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Ich habe jetzt einen Pixi-Stempelpass. Wenn dort der Kauf von 15 Pixi-Büchern bestätigt ist, bekomme ich eine Pixi-Sammelbox. „Max, der kleine Elefant“ ist mein Lieblingsbuch. Ob etwas wichtig ist, hängt eben nicht von der Größe ab. Angeblich gibt es den Pixi-Stempelpass überall, aber ich habe ihn in der Otterndorfer Altstadtbuchhandlung entdeckt. Überhaupt finde ich in Otterndorf so einiges, was es woanders auch gibt, sich aber dort nicht so leicht entdecken lässt. Zum Beispiel nette Menschen. Ob beim Rathauskonzert, zur Bilderausstellung in der Zaubernuss oder beim Eis im Cafe Brüning – die Wahrscheinlichkeit ein freundliches Gesicht erneut zu treffen und ins Gespräch zu kommen ist groß. Kleine Orte bieten in dieser Hinsicht große Möglichkeiten und genau dieses persönliche hat Otterndorf vielen anderen Touristenorten voraus. Das merkt man auch bei den Stadtführungen, die tagsüber von verschiedenen Otterndorfern mit großem Elan durchgeführt werden. Zu ausgewählten Terminen finden sie sogar des Nachts statt. Die charmante Nachtwächterin Vera Dieckmann leitet mit Liebe und viel Improvisationskunst stets eine ganz Schar von Interessierten durch die kleine Stadt. Trotz lauter Stimme, ist sie am Ende des Trupps zwar nicht immer zu verstehen, aber darauf kommt es nicht an. Was sich mitteilt, ist die Stimmung - und die ist ausgezeichnet. Davon konnte ich mich letzten Donnerstag beim Sondertermin für das Fernsehen selbst überzeugen. Sich dabei künstlerisch einbringen zu dürfen, ohne verpflichtet zu sein oder irgendwelche Auflagen erfüllen zu müssen, war mir ein Genuss. Das ist etwas, was es auch bei längerer Suche nicht allerorten gibt (leider).

Freiheit braucht Raum
Deutlich weniger Menschen als bei den Stadtführungen, trifft man im Studio A. Vielleicht schreckt manche der Begriff „gegenstandsfreie Kunst“ ab. Wenn dort keine Gegenstände zu sehen oder zu fühlen sind, was ist es dann? Um das heraus zu finden, muss man sich ein bisschen Zeit nehmen. Freiheit braucht Raum. Als ich das erste Mal im Studio A war, galt mein Besuch der Installation „9 was 6 if“ und den vielen neuen Gesichtern in Otterndorf, die ich gerade erst kennen lernte. Wieder zurück im Gartenhaus, hatte ich aber ein Bild aus der Sammlung vor Augen, das sich nur so im Vorübergehen eingeprägt zu haben schien. Ein rotes Quadrat vor schwarzem Grund. Jede Farbe entwickelte ihre beeindruckende Leuchtkraft erst durch den Kontrast zur anderen. Sofort beschloss ich, die Ausstellung noch einmal in Ruhe zu besuchen und zu ergründen, welcher Maler dieses Werk geschaffen hatte. Zu meiner Verblüffung musste ich dann feststellen: Das Bild an das ich mich zu erinnern glaubte, gibt es gar nicht! Offensichtlich war das Motiv die Antwort, die mein Kopf auf die tatsächlich gesehenen Bilder entwickelt hatte. Das hat mich sehr berührt, denn ich habe keine grundsätzlichen Kenntnisse über diese Art der Kunst, meine eigenen Bilder sind vollkommen anders. Außerdem habe ich Biologie studiert, nicht Kunst. Aber das ist eben das, was mich immer wieder fasziniert: Kunst ist in jeder Form etwas lebendiges. Um an einer Blume Gefallen zu finden, muss man ihren Namen nicht kennen und um sich von einem Bild - und sei es eine einzige Farbe - berühren zu lassen, braucht man keine Bücher zu wälzen. Kunst kommuniziert sich selbst, genauso wie Blüten ihren Duft verströmen. Voraussetzung dafür ist es, die Sinne zu öffnen und sich nicht mit voreiligen Bewertungen den Weg zur Wahrnehmung zu versperren. In Natur und Kunst liegt ein unglaublicher Facettenreichtum, der sich aber nur dem liebenden Beobachter erschließt. Ich glaube nicht, dass Liebe blind macht, vielmehr macht sie sehend für ein Universum, das jenseits des Verstandes liegt. Zu lieben heißt dabei keinesfalls, alles kritiklos zu loben. Bewertung ist etwas ganz anderes. Wahrnehmen heißt erst einmal, sich einzulassen und mitunter auch unangenehme Gefühle zu akzeptieren. Alles was lebt, löst nicht nur schöne Gefühle aus – das habe ich mit der gegenstandsfreien Kunst ebenso wie mit Hummeln, Kakteen oder einem traurigen Gedicht gemeinsam. Die Wahrnehmung nach innen und außen zu öffnen ist auch der Ansatz meiner Arbeit. Wenn sich genug Teilnehmer finden, wird der VHS-Kurs „Welche Farbe hat die Musik?“ einen Einstieg dazu geben. Mit Wortspielereien und dem Griff zum Zeichenblatt, möchte ich den lebendigen Zugang zum Erleben von Kunst vermitteln. Dabei geht es nicht um große Leistungen sondern die kleinen Dinge, die gerne gesehen und bewahrt werden wollen – so wie die Pixibücher in der Sammelbox.

 

VIGLi, die Stadtschreiberin

 

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