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Jetzt habe ich die Taschentücher doch noch gebraucht. Eine ganze Familienpackung hatte ich im Mai gekauft. Für tropfende Nasen im Nordseesturm waren sie gedacht. Dann war ich jedoch immer gesund und munter - zum Einsatz kamen sie nur für die Abschiedstränen. „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe, bereit zu Abschied sein und Neubeginnen.“ sagt Hesse. Er hat aber nicht dazu geschrieben, was man macht, wenn es aus verschiedenen Richtungen ruft. Zum Glück liegt Otterndorf quasi direkt neben Bochum, schließlich kann man zu Fuß von der einen in die andere Stadt laufen. Diese Erkenntnis, die mir der Steppenhahn mit seinem gemütlichen 500-km-Lauf vermittelt hat, tröstet mich über meinen Abschied nun doch ein bisschen hinweg.

An jeder Wand eine andere Perspektive
Außerdem habe ich jetzt einen Strandkorb und so viele Gartenhausbilder, dass ich mir an jede Wand eine andere Perspektive hängen kann. Eine gute Möglichkeit, um sich im manchmal beschwerlichen Alltag an die zarten Gartenhausmomente zurück zu erinnern. Lindenlicht auf dem Schreibtisch, Vogelruf am Fenster, Schnecke Schlittenschleim am Gartentor. Ein kleines Winken hier, ein verschmitztes Lächeln dort. Ein ehrlicher Muschelkauf, wenn die Kasse unbeaufsichtigt stand, ein schüchternes Klingeln am Gartenhausglöckchen, ein Autogramm auf der Durchreise, ein Marmeladenglas vor der Tür.

Gefragt, wie lange der Zauber wohl hält
Wenn ich mich jetzt an die ersten Tage an der Küste erinnere, weiß ich, dass mir auch da schon Hesse in den Sinn kam: „... allem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Damals habe ich mich gefragt wie lange der Zauber des Anfangs wohl hält? Ich war mir sehr bewusst, dass ich es einfach genieße, Neues zu entdecken. Aber als ich jetzt nach fünf Monaten die längst bekannten Wege noch einmal ging, war ich auf andere Weise bezaubert. Das Neue war vertraut geworden - aber die Liebe, die ist geblieben. Dieses Gefühl, dass sich in mir etwas öffnet. „Hier kann man leben“ haben es mir etliche Otterndorfer beschrieben, auch wenn sie das eine oder andere sehr wohl zu kritisie-ren hatten oder haben. Eine Geliebte ist eben keinesfalls ideal, nur eben bereit, mit ganzem Herzen entdeckt zu werden. So liegt das Watt immer wieder ausgebreitet und schüttet mit sanftem Klirren und leisem Glitzern seine Schönheit in die Welt. Dabei ist es ihm ganz gleich, ob viele Touristen es bestaunen oder einzelne Otterndorfer warm verpackt durch den Sturm eilen, um sich anschließend bei heißem Tee oder einem Pharisäer wieder aufzuwärmen. Der helle Himmel wird im Herbst noch etwas größer und umarmt das weite Land mit stürmischer Gebärde. Bei meiner Abschiedslesung hätte ich am liebsten auch Himmel-Arme gehabt, um das gesamte Publikum zu umarmen, das einmal mehr gekommen war, um mir zu lauschen. Es war sogar zu beobachten, dass Menschen, die normalerweise abends laufen oder rad fahren, auch wunderbar zuhören können. Übrigens bin ich die schnellste Stadtschreiberin Otterndorfs, sagt der TSV. Das heißt, ich bin schnell wieder da, kaum, dass ich verabschiedet wurde. Das hat viele Gründe, einer ist die „Dicke Berta“ in Altenbruch. Viele Mal bin ich an ihr vorüber geradelt und als ich sie dann endlich auch von innen gesehen hatte, war sofort mein Geschichtenherz tief getroffen. Da liegen viele leuchtende Stunden gut verwahrt und warten auf ihre Entdeckung. So hat das Küstenleben immer etwas von Columbus-Dasein.

Besonders gerne entdecke ich staunende Gesichter
Besonders gerne entdecke ich übrigens erstaunte Gesichter. So war es mir ein großes Vergnügen, die Spaziergänger zu beobachten, die zum ersten Mal auf mein Naturkunstwerk stießen. Aber wie die Otterndorfer so sind - bald wandelte sich das Staunen in Tatendrang. So wächst das kleine Naturdenkmal beständig, genau wie meine Verbindung zur Küste. Ein Stipendium kann zu Ende gehen, eine Begegnung dagegen bleibt.
Liebe Leser, das war nun die letzte Stadtschreiber-Kolumne von mir. Wer mich weiterhin lesen will, muss meine Bücher kaufen. Vielleicht findet sich der eine oder andere ja eines Tages in einer meiner Erzählungen wieder. Denn wo auch immer die Geschichten beginnen „... am Ende von allem Sternenstoff, liegt klein und leuchtend: Otterndorf“ (aus: Erstes Staunen, VIGLi Mai 2005)

 

 

VIGLi, die Stadtschreiberin
- Ende -

 

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