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Kürzlich hatte ich die Mäuseklasse im Gartenhaus zu Besuch. Das sind keine Nagetiere sondern Zweibeiner von der Wittmarkschule. Kekse essen sie allerdings genauso gerne wie ihre vierbeinigen Kollegen. Anders als die grauen Pelztiere interessieren sie sich jedoch nicht nur für Krümel sondern auch für Stadtschreiber, Bücher, Bilder und Geheimgänge in Gartenhäusern. Bisher habe ich zwar noch keinen lockeren Stein entdeckt hinter dem man in die Unterwelt des Süderwalls auswandern könnte, aber die Idee leuchtete mir durchaus ein. Ich werde das Gartenhaus diesbezüglich noch einmal untersuchen, schließlich muss ich jetzt sowieso aufräumen. Jeden Tag werfen nämlich der Ahorn und die Linden ein paar bunte Blätter in meinen Garten und singen gemeinsam mit den verschwundenen Strandkabinen: Bald ist die Zeit um. Etwa 20 Auftritte mit Lesung oder Theaterspiel stehen auf meinem Bilanzzettel der letzten fünf Monate, fünf Mal Tag der offenen Tür und ungezählte Besucher, die leider nur teilweise ihr Autogramm im Gästebuch hinterlassen haben. Otterndorfer, Touristen und Verwandte von Otterndorfern gaben ihr Stelldichein. Sogar eine Schulklasse aus Hamburg interessierte sich für mein Stadtschreiberleben und die 20 (!) Schüler passten problemlos in mein einziges Zimmer. 42 Gedichte sind bisher am Otterndorfer Schreibtisch entstanden, vier Kurzgeschichten, 14 NEZ-Kolumnen und eine lange Stoffsammlung für den nächsten Roman. Das Amtsgericht war dabei eine wesentliche Quelle meiner Notizen. Wo sonst, kann man auf engem Raum so viel über unsere Gesellschaft lernen? Das Ringen um Gerechtigkeit offenbart immer wieder, dass es den einzig richtigen Weg nie gibt - dennoch müssen Entscheidungen getroffen werden. Leben ist Bewegung und wer die Treppe des ehemaligen Schlosses aus dem Verhandlungssaal nach unten geht, hat meist die eigentlichen Probleme erst vor sich. Glücklicherweise erschöpften sich meine Probleme in Otterndorf im Wesentlichen darauf, genügend Kekse für meine Besucher und Farben für meine Pinsel zu kaufen. Rapsfelder, Himmel und das Leuchten des Watts forderten mich ständig dazu heraus, sie glitzernd einzufangen. Ich habe nicht genau gezählt, wieviele Muscheln ich bemalt habe, nur festgestellt, dass Leuchttürme und Schiffe bei den Käufern am höchsten im Kurs stehen. In meiner Otterndorf-Bilanz habe ich außerdem das Preisrätsel „Otterndorfs Türen“ notiert, durch den ich auch einiges über die Menschen hinter den Türen erfuhr. Zuletzt gab es noch den Gartenhaus-Malwettbewerb für Kinder. Als die kleinen Künstler Alina und Fabian bei mir zu Besuch waren, lernte ich, dass eine Wippe eine Briefmarkenpresse sein kann und ein Klettergerüst eine Wurstverpackungsanlage. Immerhin wissen die Kinder nun aber auch, dass man nicht nur auf Papier sondern auch auf Holz, Steine und Muscheln malen kann. „VIGLi, schau mal“ riefen sie dabei immer wieder begeistert, wenn eine Farbe sich ihren Platz gebahnt hatte. Und vielleicht ist genau das auch das Wichtigste im Leben: Das Hinschauen und gesehen werden. „Es gibt Dich, weil Augen Dich ansehen und sagen, dass es Dich gibt“ hat es Hilde Domin bedichtet.
Interessante und kreative Menschen gibt es in Otterndorf und Umgebung genug. Wahrgenommen werden nicht alle. Statt dessen blickt jeder auf den Stadtschreiber, der nun die Aufgabe hat zu lauschen, wo ihm eine leises oder lautes „schau mal“ entgegen fliegt. So ist mir vieles zugeflogen in den letzten Monaten, viele glückliche Momente, Begegnungen, Ideen - aber auch saure Gurken, Marmelade, rote Grütze und Fisch. Sogar ein ganzer Mineralwasserkasten hat quasi Flügel bekommen und landete motorisiert in meinem Gartenhaus statt auf meinem Fahrradgepäckträger über das Kopfsteinpflaster zu poltern. Neben den geistigen Genüssen kam also das leibliche Wohl nie zu kurz. Aale habe ich aber noch nicht probiert und Paulsens Sortiment kenne ich ebenfalls noch nicht vollständig, so wie mir sicher so manches im schönen Otterndorf noch entgangen ist. Diesbezüglich hatte ich aber schon eine gute Idee: Ich werde hier mal Urlaub machen! Auch einige weitere Projekte im Hadelner Land sind geplant. Vielleicht ist ja auch der alljährliche Marathon ein willkommener Anlass zur Wiederkehr. Dieses Sportereignis verschaffte mir diesen Sonntag den Genuss vier Mal durch Otterndorf zu traben. Dabei lief ich nicht den Minuten hinterher sondern sammelte vergnügt die Geschichten am Wegesrand auf. Währenddessen wurde ich nicht nur vom legendären Steppenhahn (www.steppenhahn.de) sondern auch von einem schwarz gekleideten Bodyguard namens Ulf und anderen Lachwilligen unterhalten. Überhaupt ließen sich entlang der abwechslungsreichen Route etliche Eindrücke entdecken. Das male ich nun wieder in lauter kleine Muscheln, die dann als Glücksbringer in die Welt gehen. Neulich brachte mir übrigens eine Otterndorferin ein zerbrochenes Muschelbild mit der Bitte, das Motiv noch einmal zu zeichnen. Als ich mich darin versuchte und jedes Bild doch ein bisschen anders aussah, als das vorhergehende, da dachte ich, dass eben das, das Leben ist: Ein Bemühen, unser kleines Glück immer und immer wieder neu zu gestalten. Zerbrechlich sind die Glücksmomente, wie die Muscheln. Aber das Meer wird nicht müde, neue Schutzhüllen an den Strand zu spülen. Unsere Aufgabe ist es, all die Schalen mit Farben zu füllen. Otterndorf ist ein Platz, wo das gelingen kann.


VIGLi, die Stadtschreiberin

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