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Statt Perfektionismus blüht hier liebevolle Neugierde auf
Während die Hexen sich auf den Blocksbergen der Welt zur Walpurgisnacht trafen, führte mich mein Tanz in den Mai direkt nach Otterndorf. Jetzt bin ich also angekommen und muss von Vorfreude auf Genießen umschalten. Nun kann ich auch die SMS in meinem Handy wieder löschen, die ich tatsächlich fast ein Jahr in meinem elektronischen Speicher bewahrt habe: Du musst doch weg fahren, damit Du WIEDER kommen kannst. Sand-im-Schuh-Grüße. Diese tröstende Zeile schrieb mir meine Schwester, als ich letztes Jahr zu Pfingsten mein Herz an das kleine Nordseebad verloren hatte. 

Eine besondere Position
I
ch habe übrigens zwei Schwestern, eine „große“ und eine „kleine“. Die Kleine ist einen Kopf größer als ich und entscheidend dafür verantwortlich, dass ich Romane schreiben kann. Aber das erkläre ich ein anderes Mal. Ich bin also ein echtes Sandwich-Kind. Das ist bestimmt nicht unwichtig für meine Entwicklung zur Biologin und Künstlerin, denn als Salatblatt zwischen zwei Liebe( r )s-Brötchen, das ist schon eine besondere Position. Aber zurück zu Pfingsten 2004: Nur ungern fuhr ich wieder ab, immerhin lag ein Jahr ohne Urlaub vor mir, in dem ich der Wissenschaft gerecht werden wollte, ohne die Kunst zu vernachlässigen. Das ist ein Drahtseilakt, der einen im schlimmsten Fall erschöpft und im günstigen zu geistigen Höhenflügen treibt. Ich habe durchaus beides erlebt. Aber nun bin ich also wieder da, im schönen Otterndorf und brauche dank Paulsens Gurken auch am ersten Tag nicht zu hungern. Ansonsten kann ich mich hier unproblematisch von Luft und Liebe ernähren: Die Luft ist so klar, das man sie in Dosen verpackt an Kurkliniken schicken könnte und zur Begrüßung war sie zudem sommerwarm. Warm wird einem in Otterndorf aber auch ohne Sonne. Das ist einfach die Atmosphäre. Besonders deutlich spürte ich das beim ersten Termin, eine Stunde nach meiner Ankunft: Da wurde im Studio A die Präsentation des Künstlers Christian Andersson eröffnet. Nach New York hatte er als logische nächste Station seiner Ausstellung Otterndorf erreicht. Den Blick auf die Wirklichkeit wollte das Kunstwerk schärfen, man sah zwei schwarze Stühle oder zwei weiße oder auch ganz etwas anderes.

Liebevolle Neugier
Wegen eines technischen Defekts, begann das kunstvolle Verwirrspiel aber nicht zur geplanten Zeit. Die Otterndorfer und alle anderen Kunstinteressierten warteten jedoch ohne zu murren, während die Temperaturen im Atelier fast tropisch wurden. So blieb Zeit, die lohnende Ausstellung moderner Kunst zu betrachten und vor allem: um miteinander zu reden. Das machen die Otterndorfer nämlich gerne, ob sie dabei nun auf ein Kunstwerk warten oder nicht, spielt eigentlich keine allzu große Rolle. Das macht Mut. Weder Mensch noch Kunst sind etwas, das einfach funktioniert, vielmehr etwas lebendiges. Das kann nur gedeihen, wo statt Perfektionismus liebevolle Neugier herrscht. Und die blüht in Otterndorf genau wie die Magnolien, Gänseblümchen und der goldgelbe Löwenzahn. Zu letzterem habe ich übrigens eine besondere Beziehung: Früher habe ich mein Meerschweinchen damit gefüttert, später Salat daraus gemacht und dann über die goldenen Kerlchen gedichtet. Wer kann schon Nahrung für Geist und Körper gleichermaßen sein?

Von der Südsee zur Nordsee
Der Körper, das ist überhaupt auch noch so ein Thema für sich. Ich glaube zwar nicht, dass Gedanken in einem gesunden Körper - was auch immer das ist – häufiger vorkommen oder irgendwie besser sind, aber ich bemühe mich schon, allen meinen Einzelteilen gerecht zu werden. Buchstaben und Farben für die Gehirnzellen, Haferflocken und Grünfutter für die Muskeln und Bewegung für alles, was sich bewegen lässt. Zum Beispiel beim Laufen. Auch da sollte Otterndorf übrigens nach oder vor New York die logische nächste Station sein. Aber nicht nur für einen Marathon, auch für kurze, beschauliche Strecken ist die Landschaft an der Medem wunderbar geeignet, das kann man jeden Mittwoch um 19Uhr beim Lauftreff erleben: Da läuft man von der Südsee zur Nordsee - wer das nicht glaubt, soll sich selber überzeugen. Nur Palmen gibt es keine. Dafür ein Farbspiel an der See, das meinen Malkasten und mich ständig vor neue Herausforderungen stellt. Überhaupt die Farben: Das Blau der Sirenen im Voß-Haus verfolgt mich seit der ersten Begegnung, als hätte sich ihr Gesang in meine Augen graviert. Touristen kann ein Besuch der Ausstellung nur empfohlen werden, allerdings sollte jeder einkalkulieren, dass er anschließend den Urlaub verlängert. Nicht nur wegen der Sirenen von Klaus Döring, auch sonst wird dort die Neugier geweckt, auf den Dichter Voß, auf die Odyssee und vieles mehr.

Eine echte Lindenstraße
Außerdem gibt es in Otterndorf ja noch viel mehr als das Voß-Haus. Zum Beispiel die Puppenstube. Da wohnen neben liebevoll gepflegten Käthe Kruse- und Schildkrötpuppen auch Hexen und Teddybären. Außerdem stehen dort Puppenhäuser, in denen ich genauso gerne wohnen würde wie im Gartenhaus am Süderwall. Übrigens ist der Süderwall eine echte Lindenstraße, die es sich zu sehen lohnt. Aber ich wiederhole mich: Otterndorf ist schön!


VIGLi, die Stadtschreiberin

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