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Meine aktuellen Maße sind 4,80m und 1:16Minuten. Kirschkernspucken und Tretbootrennen. Außerdem habe ich Otterndorf von oben gesehen. Da sieht es genauso bezaubernd aus wie von mittendrin, aber doch auf ganz neue Weise. Otterndorf hat überhaupt sehr viele Gesichter, zum Beispiel das Altstadtfest-Gesicht. Da hat das kleine Städtchen etwas von einer Tanzstundenschülerin bei ihrem ersten Ball. Schöne Wäsche (Nachtjackenviertel) und überhaupt tagelang heraus putzen gehören dazu.

Recht haben beide Seiten
Hin und her gerissen zwischen Ermahnungen und der Lust, alle Grenzen zu übersehen, fiebert die Medemstadt der Megaparty entgegen. Es wird laut werden und schmutzig, sagen die einen. Wir werden wunderbar auf der Straße tanzen, berichten die anderen. Recht haben sie natürlich beide. Das Organisationskommitee müht sich, alle so weit als möglich zufrieden zu stellen. Diesmal haben sie sogar den Wettergott mit einbezogen, der dann am Sonntag mit reichhaltigen Regengüssen für Sauberkeit sorgte. Allerdings fing Petrus auch schon während des Festes an zu putzen.

Seifenkisten statt Autos
Deswegen weiß ich jetzt, dass man auch mit Regenschirm Rock`roll tanzen kann. Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Ortsumgehung manchmal nicht nur diskutiert sondern einfach umgesetzt wird. Ob Altstadtfest oder Seifenkistenrennen – die B73 wandelt sich problemlos zur Rennstrecke oder Flaniermeile. Man müsste also nur jeden Tag ein Fest feiern, dann hat sich das mit der Umgehung erledigt. Seifenkisten statt Autos auf der Durchgangsstraße fand ich ausgesprochen attraktiv. Dabei habe ich auch gelernt, dass man sich unter einer Seifenkiste nichts Seifiges sondern eher ein „Löschi“ oder eine Ente vorzustellen hat. Seit dem Seifenkistenrennen habe ich im Gartenhaus übrigens Gesellschaft von Paul. Paul ist lila, gehört zur Familie der Plüschmäuse und war der Losgewinn für ein gelbes Sonderherz. In Otterndorf kann man also nicht nur sein Herz verlieren sondern auch welche gewinnen.
Jetzt noch eine Bemerkung zum Wetter, das zur Zeit ausschließlich aus Wolken, Wind und Regen besteht. Die Otterndorfer lassen sich zwar davon eigentlich wenig beeindrucken, aber sie sorgen sich doch um ihre Touristen. Den Gästen kann ich jedoch nur sagen, sie sollen froh sein, dass sie in Otterndorf sind. Es regnet nämlich in ganz Deutschland und auf regennassen Straßen zur Arbeit zu fahren, ist schließlich gefährlich. Hier dagegen kann man als Urlauber gut auf den Wagen verzichten und trotzdem viel erleben. Im Umkreis von 2 km findet sich etwas für jeden Geschmack.

Gummistiefel und Bücher
Wer unbedingt Strandurlaub machen will, sollte zunächst zwei Dinge tun: Erstens Gummistiefel kaufen und zweitens in die Bücherei gehen. Die Auswahl dort ist für jedes Alter so reichhaltig, dass der Strandbesuch dann möglicherweise um einen Tag verschoben werden muss. Wer sich von dem Vorurteil trennt, dass man im Urlaub nur Jerry-Cotton-Hefte und Lisa-Tinas-Rezeptküche lesen kann, der könnte sich zum Beispiel Theodor Storms Schimmelreiter leihen. Wer das „Brausen wie von Weltuntergang“ Zeile für Zeile miterlebt hat, steht anderntags mit neuem Blick am Deich. Gerade wenn es regnet und stürmt besteht die Chance, diese Landschaft nicht nur als Kulisse für die Erholung zu betrachten, sondern wirklich zu verstehen. Im jahrhunderte-langen Kampf mit dem Wasser sind Mensch und Land hier gewachsen und geformt.

Von Kirche und Kultur
Alles Leben ist geliehen und hier ist es auch das Land. Otterndorfs Zentrum ist eigentlich eine Insel, eine sog. "Wurt" (oder Warft), ein künstlich aufgeworfener Erdhügel wie sie allgemein in den nordwestdeutschen Marschgebieten zum Schutz vor Sturmfluten angelegt wurden. Nicht weit des höchsten Punkts (6,44m) steht die St. Severi-Kirche, die größte im Land Hadeln. Auch bei bewölktem Himmel glänzen darin 150 goldene Sterne, entsprechend den 150 Psalmen in der Bibel. Die evangelisch-lutherische Kirche ist alles andere als schlicht. Vor allem der Barockaltar sticht ins Auge, ungewöhnlich daran die Gestalten von Adam und Eva, die das Bild des heiligen Abendmahls einrahmen. Aufrecht und nackt bringen sie eine klare Körperlichkeit in den von Glaube, Liebe und Hoffnung getragenen Raum. Beeindruckend zu hören sind nicht nur die Glocken mit ihrer „Stimme des Lebens“ sondern auch die Orgel, deren 46 Stimmen und 2676 Pfeifen in den Montag-Abend-Konzerten zum Glänzen kommen.

Leckere Torten
Wer von Strand, Kirche und Kultur ermüdet ist, kann sich dann in den zahlreichen Lokalen Otterndorfs wieder regenerieren. Ob Chinese, Grieche, Italiener oder Fisch vom feinsten - die Auswahl an Lokalen ist so groß, dass ich es in meinen fünf Monaten Stadtschreiberzeit nicht schaffen werde, alle auszuprobieren. Beliebte Treffpunkte für verregnete Nachmittage sind auch Cafe Brüning und Cafe Zaubernuss. Die Torten schmecken absolut wetterunabhängig. Im Cafe Zaubernuss hängen übrigens zur Zeit einige Bilder von mir, die sich über Käufer freuen. Die Gemälde erzählen die Geschichte vieler glücklicher Maler-Stunden – so wie mir lila Paul immer wieder vergnügt von Otterndorf mit und ohne Seifenkisten berichtet.


VIGLi, die Stadtschreiberin

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