Spitzentischdecke und Torte, so stellen sich viele einen 60. Geburtstag vor. Das fand ich immer schon langweilig. Zum Glück lebe ich in so einer Blase, wo es üblich ist, sein Lebensalter zu laufen oder zumindest einen ähnlichen Blödsinn zu unternehmen. Diesmal lud Susanne ein, mit ihr ist es sowieso immer lustig. Ich sage nur: Telefonbuch im Rucksack. Wer will schon ins Fitnessstudio, wo es draußen so schön ist?
Die Party fand in Oberdollendorf statt, das an diesem Tag tatsächlich ein dolles Dorf war. Lauter nette Menschen hatten sich versammelt. Susis Freunde und Bekannte - Arbeit, Yoga, die Grünen, das Laufen, ihre vielen Bezugspunkte. Hühner und Bienen waren auch zugegen. Kuchen, Kekse, Obstsalat und alle waren glücklich.
Da der Dresscode für so eine Feier entspannt ist, streifte ich mein TortourdeRuhr-Shirt über und radelte die 110 Kilometer von Bochum aus zum Ort des Geschehens. Von der Ruhr zum Rhein, erst Hügel, dann flach, das Wetter perfekt. Ein anderer Gast nahm die doppelte Distanz unter die Pedale, um dabei zu sein.
Susi war sehr bemüht, die unterschiedlichen Personen miteinander bekannt zu machen. Aber wir waren auch so schnell im Gespräch. Die TortourdeRuhr genügte als Einstieg und dann wechselten wir von Bergläufen zu Triathlon und der Inneneinrichtung von Regionalzügen. Eigentlich hätte es eine Diashow aus Susannes Fundus geben sollen, aber die Technik streikte und stattdessen bewegten wir unser Kopfkino. „Weißt du noch…?“ und „Warst du da eigentlich auch?“ Ruhr, Biel, Brecherspitze. Wir durchstreiften die Landschaften in unseren Köpfen und Herzen. Nebenher entstanden neue Pläne. Ich lernte, dass die Mischung aus wandern und laufen waufen heißt und dass Mensch sich zwar beliebig lange im deutschen Wald ausruhen darf, aber nicht campen. In jedem Fall sollte man wissen, ob Wildschweine in der Nähe sind.
Nach dem leckeren Abendbuffet spazierte ein Grüppchen noch zum Rhein, es wurde getanzt und morgens lief einer zum Drachenfels und ich auf den Petersberg. Wir waren also eigentlich immer verschwitzt, wie das so ist im richtigen Leben.
Beim Frühstück der Übernachtungsgäste vertieften sich unsere Erzählungen und dann war schon wieder Abfahrt. Manche versuchten mit Zügen ihr Glück, andere hatten Autos, ich schwang mich erneut auf mein orangerotes Rad und pedalierte am Rhein entlang, durch das bunte Köln nach Solingen, Neviges und zurück zur Ruhr. Zum Abschluss rollte ich mit heimatlichem Gefühl die Trasse entlang und prompt entpuppte sich die rennende Blondine vor mir als einer meiner Laufkumpel. „Ich komme gerade aus Bonn“, rief ich ihm zu und fand das klang für so einen Sonntag Nachmittag richtig verwegen.
225 Kilometer Geburtstagsfeier, das ist doch besser als 60 Kerzen und bringt hoffentlich auch 3,7-mal so viel Glück.
VIGLi, 4/5. Juli 2026
