Vor 40 Jahren habe ich aufgrund eines Wespenstichs einen allergischen Schock erlitten. Das ist eine durchaus lebensbedrohliche Situation, die weder die Betroffenen noch ihr Umfeld so leicht vergessen. Glücklicherweise ergaben Testungen, dass mir kaum noch Gefahr drohe, sowas passiert mitunter im Alter. Die Allergie verschwindet. Faltige müssen Faltenwespen dann nicht mehr fürchten.
Letztes August-Wochenende, Triathlon an der schönen Nordseeküste. 1,5 km schwimmen, 40 km radeln, 10 km laufen. Ich erwartete eher Wind als Wespen, da schoss mir eine aus dem Hinterhalt ihren Stachel ins Handgelenk. Das war nun der Test, ob die Allergie tatsächlich vorbei war. Nun muss ich sagen, der Abend vor einem Triathlon in der dörflichen Weite, ist schon ein spezielles Testszenario. Einfach Mal abwarten, ob man ohnmächtig wird, na schön. Der Liebste chauffierte mich vorsichtshalber doch noch zu einer Apotheke im Nachbardorf. Der Apotheker meinte mit Blick auf mein Handgelenk, das aussah, als hätte ich es auf den Grill gelegt: „Das ist normal.“ Ich sollte nur ordentlich kühlen. Das hat wohl ungünstiger Weise der Wettergott gehört. Kühlung im August. Gut, dachte ich mir, als ich anderntags zähneklappernd mein Fahrrad in die Wechselzone schob, weitere Wespen wird es heute jedenfalls keine geben, die brauchten sonst einen Wintermantel. Neopren und Bademütze erwiesen sich bereits vor dem Schwimmen als angemessene Bekleidung.
Startschuss, auf in die Fluten. Eigentlich ein lieblicher Badesee, diesmal vom Wind aufgewühlt wie ein Whirlpool. Drei Runden, dann konnte ich wie immer leichterdings mein Fahrrad finden, weil alle anderen schon auf der Strecke waren. „An deiner Schwimmperformance musst du noch arbeiten, aber du kriegst die noch…“ rief mir ein Helfer zu.
Einsam und allein strampelte ich durch den Wind. Der kam meistens seitlich, außer am Deich, wo die Kühlung von vorne blies wie ein übergriffiger Friseur, Haarewaschen inclusive. Auf der zweiten Radrunde sammelte ich immerhin zwei Triathleten ein, wobei der eine auf Strümpfen lief und sein demoliertes Fahrrad schob. Weil ich alt und weise bin, denke ich mir dann nicht: „Mehr als Strumpfsockene einzuholen, schaffst du wohl nicht“, sondern „Sieh an, ich habe heute Glück“. Als ich erneut in die Wechselzone einbog, stand der Liebste sogar mit Kamera bereit, aber der Wettergott schickte just erneute eine Packung Kühlung, mir lief das Wasser in die Augen und überallhin, halb blind ertastete ich meinen Stellplatz, stellte fest, dass mein Handtuch nicht weggeflogen war, weil es klatschnass und schwer war, und startete zu meiner Lieblingsdiziplin. Endlich laufen!
„Wasser“, riefen die wackeren Helferinnen und hielten uns Becher entgegen, dabei mussten wir nur den Mund aufmachen. Wir hatten vier Runden über den Deich zu rennen und abgesehen davon, dass ich nicht mehr zählen konnte, war das die schönste Übung. Ein Schiff am Horizont, tatsächlich ein Stück blauer Himmel und vom Zielbereich dröhnte Musik herüber. Das Publikum zeigte sich vom Wetter genauso unbeeindruckt wie die Deichschafe, die blökend ihre Vorfahrt einforderten! Schafe, Schiffe, Triathleten!
In der dritten Runde lief der Liebste ein Stück neben mir, was ich erst bemerkte als er „Hallo, ich bin es“, rief. Tunnelblick durch die Regentropfen. Ein letztes Mal über den Deich, Tschüss zu den Helferinnen, ein Lächeln für die Applaudierenden. Ziel!
Blick auf die Uhr: Nanu? Ich hatte den gesamten Wettkampf als Freiwasserschwimmen aufgezeichnet. Mein Unbewusstes konnte sich wohl nicht vorstellen, dass wir zwischenzeitlich an Land waren.
Die nächste Regenwolke schüttete sich aus, die Fans duckten sich an das Toilettenhäuschen. „Was macht der Wespenstich?“, fragte ein Freund. „Gut gekühlt“, antwortete ich und machte mich auf den Weg zur heißen Dusche. Der Blick in die Ergebnisse zeigt: Ich war Älteste, aber mit meinen drei Stunden und sechs Minuten beiweitem nicht Letzte und schneller als im Vorjahr. Es wird eben alles im Leben besser und bestimmt scheint nächstes Jahr die Sonne beim legendären Otterndorf-Triathlon!
VIGLi, 30.8.2026
