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Kann ich heute hier mitlaufen?“ fragte neulich ein mir noch Unbekannter beim Lauftreff. „Nein“, sagte ich. „Man muss jetzt immer zuerst ein Gedicht aufsagen“. Da war der Fragende verblüfft. Aber schließlich will ich als Stadtschreiberin nicht nur Otterndorf in die Literatur einbringen, sondern auch die Literatur nach Otterndorf. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Medemstadt so eine Art Torte ist: Ein tolles Ganzes, dass in verschiedene Stücke geteilt ist. Ich koste mich durch alle einmal durch und stelle fest, dass die Menschen, die man bei den Lesungen und Konzerten trifft, nicht beim Lauftreff sind und die vom Lauftreff nicht im Fitnesscenter und die vom Fitnesscenter nicht am Strand und die vom Strand nicht im Museum usw.. So hat jeder seine Vorlieben.

Geschmacksübergreifend
Immerhin wollte sich kürzlich einer der TSV-Spitzentruppe ein Bücherregal für sein erstes (Liebers)-Buch bauen. Da freue ich mich natürlich. Liebers-Lektüre als so eine Art Schlagsahne, die zu vielen Tortenstücken passt – das wäre schön. 
Etwas anderes, was von Geschmacks-übergreifender Wichtigkeit ist, ist der Otterndorfer Wochenmarkt. Jeden Freitag vormittag gibt es am großen Specken, alles was man zum Leben braucht: Fleisch, Fisch, Käse, Obst, Gemüse und ein nettes Gespräch. „Ich brauche immer ganz lange für den Einkauf auf dem Markt“ erklärte mir eine Otterndorferin gleich zu Anfang. Aber keinesfalls, weil sie so viel besorgen oder gar Schlange stehen muss, sondern weil sie so viele Leute trifft, mit denen es sich zu reden lohnt. 
Frisch gestärkt mit Vitaminen und Mineralstoffen hat man dann die idealen Vorraussetzungen zum Fitnesstraining. Im Fitnesscenter fit for life lernt man - wie der Name schon sagt - etwas fürs Leben. Zum Beispiel den Muskel zu trainieren, den man zum Bügeln braucht. Unter fachkundiger Anleitung besteht die Möglichkeit dort überhaupt viele noch unbekannte Muskeln kennen zu lernen, aber auch Menschen. Touristen, denen der See zu kalt zum Baden ist, empfehle ich die wärmenden Schwimmbewegungen im Studio. Wem der Schweißverlust beim Hanteltraining nicht genügt, kann zum Abschluss noch in die Sauna. Das ist allerdings auch an anderen Orten möglich, denn jenseits der Nordseewellen wird Wellness groß geschrieben.

Warme Alternative
Das Solebad ist für alle Wasserfreunde die warme Alternative bei Nieselwetter. In der Sauna dort hat man die Qual der Wahl zwischen verschiedenen schweißtreibenden Temperaturen. Besonders belebend: Ein Aufguss mit Salzeinreibung. Zum Erholen gibt es eine große Gartenanlage. Da die meisten nach dem Schwitzen allerdings still auf einer Liege liegen, sind weniger Quadratmeter mitunter gemütlicher. Auf der heimeligen Terrasse im Kurbad Krüger etwa (Cuxhavener Str.), ist der Klönschnack beim selbst mitgebrachten Picknick wichtiger Teil des Genusses. Wer Schmerzen oder auch einfach nur Lust auf Entspannung hat, kann sich vorher mit Krankengymnastik und Massagen fachgerecht bearbeiten lassen. Entspannung steht auch in der Praxis van der Linden (am Solebad) ganz im Vordergrund. Wer mit Öl, Duft und sanften Händen verwöhnt wurde, schwebt anschließend als neuer Mensch durch Otterndorfs bunte Gassen.
Manche schweben zum Gartenhaus und führen dort nette Gespräche mit mir.
„Kommen Sie nächsten Sommer wieder?“ fragte neulich zum Beispiel ein Otterndorfer. Als ich das verneinen musste, meinte der Besucher: „Na, das ist doch dumm, wo sie sich gerade so schön eingearbeitet haben.“ Daraufhin haben alle meine Muscheln leise klirrend genickt. Wenn ich im Gartenhaus Tag der offenen Tür habe, gibt es viele solcher schönen Gespräche. Da kommen Menschen, die mit dem Rad durch Deutschland auf Tour sind, ebenso wie gebürtige und Wahl-Otterndorfer. Die unterhalten sich dann miteinander oder mit mir oder blättern schweigsam Postkarten und Bücher durch. Aber Geschichten bringen sie alle mit, die kleben an den Fußsohlen der Gäste oder fallen mit ihrem Atemstrom in mein Arbeitszimmer. So werde ich immer wieder reich mit Stoff beschenkt. Auch wenn die Stadtführungen unter fachkundiger Anleitung von Frau Dieckmann, Frau Johannßen oder Herrn Goldstein mit einem Trupp Gästen am Gartenhaus ankommen, flattern stets neue Inspirationen zu mir herein.

Klingeln erlaubt
Neugierige oder müde Gesichter, weit gereiste oder Menschen aus den Nachbarorten, solche, die meine Kolumne kennen und mal zu einer Lesung kommen oder andere, die noch nie gehört haben, dass es Stadtschreiber gibt. Die ganze bun
te Welt an meiner Gartentür. Wer mich außerhalb des Tags der offenen Tür am Gartenhaus antrifft, darf auch gerne mal klingeln, um sich ein Buch signieren zu lassen. Nur Freitag vormittags habe ich keine Zeit, denn da bin ich auf dem Markt und brate anschließend meinen Fisch. Da sind Omega-3-Fettsäuren drin und die machen glücklich, wie man sieht.


VIGLi, die Stadtschreiberin

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