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In Otterndorf gibt es viele schöne Orte. Einer davon ist die Jugendherberge, die vor dem Gartenhaus mehrmals mein Quartier war. Das Haus gleicht von außen einem Schloss, die Wiese davor bietet Platz zum Spielen und Sonnen und der Deich ist keine fünf Minuten entfernt. Ob es dort nicht sehr laut wäre, fragte neulich jemand. Aber das kann ich nicht bestätigen. Da lachen doch nur Kinder.

 

Rasenmäher erwecken Zahnarzt-Phantasien

Mit Lärm verbinde ich eher den Gedanken an einen sonnigen Nachmittag im Gartenhaus, an dem alle meine ansonsten sehr netten Nachbarn ihre Rasen mähen. Das ist wohl notwendig, aber schrecklich. Jedenfalls für die Gänseblümchen und mich. Wenn ich in dieser Zeit versuche Texte zu schreiben, kommen nur Zahnarztbesuche dabei heraus bei denen der Patient bis zu den Schädelknochen aufgebohrt wird. Wenn überhaupt. Rasenmäher sind für mich Gedankenvernichtungsmaschinen.

Aber es gibt hier zum Glück genug Fluchtmöglichkeiten zu anderen schönen Orten. Zum Beispiel in die Museen, an den Süd- und den Nordsee, die Elbe oder die Medem. Am liebsten bin ich im Watt. Bei Ebbe dort durch den Schlick zu waten, ist das Gegenteil von Rasenmähen: Die reinste Gedankenproduktionsstätte! Ich glaube, die Ebbe ist mir so sympathisch, weil ich selbst mehr so ein Fluten-Typ bin – Gedanken und Gefühle überschwemmen mich und wollen ständig sortiert werden. Genau wie die Muscheln, die ich in Herz- und Wundermuscheln unterscheide. Letztere sind so groß, dass man kleine Gedichte da hinein schreiben kann. Im Bestimmungsbuch heißen die Wundermuscheln „Sandklaffmuscheln“, weil sie tief im Sand stecken und dort so gut geschützt sind, dass ihre Schalen auch zu Lebzeiten immer etwas auseinander klaffen. Ein logischer Name, der aber der porzellanweißen Schönheit, die sich wunderbar bemalen lässt, überhaupt nicht gerecht wird. Also Wundermuscheln. Das passt einfach besser zu Otterndorf.

Als meine Schwester zu Besuch war, stapfte ich natürlich als erstes mit ihr durch das Watt und jubelte: „Ist das nicht toll hier?“ Sie war da nicht so überzeugt oder sie hatte einfach kalte Füße. Schließlich war ideales Nicht-Rasenmäher-Wetter: kalt, nass und windig. „Lass uns lieber durch die Felder radeln“ schlug sie vor. Da war sie dann genauso begeistert wie ich, obwohl es zunächst eifrig regnete. Aber wie jeder weiß, habe ich wunderbare Otterndorfer Gummistiefel und meine Schwester hat jetzt ein Otterndorfer Regencape, so waren wir gut verpackt.  Ein Ganzkörper-Gummistiefel wäre allerdings fast noch besser, meinte meine Schwester angesichts des Nordsee-Wetters.

 

Alle Augenblicke neues Wetter

Aber dann kam doch noch die Sonne heraus und wir konnten schwitzend in die schöne Wingst radeln und im Zoo lauter hitzemüde Tiere beim Schlafen beobachten. Nur der Tiger hat gebadet. So ist das eben hier: Alle Augenblicke neues Wetter und neue Eindrücke. Als meine Schwester übrigens vom Bahnhof über die Medembrücke kam und einen ersten Blick in die Eschstraße warf, sagte sie: „Was für entzückende Häuser, wohnen denn da  ganz normale Menschen drin?“ Nun ist natürlich die Frage, was „normal“ ist. Zum Beispiel hielt neulich eine Otterndorferin extra ihr Auto am Straßenrand, weil sie mich sah und mir nur schnell sagen wollte, dass sie sich über meinen letzten Artikel in der NEZ so gefreut hat. So etwas finde ich nicht normal, das finde ich zauberhaft und hochgradig motivierend. Auch wurde ich wunderbarerweise schon mehrmals gelobt für die vielen Angebote, die ich im Städtchen mache, auch an der VHS. Das fand ich toll, bis dann der erste Kurs mangels Teilnehmern abgesagt wurde. Da habe ich mich irgendwie doch gewundert. Hoffentlich trifft meine Idee „Kreativ schreiben und Theater spielen“  (24.-26. Juni und 2. Juli) auf ein breiteres Interesse. Immerhin konnte ich Paul Hänel als Co-Leiter für diesen Kurs gewinnen. Er hat jahrelang Erfahrung in der Leitung von Improvisationstheater und im Raum Düsseldorf – zu Recht – einen stabilen Fanclub. Wer schon immer mal das Schreiben versuchen wollte, aber noch nicht den richtigen Anfang gefunden hat, hat jedenfalls in diesen Tagen eine gute Gelegenheit, ein neues Hobby zu entdecken. Die Leute, die nicht selber schreiben sondern lieber zuhören wollen, sind mir aber bei meinen Lesungen ebenso willkommen. Auch wenn ein Text scheinbar schon fertig ist, bevor er gelesen wird, ändert er je nach Räumlichkeit und Publikum in gewissem Grad seinen Charakter. Das ist nicht viel anders, als bei den Keramik-Kunstwerken, die derzeit in der Stadtscheune ihren Glanz entfalten. Zunächst sind sie einfach nur da, so wie Worte es auch sind, in klaren oder eher verschnörkelten Schwingungen. Erst bei der Begegnung mit dem Betrachter bzw. Zuhörer entscheidet sich dann, ob ein Funke überspringt. So wie bei mir, wenn ich im Watt stehe und ganz sicher bin, dass es der schönste Ort der Welt ist - obwohl ich doch mitnichten die ganze Welt kenne. Aber ich kenne Otterndorf  - ein bisschen – und das ist ein Glück.

 

VIGLi, die Stadtschreiberin

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