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Vorfreude ist groß
W
er zum Vorstellungsgespräch für das Stadtschreiberstipendium eingeladen wird, hat in jedem Fall gewonnen: Eine Zugfahrt und die Begegnung mit einer Landschaft, die man kennen sollte. Das wusste ich aber noch nicht, als ich mich klopfenden Herzens im Dezember 2003 das erste Mal von Bochum in den Norden aufmachte. Tatsächlich quälte mich zunächst am meisten die Angst, ich könne es in diesem Otterndorf schrecklich finden. Ein Stipendium ist schließlich eine Studienbeihilfe, wie das Lexikon sagt, studieren muss man aber doch noch selber. Das Land und die Leute. Die Voraussetzung dafür ist Interesse und was wusste ich schon von Otterndorf, außer dass es zwischen Elbe und Nordsee liegt? Das immerhin fand ich schon sehr spannend, aber würde die Faszination von Meer und Sand genügen? Nie vergesse ich den ersten Abend, als ich mit einem Freund in Otterndorf eintraf. Lange waren wir durch die weite dunkle Landschaft gefahren und ich fragte mich bereits, ob es dort außer frischer Luft noch etwas anderes gäbe. Dann tauchten die ersten Häuser auf und im nächsten Moment waren wir schon da. Noch zu später Stunde drängte ich meinen Freund, mit mir den Süderwall zu suchen. Wir fanden ihn nicht und trotzdem hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, hier richtig zu sein. 
Am nächsten Morgen trug ich dann meine Nervosität vor dem Vorstellungsgespräch an den Strand und dort flog sie mit dem Wind davon. Die Möwen riefen und ich hatte nur Nebel als Begleiter, der mich kühl und liebevoll umfing. Ich lief zwei Stunden auf dem Deich entlang, traf keinen Menschen und war glücklich. Stipendium oder nicht, dieses Erlebnis konnte mir keiner mehr nehmen. Aber das hatte dann eigentlich auch niemand vor. 

Alle lächelten mich freundlich an
Als ich später im Rathaussaal stand, mit seinen prunkvollen Stühlen auf denen der Kulturausschuss thronte, lächelten mich alle sehr freundlich an. Dann trat gleich einer aus der Runde neben mich, damit ich nicht so allein war an diesem Kopfende der langen Tafel. „Wir sind hier alle ganz nette Menschen“ machte er mir Mut. Da musste ich doch ein bisschen schmunzeln. Nett oder nicht, immerhin konnten diese Damen und Herren nun darüber entscheiden, wo ich meinen nächsten Sommer verbringen würde. Im Cafe Zaubernuss und im Hotel Eibsen hatte man mir versprochen, die Daumen zu drücken und wie die Otterndorfer so sind: Was sie machen, das machen sie richtig. So kam es dann, dass ich nach endloser Zeit des Wartens, die in Wirklichkeit nur zwei Wochen dauerte, den Anruf bekam, der mein Leben veränderte. Ich wurde von einer Schriftstellerin zur Stadtschreiberin, ein Jahr Vorfreude inklusive. 
Als erstes packte ich mir daraufhin das Gartenhaus als Bildschirmschoner auf den PC. Das war leicht. Als zweites redete ich mit meinem Chef. Das war nicht ganz so leicht. Aber das man in Otterndorf wohnen muss, wenn man darüber schreibt, hat er dann doch eingesehen. Ich arbeite als Biologin an einem arbeitsmedizinischen Forschungsinstitut. Wie man Künstlerin und Forscherin zugleich sein kann, fragen mich viele. Dabei ist der Unterschied gar nicht groß. Als Biologin ebenso wie beim Texten, Malen oder Musizieren, beschreibe ich das Leben. Die Methoden sind verschieden, die Motivation ist dieselbe: Ich bin fasziniert von allem, was lebt. Da es in Otterndorf sehr lebendig zugeht, ist das für mich ein idealer Platz. Eine meiner Vorgängerinnen schrieb einmal, Otterndorf sei für Stadtschreiber und Kinder ein Paradies. Nach meinen ersten Stippvisiten an der Medem, kann ich das nur bestätigen. Dass ich als erste Otterndorf-Informationen von Frau Dieckmann nicht nur Museumsprospekte sondern auch ein Malbuch bekam, hat mein Kinderherz außerdem genauso gefreut wie die Stadtschreiberseele sich an den Zeitungsartikeln begeisterte. 

Auch für die Einheimischen ein Paradies?
Was mich jetzt jedoch beschäftigt, ist die Frage: Was ist Otterndorf denn für die Einheimischen, auch ein Paradies? Oder so alltäglich wie mein kleines Bochum, das übrigens ebenfalls sehr liebenswert ist und viel hübscher als sein Ruf?! Nun habe ich einen Sommer lang Zeit, das heraus zu finden. Bestimmt gibt es nicht nur eine Antwort sondern so viele wie Muscheln am Strand. Ich werde in meinem Lusthaus sitzen und alles notieren. Im Grunde tue ich das gleiche wie die Damen vergangener Zeiten: Ich gehe Handarbeiten nach. Nur kommen dabei keine Pullover heraus sondern Bilder, Texte und Musik. Aber die Freude, da bin ich sicher, die ist über alle Jahrhunderte gleich geblieben.


VIGLi, die Stadtschreiberin

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