Zum ersten Termin waren wir jedenfalls sofort etwa 15 Leute, eine bunte Gruppe aller Nationalitäten.

Mein Ziel war es vor allem, die schnelleren Läufer für den Sport zu begeistern. Ich zielte nicht darauf ab, dass Gespräche im Vordergrund standen, die für viele doch zunächst schwierig sind. Neben den Sprachbarrieren ist auch immer die Frage, was man sich erzählen möchte, solange man sich noch gar nicht kennt. Laufen ist eine eigene Sprache, die wir nutzen können. Das ist wie Musik, wir können gemeinsam eine Strecke bewältigen, schweigend nebeneinander her traben, uns mit kleinen Spurts herausfordern, lachen und dann ist die Welt für eine Stunde gut.

Meine Mitstreiterinnen konzentrierten sich dagegen darauf, die langsameren unter ihre Obhut zunehmen. Auch da zeigte sich: Es ist in jedem Fall phantastisch, wenn man nicht alleine ist, um einen Lauftreff aufzubauen. Geschwindigkeit ist relativ und weil ich nicht auf syrisch oder albanisch erklären konnte, was ein Tempo von 5 Minuten pro Kilometer bedeutet oder was mit „Walking“ gemeint ist, deswegen sind wir einfach losgelaufen.

Wir haben mit der Zeit ganz unterschiedliche Mitstreiter gefunden. Deutsche, die gelegentlich und gerne vorbei kommen. Flüchtlinge, die gelegentlich und staunend vorbei kommen. Deutsche, die irritiert sind, wenn wir erst Schuhe verteilen müssen, bevor es los geht. Albanische Frauen, die jubelnd eine Runde walken, weil sie wegen der kleinen Kinder bis dahin wochenlang keine Chance hatten, ihre Container zu verlassen.  Afrikaner, die uns zu kleinen Sprints herausfordern und von einem Ohr zum anderen grinsten, wenn endlich einmal jemand zu ihnen sagt „Ey boy, you are so strong“!running tuesday meeting point

Mich begleitete bald ein junger Afrikaner regelmäßig, der am Anfang skeptisch war, ob ich als Frau ein geeigneter Trainingspartner sei. Was sollte ich ihm erklären? Wir sind eben zusammen gerannt, haben uns Wettrennen geliefert und am Schluss „see you next week“ gesagt. Und irgendwann fing er an zu erzählen, von der Flucht, der Familie und dass er Deutschunterricht braucht. Ich habe mich darin versucht, aber ihm dann lieber anderweitig Hilfe organisiert. Auch da war wieder das Netzwerk im Hintergrund. Irgendjemand weiß immer irgendjemanden, der jemanden kennt… Wir hatten auch einen Syrer am Lauftreff, der sich eigentlich nicht so für das Laufen interessierte, aber die Chance erkannte und fortan dafür kämpfte in der langsamsten Gruppe mitzutraben und dabei seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Er wohnt unterdessen sogar in einer eigenen Wohnung.

Wir haben die Kinder, die es den Großen unbedingt gleicht tun wollen und nun auch zum Treffpunkt erscheinen.

Gerade über den Winter war es schwierig, manchmal war ich mit einem jungen Talent allein und rannte mir die Lunge aus dem Hals damit der neue Athlet Spaß hatte, manchmal waren mehrere Deutsche da und wunderten sich, wieso keiner aus dem Camp am Start war. Da kommt dann oft der Hinweis, dass die Menschen aus anderen Kulturen, es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nehmen würden. Das ist aber nur ein sehr sehr kleiner Teil der Wahrheit. Man muss auch sehen, dass viele Ehrenamtliche nur abends Zeit haben und solange es mit PC und Smartphone noch nicht klappt, erfolgt der Kontakt ziemlich spontan. Wenn dann gerade ein Deutschlehrer da ist, oder jemand, der beim Umzug in eine Wohnung hilft oder jemand, der bei den Formularen unterstützt, dann ist das manchmal eben wichtiger, als zu laufen.
Aber ich habe gelernt, was es für manche bedeutet, dass ich jede Woche dort bin. Dass ich frage, ob die Jungs mitkommen und es akzeptiere, wenn sie nicht wollen. Und trotzdem die Woche darauf wieder da bin. Vertrauen ist nichts, was sich anschalten lässt, es muss wachsen. Wer wüsste das besser, als wir Läufer? Wie unvergesslich sind die Kameraden, die mich auf schweren Wegen begleitet haben, die mit mir für ein Ziel gekämpft haben? Unersetzlich.

Wer einen Lauftreff mit Flüchtlingen ins Leben ruft, muss nicht denken, dass sofort 100% der Bewohner jubelnd am Start stehen und anderntags als Favorit im Verein starten. Es ist ein Angebot und wie immer wird das für manche passen, für andere nicht. Wer bereit ist, ein Stück Weg auf diese Weise gemeinsam zu gehen, wird viele glückliche Augenblicke ernten, das kann ich aus der Erfahrung heraus mit voller Überzeugung sagen. Eine Laufstrecke zu zeigen, bei der Orientierung zu helfen, das kann beflügeln. Viele sind nicht nur neu in Deutschland, sie sind mit Anfang 20 auch noch ziemlich neu auf der Welt überhaupt, da tut ein bisschen Orientierung gut.

Ich möchte jeden meiner Laufkollegen ermutigen, auch im eigenen Ort, einen Lauftreff mit Neuankömmlingen zu gründen. Oder bei uns vorbei zu kommen. Wohlfahrtstraße 1-5, Bochum, dienstags 18 Uhr.TRasseHerbst

Unser Hobby ist noch nie so wichtig gewesen wie heute. Tragt es weiter, ändert euren Trainingsplan ein klein wenig, lauft einen Umweg zum nächsten Camp, um Interessierte abzuholen, verschiebt euer ganz persönliches Ziel einen Hauch, um Raum für neue Begegnungen zu schaffen. Die wenigsten können stundenlang in einem Camp Kontakte pflegen, aber so viel Zeit ist gar nicht notwendig. Nur ein bisschen Mut, ein wenig die Bereitschaft, auf jemanden zu warten, dem gerade der Schuh auseinander fällt oder der Bauchschmerzen bekommt, weil er direkt vor dem Lauf einen Liter Milch getrunken hat. Weil er Hunger hatte.Und noch nicht darauf vertraut hat, dass du wieder kommst, wirklich mit ihm laufen willst, obwohl er vielleicht nicht mit dir spricht.


Wir machen das mit dem internationalen Lauftreff jetzt seit einem halben Jahr, wir fangen immer wieder von vorne an, weil die Bewohner des Camps wegziehen, weil Neue kommen, weil passende Schuhe fehlen. Aber wenn ich zum Camp komme, grüßt mich jeder und fragt „Heute laufen?“

TrasseBruecke

Und nachdem mein erster afrikanischer Trainingskamerad etwas Deutsch gelernt hatte und sein Smartphone endlich funktionierte, da antwortete er auf meine Nachricht „Heute Abend bin ich da. Es ist Lauftreff“ ganz spontan „Glück kommt zu Bochum Wohlfahrtstraße!“

Dabei habe ich nichts getan, als ein bisschen zu laufen…

In diesem Sinne: Schnürt eure Schuhe, geht auf die Nachbarn zu und bringt ein bisschen Glück in die Welt. Wir haben der Krise anderes entgegen zu setzen, als Bürgerwehren und Schusswaffen.

Nur Mut!

VIGLi, Februar 2016

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