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Du bist meine persönliche Schlaftablette“ habe ich mal zu einem Freund gesagt. Er meinte, das wäre ein zweifelhaftes Kompliment. Dabei liebe ich als echte Zappelnatur natürlich alles, was mich entspannt. Otterndorf ist nun die zweite Bekanntschaft, der ich dieses Kompliment machen kann. Ruhe (wenn gerade keiner Rasen mäht), Seeluft und Gartenhaus sind die reinste Himmelbett-Wiege. Zudem hat der Sandmann keine Mühe, genügend Sand aus dem Watt zu holen. Kürzlich war ich wieder ein paar Tage in Bochum, da dachte ich dann, dass es doch erstaunlich ist, woran man sich alles gewöhnt: In meiner Dachwohnung dort habe ich im Sommer die Alternative zwischen 40Grad Raumtemperatur oder – bei offenem Fenster – 80 Dezibel. Da kann man sich auch gleich auf die Autobahn legen. Das ist nicht wirklich schlaf-fördernd. Dafür ist man so richtig mittendrin, in der Stadt und zwischen den Menschen. Das ist wichtig, denn es gibt zwar in Bochum auch ganz herrliche grüne Flecken, aber mal ehrlich: deswegen lebt man nicht dort.

Kommen wegen der Arbeit - bleiben wegen der Menschen
Die meisten kommen wegen der Arbeit und bleiben wegen der Menschen. Die haben dort weder Alpen noch See, die sie vermarkten können, statt dessen haben sie Zechen zu Parks und in Konzerthäuser verwandelt. Das nenne ich kreativ. Und wenn man als Zugereister im Straßengewirr untergeht, sagen sie freundlich: „Komm mit, ich zeig dir wo es hier schön ist.“ Allerdings haben manche Menschen die See zur Verfügung und sind zusätzlich noch nett. Jetzt meine ich natürlich die Otterndorfer mit denen ich so viel Schönes erlebe. Wie es schöne Augenblicke so an sich haben, gehen sie aber immer viel zu schnell vorbei. Bald wird die Sonne nicht mehr in der See sondern über dem Deich untergehen und meine Stadtschreiberzeit hat die Halbzeit überschritten. Aber die zweite Halbzeit, ist ja oft besonders entscheidend. Außerdem gibt es zum Glück eine Erinnerung. Das ist so wie Sommersprossen, die irgendwann in der Sonne entstehen und dann einfach bleiben. So wird dann also in Zukunft immer ein Stück Otterndorf mit mir durchs Leben gehen, wohin auch immer mich meine Wege führen. Da sich so manche Erinnerung aber doch verliert, habe ich ein Tagebuch und Otterndorf ein Archiv. Da kann man alles Wichtige nachlesen. Der Speicher des barocken Kranich-hauses und das benachbarte Alte Landratsamt sind seit vielen Jahren Sitz des ältes-ten niedersächsischen Kreisarchivs, des heutigen Archivs des Landkreises Cuxhaven unter Leitung von Dr. Axel Behne. Außerdem findet man dort das Kranichhaus-Museum, eine kreiseigene Sammlung zur Kulturgeschichte und Volkskunde des alten Landes Hadeln. Ehrlich gesagt bin ich da nicht gerade als erstes hin gegangen. Mir lag schließlich erst einmal daran, zu wissen, was aktuell in Otterndorf los ist. Dass man bei Lühmann nicht nur Bücher sondern auch Buntstifte kaufen kann, dass Frei-tags Markt ist auf dem großen Specken, dass im Mendoza-Haus eine Phantasiewelt zu Realität geformt wird, dass es bei Cafe Brüning Schaum-Eis gibt – das war zuerst viel wichtiger. Aber dann bekam ich zuerst im Torhaus bei Herrn Frank die Idee, dass Historie eine faszinierende Sache ist. Im Archiv wurde ich dann vollends überzeugt. Meine Bücher leben ganz wesentlich von der Phantasie, aber ich gebe zu, dass so-wohl Herr Frank im Torhaus als auch Herr Behne im Archiv bei ihren Erzählungen auch ohne dichterische Freiheit auskommen – und trotzdem (oder gerade deshalb) ist es sehr spannend. Wem hat wann welches Grundstück gehört, was hat die Zei-tung vor 50 Jahren berichtet und vieles von dem man gar nicht ahnt, dass es passiert ist, das ist im Archiv feinsäuberlich katalogisiert. Ein Ort an dem man zwischen dru-ckerschwärze-duftenden Regalen förmlich atmen kann, in welchen Zusammenhän-gen das Leben gedeiht. In seiner Funktion als Vorsitzender der Allmers Gesellschaft vermag Herr Behne auch die Erinnerung an den norddeutschen Dichter Hermann Allmers wachzurufen. Unter dem berührenden Katalog-Titel „Mensch sein und den Menschen nützen“, der anlässlich des hundertsten Todestages von Allmers 2002 erschien, kann man das breite Tätigkeitsspektrum des Dichters nacherleben. Dreh- und Angelpunkt seines kreativen Tuns waren übrigens die Kontakte zu seinen zahlreichen Freunden. Kunst ist eben nichts „künstliches“ sondern das durch und durch Lebendige, das sich im und aus dem Menschen heraus formt.

Kultur und Ruhe findet man in Otterndorf
A
ber aus dem Menschen heraus kommt nicht nur der Wunsch, Kunst zu schaffen sondern auch mal faul zu sein. Baden gehen, Sommerferien genießen. Um Urlaub zu machen, empfiehlt sich übrigens Otterndorf. Da gibt es nicht nur Kultur und nette Menschen sondern auch Ruhe vor letzteren am immer wieder erstaunlich einsamen Strand. Aber jetzt kommen ja bald die Touristenströme aus Nordrheinwestfalen, da kann sich das natürlich noch ändern. Ich habe schließlich auch allen Bochumern gesagt, dass sie ihren Urlaub in Otterndorf verbringen sollen. Falls es dann hier doch ein bisschen voll wird, kann ich den Otterndorfern nur empfehlen, nach Bochum in den Urlaub zu flüchten. Da ist ja dann Platz. Und ich sage ihnen auch gerne, wo es da am schönsten ist.


VIGLi, die Stadtschreiberin

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