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Es gibt Tage, die die Welt verändern.

 
Ein Weltrekord könnte ich jetzt schreiben, etwas, das noch nicht da gewesen ist und damit eine neue Dimension eröffnet. Aber eigentlich meine ich etwas ganz anderes. Morgens aufzuwachen und sich zu sagen: Ich bin nicht allein mit meinen Höhen und Tiefen, meinen Wünschen nach Frieden, Liebe und Gemeinschaft. Das ist es. Es gibt jede Menge Mitstreiter in der Welt, die sich für diese Hoffnung die Füße wund laufen und einen kleinen Teil davon hatte ich einen Tag lang um mich.
 
Wie das kam? Christian Hottas lief seinen 2000. Marathon und das wollte er feiern. Zu Fuß natürlich, denn jeder Lauf ist ein Geschenk, sagt er. Was ist also das größte Geschenk zum Jubiläum? Mit ihm zu laufen natürlich.

Christian verhandelte mit den Organisatoren des Hannover Marathons, ergatterte Freistarts und Rabatte und entwarf zusätzlich ein T-Shirt für alle, die dabei sein wollten: Eskorte 2000 steht auf dem goldgelben Shirt, das nun selten in meinem Schrank liegt, weil ich es andauernd anhabe. Es ist ein Hemd, das durchwärmt ist von Mitgefühl, leuchtend von Freundschaft und schöner Erinnerung.

Das ist verrückt, sagen jetzt bestimmt viele, wenn sie sich klar gemacht haben, was es bedeutet 2000 Marathons gelaufen zu sein. Das ist weiter als zwei Mal um die Welt und bedeutet wöchentlich mehr als einmal die Distanz von 42,195 Kilometern unter die Fußsohlen zu nehmen. Dabei gibt es doch Autos, Züge und Flugzeuge, die uns angeblich überall hinbringen. Zumindest unseren Körper, die Seele ist meistens langsamer unterwegs.

Wenn jemand Briefmarken sammelt, finden das manche ein bisschen langweilig glaube ich, aber ich habe noch nie gehört, dass jemand spontan sagt: Na, das ist verrückt, der ist doch Briefmarken-süchtig.

Beim Laufen dagegen kommt das immer sehr schnell: Wenn Du so viel läufst, ist das doch nicht normal, das ist doch süchtig.
 
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Sehr oft wurde mir das schon gesagt und Christian bestimmt noch häufiger. Normal ist laufen oder gar Marathon und mehr leider tatsächlich nicht: Der Durchschnittsbürger verbringt nicht nur acht Stunden täglich mit seiner Arbeit, die oft genug am Schreibtisch stattfindet sondern auch noch zwei bis vier Stunden täglich im Fernsehsessel. Aber ob dieser Normalbürger glücklich ist? Ich habe da so meine Zweifel, denn die Fähigkeit zum Durchschnitt zu gehören, macht einen Tag vielleicht unauffällig, aber nicht unbedingt gut.

Der Mensch ist Jäger und Sammler seit grauer Vorzeit. Früher wurden Kräuter gesammelt und Tiere gejagt, um sie zu essen. Aber ich bin zu der Ansicht gekommen, dass es noch größere Ziele gibt, als einen vollen Magen. Deswegen sammle ich zum Beispiel Stofftiere und beim Bergsteigen die Gipfel. Als Kind habe ich auch Bahnhöfe gesammelt, die ich schon einmal besucht habe, aber da ist mir die Listenführung irgendwann abhanden gekommen. Nicht jeder ist da so diszipliniert wie Christian Hottas.

Sammeln macht schlichtweg Spaß und eine Kilometerkollektion anzulegen ist eigentlich viel klüger als ein Stofftier-Ensemble, das nimmt nicht so viel Platz weg. Außerdem muss ich die Kilometer weder abstauben noch reparieren und ich kann sie nicht verlieren. Gelaufen ist gelaufen und abgesehen von den Füßen erinnern sich hoffentlich auch die Gehirnzellen an ein paar hübsche Erlebnisse über die es sich vortrefflich schwatzen lässt, wenn ich gerade nicht laufe oder auch währenddessen.

So sieht das wohl auch Christian Hottas, der Marathonsammler. Mit dem Hobby ist er nicht allein, es gibt schließlich einige 100-Marathon-Clubs, da hat überhaupt nur Zutritt wer schon den dreistelligen Bereich in seinem 42,195 km-Album erreicht hat. Christian hat jedenfalls genügend Medaillen vorzuweisen, um auch schon einen 1000-Marathon-Club zu gründen. Egal ob weltweit unterwegs oder bei ihm vor der Haustür auf den mittlerweile legendären Teichwiesen. Laufen ist für ihn Lebensqualität und unterdessen auch Routine. Ist jemand süchtig, nur weil er drei Mal die Woche seinem Hobby frönt?

Sucht ist ein ernstes Thema  in unserer Gesellschaft, ich möchte das gar nicht unter den Tisch kehren. Aber es ist auch nicht gesund, inflationär mit diesem Begriff umzugehen. Nicht jeder, der viel arbeitet, viel isst oder viel läuft, muss als krank angesehen werden.  Menschen und ihre Interessen sind einfach sehr verschieden und ich für meinen Teil kann jemanden, der zahlreiche Laufkilometer aneinander reiht leichter verstehen, als jemanden, der Briefmarken in ein Album klebt oder Golfbälle bearbeitet. Aber verkehrt ist sicher alles nicht. Vielmehr gehört die Fähigkeit dazu, sich einer Sache so sehr hinzugeben, dass ein paar andere Möglichkeiten dafür auf der Strecke bleiben. Aber die Kunst des Weglassens ist sowieso schon die halbe Miete für ein zufriedenes Leben.

Den  Namen Christian Hottas hörte ich vor langer Zeit vom Steppenhahn das erste Mal. Der Hottas, das war irgendwie so eine Kultfigur, auch damals sammelte er schon Marathons, da war ich noch gar keinen gelaufen. Wie das immer so ist, wenn einem ein Hobby fremd ist, konnte ich mir zunächst nicht so richtig merken, wieso alle Läufer den Christian Hottas kannten. Unterdessen habe ich mir seine Wettkampfliste angesehen und ich muss sagen, er hat nicht nur viele, schöne und bewegende Läufe, er hat auch einige Bestzeiten, die sich sehen lassen können. Zum Beispiel Marathon mit etwas unter drei Stunden, das sind Regionen, die werde ich in diesem Leben nicht mehr erreichen. Oder 100 km in weniger als neun Stunden. Hut ab. Mit diesen Zeiten ist er allerdings niemals in Rekordregionen vorgedrungen. Schnelligkeit misst sich heute sowieso an den langbeinigen Kenianern, die allen Deutschen davon laufen.

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Christians Spezialität ist die Ausdauer. Es ist ihm nie langweilig geworden, nach einem Marathon zum nächsten zu starten und dann wieder zum nächsten. Warum auch, Langeweile ist keine Frage dessen, was wir tun sondern wie wir es tun. Gerade das Laufen bietet eine Fülle an Möglichkeiten. Wir können verschiedene Landschaften ergründen, das eigene Tempo ausloten, Bestzeiten pulverisieren, gemächlich traben, vor uns hin träumen, nachdenken oder uns unterhalten. Und vielleicht können wir uns auch einmal langweilen, auf langen staubigen Asphaltkilometern und dabei Platz schaffen für neue kreative Ideen.

Als ich Christian das erste Mal traf, quatschte er mich von hinten an während ich beim Küstenmarathon in Otterndorf auf der Deichkante unterwegs war. Zu dem Zeitpunkt lief er etwas mühsam und sah nicht sehr gesund aus. Erst später erfuhr ich, dass er da gerade erst den schlimmsten Verlust seines Lebens erlitten hatte: Seine Partnerin Barbara war an Krebs gestorben. Mit ihr hatte er gelebt, mit ihr war er gelaufen. Er musste erst viele Schritte tun, um mit dem Abschiedsschmerz weiterleben zu können. Aber gerade weil er das getan hat, weil er selbst nicht stehen geblieben ist, als die Welt um ihn sich scheinbar nicht mehr drehte, hat er den Kern des Langstreckenlaufs gelebt: Krisen gehören dazu, sie bringen dich an deine Grenzen und es gibt viele Augenblicke, die sind schmerzhaft und gar nicht schön. Aber wenn du weiter läufst, Tag und Nacht beobachtest und deinen Freunden Bescheid sagst, dann werden dich deine Füße zu neuen Ufern tragen. Wenn dir die Füße weh tun oder die Seele, dann wäre es unsinnig zu glauben, das wäre nach doppelt so vielen Kilometern doppelt so schlimm. Eher ist es wie eine Welle nach der anderen auf der wir unser Lebensschiff navigieren.

Es wächst auch in vielen Jahren kein Gras über den Verlust eines lieben Menschen, da bin ich mir sicher. Im Gegenteil, es ist unsere beständige Aufgabe, die Erinnerungen an diejenigen wach zu halten, die uns wichtig waren. Aber wir lernen im Laufe der Zeit, mit unseren Wunden zu leben und ihnen zum Trotz ein gutes Leben zu führen.

Christian Hottas lief auch nach dem Unglück einen Schritt nach dem anderen, füllte weiter sein Poesiealbum der Marathons und veranstaltete Gedenk-Läufe für seine Barbara, aber auch andere verstorbene Läufer. So laufen sie also immer weiter mit uns mit, wahrscheinlich ganz leichtfüßig auf ihrem Himmelsboden während wir Erdenmenschen über steinige Pisten stolpern.

Der Steppenhahn sagt immer, mit einer Tabelle in der Hand, das ist erst der richtige Hottas. Akribisch führt er Buch über seine Läufe und hat die Veranstaltungen auch Jahre später noch im Kopf, was mir nicht einmal mit meiner bescheidenen Anzahl gelingt. Aber Christian ist nicht nur auf Zahlen und Rekorde fixiert, seine Freundschaften blieben nie auf der Strecke sondern entstanden und entstehen vielmehr genau dort.

„Andere gehen in die Kneipe oder ins Theater, wir treffen uns zum Laufen“, sagt er über sich und seine Mitstreiter. Joggen gehört für ihn zur Lebensqualität, macht ihm einfach Spaß. Das kann ich unterschreiben. Und wer einmal ein Kleinkind beobachtet hat, das taumelnd seine ersten Schritte tut, wird auch bemerkt haben wie sehr sich der kleine Wicht freut. Genau dieses Glück haben wir Läufer uns bewahrt oder wieder entdeckt.

Natürlich sind wir auch alle ein bisschen skurril. Wir reiben uns Vaseline an delikate Stellen, lassen uns wie Affen mit Bananen füttern, pinkeln in Parkanlagen und rennen bei Regen in kurzen Hosen herum. Wir fachsimpeln über Strümpfe und Schuhe, aber laufen barfuß und schwitzen genauso selbstverständlich wie wir atmen. Aber mir sind Menschen, die Trinkflaschen statt Revolver am Gürtel tragen durchaus sympathisch und wenn sich einer als Windschutz einen Plastiksack überstülpt gefällt mir das auch besser als ein Pelzmantel.

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Christian läuft allerdings nicht nur sondern er organisiert auch selber eine Menge. Das war die logische Konsequenz des Marathonsammelns. Wer jede Woche zwei bis drei Mal diese Distanz erobern will, schafft das nur, wenn das Angebot ausreichend und nicht immer so weit weg ist. Honolulu oder Island sind ja ganz nett, aber für einen Mittwochnachmittag von Hamburg aus eben doch etwas weit.

Eine Idee von ihm, die ich besonders gut finde, sind die „Lost places“. Orte, die stets übersehen werden oder in dieser Form bald nicht mehr existieren, wie zum Beispiel alte Brücken oder Fabrikgelände, werden noch einmal zum Ort eines Marathons. Ehe sie verschwinden, bieten diese Plätze Raum für Jubel und Leid der Laufszene. Ein Denkmal ganz jenseits von Steinen und Tafeln, einfach in unseren Köpfen. Mit diesem Marathon-Modell wird deutlich, was im Grunde ständig geschieht: Die Welt ist voller verlorener Plätze. Dort wo wir den ersten Kuss bekamen, zur Schule gingen, den ersten Marathon liefen, den ersten Ultra, das umwälzende Gespräch geführt haben … dieser Ort ist in Wirklichkeit nie wieder so wie in dem Moment der aufwallenden Gefühle, aber wir werden ihn so in unserer Erinnerung bewahren.

Christians Idee für den 2000. Marathon war nun: Ich laufe nicht gerne allein, also wünsche ich mir eine Eskorte zur Begleitung. Im Hannover Marathon fand Christian den richtigen Ort und engagierte Veranstalter, die sich für dieses Weltrekord-Ereignis eingesetzt haben. 20 Leute stellte sich Christian zunächst an seiner Seite vor. Aber bald fragten dieser und jener nach und der Rekordläufer bemerkte erfreut, dass der Kreis der Begleiter immer größer wurde. Letztlich waren es 84 Läufer aus 11 Nationen, die mit an den Start gingen. Ein bunt gemischtes Feld mit ganz unterschiedlichen Berufen und Voraussetzungen. Zwei Diabetiker, ein Blinder waren ebenfalls mit von der Partie, die jüngsten noch in den 20er, der älteste 80 Jahre alt. Da lief ein ganzes Universum mit, jeder Einzelne im und durch den Laufschritt mit dem Ganzen verbunden. Alle waren erfahren auf der Langstrecke, mit meinen 37 Marathons und/oder Ultras innerhalb von 15 Jahren zählte ich eindeutig wieder zu den „Bambinis“ (siehe „Abgelaufen“, TortourdeRuhr).

Aber diese Gruppe, die sich da traf, war sowieso sehr speziell. Lauter Individualisten ganz sicher, jeder mit ganz eigenen Vorstellungen vom Sport. Was uns verband, war einzig der Gedanke an Christians Seite zu bleiben, komme, was da wolle. Die einen mussten sich dafür beeilen, die anderen ihre Kräfte bremsen und so focht jeder seinen kleinen persönlichen Kampf. 84 Leute in leuchtend gelben Shirts umsurrten den Rekordhalter wie ein Bienenschwarm. In seinem orange-roten Hemd war er die Superblüte für sein Eskortenvolk. Wir leckten den Honig des Lebens aus dem Tag, johlten, lachten und redeten gemeinsam. Das war nicht immer einfach, denn Dänisch, Finnisch, Polnisch, Englisch und Deutsch mischten sich bunt durcheinander. Aber die Welle ist international und auch mit Zeichensprache ließ sich vieles begreifen. Jeremy brachte uns alle mit seiner überzeugenden Körpersprache zum Lachen, wenn er etwa mit einer Blitzkamera flirtete oder Fang-den-Hut mit Straßenbarrieren spielte. Dieser „Mister Bean“ betätigte sich außerdem sehr erfolgreich als Führer für unseren blinden Mitläufer, dem er in einem permanenten Redestrom das Geschehen beschrieb. Ein anderes Unikum war Helmut, der passend zu den langen Läufen auch wallendes Haar hatte. Es ist halt selten ein Friseur an der Strecke. Während andere mit Energieriegeln und Gels dem Hunger trotzten, trug er eine Milchtüte in der Hand, die er kurz nach dem Start öffnete und unterwegs leerte. Außerdem zog Milchbubi aus seiner Hemdtasche zur Jause ein Brötchen, es muss eben nicht immer ein Schokoriegel sein.

Auch ich hatte aber diesmal ein extra Brötchen. Durch das für mich sehr gemütliche Eskorten-Tempo von 7 bis 8 Min/km war mein Magen total entspannt und die Folge war ein enormer Appetit zur Mittagszeit. Es gab Äpfel, Bananen und Melonen an der Strecke, was ich super lecker fand, aber nicht wirklich sättigend. Ansonsten standen noch solche Plastiktüten zur Verfügung, die angeblich die wichtigsten Nährstoffe in einen Schluck Schleim gepresst enthalten. Darauf würde ich nur im Notfall zurückgreifen und dann würde ich es mir noch gut überlegen, weil auch der modernste Mensch oft einen konservativen Magen hat und ungewohnte Dinge schlicht nicht verdaut. Insofern boten die Tütchen für mich keine Alternative und das bescheidene Frühstück lag immer weiter zurück. Ich überlegte, ob ich mir nicht ein Eis kaufen könnte, Zeit genug hatte ich allemal. Aber ist das eigentlich erlaubt, die Marathonstrecke zum Einkaufen zu verlassen? Und was würde das bei den Mitläufern auslösen, wenn ich da plötzlich mit einem Vanille-Stracciatella-Hörnchen dahin trabte? Nachher riskierte ich noch Strafpunkte für unsere Eskorte, das war das bisschen Hunger nicht wert. Aber just in diesem Augenblick passierten wir eine Straße in der sich das Publikum zum Frühstück nieder gelassen hatte. Das was dort so geboten wurde, ließ mir das Wasser im Munde zusammen laufen und in meinem persönlichen Regelwerk, ordnete ich das Publikumsessen der Läuferverpflegung zu und – schwupps – war ich im Besitz eines halben Brötchens. Was für eine köstliche Backware aus Weizenmischteig, die ich auf dem nächsten Kilometer knabberte!

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Ansonsten war ich unterwegs weniger mit den persönlichen Bedürfnissen, als dem Erleben beschäftigt. Hannover hat einiges zu bieten, tolle Bauwerke, viele Bäume und den hübschen Maschsee. Außerdem musste ich zwei Glücksschweinchen betreuen, die morgens die lebhafte Diskussion meiner Stofftiere gewonnen hatten, wer mich denn nun an diesem Tag begleiten sollte. Als Geschenk für Christian trug ich zusätzlich einen Jubiläumsballon. Eigentlich hatte ich von dem Gas-befüllten Begleiter erwartet, dass er fröhlich über uns fliegen würde. Aber er hatte nicht ganz so viel Luft wie wir Läufer und immer wieder die Tendenz Richtung Boden zu sinken und dem ein oder anderen auf den Kopf zu springen. Deswegen war das ein bisschen wie die Betreuung von einem jungen Hund. Im zweiten Teil des Laufs übernahm der Laufgott den Jubiläumshund und band ihn an seinen Hut. Da der Laufgott mit seiner stattlichen Länge sowieso ein bisschen über dem Boden schwebt, hatte der Ballon dadurch etwas mehr Auftrieb und schaffte es schließlich wie wir alle ins Ziel.

Aber das klingt jetzt irgendwie so beschwerlich, als wäre das Ziel etwas, das stöhnend und mit letzter Kraft erreicht wurde. Selbst wenn der ein oder andere unterwegs gestöhnt hat, war das Ende ein unvergessliches Erlebnis bei dem alle Teilnehmer noch einmal zu einem wahren Energiesturm aufliefen. Mit unseren leuchtend gelben Shirts bildeten wir kurz vor dem Zielbogen ein Spalier und während aus dem Lautsprecher dröhnte: „Hier kommt Christian Hottas und beendet seinen 2000. Marathon!“ klatschten und johlten wir ihn ins Ziel, in unserem Rücken das Publikum, das euphorisch mit einstimmte. Mir liefen die Tränen, als Christian auf dieser Welle der Zuneigung ins Ziel schwabbte und der Moderator sagte: „Unglaublich, sehen sie alle diese Läufer in gelben T-Shirts, die sind von überall aus der Welt angereist, um ihren Lauffreund zu begleiten.“

Aber damit war dann das großartige Ereignis noch immer nicht vorbei. Hannover hatte es Ernst gemeint mit seinen Glückwünschen für Christian und hatte ihn samt seiner Eskorte zum Bürgermeister ins Rathaus eingeladen. In einem Rathaus ist Christian noch nicht Marathon gelaufen, insofern war das also für ihn auch etwas ganz jenseits der Routine. Deswegen waren wir alle gemeinsam ein bisschen aufgeregt. Wir Damen sollten das kleine Schwarze oder Pinke einpacken hieß es und die Herren hatten weiße Hemden und dunkle Rollkragenpullover in ihre Sporttasche gezwängt. Das völlig überschwemmte und viel zu enge Duschzelt bot zwar wenig Möglichkeit zur Maniküre, aber wer ein echter Läufer ist, der schafft es, sich einbeinig auf Mauervorsprüngen und Rasenplätzen in trockene Sachen zu zwängen. So kam es, dass die ganze Eskorte plötzlich aussah wie eine Delegation feiner Damen und Herren, nur hatten wir statt Pomade den Schweiß von 42 Laufkilometern im Haar. Im Ratssaal gab es nicht nur warme Worte sondern auch ein warmes Essen, das sich sehen lassen konnte. Bewacht von Köchen mit weißen Mützen, bekamen wir drei verschiedene Nudelsorten serviert, Fleisch, Gemüse, belegte Brötchen, Kaffee und Kuchen. Wir nickten vom Balkon aus dem gemeinen Volk zu und schlemmten uns mit Vergnügen durch die Leckereien. Als ich gerade zum wiederholten Mal zum Buffet schritt, schickte sich der Bürgermeister gerade an, den Raum zu verlassen. „Das ist aber toll hier“, rief ich ihm zu. Er freute sich sichtlich, nickte mir zu und fragte: „Ja, wo kommen sie denn her?“ „Aus Bochum“, antwortete ich. Daraufhin zuckte der Stadtoberste mit den Achseln und sagte: „Naja.“

Das fand ich ein bisschen niederschmetternd. Wenn ich gesagt hätte, dass ich aus Amerika angereist bin oder aus der Hauptstadt komme, dann hätte er mein Kompliment wohl anders wahr genommen. Aber wer aus Bochum kommt, dem müsste es überall besser gefallen, mutmaßte dieser Bürgermeister wohl.

Das hat er aber so nicht richtig erkannt. In Bochum ist es auch schön, das war das erste, was ich nach meinem Umzug ins Ruhrgebiet gelernt habe. Und wer hat es mir gezeigt? Die Wanderer und Läufer natürlich. Wir halten eben zusammen, ob nun im Wald oder zwischen Schornsteinen, auf dem ersten oder dem 2000ten Marathon.

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Übrigens war ich zwei Tage nach dem Weltereignis wieder auf Bochums Pisten unterwegs. Im Nieselregen ging es an der Ruhr entlang, natürlich im goldgelben Eskorten-Shirt, das ich gleich wieder von der Wäscheleine gepflückt hatte.

Wieder hatte ich ein rotes T-Shirt zu begleiten, diesmal steckte ein „Frank“  (siehe „Abgetaucht“, Agon Sportverlag) darin. Rekorde hatte er keine vorzuweisen, aber darauf kommt es schließlich nicht an. Viel wichtiger war, dass ich ihn unterwegs fotografierte und plaudernd unterhielt, im dunklen Tunnel beschützte und am entsprechenden Abzweig dazu überredete, 30 statt nur 25 km zu laufen. Da es ein Frank war, habe ich ihn zwischendrin auch ein bisschen geärgert, zum Beispiel indem ich bergauf geflogen bin während er alles laufen musste. Natürlich hat er wie immer versucht, mich hin und wieder in den Graben zu werfen und an den Pfützen wurde ich vorgeschickt, um die Wassertiefe zu prüfen. Aber am Schluss, an der Straßenecke an der wir normalerweise „Tschüss“ brummen und sich unsere Wege ganz unspektakulär trennen, da sagte er diesmal: „Das ist nicht schlecht mit so einer Eskorte. Wollen wir übermorgen zusammen radeln?“

Aber dafür muss ich erst noch üben. Einen Eskortenradler hatten wir beim Christian-Lauf auch dabei. Er hat regelmäßig Bericht erstattet, wer wie weit aus dem Feld heraus gefallen ist und hatte Kühltaschen mit Snickers und Piccolo dabei. Soweit ich weiß hat sich allerdings niemand daran betrunken. Wir waren von Sonnenschein und Gemeinschaftsgefühl genügend beschwipst. Es gibt eben magische Momente und die haben definitiv nichts mit Alkohol zu tun.

Wenn ich mich jetzt an Christians Zieleinlauf erinnere, unser goldgelbes Spalier, den Applaus, die Stimme des Moderators, dann sehe ich übrigens immer Barbara neben Christian laufen, wie sie sich freut und ihn anstrahlt.

Ein unvergesslicher, ein magischer Augenblick eben und ich Glückspilz war dabei.

VIGLi, 6. Mai 2013
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