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Bald Teil des Lebens in der Sardinenbüchse
Als ich das letzte Mal in Otterndorf war, habe ich mir Gummistiefel gekauft. Zum Glück kann ich die im Ruhrgebiet gut gebrauchen. In Otterndorf dagegen weniger, denn da scheint immer die Sonne. Egal ob Pfingsten, Februar oder März - der Himmel ist blau. Manchmal auch rot oder orange, aber nasse Füße habe ich mir bisher ausschließlich beim Wattwandern geholt. Die Gummistiefel sind hellgrün mit orangenen Blümchen darauf. Sie sehen also quasi aus wie extra für mich hergestellt, denn wenn ich meinen Namen in Zeichensprache übersetze, ist es ein Blümchen. Wo ich die Stiefel her habe, werde ich jetzt öfter gefragt. „Aus Otterndorf“ sage ich dann und weil ich dabei so vergnügt aussehe, wollen die meisten wissen, was es dort denn sonst noch so gibt. „Also in Otterndorf gibt es viel Himmel“, erzähle ich als nächstes. „Licht und Schatten, die sich am Strand treffen und in rosaroter Verkleidung baden gehen. Es gibt dort Wattwürmer, die unermüdlich durch den tiefen Schlamm kriechen und Sterne, die abends in die See fallen bis sie ganz silber ist von Sternenstaub. Und es gibt Otterndorfer. Das sind Menschen, die laut Herrn Feldmann wie Sardinen in der Büchse in ihrem eigenen Blickwinkel schmoren. Weil sie sich aber doch von den Sardinen unterscheiden, deswegen haben sie jedes Jahr einen Stadtschreiber.“

Warten auf den Finder
Spätestens an dieser Stelle meiner Schilderungen sagen die Zuhörer: „Das klingt aber nett.“ Dann brauche ich nur noch zu nicken, dem gibt es nichts hinzuzufügen.
Außer Landschaft und netten Menschen kann man in Otterndorf aber noch ganz anderes entdecken, was mich eher an meine Zeiten als Sachensucherin in Berlin erinnert: Mit der Flut spült sich so einiges an den Strand, das dann glitzernd im Sonnenlicht auf Finder wartet. Z.B. eine Flaschenpost. Wirklich. Also ich meine nicht, dass ich eine Flasche sah und meine Phantasie den Brief erfunden hat. Es war tatsächlich einer darin. Schon etwas verschimmelt, die Schrift leicht verwaschen, aber deutlich lesbar. Leider fehlte das Datum, da aber eine e-Mail-Adresse angegeben war, kann ich sicher sagen, dass der Brief aus diesem Jahrhundert stammt. Die Absenderin war aus Freiburg an der Elbe, wohin ich postwendend meine erste Stadtschreiber-Antwort geschickt habe. Bisher bekam ich noch keine Rückmeldung. Vielleicht war die Senderin enttäuscht, dass kein Prinz der Finder war. Oder sie hat so viele Briefe in See stechen lassen, dass sie jetzt mit dem Beantworten nicht mehr hinter her kommt. Ich habe die Flasche jedenfalls jetzt bei mir in der Küche stehen und warte ab, ob vielleicht auch noch ein Geist heraus kommt. In der Küche könnte ich den gut gebrauchen, vielleicht kann er ja spülen. Oder er weiß eine schnellere Verbindung zur Medem, als ich bisher entdeckt habe. Nicht jeder ist nämlich der Ansicht, dass es eilt, wenn ich nach Otterndorf will. Die Bundesbahn, mit der ich theoretisch in 4,5 Stunden mein Ziel erreiche, tendiert dazu, das Reisevergnügen etwas zu verlängern. Das letzte Mal gab es kurz vor Hamburg einen Feuerwehreinsatz, der die Schienen blockierte. Obwohl mir das eine erste Verabredung mit der Bücherei verhagelte, hatte das auch seine positiven Seiten.

Schon wird´s spannend
Zunächst mal war ich froh, dass ich im Zug saß und nicht in dem brennenden Haus. Manchmal macht so eine Relativbetrachtung durchaus bescheiden. Vor allem aber sind solche außergewöhnlichen Situationen für den Schreibenden wie die Quelle für den Wanderer. Kaum bleibt der Zug stehen, schon wird es spannend. Ungeduldiges Rutschen auf den Polstern, scheue Blicke nach links und rechts. Dann die Durchsage: „Wir erhalten auf unbestimmte Zeit Verspätung.“ Das ist das Zeichen. Alle greifen zu ihren Handys und ich zu meinem Notizblock „Hallo Mausi, das ist jetzt total dumm gelaufen ich stecke hier fest.....“. Das ist der Typ mit dem Pferdeschwanz, der die ganz Zeit einen Walkman aufhatte, dessen Musik auch noch zwei Reihen weiter reichte. „Ja, ich bin jetzt kurz vor Hamburg. Können Sie die Besprechung ohne mich beginnen?“ Der mit Schlips und Anzug wirkt ein bisschen verkrampft wie er das kleine elektronische Telefon an sein Ohr presst. „Sag mal hast Du eine Skihose, die Du mir leihen kannst?“ Das ist die Frau mit dem dicken Strickpullover, die bis eben noch ganz in ein Buch vertieft war. Jetzt hat sie aber doch ein Mobilphone gezückt und lässt mich an ihrem geplanten Skiurlaub und ihrer Kleider-röße teilhaben.

"...und ich höre zu"
Das wäre doch auch eine Möglichkeit, die Otterndorfer schnell kennen zu lernen, schießt es mir durch den Kopf. Einfach mal ein Treffen mit Handy auf dem Marktplatz, jeder wählt seine wichtigste Nummer und ich höre zu. Aber das sind Ideen, die im Zug entstehen und beim Aussteigen am Otterndorfer Bahnhof verfliegen. Das Telefongeld können wir sparen. Ich bin da ganz sicher, dass ich als zeitweiliger Sardinenbüchsen-Mitbewohner so oder so viele Menschen kennen lernen werde.


VIGLi, die Stadtschreiberin

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