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VIGLis Soltau-Blog

VIGLi schreibt in Soltau: Es gibt in Soltau eine Künstlerwohnung, die den Kreativen ermöglichen soll zwei bis vier Wochen in Ruhe an ihren Projekten zu arbeiten. Bereits 2012 war ich in die Heidestadt eingeladen und ließ mich von der Heidelandschaft inspirieren. 2019 hatte ich erneut das Glück und darf meinen Arbeitsplatz über der Bibliothek Waldmühle aufschlagen. Ich arbeite an meinem aktuellen Texten und manchmal schreibe ich auch über Soltau-Erlebnisse. Auch für die klimaneutrale Anreise und wie ich das Heidediplom erwarb [Bericht].

Himmel, Heide, Birkenweiß,

Kiefern, Kühe, Gras und Mais,

jeder Weg geht geradeaus,

reetgedeckt das Backsteinhaus.

 

fensterblickkl

Der Schritt ist weich auf Moos und Sand,

der Blick geht weit. Es ist ein Land,

das sich aus jeder Enge sträubt

und schnell dem Krach das Lärmen raubt.

 

Die Wolken sind den Schnucken gleich,

ein wollig-weiches Himmelreich

in dem das Blut der Heide blüht

und jeder frei wird, der hier geht.

VIGLi, 2019

VIGLiwaldmühle

22.9.2019 Liebe Leser, die Koffer sind gepackt, die geniale Künstlerwohnung ist bereit, den nächsten Künstler aufzunehmen. Ich sage DANKE für eine supercalifragilistisch wunderbare, inspirative und glückliche Zeit. Dazu haben nicht nur Wald und Heide beigetragen, sondern vor allem die freundlichen Soltauer, die mich vom Lauftreff bis zum Zeitungskiosk überall so offen und nett aufgenommen und mir ein Stück ihrer Lebenswelt gezeigt haben.VIGLi 

Ich bin in der Soltau-Zeit etwas mehr als 600 Kilometer Rad gefahren und 120 km gelaufen, die Spaziergehkilometer sind dabei nicht eingerechnet.

Nicht gezählt sind außerdem die wunderbaren Augenblicke zwischen Böhme und Breidings Garten, mit Schnucke und Sonnenschein.

Dem Freundeskreis Soltauer Künstlerwohnung einen ganz besonderen Dank, dass er Künstlern zu so einer glücklichen Aus- und Arbeitszeit verhilft. Ich hoffe, mit meinem virtuellen Soltauer Notizblock habe ich dem ein oder anderen nochmal einen neuen Blick auf seine schöne Heimat ermöglicht oder vielleicht gar zu einem Kamelritt und einem Spaziergang motiviert.

Ich reise ab, aber ein bisschen vor mir bleibt auch hier zwischen Salz und Heide. Wer meine Bücher weiter verfolgt, wird sicher immer wieder Spuren der Heidezeit in den Texten entdecken!

22.9.2019 Wie meine Erlebnisse der letzten Wochen zeigen, gibt es in Soltau sehr viel zu entdecken. Aber vor lauter Museen, Erlebniswerkstätten und Buchweizentorte sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass Soltau die schönsten Möglichkeiten zum Spazieren bietet, die ich kenne. 2019 09 22 09.25.00klDer lichte Wald, die plätschernde Böhme, das liegt hier alles direkt vor der Haustür. Vom Klinikum aus führt ein wunderbarer Sandpfad zum Wacholderpark in dem auch jetzt im ausklingenden September noch die Heide blüht. Es ist nur ein kleines Areal, das sich dort mit Wacholderbüschen und Heide aus dem Wald herauslöst, das tut dem Zauber aber keinen Abbruch. Jenseits des Walds, direkt im Anschluss an die Fußgängerzone lockt der Böhme-Park. Spielgeräte laden dort alt und jung zum Turnen und Bewegen ein, Skulpturen zum Betrachten und wer es gemütlicher mag, lässt sich im Cafe Chocolat verwöhnen. Die Wege durch den Park sind so verschlungen angelegt zwischen Teich und Bäumen, dass sich der Park ohne Probleme mehrmals durchschreiten lässt, ohne den Eindruck zu haben, das wäre immer noch derselbe Park. Überall gibt es neue Ansichten. 2019 09 22 10.05.40klDie dritte und zauberhafteste Möglichkeit, spazieren zu gehen, bietet Breidings Garten. Die 1850 vom Filzfabrikanten Röders angelegte Gartenanlage mit ihrer beeindruckenden Villa war lange Zeit Familienbesitz. Als das Unternehmen 2005 Insolvenz anmeldete, versank das Gelände in einen Dornröschenschlaf. Nicht lange, denn wir befinden uns in Soltau und bekanntlich krempeln hier die Bürger sofort die Ärmel hoch, wenn es etwas zu tun gibt. Dass der alte Baumbestand ein Schatz ist, war leicht zu erkennen und so gründete sich der Verein und schließlich eine Stiftung Breidings Garten.

2019 09 22 10.08.22klDie Villa wird restauriert, der Garten von liebevoller Hand gepflegt. teilweise steht er unter Naturschutz. Erlen, Linden, Apfelbäume und vieles mehr wächst auf dem Gelände. Aus den zahlreich geernteten Äpfeln wird Apfelsaft hergestellt, den jeder samstags auf dem Wochenmarkt erstehen kann. Er schmeckt köstlich.  Park und Villa sind ein richtiges Kleinod, die einen faszinierenden Charme verströmen. Meine Lesung in Breidings Garten war für mich deshalb auch ein besonderes High light des Aufenthalts in der Künstlerwohnung. Dort fühlte sich meine Biologenseele genauso wohl wie die romantische Schriftstellerseite. Dass so viele Zuhörer kamen, hat natürlich auch dazu beigetragen, dass ich diesen Ort als magisch erlebt habe. Wenn ich in meinem nächsten Leben als Schlossgespenst wiedergeboren werden sollte, dann ziehe ich dort in die Ruinen, schaue den ganzen Tag auf den Teich und erschrecke nur nachts ein bisschen die Enten.

22.9.2019 Wer keine Heidschnucken getroffen hat, war noch nicht wirklich in der Heide. Und wer sie schon getroffen hat, möchte das gerne wieder tun, denn den kuscheligen Rasenmähern kann kaum einer widerstehen. 2019 09 21 17.50.07klIn den Sommermonaten besteht allabendlich am Schäferhof in Neuenkirchen die Möglichkeit, die Schnucken in den Stall zu begleiten. Ab 17:30 Uhr nähert sich die Herde, umkreist von den Hütehunden und unter der Aufsicht des Schäfers dem Stall. Da sind sie so gerne, dass sie die letzten Meter im rasenden Galopp zurücklegen. Ein beeindruckendes Erlebnis. Aber vorher dürfen die Besucher der Herde entgegengehen, die dann gerne noch einmal pausiert. Es darf ausgiebig gestreichelt und fotografiert werden, der Schäfer beantwortet alle Fragen und nach Möglichkeit zahlt jeder Teilnehmer einen Schnucken-Euro damit diese ganze Idylle erhalten bleiben kann.

Angesichts des strahlenden Herbstwetters hatte ich heute schon mittags meine Wanderschuhe geschnürt und war durch Wald und Feld zunächst nach Neuenkirchen spaziert. Wie ich gelesen hatte, war die Draisine auf den 100 Jahre alten Schienen heute in Betrieb. 2019 09 21 16.09.00klIch stellte mir das ein wenig so vor, wie das Bochumer Eisenbahnmuseum. Das Besucheraufkommen war aber auch hier 17 Mal geringer, das heißt ich musste nicht Schlange stehen, sondern war im Moment der einzige Gast. Auch dafür war der Betreiber gerüstet, es gibt auch eine Ein-Personen-Schienenfahrzeug. Die Strecke ist einen guten Kilometer lang und die Schienen sind ungefähr so alt wie mein Opa, der ist allerdings schon lange tot. Es wurde mir aber versichert, dass es die Schienen sicher noch weitere zehn Jahre schaffen. Der Nachteil an Gefährt und Gleis ist, dass es eine Wendepunktstrecke ist und das Bahnrad aber nur wenden kann indem man es hoch hebt und umdreht. Deswegen ist der Gleisbetreuer netterweise mit mir mitgefahren, denn mir fehlt die Muskelkraft, um das massive Dreirad zu wenden. Tatsächlich fährt es sich erstaunlich gut auf den maroden Gleisen und mit ohrenbetäubendem Lärm.  Früher bestand auf diese Weise eine Verbindung von Soltau nach Neuenkirchen. Vom Gleis aus hat man einen ganz neuen Blick auf die Landschaft und ich konnte mich auf diese Weise auch gut in alte Zeiten versetzen.

Anschließend stärkte ich mich in Neuenkirchen im Cafe Wilkens, was ein echter Volltreffer war, nicht nur wegen des sonnigen Terrassenplatzes. Aber dann ging es schon auf 17 Uhr zu und ich machte mich schnell auf zum Schäferhof, um die Schnucken nicht zu verpassen. 2019 09 21 17.40.04klEs ist immer wieder phantastisch, wenn die schwarz-weißen Tiere plötzlich den ganzen Waldweg ausfüllen. Ich reihte mich in die Herde ein und genoss das gleichmäßige Geräusch der kauenden Tiere, ihre leise stampfenden Schritte auf dem sandigen Boden und die Hände in dem weichen, festen Fell.

Über 600 Tiere umfasst die Herde derzeit, ein paar Ziegen gehen auch immer mit und knabbern nicht nur am Gras, sondern auch an Rucksäcken und Hosenbeinen. Wer sich gestresst fühlt, dem kann ich nur empfehlen, einmal eine Woche lang allabendlich mit den Heidschnucken zum Stall zu wandern.

Dieses Mitschwimmen in dem weichen Fell, begleitet von diesem leisen Stampfrhythmus ist genauso entspannend wie Kamelreiten. Wem der Spaziergang noch nicht genügt, der kann die Schnucken ja auch noch zählen.

2019 09 21 19.06.11klIch wanderte dann mit der versinkenden Sonne wieder nach Soltau. Mindestens zehn Rehe begegneten mir im Dickicht, Eichelhäher und Specht machten sich laut bemerkbar, während alles andere immer leiser wurde. Ich hatte am Schluss ungefähr 22 km unter die Fußsohlen gebracht und habe den schnuckeligen Samstag sehr genossen.

20.9.2019 Bochum hat 17 Mal so viel Einwohner wie Soltau. Dabei ist Bochum eigentlich auch nicht groß. Aber Größe sagt nichts darüber aus, wie lebendig eine Stadt ist. Dass nahezu jeder Soltauer in mindestens einem Ehrenamt tätig ist, hatte ich ja schon erwähnt. Da wartet niemand bis irgendwo etwas verordnet wird, sondern die Leute krempeln selber die Ärmel hoch. Wenn sie Lust auf Kultur haben, dann holen sie die sich. Zum Beispiel jeden Monat einen Künstler in die Soltauer Künstlerwohnung. Oder die Kulturinitiative organisiert Konzerte. 2019 09 21 11.16.05kl

Apropos: Heute kam ich erst spät zu meinem Soltauer Quartier und erwartete dort nichts weiter als das Rauschen des Mühlenbachs und das Funkeln der Sterne. Aber stattdessen war Licht in der Bibliothek und Boogie Woogie und Blues drang an mein Ohr. Die Künstlerwohnung befindet sich ja direkt über der Bücherei und ich kann mir keinen schöneren Platz für einen Schriftsteller vorstellen. Es ist, als ob die Wände aus Buchstaben wären und man muss sich nur bedienen. Die Bibliothek Waldmühle ist aber auch ein ganz besonderes Exemplar. Die Räumlichkeiten sind licht und großzügig, der Leser kann, wenn er vom Buch aufsieht in das Grün des Böhme-Parks schauen. Außerdem gibt es ein Foyer, das wunderbar für Veranstaltungen geeignet ist. 2012 hatte ich dort meinen Theaterkurs mit viel Vergnügen durchgeführt. Und Vergnügen scheinen viele Menschen in dieser Bücherei zu haben, da ist ständig Leben. Mal sind die Kleinsten an der Reihe, mal arbeiten Jugendliche Im Schülerbereich oder Erwachsene füllen sich ihre Taschen mit Lesematerial. Zu den Öffnungszeiten parken immer Fahrräder am Haus und es herrschat ein geschäftiges Kommen und Gehen. Die Bücherauswahl ist gut, bietet Klassiker ebenso wie Modernes. Auch ich habe mich von Zsuza Bank über Herrmann Löns bis zu Herbert Steffny querbeet durch ein buntes Programm gelesen, während sich meine schreibenden Fingerspitzen ausruhten.

Aber zurück zum musikalischen Freitag abend. Ich wollte eigentlich in meine Wohnung und noch an einem Text arbeiten, aber der Boogie Woogie klang so mitreißend durch den Hausflur, dass ich anfing zu tanzen, statt zu schreiben.2019 09 20 22.18.56kl Nach einer Weile beschloss ich, das Konzert nicht nur im Hausflur anzuhören und als die Künstler gerade für ihre Zugabe noch einmal richtig loslegten, stand ich schließlich im Publikum. Abi Wallenstein und Henning Pertiet aus Hamburg ließen die Wände zittern und brachten das Publikum zum Mitwippen und Klatschen. Natürlich gönnte ich mir dann noch zwe CDs der Beiden und freute mich über die Autogramme mit Goldstift. Aufgekratzt und inspiriert arbeitete ich noch bis nachts um eins. So ist das also in Soltau. Sternenhimmel, gute Luft und allenthalben Kultur.

15.09.2019 Mir ist es immer wichtig zu wissen, wo ich bin. Autofahren scheint mir eher wie beamen: Plötzlich bin ich irgendwo und das Dazwischen fehlt. Radeln oder wandern sind da schon bessere Möglichkeiten, die Umgebung zu erfassen. Deswegen war ich von Minden aus mit dem Fahrrad nach Soltau gereist. Nun musste ich zwischendrin nochmal nach Bochum und dachte mir, den Weg nach Minden kenne ich schon, wie wäre es mit Bielefeld. 2019 09 15 09.44.59klDas liegt eigentlich fast nebenan von Soltau, jedenfalls wenn man die Landkarte im Internet ausreichend verkleinert.

Dazwischen gibt es noch einen blauen Punkt, das ist das Steinhuder Meer. Ein berühmtes Gewässer und immerhin der größte See Niedersachsens. Bielefeld hatte außerdem zwei entscheidende Vorteile. Erstens ist es von dort aus nur noch eine gute Stunde mit der Regionalbahn bis Bochum und zweitens konnte ich auf diese Weise feststellen, ob es Bielefeld überhaupt gibt. Seit 25 Jahren hängt dieser Stadt nämlich der Ruf nach, dass sie nicht existiert. Wer von dieser Verschwörungstheorie noch nichts gehört hat, war in der Regel auch noch nicht in Bielefeld. Das ist schon mysteriös. Deswegen also der Plan Bochum via Steinhuder Meer und Bielefeld zu erreichen und dabei genau zu dokumentieren, wann sich die Landschaft wie änderte.

2019 09 15 09.50.24klMich erwartete eine Radtour von 180 km Länge, deswegen stand ich schon beim Licht des Vollmonds auf und saß bei Sonnenaufgang im eisigkalten Wind bereits im Sattel. Stichwort Wind: Soltau wollte mich nicht fahren lassen oder ich wollte eigentlich gar nicht weg, jedenfalls klebte ich auf den ersten Kilometern eher an der Straße als dass ich vorwärts kam. Die Ursache war der Gegenwind, gepaart mit ein paar eigentlich unscheinbaren Höhenmetern. Das fühlte sich an, als würde vorne jemand gegen meine Brust drücken, während hinten jemand am Sattel zog. Der Vorteil einer Punkt-zu-Punkt-Radtour ist, dass man die ganze Zeit neue Landschaften entdeckt, der Nachteil ist: Wenn Gegenwind ist, ist Gegenwind. Ich habe so etwas noch nicht erlebt bisher. Die Windräder waren eifrig in Betrieb, der Mais raschelte und bog sich und sobald ich aufhörte zu strampeln, blieb das Fahrrad umgehend stehen. Es war also kein lockeres Pedalieren, sondern ich arbeitete mich Stück für Stück voran, riss mir quasi Scheibchenweise mein entspanntes Soltauer Künstlerleben vom Leib. Dabei konnte ich auch noch einmal die Soltauer Salzgewinnung nachvollziehen, denn, während der Schweiß auf meiner Haut postwendend verdunstete, bildete sich eine ordentliche Kruste auf meiner Haut, die sich bald wie Sandpapier anfühlte. Gleich sah ich die siedende Sole vor mir auf der sich das Salz kristallisierte. Der Mittellandkanal bei Hannover hätte fast noch mein Handy geschluckt, da ich mit meinen Satteltaschen in dem engen Überweg stecken blieb, das Rad kippte, die Navigation stürzte. Aber zum Glück nur auf die Brücke. Nochmal gut gegangen.2019 09 15 10.49.11kl

Nach 83 km hatte ich das Steinhuder Meer erreicht, beobachtete Segelboote und faule Sonntagsgäste, die Fischbrötchen kauten. Die Wind-umtobten einsamen Feld- und Waldwege schienen Geschichte zu sein. Die entspannte Sonntagsstimmung am schimmernden See, war beeindruckend. Jede Menge Menschen schoben sich auf die Ausflugsdampfer und entlang der Promenade. Das kam mir nach 83 km Gegenwind und Einsamkeit geradezu grotesk vor. Bis dorthin hatte ich jedem Menschen einen Gruß zugenickt, egal ob er wandernd, laufend oder radelnd unterwegs war, weil es nach 100 Bäumen einfach toll ist, wenn es überhaupt einen Zweibeiner gibt. Steinhude dagegen erinnerte eher an den Münchner Marienplatz.2019 09 15 12.45.19kl

Nur zu gerne wäre ich an diesem Punkt wieder zurückgefahren. Dann hätte ich Rückenwind gehabt und abends den Blick auf die Böhme. Aber die Mission Bielefeld rief und während ich am See ein Eis aß, dachte ich, vielleicht ist der Wind eingeschlafen.

Von wegen. Im Gegenteil, er hatte noch etwas zugelegt und 20 km/h zu fahren, war immer seltener möglich. Zwei Mal fand ich einen älteren E-Bike-Fahrer in dessen Windschatten ich etwas entspannte. Das gefiel den Herren offensichtlich, mich im Gepäck zu haben und mir gefiel es auch. Leider dauerte die gemeinsame Strecke nie länger als 5 km, dann war ich scheinbar wieder die einzige, die nach Westen wollte. Anhöhen, die ich ansonsten für ihre hübsche Aussicht gelobt hätte, wurden zur Sturm-erprobten Herausforderung. Aller, Weser, Leine flogen vorbei. Wie das bei solchen Langstrecken ist, wechselte mein mentaler Zustand zwischen „ich lege mich gleich auf die Straße und schreie“ oder „Hach, sind ja nur noch 50 km“. Immer wieder staunte ich über die wunderschönen backsteinroten Bauernhöfe, über die herrlichen Wälder (Hach, Windschutz!) und das lange Nichts der Felder. 2019 09 15 14.18.21klLetztlich ist es mir aber nicht gelungen festzustellen, wo eigentlich der letzte einsame Bauernhof war. Nur allmählich wurden die kleinen Orte mit Vorstadtcharakter häufiger und ab Porta Westfalica, also Ostwestfalen Lippe, ähnelte alles zunehmend dem Ruhrgebiet. Kleine Flüsse, an deren Ufer der Radweg führte, grüne Hügel und immer mehr Menschen. Als ich gerade Aussicht auf das Kaiser-Wilhelm-Denkmal hatte und wieder in der Phase war „Das ist Irrsinn, was ich da mache“, kam ein Schwein angeflogen. Wirklich.

Ein rosarotes Plüsch-Schwein kam durch die Luft gewirbelt direkt vor meine Füße. Weit und breit kein Besitzer zu sehen. Das war ein Glücksgruß war ich sicher, nahm das Tierchen in meine Satteltaschen auf und strampelte mit einem riesigen Grinsen im Gesicht weiter. 2019 09 15 17.05.18klRichtung Bielefeld ging es dann plötzlich bergab, dafür hatte es sich mit der schönen Landschaft erledigt. Die Route führte direkt durch das Gewerbegebiet zu dem überfüllten Bahnsteig. Mit Mühe und Not konnte ich mein Zweirad mit mir in einen Regionalzug quetschen, der mich in das warme und gar nicht windige Bochum zurückbrachte.

Auf der Tour habe ich also einiges gelernt. Erstens gibt es nicht nur Bielefeld, sondern auch fliegende Schweine, zweitens ist es völlig unsinnig von Soltau nach Bochum zu fahren, eindeutig besser ist es andersherum.

Oder man bleibt gleich in Soltau, wieso auch nicht. Ist doch schön da.

14.09.2019 Dass ich mich so mit Kamelen angefreundet habe, geht auf den 90.ten Geburtstag meiner Mutter zurück. Da hatte ich Pablo eingeladen, ein ganz bezauberndes Lama.

Das hat dem Geburtstagskind und den Gästen so gut gefallen, dass wir zum 91.ten ein Trampeltier zu Besuch hatten.

Diese Tiere gehörten zu dem wunderbaren Team der Bayernkamele in Miesbach bei München.

Während meine Mutter ihren Gratulanten am Telefon erzählte, sie würde gerade mit Vergnügen die Kamele beobachten, ritt ich mit ein paar Freunden eine Stunde vor ihrem Balkon auf und ab. Es ist also angemessen, nicht alles als Unsinn abzutun, was alte Damen am Telefon erzählen. 2019 09 14 10.49.44kl

Alle Beteiligten hatten jedenfalls viel Spaß und ich wäre von dem weichen, warmen Sitz am liebsten gar nicht wieder abgestiegen.

Deswegen war ich gleich Feuer und Flamme, als ich in einer Zeitschrift las, dass es in Hiddingen bei Visselhövede ebenfalls eine Herde gibt. Hövede klingt ja auch fast wie Höcker. Nun stand zwar kein Geburtstag an, aber als Soltauer Gastkünstlerin dachte ich mir, kann ich mir so einen Ausflug in die Nachbarschaft auch gönnen.

Nur nach Voranmeldung dürfen Interessierte den Hof der Familie Marquard betreten, der schon einem Tierpark nahe kommt. Nebst 80 Dromedaren und Trampeltieren leben dort auch Zebras, Ponys, Lamas, Ziegen, Esel, Hühner, Kaninchen, Kängurus, Hunde, Wellensittiche, Pfauen und noch ein paar Tiere, die ich nicht benennen kann. 2019 09 14 12.31.29klEs gibt also einiges zu schauen.

Nach der Hofbesichtigung bildete ich mit zwei anderen Interessierten eine kleine Karawane und ritt eine Stunde durch die schöne Landschaft. Das ist auf einem Kamel ganz anders als beim Wandern, auch wenn das Tempo sehr gemächlich ist. Dafür ist die Aussicht von dem Höckerrücken sehr erhaben. Die Maisfelder, die eben noch mannshoch neben mir aufragten konnte ich plötzlich von oben besichtigen. Das Fell ist weich und samtig und beim Gang durch das Gelände ist aktives Sitzen gefragt, der Rücken muss den Schaukelgang mitwippen. Sanft schaukelnd konnten wir die weite Landschaft und die Stille genießen. 2019 09 14 11.31.36kl

Kamelreiten ist unglaublich entspannend!

Anschließend radelte ich noch zum Ortskern von Visselhövede, wo es doch tatsächlich ein Café gibt, das wie mein Buch heißt: Nebenan. Ich habe für die Leseecke ein Exemplar zur Verfügung gestellt, als kleiner Gruß von nebenan. 2019 09 14 14.02.37klImmerhin hatte ich mit dieser Radtour den Heidekreis verlassen und bereits den Kreis Rotenburg Wümme erreicht. Ein Blick über den Soltauer Tellerrand. Am Abend hatte ich 50 km auf dem Fahrradtacho, viel Feld, Wald, Sonne und Heide gesehen und das Gefühl von weichem Kamelhaar in den Fingerspitzen gespeichert.

12.9.2019 Pantoffeln fallen mir ein, der bayerische Hut, wenn ich an Filz denke. Wie phantasielos das ist, wird mir klar nachdem ich das Felto besucht habe.2019 09 12 13.34.00kl Ein Museum und ein Erlebnis, wie das in Soltau so üblich ist. Da wird gespielt und getüftelt und nebenher auch gelernt, dafür sind die Bleiläuse mit ihrer Erlebniswerkstatt ebenso geeignet wie das Spielmuseum. Und eben das Felto, eine alte Fabrikhalle, die nun auf mehreren Etagen vermittelt, was Filz war, kann und ist. Und das so eindrücklich, dass ich am liebsten dort geblieben wäre in diesem verfilzt bunten Universum. 2019 09 12 13.37.39klSchon allein für die Aussicht über die Stadt lohnt sich der Besuch.

Vollkommen überraschend ist die derzeitige Filz-Bilder-Ausstellung von der Düsseldorfer Künstlerin ELMA. Was dort entstanden ist, wäre selbst als Gemälde schon eine Wucht, wie es aber gelingt aus den verfilzten Haaren derart feine Gesichtskonturen, zarte Vogelfedern und lebensnahe Körper zu schaffen, bleibt mir ein Rätsel. 2019 09 12 13.54.12kl

Auf einer anderen Etage des hohen Gebäudes wird über den Prozess des Filzens mit Druck und Wärme berichtet und die einzelnen Arbeitsschritte sind anschaulich dargestellt. In einer weiteren Abteilung sind wunderbare Steiff-Tiere zu bestaunen. Ein aus Filz geschneiderter kleiner Elefant war einst der Anfang dieser berühmten Tiere mit dem Knopf im Ohr.

Kinder haben im Felto eine eigene Etage zum Toben auf filzweichem Boden. Aber es gibt auch einen großen Bastelbereich, der in mir sofort den Spieltrieb geweckt hat. Bausteine aus Kork und Lego, das ist ein wunderbar weiches Material, das Lust zum Gestalten weckt. 2019 09 12 13.51.26kl

Meine kleine VIGLi-Blume konnte ich aus buntem Kork ganz leicht erblühen lassen. Immer wieder sind auch Workshops der Filzkunst im Angebit. Im Erdgeschoss der Filz-Paradieses befindet sich neben dem Filz- auch ein Dritte-Welt-Laden mit einem sehr ansprechenden Angebot. Und wer sich für eine Pause bei Kaffee und Kuchen niederlässt, kann sich durch zahlreiche Prospekte blättern, die über Veranstaltungen in und um Soltau informieren.

Als ich heute zum Felto ging, war der Himmel noch bedeckt, als ich herauskam, schien die Sonne. Aber ich habe den Eindruck, dass das nicht nur eine wettertechnische Angelegenheit war, der Besucher wird in diesem Haus irgendwie bunter und heller.

11.09.2019 Den Titel „Nebenan“ habe ich in Breidings Garten vorgestellt, NebenanKurzgeschichten, die im Keller, im Vorgarten, einfach im Haus nebenan spielen könnten. Oft genug wissen wir nicht viel von unseren Nachbarn und doch sind sie wichtig, an der Grenze zwischen nah und fern. Wer ist der Nachbar von Soltau? Neuenkirchen habe ich schon ein wenig kennengelernt mit seinem schönen Naturschwimmbad, dem Schäferhof und der Kunst in der Landschaft. Schneverdingen habe ich wegen des Heidegartens besucht, aber hörte von Soltauern, das sei eigentlich schon „die Fremde“ dort. 20 km Abstand können viel sein. Aber ich wollte gerne meinen Radius noch weiter spannen und bis zur Namensgeberin der Heide fahren, nach Lüneburg.

Das sind 52 km mit dem Fahrrad und heute hatte ich Rückenwind, so dass die Landschaft nur so an mir vorbei rauschte. 2019 09 11 12.04.30klLichte Wälder, Maisfelder, hier und da ein Gehöft und dann die ersten Backsteinhäuser, der Wasserturm, der Kirchturm. Als ich nach zweieinhalb Stunden auf dem Marktplatz ankomme, bauen die Marktleute gerade ihre Stände ab, geschäftiges Treiben vor dem prunkvollen Rathaus, dem majestätischen Landgericht. Beim Bäcker sagt ein Kunde: „Da sind aber große Gruppen in der Stadt unterwegs.“

Ja, die Touristen“, nickt die Bäckersfrau, das ist dann nächsten Monat vorbei.“ Und nach einer Pause fügt sie hinzu: „Lüneburg ist aber auch schön. Ich bin hier geboren, ich wollte nie woanders sein.“

2019 09 11 14.02.58klIch muss schmunzeln, weil ich einige kenne, die ähnlich über Bochum oder welche Heimat auch immer sprechen. Irgendwie sind die Menschen ein bisschen wie die Kröten, die über alle Hindernisse hinweg zu dem Gewässer zurückwandern in dem sie geboren wurden. Ich besichtige das bekannte, romantisch gelegene Literaturbüro, die schmucken Giebel und Fassaden, wandere weiter zum Kreideberg. Wo vormals Kalk abgebaut wude, ist heute ein Erholungsgebiet. Ich suche das Haus in dem ehemals meine Großeltern lebten. Da auf dem Balkon habe ich Laufen gelernt und als Kind die ersten Ausflüge in die Heide erlebt. Ich bin also auch so ein Krötentier, das nach seinen Ursprüngen sucht.

Über meiner kleinen Zeitreise habe ich ganz vergessen, dass ich noch eine weite Rückreise habe, der Himmel bewölkt sich. Es gäbe noch viel zu sehen in der Schwesterstadt von Soltau, die einst das Salzmonopol hatte und nun wie Soltau noch mit einem Solebad wirbt. Eine Konsequenz des Salzabbaus ist, dass die Stadt an verschiedenen Stellen abgesackt ist. So sehr, dass Häuser abgerissen werden mussten. Das ist ja ganz ähnlich wie im Ruhrgebiet mit den Folgen des Bergbaus. Auch in Soltau gibt es die „grundlose Kule“, da führt mich meine morgendliche Joggingrunde meist hin. Auch sie ist eine Folge des abgesackten Salzstocks.2019 09 11 13.29.52kl

Der Rückweg zeigt sich als sportliche Herausforderung, denn der Wind hat aufgefrischt und weht mir entgegen. Die Landschaft hat ihr sattes Grün in ein Graubraun verwandelt und als mir ein Wanderer entgegenkommt, grüßen wir uns erschrocken, weil eigentlich keine Menschen draußen unterwegs sind. Dafür lärmen die Eichelhäher, ein Bussard ruft, in einer Hecke ist Spatzenalarm.

In Soderstorf halte ich am Hünengrab, das ist mir auf dem sonnigen Hinweg gar nicht aufgefallen. Ein unglaubliches Monument, ein Blick 5000 Jahre zurück. Wieder so eine Zeitreise.

Die Schwindebecker Heide blüht noch, ein rostiges Rot, im abendlichen Sturm wie eine blutige Wunde im Wald.2019 09 11 18.19.26kl

Der Wind wird stärker, die ersten Regentropfen fallen. Plötzlich steht ein riesengroßes Kreuz neben dem Weg, so als hätte der dunkle Sturm es her gefegt. Ein Kriegerdenkmal. Ich halte an, betrachte die Gedenkplatten. Die Geburtsjahre entsprechen alle etwa denen meiner Eltern, aber das Todesdatum lautet immer 1944 oder 1945. Da waren diese Menschen Anfang 20. Ich muss schlucken. Gerade jetzt in diesem stürmisch regnerischen Augenblick ist diese grausame Geschichte so nah. Wieder eine Zeitreise.

Nachdenklich strampele ich die letzten 10 km im Regen und freue mich spitzbübisch als ich zuletzt schlauer bin als mein Navi und eine Abkürzung fahren kann. Als die Bibliothek auftaucht fühle ich mich zu Hause.

115 km sagt der Tacho und ich freue mich auf Nudeln und meine geliebten Blaubeeren als Nachspeise.

10.09.2019. Landschaft mag ich, Kunst ist immer interessant. Und nun: Kunst in der Landschaft. 2019 09 10 11.12.27klHeute bekam ich einsame Pfade voller Überraschungen gezeigt. Lichte Waldwege, Maisfelder, Heidekraut, ein Schäferhof – und dann mittendrin ein roter Teppich. Oder ein blaues Haus. Oder ein klingender Findling. Oder ein riesiger Spiegel, der den Himmel auf die Erde holt und so mit unserer Wahrnehmung spielt. 2019 09 10 12.06.16klGenau wie der riesige Holzstamm, der kerzengerade über der Erde zu schweben scheint. Erst bei genauerer Betrachtung werden die Drahtseile sichtbar. Etwa 40 Kunstwerke befinden sich im Raum Neuenkirchen in der Landschaft. Zwischen Bäumen ermuntert zum Beispiel ein silberner Schriftzug „immer der Nase nach“ zu gehen. Genauso entdeckten wir heute eine Station nach der anderen. Am Ortsein- bzw -ausgang hat der Hamburger Künstler Rupprecht Matthes die Schriftzüge „Ankommen“ und „bleiben" 2019 09 10 15.56.41klinstalliert. Das hat mich sehr berührt, weil diese Worte genau das ausdrücken, was ich mit meinem Stipendiumsaufenthalt in der Künstlerwohnung verbinde. Dieses Gefühl angekommen zu sein, im Schreiben, in der Natur und irgendwie uahc zu bleiben, selbst wenn ich wieder abreisen muss.

Marlene Crome vom Freundeskreis der Künstlerwohnung zeigte mir manchen Abzweig, den ich allein übersehen hätte und machte mich auch mit dem Zentrum des Projekts, dem Springhornhof nahe dem Schroers-Hof bekannt. Dort ist derzeit (29. Juni bis 29. September 2019) außerdem eine Freiluftausstellung zum Thema „Balanceakte“ zu sehen. Steine, Bäume, ein beweglicher Stangenwald und vieles mehr balanciert dort zwischen Kirche und dem Springhornhof mit seinem internationalen Dorfladen.2019 09 10 12.58.21kl

Interessanterweise arbeite ich selbst derzeit an einer Performance zum Thema „Gleichgewicht“. Vielleicht ist dieses Thema gerade jetzt in unserer Gesellschaft so präsent, weil manches aus der Balance zu geraten scheint.

Seiltanz

Schritt für Schritt,

vor, zurück,

ohne Netz

und Geländer.

Schwierig, denn in den Händen

muss man das Leben

balancieren!

VIGLi

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