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VIGLis Soltau-Blog

VIGLi schreibt in Soltau: Es gibt in Soltau eine Künstlerwohnung, die den Kreativen ermöglichen soll zwei bis vier Wochen in Ruhe an ihren Projekten zu arbeiten. Bereits 2012 war ich in die Heidestadt eingeladen und ließ mich von der Heidelandschaft inspirieren. 2019 hatte ich erneut das Glück und darf meinen Arbeitsplatz über der Bibliothek Waldmühle aufschlagen. Ich arbeite an meinem aktuellen Texten und manchmal schreibe ich auch über Soltau-Erlebnisse. Auch für die klimaneutrale Anreise und wie ich das Heidediplom erwarb [Bericht].

9.9.2019 Morgens kurz nach vier Uhr wache ich auf, bin noch innerlich rosa vom Sonntag in der Heide und denke: Ich muss da wieder hin! Der Rucksack liegt schon bereit, draußen ist es sternenklar. Um fünf Uhr sitze ich auf dem Rad, die Navigationsstimme schallt seltsam fremd durch die nächtliche Stille. Nach zwei Kilometern halte ich noch einmal an, ziehe die Weste über die Jacke. Es ist kalt. 2019 09 09 06.09.56klDie Route führt geradeaus, ein Radweg neben der Autostraße, mein kleines Fahrradlämpchen das einzige Licht, rechts und links Bäume, keine Laternen. Wenn ich stehen bleibe ist es ganz dunkel, nur die Scheinwerfer der Autos rasen immer wieder an mir vorbei. Es ist kalt, es ist dunkel, es geht geradeaus. Nach ungefähr 15 Kilometern soll ich links abbiegen, die Straße verlassen. Ein Hase springt über den Weg. Ich schiebe das Rad ein Stück, um wieder warme Füße zu bekommen und den Pfad zu prüfen. Kein Asphalt mehr, sondern Sand und Schotter.

Ich bin in der Heide.

2019 09 09 06.11.55klUm mich herum eine schwarze Weite, ein verschlucktes Rot, wie ausgetretenes Feuer. Hier und da glimmt etwas, das der Dunkelheit widerspricht. Scherenschnittartig lösen sich Konturen aus der Finsternis, Bäume, Sträucher. Das Heiderosa ist unter einem grauen Schleier verborgen. Dann ist alles blau mit einem Mal, ein Nebelstreifen liegt am Horizont wie ein weiches Schaffell. Ich kann allmählich die Wegweiser erkennen, das Navigationsgerät ist ausgeschaltet Das Surren meiner Fahrradreifen auf dem Sand ist zu hören, sonst ist es still.

Ich biege zum Pietzmoor ab, eine Ente fliegt erschrocken auf. Die Sonne schiebt das Schaffell zur Seite, blickt in den Spiegel des Moorwassers, zupft sich einen Hauch Rot auf die Stirn. 2019 09 09 06.42.15klEs ist sieben Uhr, windstill, feucht und kalt. Ich schiebe das Rad auf den glitschigen Holzbohlen, fotografiere, biege Richtung Heidegarten ab. Mehrere Gärtner sind damit beschäftigt, das vielseitige Caluna- und Erica--Beet zu pflegen. Ein Kunstwerk an der Grenze zwischen Heide und Stadt. Neugierig folge  ich dem Wegweiser zum „Höpen“, dem „Haufen“, der als Aussichtspunkt bekannt ist. Ich parke mein Rad an einer Bank, lege den Rucksack und den Helm ab und laufe eine Zwei-Kilometerm-Runde, um mich aufzuwärmen. 2019 09 09 07.52.35klIch renne in die Senke vor der Bank zwischen Wiese und Wald, dann nach links mit Blick auf die Heideblüte und schließlich an einem Baum vorbei zurück zu der Holzbank. Drei Mal renne ich die Runde, jedes Mal wird die Aussicht ein wenig mehr lila und rosa. Die Sonne hat sich einen Wolkenwaschlappen umgehängt, ihr kleines Badezimmerlicht leuchtet herüber, ich sehe einen ersten Spaziergänger.

Es ist Tag.

8.9.2019 Als begeisterte Gipfelsammlerin, wollte ich meinen Soltau-Aufenthalt natürlich auch für einen Ausflug zum Wilseder Berg nutzen. VIGLirennt inderHeideDieser Hügel ist ganze 169 Meter hoch und hat es trotzdem geschafft, als höchster Punkt der nordwestdeutschen Tiefebene, gefeiert zu werden. Es kommt eben immer auf die Relationen an und in einer flachen Weite, taugt so eine Erhebung als wunderbarer Aussichtspunkt. Der Hügel ist von einer eiszeitlichen Endmoräne übriggeblieben und möglicherweise ist so ein Gletscherblock – das Tot-Eis – auch der Namensgeber für den Totengrund, der ebenso berühmt ist wie der Wilseder Berg.

Das sind so die Dinge, die in den Reiseführern stehen.

In Wirklichkeit handelt es sich bei der Erhebung um ein Dinosaurierhaus und immer wenn der Bau im Sommer so richtig aufgeheizt wird, dann atmet Eddi, der Drache, lauter kleine Feuer aus, die mit rosarotem Licht, die ganze Ebene erleuchten. Solange die Flammen brennen, ist überall Leben, Menschen und Tiere wärmen sich und wandern über die sandigen Wege. 20190908 114515klAber wenn sich das Rosarot in rostiges Braun verwandelt, der Nebel zwischen den Wacholderbüschen hängt, dann kehrt eigentlich überall Ruhe ein. Nur im Totengrund treffen sich die Geister der Verstorbenen.

So ist das oder vielleicht noch anders, denn eins ist gewiss: Die Heide ist voller Überraschungen, die sich mit Fotos und Hochglanzbroschüren nicht einfangen lassen. Mein Freund hatte heute eine schöne 12-km-Rundtour von Niederhaverbeck über den Wilseder Berg mit Totengrund und Overhaverbeck herausgesucht, die wir im Laufschritt rannten. Was für ein Vergnügen über den hellen Sand und den weichen Waldboden zu springen!20190908 113445kl Immer wieder mussten wir aber stehenbleiben, um wenigstens ein paar Eindrücke mit der Kamera einzufangen. Groß gewachsene Eichen, Blaubeersträucher, Wacholder, Kiefern und dann dieses Rosa. Oder eigentlich Lila. Oder Violett. Darüber der blaue Himmel und zwischendrin plötzlich Heidschnucken.

2019 09 08 12.44.22klPlötzlich waren sie da, eine ganze Herde, Das leise Trappeln der Heidschnuckenfüße, das Raspeln ihrer ständig kauenden Münder, schien die Melodie des rosaroten Heidekrauts zu sein. Vom Wilseder Miniaturgipfel konnte man angeblich bis Hamburg sehen oder vielleicht einfach bis zur Erdkrümmung. Alles war rosalilaviolett und alle Menschen lächelten, weil es unmöglich ist, so viel Rosa zu sehen, ohne sich in die Welt zu verlieben. Ich schnuckelte durch die Septembersonne, bekam ganz gerötete Wangen, weil mir warm war oder weil die Heideluft vielleicht einfach rosa ist und alles einfärbt. Vielleicht bleibt im Totengrund doch auch von jedem Lebenden etwas zurück, ein rosarotes Flämmchen, das dann in der Nacht den Geistern leuchtet, die dort beschützt von den Wacholderwachtposten ein nächtliches Fest feiern.

Lieber Leser, sagen Sie nicht, ich hätte viel Phantasie, fahren sie hin, es ist überwältigend.

7.9.2019 Meine erste Begegnung in Soltau war eine Wespe, die mir mein Eis streitig machen wollte. EisDas war aber auch der einzig unangenehme Zeitgenosse. Als nächstes war ich mit anderen Gästen über die Wespen im Gespräch (hatte sie also doch was Gutes) und dachte, die Kontaktaufnahme ist ja hier genauso leicht wie im Ruhrgebiet. Den Norddeutschen wird doch gemeinhin wenig Kommunikationsfreude nachgesagt. Aber so norddeutsch ist das hier nicht, obwohl das „Moin“ weit verbreitet ist. So kam ich zum Beispiel beim Kauf einer Sporthose mit der Verkäuferin ins Gespräch und erfuhr nebenher zu der kompetenten Beratung, dass sie aus Herne sei. Damit hatten wir dann ein Thema, das reichte bis die nächste Kundschaft kam. Hinterher konnte ich mich nicht mehr erinnern, wie wir über Sporthosen auf Bochum und Herne gekommen sind, aber anscheinend ist das naheliegend.

Meine Betreuerin von den Freunden Soltauer Künstlerwohnung kannte ich schon vom letzten Besuch und wir mochten uns noch immer genau wie damals, so dass sich das Begegnen eigentlich wie nach Hause kommen anfühlte. VIGLiSabineZu diesem zu Hause gehörte auch, dass mir bei meinem ersten Lauf durch den Wald ein Reh vor die Füße sprang und da dachte ich schon, das wird nicht nur gut hier, das wird wunderbar.

Am zweiten Tag kaufte ich im Zeitschriftenladen die Böhme-Zeitung, weil die Böhme direkt vor meiner Wohnung fließt und das Blatt zusammenfasst, was in der Region wichtig ist. Ich hatte kaum den Laden betreten, da wurde ich mit „Guten Tag Frau Liebers“ begrüßt, was ich über 400 km von meinem Wohnort entfernt nicht erwartet hätte. Einerseits erinnerte sich der Herr noch an meinen letzten Besuch und zweitens hing ich in seiner Tür. Die Freunde der Künstlerwohnung hatten nämlich prächtige Arbeit geleistet und quasi ganz Soltau mit den Plakaten für die Lesung tapeziert. In der Zeitung stand ich auch schon bevor ich da war. So bekam ich den Eindruck, dass ganz Soltau aus Heinzelmännchen besteht, die heimlich alles erledigen, was nötig ist und noch ein bisschen mehr. Dieser Eindruck gilt nicht nur für Werbemaßnahmen für die Kunst, sondern sie umfasst auch die Salzherstellung, das Erlebnis Buchdruck oder den Dritte-Welt-Laden. Mir scheint jeder Einwohner von Soltau hat mindestens ein Ehrenamt und auf diese Weise hat die Stadt so viel zu bieten, dass es einem als Gast auf Zeit kaum gelingt, alles wahrzunehmen.uschi

Eine wichtige Adrese ist für mich selbstverständlich auch der Lauftreff. Den gab es schon bei meinem ersten Besuch 2012 (und natürlich schon vorher) und ich hatte dort meinen Gitarristen für die Abschlusslesung rekrutiert. Der Treffpunkt stand nach wie vor im Kalender und wie ich dann am ersten Donnerstag meiner Anwesenheit feststellen konnte, waren auch jede Menge Teilnehmer da. Uschi Heck führte noch immer streng und liebevoll das Regime, nur vorher Ball spielen mussten wir nicht mehr. Die größere Gruppe war mit Walkingstöcken unterwegs, aber auch ich bekam zwei Herren als Geleitschutz für eine hübsche 9 km Strecke.

boehmeDie Touren waren so aufeinander abgestimmt, dass Walker und Läufer etwa zeitgleich wieder am Treffpunkt ankamen. Das Ziel war Uschi mit ihrer wunderbaren Dose, darin waren Salzlakritz und Gummibärchen. Während wir lutschten, hielt sie noch eine Schlussansprache, so eine Gummibären-Uschi wäre definitiv ein Gewinn für jeden Lauftreff. Sie motivierte jeden zum Sportabzeichen und dem nächsten Lauf. Wer bei dem einen oder anderen Termin nicht erscheint, muss sich begründet bei ihr abmelden, was eigentlich nicht geht. Denn es gibt ja keine Gründe, um nicht zu laufen.

Eine andere herzenswarme Begegnung hatte ich am Vortag meiner Lesung, als ich zu Breidings Garten spazierte, um mir den Lesungsort anzusehen. Es hatte geregnet, nun schien die Sonne und ich dachte, ich betrete einen Märchenplatz. Riesige Rhododendren, prachtvolle Linden, Obstbäume und ein verwunschener Teich neben einer markanten Schlossruine. Mitten in dem Idyll dann die prachtvolle Villa auf deren Terrasse die Veranstaltung stattfinden sollte. Ich ging, nein, ich schritt über die breiten Stufen des Anwesens und war ganz sicher ein langes Prinzessinnenkleid zu tragen statt der Jeans.

Und wie ich dort ein paar Fotos schoss, tauchte der Haus- und Hofgeist in Rasenmäher-Montur auf, stutzte kurz und sagte: "Ah, Sie sind doch die von dem Plakat! Ich zeige Ihnen Mal alles" und dann wurde ich von einem Herzensmenschen, der jeden Fleck in diesem Paradies sichtlich liebte, in die heiligen Hallen eingeführt. Da standen wir dann und fachsimpelten über draußen schlafen, Rhododendron und vom Glück, in der Natur zu sein. Ich denke, irgendwo muss ein Baumwurzelzauberer sitzen, der mir solche Augenblicke schenkt – wahrscheinlich ist das auch eines der Soltauer Heinzelmännchen!

3.9.2019 Buchstaben, mein ganzes Leben besteht aus Buchstaben. Vokale und Konsonanten, die sich zusammenschließen, Worte bilden, die zu Sätzen werden. Schriftsteller erzählen Geschichten, aber oft habe ich den Eindruck, dass ich nur das Medium bin, Empfänger und Sender zugleich. Alle Menschen atmen Buchstaben aus und ich hebe sie auf und setze sie zusammen.2019 09 03 15.17.56kl

Und heute, in der Heidestadt Soltau, habe ich tatsächlich Schrift gesetzt. Buchstabe für Buchstabe aufgehoben und aneinandergefügt. Ohne Computer und Bleistift, dafür mit lauter Bleilausspezialisten. Die Bleilaus ist das Wappentier des Soltauer Buchdruck-Museums. Sie hat eine weitreichende Verwandtschaft bis hin zur Kopflaus und dem Nikolaus. Daran ist bereits zu erkennen, dass es sich bei dem Museum keinesfalls um eine bleiern langweilige Besichtigungsstätte handelt, sondern um eine richtige Erlebniswerkstatt.2019 09 03 15.51.45kl

Heute war ich mittendrin in dem Erlebnis Buchstabe. So wie immer und doch ganz anders. Zum ersten Mal in meinem Leben waren die Buchstaben weder wackelige Kugelschreiberlinien, noch flackernden Punkte auf dem Bildschirm, sondern fühlbare Gestalten. Aus einem Universum von Futura, Antiqua, Urdeutsch, Maximilian und Bernhard konnte ich wählen.

„Schreiben ist Lächeln mit den Fingerspitzen“, ist mein Motto und meint nicht, dass ich andauernd Witze und Humoriges tippe, sondern dass Schreiben etwas ist, dass unabhängig vom Ergebnis irgendwie glücklich macht. So wie Klavier spielen vielleicht. Und diesmal, als ich mit Pinzette und langem Suchen Letter für Letter aneinanderreihte, da lächelten meine Finger eindeutig. Ich habe in zwei Stunden sieben Worte geschrieben (mit Unterstützung), da wäre ich wohl mein restliches Leben beschäftigt, wenn ich einen 300 Seiten starken Roman schreiben wollte. Aber ich bin sicher, es wäre ein glückliches Leben. Versunken in die Schrift.2019 09 03 14.54.08kl

Johannes Gutenberg hat im 15. Jahrhundert die Buchdruckkunst erfunden. Bleisatz und Druckerpresse haben die Welt entscheidend verändert, das Vervielfältigen von Texten setzte einen Informationsfluss in Gang, der unterdessen durch den Computer erneut revolutioniert wurde. 2019 09 03 16.00.28klHeute werden die massenhaft bedruckten Blätter schon fast wieder von flimmernden Bildschirmen verdrängt. Aber in all diesem rasanten Wandel ist es wunderbar, dass es noch Orte gibt, die Schrift in Gutenbergscher Art erlebbar machen. In der provisorischen Kellerwerkstatt in Soltau, die bald in ein großes Museumsgebäude umziehen soll, wuselten heute mehr als zehn der etwa 75 Vereinsmitglieder zwischen den Setzkästen herum. Jeder arbeitete an einem eigenen Projekt, versuchte Buchstaben zu fügen, Schubladen zu beschriften oder Material zu sortieren. Am meisten beeindruckt hat mich, dass es keinesfalls nur um die Buchstaben und Worte geht, sondern auch um die exakten Zwischenräume. 2019 09 03 15.48.51klIn verschiedenen Größen liegen sie fein sortiert in den Setzkästen. Sie tragen keine Gravur, sondern der Schriftsetzer erfühlt ihre Höhe, Tiefe, Breite und setzt sie passgenau als Abstandhalter ein. Sie geben die notwendige Distanz, damit sich die As, Bs, Fs und Gs nicht zu nahe kommen, sie sind der Atemzug zwischen den Wörtern und Sprüchen.

Beim Bestreichen mit der Druckfarbe gehen sie leer aus und genau deshalb können wir die Schrift hinterher lesen.

Die Zeit verging wie im Flug, auch die zukünftigen Räume durfte ich noch besichtigen. Da gibt es noch viel zu tun. Deshalb freuen sich die Bleiläuse sehr, wenn weitere Mitglieder zu ihnen stoßen, die das Wirken des Vereins mit einem kleinen finanziellen Beitrag unterstützen. Aber auch, wer einfach nur vorbeischauen will (immer dienstags 14 bis 16 Uhr) ist gern gesehen. Vielleicht springt dann der Funke über, nicht nur, weil das eine nette Truppe ist.

Sondern auch, weil das Zusammenführen der bleiernen Lettern, das Suchen nach A, E, I und O, das Betrachten aller Texte in spiegelbildlicher Form, etwas Meditatives hat. Zugleich ist es harte Arbeit, die Kästen mit den Bleistücken müssen gehoben, die Worte zusammengeschnürt werden. Worte wiegen schwer heißt es. Jetzt weiß ich auch warum.

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