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Kürzlich meinte ein Bochumer Kollege, er brauche ein neues Foto von mir, denn Stadtschreiber-Biologinnen sähen bestimmt ganz anders aus, als normale Menschen: viel glücklicher, quasi transzendiert von Wattwürmern und lokaler Historie. Ich hatte dann aber keine Zeit in den Spiegel zu blicken, denn ich musste gerade zum Strand. Wenn man da nicht regelmäßig aufpasst, ist das Wasser nämlich weg. Damit es auch immer wieder kommt, gehe ich täglich auf alle Fälle einmal nachsehen. Wie das werden soll, wenn ich wieder in Bochum bin, weiß ich nicht. Aber wie das werden soll, weiß ich sowieso nicht. Möglicherweise stelle ich mir dann einen Strandkorb an die Ruhr und miete mir einen Schaukasten mit der Aufschrift „Ich war Stadtschreiberin im schönen Otterndorf“.

Entdeckungstouren jenseits des Zentrums
Aber so wie ich mich kenne, ist das still sitzen doch nichts für mich. „Tot bin ich noch lange genug“ pflegt Frau Dieckmann zu sagen, ehe sie die Ärmel zur nächsten Aktion nach oben krempelt – und da hat sie Recht. Ein toter Schriftsteller hat zwar viel bessere Chancen, dass sich seine Bücher verkaufen, vielleicht benennt man auch eine Straße nach ihm, aber was will ich mit dem Straßenschild, wenn ich dort nicht mehr entlang gehen kann? Apropos gehen: Erst allmählich entdecke ich Otterndorfs Schönheiten jenseits des Zentrums. Z.B. den Bauernhof Katthusen. Da kann man unter fachkundiger Anleitung von Frau Mushardt viel über Landwirtschaft, Tiere, Homöopathie und Kräuterspiralen lernen. Wer mit den Füßen aufnahmefähiger ist, als mit dem Kopf, darf sich barfuß einen Fußlehrpfad erobern und anschließend beim Kneipp`schen Wassertreten das Immunsystem stärken. Für das leibliche Wohl sorgen selbst gebackene Brötchen, Holunderblütengelee und Kräuterquark. Während die Eltern dann über Rezepte und ökologischen Landbau diskutieren, können die Kleinen auf Pferderücken turnen und Kaninchen streicheln. Ein anderer Tipp sind die sogenannten Hofläden, z.B. entlang der Stader Landstraße. Dort trifft man auf Spezialitäten wie Apfel-Zucchinimarmelade, gelbe Tomaten und Hasch-Torte. Die frischen Zutaten, gemischt mit der Kreativität der Landleute, ermöglichen so manche Überraschung für den Gaumen.
Weil wir gerade bei den Nahrungsmitteln sind: Kürzlich kamen Freunde von mir spät abends angereist und hatten ausgerechnet Appetit auf Pfannkuchen. Ich war mit irgendeinem Auftritt beschäftigt, aber ich weiß auch, dass ich da auf die Otterndorfer vertrauen kann. Und richtig - obwohl meine Freunde ein Lokal wählten, das eigentlich schon seine warme Küche geschlossen hatte, waren sie dann sehr zufrieden. Das Restaurant hat die Küche wieder angeschaltet und offensichtlich wohlschmeckende Pfannkuchen serviert. Hier sind Touristen eben noch wirklich Gäste, also Könige.

Meine Schwester kam mit leuchtenden Augen zurück
Mit meinen Besuchern erlebe ich auch immer wieder, wie groß Otterndorf doch ist. Als meine Schwester das erste Mal zum Stadtbummel aufbrach und nach zwei Stunden noch nicht zurück war, glaubte ich schon, sie wäre in den Zug nach Hamburg gestiegen. Schließlich kann man in Otterndorf fast alles binnen fünf Minuten erreichen. Statt dessen kam sie mit leuchtenden Augen zurück, weil sie das Perlensortiment im Kiebitzmarkt entdeckt hatte, ein Eldorado für jeden Bastler. Auf nur einem Kilometer hatte sie außerdem viele bunte Häuser und eine Menge Atmosphäre gefunden. „Sieh, das Gute liegt so nah“, wusste ja schon Goethe zu sagen. Auch der Weg zum nahen Strand bietet weite Möglichkeiten. Nicht nur einmal bin ich bei Sonnenschein am Gartenhaus aufgebrochen und mit Sturm und Regen am Deich angekommen. Ein kleiner Rucksack ist also sinnvoll, um für den Klimawechsel gewappnet zu sein wie in den Alpen. Aufmerksame Wattwanderer werden auch bemerken, dass das Watt je nach Strömung und Bodenbeschaffenheit ganz unterschiedliche Muster und Bewohner aufweist. Auch das erinnert mich dann an die verschiedenen Vegetationszonen im Gebirge. Nur muss man hier keine Höhenmeter überwinden, um die Vielgestaltigkeit der Natur zu erleben. Übrigens ist nicht nur Otterndorf groß, sondern auch das Gartenhaus. Ich habe sogar den Verdacht, dass es wächst. Jedenfalls beherbergt es eine zunehmende Anzahl von Bildern, Erlebnissen, Geschichten und Blumensträußen. Ich wachse natürlich auch, jedenfalls meine Muskeln. Dank TSV Otterndorf habe ich mich deshalb an meinen ersten Triathlon gewagt, dafür bekam ich sogar ein Rennrad geliehen. Das Wasser war zwar unendlich kalt, aber ehe mein Roman über eine Ertrinkende fertig konzipiert war, hatte ich das andere Ufer erreicht und konnte in die Pedale treten. „Fisch fliegt“ dachte ich noch, da schossen schon Felder, Kanal und applaudierende Zuschauer an mir vorbei. Dann noch ein Stückchen zu Fuß und schon war ich im Ziel (1Std17Min). Der Triathlon hatte allerdings den gleichen Nachteil, wie alle Erlebnisse hier in Otterndorf: Es ist viel zu schnell vorbei.


VIGLi, die Stadtschreiberin

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