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Otterndorf ist ein tolles Ziel. Wer schon dort lebt, hat natürlich Pech, denn er ist ja dann schon da. Am besten also, man macht viele Ausflüge - so kann man immer wieder nach Otterndorf zurückkehren. Zum Beispiel gibt es einen schönen Radweg nach Cuxhaven, direkt am Deich entlang. Ein besonderes Erlebnis auf dieser Strecke sind die Deichtore. Um sie zu öffnen und zu schließen, müssen  Radfahrer ihre Fahrt unterbrechen. Auf diese Weise steht statt hoher Geschwindigkeit eher das Beschauliche im Vordergrund. Spätestens an den Toren nimmt sich jeder einmal Zeit, in die Runde zu blicken. Außerdem ist es eine zwischenmenschliche Begegnungsstätte. Wer für die nachfolgenden Radler oder Spaziergänger die Tür aufhält, erntet in der Regel ein Lächeln und manchmal wird auch ein Gespräch daraus. Aber deswegen sind die Gatter eigentlich nicht angebracht worden, sondern wegen der Deichschafe. Diese friedlichen Wollknäuel haben einiges mit Künstlern gemeinsam: Sie sehen so aus, als würden sie ständig nur schlafen, fressen und spazieren gehen – dabei sind sie in Wirklichkeit immer im Dienst. Die Küstenschafe haben die Aufgabe, das Erdreich der Deiche mit ihren kleinen Klauen festzutrampeln. Außerdem sind sie als geräuscharme Rasenmäher im Einsatz. Gelegentlich übernehmen auch Rinder diese Aufgabe. Schwergewichte werden dabei nicht zugelassen, damit die „Rüttelverdichter“ den Bodenbewuchs nicht versehentlich vernichten. Künstler sammeln statt Gras viele Eindrücke und beim Wiederkäuen werden Texte und Bilder daraus. Das Gewicht spielt dafür keine wesentliche Rolle. Der Deich dient als Schutzwall vor den Wasserfluten. Ebenso ist Kunst mit Ihrer Lebendigkeit und Sensibilität ein Schutz vor achtloser Alltäglichkeit, die den Sinn des Daseins fortspült.

Schutz zu gewähren, ist auch die Aufgabe der Strandkörbe, die entlang der Küste zu finden sind.

 

Patentierte Sitzgelegenheit
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ine besondere Variante steht am Otterndorfer Grünstrand: Die Strandkabine. Diese patentierte Sitzgelegenheit eines findigen Otterndorfers ist nicht nur besonders bunt, sondern auch geräumiger, bequemer und vor allem windgeschützter als ihre Verwandten der anderen Strände. Von dort aus sollte man aber nicht nur auf das Watt schauen sondern auch hören. Als mich das Bochumer Lokalradio fragte, welches typische Geräusch ich von Otterndorf mitbringen könnte, fiel mir sofort das Watt ein. Das ablaufende Wasser und vor allem die Tausende von Schlickkrebsen, die auf Nahrungs- und Weibchensuche ihre U-förmigen Röhrenwohnungen verlassen und durch das Watt wimmeln, erzeugen ein knisterndes Klirren, das ich niemals sonst irgendwo gehört habe. Diese Klänge waren auch die Inspiration für meine Erzählung vom Wattjungen. Die Geschichte des asthmakranken Jungen, der an der Nordsee die Kraft der Natur entdeckt, werde ich am 18.September gemeinsam mit den Künstlern Ulf Behrendt (Gesang, Bühnenbild) und Matthias Pfuff (Bassklarinette, Didgeridoo) im Natureum inszenieren. Als Biologin ist mir der Zusammenhang von Kunst und Natur sehr wichtig. Das merkt man hoffentlich nicht nur, wenn ich Schafe mit Künstlern vergleiche. Ursprüngliche Instrumente wie die eigene Stimme oder das Didgeridoo (Blasinstrument aus einem hohlen Baumstamm) machen die Verbindung besonders deutlich. Da wo Leben ist, ist auch Kunst möglich. Dafür muss man allerdings arbeiten und üben. Die Atemtechnik für das Didgeridoo-Spiel erfordert zum Beispiel die Fähigkeit, gleichzeitig ein- und auszuatmen. Das schaffe ich noch nicht, obwohl mich Herr Johann Kowalczik sehr professionell und einfühlsam in die Anfänge des Didgeridoospiels eingeweiht hat. Das Üben verschiedener Musikinstrumente ist aber für mich ohnehin wichtiger für die innere Meditation, als für die Vollendung und Präsentation bestimmter Fertigkeiten. Der Weg ist das Ziel. Apropos Weg: Was macht ein Bochumer, wenn er die Stadtschreiberin besuchen will, kein Auto hat und die Bahn zu teuer findet? Er läuft! Der Ultraläufer Steppenhahn wird sich nun bald auf den Weg machen, um rechtzeitig zum Marathon in Otterndorf zu sein. Der Küstenmarathon ist dabei nur ein Mosaikstein in seiner rund 500km langen Anlaufphase, die über Münster und Bremerhaven führen soll (http://www.steppenhahn.de/ll/otterndorf2005).

 

Das Leben ist ein Mosaik
Letztlich ist doch das ganze Leben ein Mosaik und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum mich Hilde Rönickes Tiffany-Mosaike so ansprechen, die derzeit in der Zaubernuss hängen. Farbenfroh und stilvoll hat sie zusammengefügt, was andere als Glasreste entsorgen wollten. Offensichtlich ist der Wert von etwas, ganz wesentlich von der Perspektive abhängig. Eine empfehlenswerte Perspektive auf Otterndorf hat man in jedem Fall, wenn man von Cuxhaven aus am Deich entlang kommt. Wie Schmetterlinge tauchen die Strandkabinen am Grünstrand auf und zeigen sich immer bunter und einladender, je näher man ihnen kommt. Übrigens brauche ich beim Joggen zwei Stunden nach Cuxhaven und nur 1:45 auf derselben Strecke zurück. Spätestens da wird wohl klar, dass ich nur weglaufe, damit ich wiederkommen kann. Wie schon gesagt: Otterndorf ist ein lohnendes Ziel!

 

VIGLi, die Stadtschreiberin

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