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Letzten Freitag (20.05.2005) habe ich vor einem sehr aufmerksamen Publikum aus meinem Buch „Das Schattenmädchen“ gelesen. Das ist mein erster Roman, der zweite durchläuft gerade das Lektorat. Die Idee für einen dritten möchte ich gerne aus dem Kopfsteinpflaster Otterndorfs sammeln. Bisher bin ich aber noch mit Malen und Dichten beschäftigt.

Wirtschaftlich gesehen ist das unproduktiv, denn Gedichte und Bilder verkaufen sich nicht so gut. Ein Verleger sagte mir einmal: „Wissen Sie, Ihre Gedichte sind gut, wenn Sie Goethe oder Rilke hießen, würde ich die auch drucken. Aber so….“ Dabei ist Liebers doch wirklich ein schöner Name. Nur: Solange keiner in eine Buchhandlung geht und danach fragt, ist das ein Flopp. Mit den Bildern ist es nicht viel besser, zumal sie auch noch Platz beanspruchen. Selbst wenn jemand 20 weiße Wände zur Verfügung hätte, irgendwann sind die auch voll. Zum Glück hat jedes Tun aber nicht nur eine wirtschaftliche Seite. Manche Dinge müssen einfach getan werden und wo so viele Gedichte herum liegen wie in Otterndorf, muss sie jemand aufheben. Das ist so wie Bonbonpaper, das lässt man schließlich auch nicht auf der Straße liegen. Da fühle ich mich durchaus verantwortlich, für die Gedichte noch mehr als für das Bonbonpapier.

Die Bilder tropfen von den Linden
Mit den Bildern ist es nicht anders, die tropfen von den Linden direkt in meinen Garten und dann stehe ich da wie ein begossener Pudel bis ich endlich einen Pinsel zu fassen kriege. Seit neuestem verziere ich auch Muscheln. Für 50 Cent kann übrigens jeder so eine VIGLi-Souvenirmuschel bei mir erstehen. Zum Beispiel beim nächsten Nachmittag der offenen Tür im Gartenhaus. Diese Muscheln bringen Glück. Woher ich das weiß? Nun, als ich zum Vorstellungsgespräch das erste Mal nach Otterndorf reiste, nahm ich vom Strand eine solche kleine weiße Muschel mit und malte zu Hause ein Blümchen hinein.

Schwestern-Tipp: "Laß die Geschichte einfach passieren"
Wie es weiter ging ist bekannt: Ich bin Stadtschreiberin geworden und zähle deshalb m Moment zu den glücklichsten Otterndorf-Bewohnern. Aber zurück zu meinem Roman. So eine lange zusammenhängende Geschichte zu schreiben wäre doch schwer, sagte neulich eine Otterndorferin. Da hat sie Recht, so habe ich das auch lange Zeit gesehen. Aber dann habe ich mit meiner Schwester gesprochen - der „Kleinen“, die einen Kopf größer ist als ich - und sie gab mir den entscheidenden Tipp: „Du musst dir das nicht vorher alles ausdenken sondern die Geschichte einfach beim Schreiben passieren lassen.“ Ich griff ihre Idee auf und wagte mich daran, eine Geschichte zu beginnen, deren Fortgang und Ende mir vollkommen unbekannt waren. Das ist Abenteuer pur. Ich bin also quasi ein Rüdiger Nehberg am Schreibtisch. Abenteuer erleben kann man in Otterndorf aber auch an anderen Stellen. Zum Beispiel im Torhaus, das seit 1641 erhalten ist. Jenseits des heutigen Amtsgerichts steht es ganz verwunschen zwischen Bäumen voller Krähennester und einem Teich, der zum Schlossgraben gehörte. Jeder Gast musste früher als erstes durch die Rundbögen des Torhauses, das heute noch auf andere Weise die Vergangenheit bewahrt: Seit 1972 ist in den Räumen die Sammlung Labiau, liebevoll gepflegt von Bruno und Lisa Frank, untergebracht. Labiau (heute Polessk) ist der Patenkreis des Landkreises Cuxhaven und bestand als preußisch-deutscher Landkreis in der Zeit zwischen 1818 und 1945. Das Leben der Menschen bis zu ihrer Vertreibung wird in den zwei Etagen des Torhauses, aber vor allem durch die eindrucksvolle Führung von Herrn Frank lebendig. Da sieht man eine Mangelmaschine, die noch mit Steinen und per Hand betrieben wurde, Geschirr, Trachten, Schiffsmodelle und viele, viele Bilder. Die mittlerweile über 5000 Fotos umfassende Sammlung, jedes einzelne per Hand beschriftet und sorgfältig archiviert, führt auch immer wieder zu erstaunlichen Begegnungen. Da entdecken Reisende plötzlich ihre längst verlorenen Verwandten wieder oder einfach ein Stück Heimat. Heimat steht geografisch für die Gegend in der man heimisch ist, meint aber viel mehr ein Gefühl, eben dieses „Heimat, wohlgeborgen, zwischen Land und Strom“ das das Ostpreußenlied besingt.

Auch der moderne Mensch ist ein Vertriebener
N
icht nur die Flüchtlinge vergangener Zeiten, auch der moderne Mensch ist oft ein Vertriebener, einer, der seine Wurzeln zwischen Flexibilität und Hektik der technisierten Welt verloren hat. Das Torhaus ist eine Chance um anzukommen, inne zu halten, sich heimisch zu fühlen, geborgen beim Tee mit Herrn Frank und beobachtet von dem kleinen Wächter, der im Torhaus alles und jeden sieht. Wohin sich der Besucher auch wendet, der kunstvoll gezeichnete Mann folgt ihm sorgsam mit dem Blick. Auch in diesem Sinne hat man im Torhaus eine Heimat, denn wo sonst ist man zu Hause, als eben dort, wo man gesehen wird, erkannt, wo auch immer man steht?!


VIGLi, die Stadtschreiberin

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